Oskar Negt
Die Krise der Arbeitsgesellschaft:
Machtpolitischer Kampfplatz zweier "Ökonomien"
Es sind nicht mehr die produktiven und plausiblen Einzelvorschläge, um die es
bei der Lösung der Krise der Arbeitsgesellschaft geht; in einem jetzt gut ein
Jahrzehnt umfassenden Diskussionsprozeß ist ein kaum überbietbarer Vorrat an
Ideen, Projektvorschlägen und Lösungsperspektiven angelegt worden. Völlig Neues
ist schwerlich zu erwarten. Was fehlt, ist der Zusammenhang. Auf drei
Fragestellungen konzentriert sich dieser Aufsatz:
Erstens: In welche
"Ökonomie" fügen sich die einzelnen Projekte? Entwickelt werden die
Hauptgesichtspunkte zweier in Konkurrenz zu einander stehender Ökonomien: Die
eine ist definiert durch Rationalität (Vernunft) des Gemeinwesens, die andere
wesentlich an der betriebswirtschaftlichen Rationalität des Einzelunternehmens
orientiert.
Zweitens: Welches Menschenbild ist bestimmend für diese zwei
"Ökonomien?" Ist der autonome, eigensinnige, urteilsfähige, mit Zeitsouveränität
ausgestattete oder der allseitig flexible, anpassungsfähige und jederzeit
einsatzfähige Mensch gewollt?
Drittens: Bei der Lösung von Krisen dieses
geschichtlichen Ausmaßes geht es um Macht und Herrschaftspositionen; politischer
Kampf ist im Spiel. Die alten Klassenkampffronten, die an vielen Punkten noch
erkennbar sind, werden freilich immer stärker durch neuartige Koalitionen und
Bündnisse überlagert.
I.
Jede Epoche hat ihre vorherrschende
Definition vom Menschen, ein zum erstrebenswerten Ideal erhobenes Selbstbild von
Eigenschaften, an denen die Zeitgenossen sich untereinander als Gleichgesinnte
erkennen. Für die große Zeit der griechischen Stadtstaaten (Polis) ist die
aristotelische Bestimmung als "zoon politikon" (geselliges Lebewesen) gültig; in
seinen Wesenseigenschaften gehört der Mensch, Anteil nehmend und aktiv handelnd,
zum politischen Gemeinwesen.
Im Humanismus der Renaissance, gut
anderthalb Jahrtausende später, tritt ein ganz anderer Prototyp des Menschen auf
die geschichtliche Bühne. Ihn zeichnen menschliche Größe, sittliche Freiheit und
gesellschaftliche Geltung aus, er ist der universell gebildete Mensch, der kühne
Experimentator: "uomo universale".
Die klassische Periode, das 17. und
18. Jahrhundert, setzt die wesentlichen menschlichen Eigenschaften nach Innen;
Persönlichkeitsautonomie ist für diese Zeit Zentralthema, die Achtung der
Menschheit in meiner Person, so wie Kant es formuliert.
Es gehört
zu den Merkwürdigkeiten der industriellen Zivilisation, daß in dem Augenblick,
da die gesellschaftliche Reichtumsproduktion geschichtlich bisher kaum
vorstellbare Ausmaße angenommen hat, die Menschen also eine gewaltige
Verfügungsmasse über die Objektwelt gewonnen haben, ihr Selbstverständnis immer
stärker äußeren, gesellschaftlich produzierten Gesetzmäßigkeiten
folgt.
So sind wir, je deutlicher Wirtschaftswachstum und
Effizienzkriterien der Produktion und des Managements vom öffentlichen
Bewußtsein Besitz ergreifen, mit einem Selbstbild des Menschen
konfrontiert, in dem sich alles aufzulösen beginnt, was an eigensinnige
Befestigungen in seinem Lebenszusammenhang erinnert: kollektive Ruhezeiten
(Sonn- und Feiertage), heimatliche Verankerungen am Ort, der Stadt, der Region,
gewachsene Bindungen durch Beziehungsarbeit in Familien, Haushalten,
Nachbarschaften.
Geht man die in den vergangenen 15 Jahren gemachten
Vorschläge zur Lösung der Krise der Arbeitsgesellschaft und zur
Beseitigung chronischer Massenarbeitslosigkeit unter Gesichtspunkten der
gegenwärtigen Selbstdefinitionsversuche des Menschen durch, stößt man auf
wiederkehrende, längst zum Argumentationsritual geronnene Bestimmungen: Ziel in
dieser Frontstellung der Suchbewegungen ist selbst für jene, die privat eher
eine konservativ geprägte Auffassung vom Menschen und seinen familiären
Verwurzelungen vertreten, der universell bewegliche Mensch, völlig ins
Funktionale abgerutscht, von innerlichen Bindungen jeglicher Art so weit
gelöst, daß er jederzeit die erkannten Marktchancen wahrzunehmen bereit ist.
II.
Ist der Blick für eine Krisenlösung
ausschließlich auf die Willensentscheidungen, die Anspruchshaltungen und
Qualifikationsmerkmale der lebendigen Arbeitskraft der Arbeitnehmer
gerichtet, also jener abhängig tätigen Lohn- und Gehaltsempfänger, die vom
unsicheren Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, dann ist der Horizont von
Organisationsphantasie, von Symbolbegriffen und Fragestellungen von vornherein
auf jenes politische Aktionsfeld begrenzt, das die Misere mit eindeutigen
Schuldzuweisungen verknüpft: Es ist die mangelnde Fähigkeit, ja vielleicht sogar
der innere, rebellische Widerwille gegen Erwartungen, sich bereitwillig und
bedingungslos als arbeitende Trabanten um die Sonne des Kapitals und der
Marktgesetze zu bewegen.
In der Differenzierung der Zeitstrukturen
(unter dem seit Anfang der achtziger Jahre konstanten Stichwort
"Flexibilität") liegt die magische Lösungsformel dieser vorwiegend
betriebswirtschaftlichen Blickrichtung auf die Krise der Arbeitsgesellschaft.
Gegenstand der Klage sind der Modernitätsrückstand der Arbeitskraft,
einschließlich ihrer sozialstaatlichen Sicherheitsumklammerung, und vielfältige,
durch Gewöhnung an einen relativ hohen Lebensstandard zusätzlich verstärkte
Barrieren der Anpassungsfähigkeit und der Anpassungsbereitschaft.
In
diesem Argumentationszusammenhang geht es um einen spezifischen Diskurs,
an dem Politiker ebenso wie Wissenschaftler beteiligt sind. Die
erkenntnisleitenden Interessen, die dabei im Spiele sind, ergeben sich aus einer
machtpolitischen Vorentscheidung, die den Einzelvorschlägen, so
arbeitnehmerfreundlich sie auch erscheinen mögen, ihre sachliche Neutralität
nimmt. Denn alle Rationalitätskriterien, die diesen machtpolitischen Blick "von
oben" lenken, sind der Kapital- und Marktlogik entnommen; deren organisierendes
Bewegungszentrum ist die betriebswirtschaftliche Kalkulation.
Bleiben
demzufolge die Machtstrukturen dieser dominanten Ökonomie unangetastet,
verbunden mit dem trügerischen Schein, als würde eine die Gesamtgesellschaft
erfassende Ökonomie lediglich aus der Summe der "schlanker" gewordenen
Einzelbetriebe bestehen, dann zerbrechen selbst die vernünftigsten
Lösungsvorschläge an einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, deren eigentümliche,
die Lebenswelt der Menschen bestimmende Bewegungsgesetze ja die Widersprüche der
Arbeitsgesellschaft und vor allem chronische Massenarbeitslosigkeit in
entscheidenden Punkten mitverursacht haben und in ihrer von jeder
gesellschaftlichen Kontrolle abgezogenen Wirksamkeit die Misere tagtäglich
zementieren.
Ein gewiß gutwilliger, jedenfalls alles andere als zynisch
denkender Politiker wie Norbert Blüm bekundet Unverständnis gegenüber einer
Welt, die absolut vernünftige Vorschläge, die Vorteile für beide Seiten -
Kostenersparnisse für das Kapital, größere Zeitdisposition der Arbeitnehmer, im
Sinne der Einschränkung und der schließlichen Aufhebung der
Massenarbeitslosigkeit - praktisch nicht umzusetzen imstande ist. "Wir sind
fähig", klagt Blüm in einem Artikel der Frankfurter Rundschau, "Menschen zum
Mond zu transportieren, aber wir sind unfähig, eine intelligente
Arbeitszeitreform, die die Wünsche der Arbeitnehmer mit den wirtschaftlichen
Notwendigkeiten kombiniert, zu finden. Das ist keine Paragraphensache, das ist
eine Sache des Mutes, der Kreativität der Beteiligten.''[1] Blüm
merkt gar nicht, wie einseitig die Anforderungen sind, die er
hinsichtlich der Flexibilität an die Kontrahenten richtet, die sich in ihren
Interessen versöhnen sollen. An die Unternehmer appellierte er, das
verstärkt zu tun, was sie ohnehin, bei Strafe ihres wirtschaftlichen Ruins,
tun müssen: "Die Strukturprobleme müssen in erster Linie von den
Unternehmen selbst bewältigt werden: durch ihre technologische
Wettbewerbsfähigkeit, Innovationen mit neuen Produkten und Produktionsverfahren,
durch die Erschließung neuer Märkte, durch Kostenreduktion und
Effizienzsteigerungen."[2]
Flexibilität
im Blick auf die Unternehmer bedeutet also nichts anderes, als im Selbstbild
des erfolgreichen, dynamischen Unternehmers, wie ihn Joseph Schumpeter
verstanden hatte, bereits enthalten war. Betriebswirtschaftliches Haushalten,
"lean production", "lean management", Kostenreduktion durch massenhafte
Freisetzung lebendiger Arbeitskraft, schnelle Beweglichkeit im Wechsel der
Industriestandorte, auch zum Ausland hin, ohne sich durch lokale oder regionale
Bindungen verpflichtet zu fühlen - das alles sind doch konstituierende
Elemente jener Krise unserer Arbeitsgesellschaft, zu deren Bekämpfung
Flexibilität aufgeboten wird.
Ist hier das Selbstvertrauen der
Unternehmerwelt bekräftigt, so wird um so massiver die Lebenswelt der
Arbeitnehmer mit Forderungen konfrontiert, die mit entscheidenden Eingriffen in
Gewohnheiten, Selbstwerteinschätzungen, Lebensstandardniveaus und mit
kulturellen Umorientierungen verbunden sind. Die großen Vorteile der
Flexibilität, die in der Fragmentierung der Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse,
in Teilzeit-Gleitzeit-Arbeit oder in Spardepots von Sabbatzeiten liegen sollen,
haben, wenn sie sich am Ende nicht ausschließlich zu Lasten der lebendigen
Arbeitskraft auswirken, ohne einen einzigen zusätzlichen und zukunftssichernden
Arbeitsplatz zu schaffen, zur unabdingbaren Voraussetzung eine grundlegende
kulturelle und soziale Umorientierung der gesamten industriellen Zivilisation,
des Verhältnisses von Arbeit und Muße, der Beziehungen des Privatinteresses zur
Öffentlichkeit, der individuellen Bedürfnisse zum Gemeinwohl.
III.
Als Erste Ökonomie möchte ich jenen
praktischtheoretischen Zusammenhang bezeichnen, in dem die Realitätsmacht der
über die Produktion und die Arbeitsplätze Verfügenden den suggestiven Schein von
naturgesetzlichen Abläufen vermittelt, deren Mechanismus von keinem Menschen zu
beeinflussen ist. Die Hauptakteure dieser Ökonomie sind der Überzeugung,
selbst lediglich Vollstrecker objektiver "Gesetze" zu sein, ohne
Entscheidungsspielraum. Die Kapital- und Marktlogik, Zentrum dieser Ökonomie,
ist allen menschlichen Eingriffen entzogen; sie ist härtere Materie als Beton,
der irgendwann doch der Erosion zum Opfer fällt.
Die
Veränderungspotentiale liegen dieser Ideologie zufolge ausschließlich bei der
lebendigen Arbeitskraft, der Lebenswelt der abhängig Tätigen, also der Masse der
Arbeitnehmer. Sie sind auf allen Ebenen entscheidende Manövriermasse im
Interesse der Funktionserhaltung eines Systems der gesellschaftlichen
Produktion von Gütern und Dienstleistungen, dessen Legitimationsgrundlage
durchgängig von Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Gemeinwohlorientierung
abgespalten ist.
Repräsentiert Blüm eine Position innerhalb der
konservativ-liberalen Frontstellung, in der das moralische Problem
"Massenarbeitslosigkeit" Anerkennung findet, aber keinerlei Folgen für die "nach
oben" gerichteten Veränderungsanforderungen an die über die Arbeitsplätze
Verfügenden hat, so drücken die strikten Theoretiker der mächtigen
Kapitalfraktionen in der konsequenten Nachfolge von Milton Friedman und dessen
These von der "natürlichen Rate der Arbeitslosigkeit" mit großer Offenheit ihre
Einstellung zum Arbeitslosenproblem aus, das für sie alles andere als ein
bedrohlicher Index menschlicher und ökonomischer Verschwendung
ist.
Meinhard Miegel, einer der konsequentesten Exponenten dieser
Ersten Ökonomie, ist über Massenarbeitslosigkeit nicht besonders
beunruhigt. In einer Großanzeige der Deutschen Bank, veröffentlicht u. a. in
allen überregionalen Zeitungen, erörtert Miegel, warum unsere heutige
Arbeitsgesellschaft in ihren innovativen Potentialen von einem unaufhebbaren
Sockel an Arbeitslosigkeit geradezu zehrt. "Der ungleiche Zugang", sagt er, "zum
Wissens- und Erkenntnisbau einer Gesellschaft (worunter Miegel den
,Ideenhaushalt einer Gesellschaft' versteht, O.N.) sowie die Ungleichverteilung
von individueller Phantasie und Kreativität dürften die wichtigsten Ursachen für
die fast ständige unfreiwillige Arbeitslosigkeit eines Teils der Erwerbswilligen
sein. . . Bezogen auf den Arbeitsmarkt heißt das, daß ein gewisses Maß an
Arbeitslosigkeit für die Betroffenen zwar hart, für die Bevölkerung insgesamt
jedoch eher förderlich ist. Steigt die Arbeitslosigkeit aber über eine kritische
Obergrenze, ist sie nur noch Indikator für ein lähmendes Auseinanderdriften von
Erwartung und Leistungsfähigkeit. Ob in den hochindustrialisierten Ländern diese
Obergrenze bereits überschritten ist, ist ungewiß. Die Arbeitslosenstatistiken
sprechen dafür, die soziale Ruhe und Gelassenheit der Bevölkerung einschließlich
der Arbeitslosen eher dagegen. . . Eine Bevölkerung sollte das Ziel der
Vollbeschäftigung aktiv verfolgen und sich ihm nach Kräften annähern. Sie sollte
aber nicht versuchen, es ganz zu erreichen. Denn der Preis hierfür wäre zu hoch:
Stagnation..."[3]
Auf
den Zynismus einer solchen Gesellschaftsbetrachtung will ich nicht eingehen;
auch bleibt die Frage offen, wer die Erträglichkeit der Obergrenze von
Massenarbeitslosigkeit festlegt und wer zu definieren befugt ist, worin
gesellschaftliche Stagnation besteht. Zentral für meinen
Argumentationszusammenhang ist, welche Kategorien, erkenntnisleitenden
Interessen und Blickrichtungen in einer solchen Ökonomie bereits im
Grundansatz ausgegrenzt oder bis zur Bedeutungslosigkeit marginalisiert werden.
Im Kern ist diese Ökonomie eine der toten Arbeit, der Maschinensysteme,
der Regelungskreise der Kapital- und Marktlogik, aus deren strikt
betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen alles ausgeklammert wird, was für die
individuelle Lebenswelt und die gedeihliche Gesamtstruktur einer Gesellschaft
von Bedeutung ist: das Wohl und Wehe des Gemeinwesens politische Kultur, ohne
die ein innergesellschaftlicher Friedenszustand nicht existieren kann, Moral und
Verantwortung, ausgleichende Gerechtigkeit, die seit Aristoteles als
wesentliches Moment des gesellschaftlichen Zusammenhalts gilt. Alle diese
und andere, die Würde der Menschen betreffenden Kategorien fallen durch die
Raster einer Ökonomie, die den betriebswirtschaftlich rational regulierten
Einzelbetrieb zur Sozialutopie der gesellschaftlichen Gesamtordnung erhebt - in
jüngster Zeit ein einziges Mal versucht, aber nach kurzer Zeit gescheitert: das
Berlusconi-Syndrom.
Die entscheidende Barriere für die Übertragung der
betriebswirtschaftlichen Mentalität auf die Gesamtgesellschaft besteht darin,
daß im schlanker gewordenen Einzelbetrieb die sozialen Kosten auf andere, in der
Regel auf das Gemeinwesen abgewälzt werden können, was in der Gesamtgesellschaft
ausgeschlossen ist. Die rationalisierten Einzelbetriebe plündern das
Gemeinwesen, ihre eingesparten Kosten übernehmen, weil der demokratische und
soziale Rechtsstaat Verfassungsprinzip ist, andere; es ist ein ausgeklügeltes,
auf organisierter Verantwortungslosigkeit beruhendes System der
Kostenverschiebungen, bei dem die öffentliche Armut in gleichem Maße wächst, wie
sich der privatkapitalistisch angesammelte Reichtum wie ein Alp auf die
Lebensverhältnisse der Menschen legt.
Diese fatale Ökonomie, von der ich
spreche, hat sich von allen Gemeinwohlvorstellungen verabschiedet, welche die
große bürgerliche Tradition des ökonomischen Denkens von Adam Smith,
David Ricardo über John Stuart Mill bis John Mainard Keynes, Walter Eucken - und
Ludwig Ehrhard - auszeichnet, der als Ordo-Liberaler durchaus Vorstellungen
hatte von einer Marktwirtschaft, die ihre eigenen "countervailing powers" zu
institutionalisieren hatte. Im Übergang zu Fragestellungen der Zweiten
Ökonomie, wodurch keine Rangordnung in der Wertehierarchie, sondern des
gegenwärtigen Machtgefüges bezeichnet ist, möchte ich diese Traditionslinien
kurz ins Gedächtnis rufen.
IV.
Seit in den Anfängen der bürgerlichen Epoche die
National-Ökonomie entstanden ist und Überlegungen eine Rolle spielen, wie
sich der Wohlstand eines Volkes vergrößern lasse, ist auch ein starkes
Erkenntnismotiv gesetzt, den Bewegungsrhythmen in den wechselnden Beziehungen
zwischen privater Reichtumsbildung und dem öffentlichen Wohl nachzuspüren.
Gemeinwohl, Volkswohlstand, National-Reichtum (Wealth of Nations, die
große programmatische Schrift von Adam Smith, am Anfang der wissenschaftlichen
Gesellschaftsanalyse), wie sonst auch immer die Sprache der Ökonomie sich
verändern mag, drücken stets mehr und anderes aus, als die bloße Summe
der Einzelinteressen und der Privatreichtümer. In dieser Geschichte der
"Wandlungen in den Auffassungen vom Volkswohlstand", die Fritz Neumark, der zu
Recht als Doyen der modernen Finanzwissenschaft bezeichnete Ökonom, in einem
kleinen Büchlein[4] zu
beschreiben versucht, ist ein Element der "Ökonomie des ganzen Hauses",
wie Aristoteles und insgesamt die vorbürgerliche Ökonomie das verstanden
hatte, mit aufbewahrt.
Einer Position wie der, die Mandeville in seiner
Bienen-Fabel[5] vertrat:
private vices, public benefits, in freier Übersetzung: die Realisierung
und Durchsetzung der Eigeninteressen, und seien sie auch Untugenden, führt in
der Summe der Konkurrenz dieser Interessen zur Vergrößerung des öffentlichen
Wohls, stehen in der gesamten Geschichte der Ökonomie skeptische
Überlegungen gegenüber, die Rousseau wohl am deutlichsten formuliert hat:
"Comment est-il possible de s'enrichir sans contribuer à appauvrir autrui?" (Wie
ist es möglich, sich zu bereichern, ohne dazu beizutragen, den anderen ärmer zu
machen?) Diese wenig bekannte Schrift von Rousseau trägt den Titel: "Discours
sur les richesses", die möglicherweise 1750 entstand.
Diese Frage bezog
sich bei Rousseau durchaus gleichzeitig auf das Gesamtwohl eines Volkes
und auf den einzelnen. Nur selten in der Geschichte des
national-ökonomischen Denkens wurde das Wirtschaftswachstum und der Reichtum
jener Klassen, welche über Produktion und Produktionsmittel verfügen, mit dem
Gemeinwohl und dem Volkswohlstand gleichgesetzt. Daß eine solche
Gleichsetzung heute so bruchlos geschehen kann, wie sie sich in den Äußerungen
führender Wirtschaftspolitiker und der Sachverständigengremien zeigt, beruht
darauf, daß die gesellschaftspolitische Auszehrung zum Standard
europäischer Wirtschaftsbetrachtung geworden ist; dringend bedarf es einer
Gesamtbetrachtung über gesellschaftlichen Nutzen und gesellschaftliche
Kosten, die man als eine "Ökonomie für das ganze Haus" bezeichnen
kann.
Was Jürgen Seifert in der Kritik des Gutachtens des
Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
anläßlich dessen 25jährigen Jubiläums über die Ausgrenzungs- und
Unterschlagungsmentalität dieser Gutachter gesagt hat, ist heute aktueller denn
je: "Die Bundesrepublik kann sich die Dominanz eines begrenzt-ökonomischen
Ansatzes nicht mehr leisten. Sie braucht eine Ökonomie auch für das soziale
Ganze und auch für den Haushalt der Natur. Es geht um eine Ökonomie, die nicht
das Ökonomische verabsolutiert, sondern im ursprünglichen Sinn des Wortes
,oikos' (Haus) für das ,ganze Haus' sorgt, also für die Arbeitslosen ebenso wie
für die Umwelt, für die Alten ebenso wie für die Jugend, für die Gesundheit
ebenso wie für die Verteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern.... Es geht
um eine Ökonomie, die das soziale Ganze im Blick hat."[6] Und
Seifert stellt einen Katalog der von diesem Gremium, und ja keineswegs nur von
ihm, unterschlagenen Wirklichkeit auf, wenn er im einzelnen fragt: Warum fehlt
die Bilanz der sozialen Asymmetrie? Warum fehlt die Ökologie? Warum fehlt die
Analyse der Veränderungen in der Arbeitswelt? Warum fehlt der epochale Wandel im
Geschlechterverhältnis? Warum fehlt die soziale Wirklichkeit der Jugendlichen
und der Alten? Warum fehlt die reale Situation der Kranken und der
Aus-der-Bahn-Geworfenen? Warum fehlt das Problem der sozialen
Verödung?
Viele andere Posten dieser unterschlagenen Wirklichkeit
wären diesem Katalog des fragmentierten Denkens und der begrenzten
Interessenwahrnehmung der Verhältnisse hinzuzufügen. Heide Simonis,
Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein, stellt in diesem Zusammenhang
die berechtigte Frage: "Man bemüht sich um Technikfolgenabschätzung. Aber warum
unternimmt niemand eine Beschäftigungsfolgenabschätzung?"[7]
Immer
war mit der Idee des Volkswohlstandes mehr gemeint als die Summe konsumierbarer
Güter oder die technischen Anlagen. Es ist bemerkenswert, daß die große
politische Ökonomie des Bürgertums von Adam Smith bis David Ricardo ein Gefühl
dafür entwickelt hatte, daß auf einem Reichtum, dessen Quelle die Verarmung des
anderen ist, gleichsam kein Segen liege; dieser protestantische Geist des
Kapitalismus hält sich durch. Vor Adam Smith, der die Harmonie der verschiedenen
Nationalwirtschaften als erster theoretisch begründete und als Ziel praktischer
Politik die Ökonomie des Haushalts entwarf, war der merkantilistische
Erwerbsgeist ohne jeden Skrupel, den Reichtum des eigenen Landes bewußt auf
Kosten des Nachbarlandes, ja zu dessen Schaden, zu erweitern, um dessen
politischen Handlungsspielraum einzuschränken.
V.
Die Erste Ökonomie, wie ich sie zu
charakterisieren versucht habe, ist Ausdruck einer Macht- und
Herrschaftsposition. Der linksradikaler Neigungen kaum zu verdächtigende Ralf
Dahrendorf hat das in einem Grundsatzreferat auf dem Bamberger Soziologentag von
1982 unmißverständlich ausgesprochen. Die Verfügung über lebendige Arbeitskraft
ist auch ein Herrschaftsinstrument. Wenn Arbeit ausgeht, "verlieren die Herren
der Arbeitsgesellschaft das Fundament ihrer Macht". Dahrendorf hat freilich
vergessen, dem hinzuzufügen, daß auch die Verfügung über Arbeitslosigkeit
ein wichtiges Herrschaftsmittel sein, jedenfalls in vielfacher Hinsicht nutzbar
gemacht werden kann, um erworbene und erkämpfte Sozialrechte der Arbeitnehmer,
das Lebensniveau und die kulturellen Schutzschichten, die Menschen um sich
gebildet haben, durch Aufrechterhaltung eines existentiellen Angstklimas auf
jene Punkte zu reduzieren, die von den Arbeitnehmern wenig mehr übriglassen als
den Dauerzustand von Betriebsfertigkeit und Einsatzbereitschaft.
Die
Zweite Ökonomie greift den abgerissenen Faden des klassischen
ökonomischen Denkens wieder auf und rückt den Lebenszusammenhang der Menschen,
ihre konkrete Lebenswelt, ins Zentrum der Betrachtungen, um aus dieser
Blickrichtung heraus zu urteilen und zu entscheiden, welche Auswege aus der
Krise der Arbeitsgesellschaft langfristig sinnvoll sind und wo lediglich
technische Manipulationen an Symptomen erfolgen, die Probleme von einem Ressort
auf das andere, von einem Aktionsfeld auf das andere verschieben. Da es sich
jedoch um eine kulturelle Krise handelt, ist der Blick auf das gesellschaftliche
Ganze unabdingbare Voraussetzung für eine Änderung des öffentlichen
Bewußtseins.
Welche Berechtigung es auch haben mag, die
arbeitsgesellschaftlichen Utopien als ausgeschöpft zu betrachten und das
endgültige Ende der Arbeitsgesellschaft zu verkünden: die wirklichen
Lebensverhältnisse der Menschen, ihre Hoffnungen und Ängste sprechen eine ganz
andere Sprache. Es lassen sich kaum Hinweise darauf finden, daß Erwerbsarbeit,
also jene vorherrschende Form bezahlter Arbeitsleistung, über deren
gesellschaftliche Anerkennung individuelle Identität und Selbstwertgefühle sich
bilden, im vergangenen Jahrzehnt entscheidende Abwertungen erfahren hat.
Anläßlich der Niedersachsenwahl am 13. März des vergangenen Jahres ergab eine
Umfrage, daß die Themen Arbeit - Arbeitslosigkeit den bei weitem höchsten Rang
in der Skala der als lebenswichtig eingeschätzten Handlungsfelder der Politik
einnehmen.
Von der großen Masse der Menschen wird Arbeitslosigkeit
nach wie vor als ein Gewaltakt empfunden, als ein Anschlag auf die
körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon
Betroffenen. Sie gilt als Raub und Enteignung der Fähigkeiten und Eigenschaften,
die innerhalb der Familie, der Schule, der Lehre in der Regel in einem mühsamen
und aufwendigen Bildungsprozeß erworben wurden und die jetzt, von ihren
gesellschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten abgeschnitten, in Gefahr sind, zu
verrotten und dadurch schwere Persönlichkeitszerstörungen
hervorzurufen.
Das ist der Grundskandal unserer Gesellschaft. Sie
droht an ihrem Reichtum und ihren Überschußprodukten zu ersticken und ist
gleichwohl außerstande, Millionen von Menschen das zivilisatorische Minimum
für eine menschliche Existenzweise zu sichern: nämlich einen Arbeitsplatz,
einen konkreten Ort, an dem sie ihre gesellschaftlich gebildeten Arbeitsvermögen
anwenden können, um von bezahlter Leistung zu leben. Ich rücke bewußt dieses
moralische und kulturelle Problem der Arbeitslosigkeit in den
Vordergrund, die Frage der immer noch wesentlich durch Arbeit
vermittelten menschlichen Würde. Denn ist dieser Orientierungspunkt
verloren, sind der pragmatischen Phantasie bloß technischer Lösungen keine
Grenzen mehr gesetzt. Will man sich nicht darauf einlassen, mit der kompletten
Umsetzung von Flexibilisierung und Fragmentierung des Arbeitslebens am Ende
einen allseitig verfügbaren und jederzeit manipulierbaren Menschen zu erzeugen,
dann müssen eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein:
Die auf die
Gesamtgesellschaft ausgeübten Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die von der
Produktion ausgehen, bedürfen einer grundlegenden Reform. Strukturprobleme
dieser herkömmlichen, von Betriebswirtschaft und Kapitallogik geprägten
Erwerbsgesellschaft werden nur lösbar sein, wenn der Verfassungsgrundsatz in
Artikel 14, Absatz 2: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem
Wohle der Allgemeinheit dienen" wieder Eingang in das unternehmerische Denken
findet und sich als eine Art Verantwortungsethik in den Köpfen der
ökonomisch Mächtigen zur kulturellen Selbstverständlichkeit befestigt. Solange
Wirtschaftsstandort und Lebensstandort verwechselt werden, ist der
Erpressungsmacht mit Konkurrenzhinweisen Tür und Tor geöffnet. Die Vorherrschaft
einer solchen regulativen Denkweise beschädigt und zerrüttet am Ende das
Gemeinwesen.
Aber es wäre eine Verkennung des Ernstes der Situation,
wollte man Krisenlösungen in erster Linie einem neuen Kodex ethischer
Verpflichtungen aufbürden. Ohne Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums
und der Reichtumsproduktion, ohne Infragestellung des Produktionsmythos und des
Warenfetischismus kann eine Umverteilung von Arbeitsplätzen nicht gelingen. In
diesem eingemauerten Kontext des Bestehenden könnte das Resultat nichts anderes
sein, als es sich im betrügerischen Wettlauf zwischen Hase und Igel zeigt:
ein Arbeitsplatz wird neu geschaffen, drei werden vernichtet. Die
mikroelektronische Vernichtungsmaschinerie lebendiger Arbeitskraft ist
immer schon am Ziel angekommen.
Lothar Späth und Herbert A. Henzler (ein
McKinsey-Unternehmensberater) erwähnen bedrückende Prognosen[8]: Würde
man den höchsten Stand der heute verfügbaren Technik überall dort realisieren,
wo dies möglich ist, fielen von den noch bestehenden 33 Millionen Arbeitsplätzen
9 Millionen weg: Die Arbeitslosigkeit würde auf weit über 30 Prozent ansteigen.
Selbst wenn diese Zahlen übertrieben sein sollten, so ist die damit bezeichnete
Tendenz doch nicht zu bezweifeln.
VI.
Nicht nur die Krisenfolgen sind neuartig, auch
die Struktur der Krise hat sich verändert; die Arbeitslosigkeit als
gesellschaftliches Massenphänomen ist von den herkömmlichen Wellenbewegungen von
Konjunktur und Rezession abgekoppelt. Es ist aus diesem Grunde immer
unwahrscheinlicher, daß das Problem der chronischen Arbeitslosigkeit im
begrenzten Horizont betriebswirtschaftlicher Kostenüberlegungen zu lösen
ist.
Eine ganz andere Ökonomie wäre erforderlich, um die allmählich ins
Unermeßliche wachsenden menschlichen, sozialen und politischen Kosten von
Massenarbeitslosigkeit einzudämmen und am Ende überflüssig zu machen. Es ist ein
Problem, das das Wohl und Wehe der Gesamtgesellschaft betrifft; deshalb greifen
hierarchisch-ökonomische Regelungen zu kurz. Wenn eine Ökonomie im Spiel ist,
dann kann es nur eine des "ganzen Hauses" sein. Die darin zur Sprache
gebrachte öffentliche Vernunft hätte die gesamtgesellschaftlichen Kosten
zum Ausgangspunkt, Gesellschaftsreform zum Ziel.
Die
Arbeitsgesellschaft in der von den Produktions- und Verwertungsregeln des
Kapitals geprägten Form aufrechtzuerhalten und fortzuschreiben wird immer
kostspieliger, am Ende unbezahlbar. Verschleiert wird das dadurch, daß jedes
Ressort, jeder gesellschaftliche Bereich die eigenen Kosten auf andere
abzuwälzen versucht und die Selbsterhaltung durch Kredite und Anleihen
finanziert. Woher soll denn bei leeren Haushaltskassen und diesem
Überschuldungssystem das Geld für Reformen genommen werden? Dem ist die
geschichtliche Erfahrung entgegenzuhalten: Nichts ist teurer, als überholte
Verhältnisse am Leben zu halten, nichts kostspieliger als die
Nicht-Reform.
Aber die Alternative zum System bürgerlicher
Erwerbsarbeit, das sich in einem schmerzlichen Prozeß von 50 Jahren, mit
eigentümlichen Berufsethiken und vielfachen Bedürfnissen nach
gegenständlicher Tätigkeit, herausgebildet hat, ist nicht der illusionäre
Idealismus der Aufhebung der Arbeit, sondern der Kampf um die
Vervielfältigung und Erweiterung gesellschaftlich anerkannter Formen der Arbeit,
die der Eigenproduktion und der Selbstverwirklichung dienen.
In dieser
Perspektive kann ein Umbau der Arbeitsgesellschaft nur gelingen, wenn er
gleichzeitig beiträgt zur ökonomischen Krisenlösung und zur Erfüllung der
Emanzipationswünsche der Menschen. Andre Gorz, der bedeutendste Vordenker einer
am Gemeinwesen und dem ökologischen Gleichgewicht orientierten Alternative zur
herkömmlichen Erwerbsgesellschaft, trifft den entscheidenden Punkt, wenn er
fordert, an die Stelle kapitalfixierter Arbeit müßten ganz andere Arbeitsformen
treten, "beziehungsintensive Tätigkeiten, Pflege der Umwelt, der Künste, der
Qualität des Zusammenlebens und so weiter, also Tätigkeiten, die keinen Mehrwert
schöpfen, nicht instrumentell rationalisierbar sind und jenseits der
Lohnarbeitsgesellschaft liegen"[9]. Das
wäre aber kein Jenseits der Arbeitsgesellschaft, sondern eine
Erweiterung, Vertiefung, Vervielfältigung der kulturell anerkannten
Arbeitsformen, die durch den geschichtlich spezifischen und einmaligen Konflikt
von Lohnarbeit und Kapital vereinseitigt und verengt
wurden.
Dieser Spezialfall neigt sich dem Ende zu. In diesem Sinne
gibt es ein Ende der Arbeitsgesellschaft; aber alle Tätigkeiten, die Gorz
aufzählt, sind Arbeitsformen, die es immer gegeben hat und ohne die auch heute
jede Gesellschaft zerfallen würde. Um ihnen einen höheren gesellschaftlichen
Rang geben zu können, bedarf es eines gemeinwesenorientierten Umdenkens, das der
sozial-kulturellen Logik folgt.
Nur wenn die von drückender
Erwerbsarbeit freigesetzte Lebenszeit einen eigenen, autonomen Gestaltungsraum
findet, also wesentlich Emanzipations- und Orientierungszeit ist, werden die
Menschen das bestimmte Gefühl haben können, nicht bloßer Verwertungsrohstoff auf
anderen Feldern zu sein. Das setzte voraus, daß Kreativität, Eigeninitiative,
Unbotmäßigkeit und Mußefähigkeit von Kindesbeinen an ein maßgebender Wert der
Erziehung, des Bildens und des Lernens ist. Davon sind wir weit entfernt. Aber
viele Schritte führen in die Richtung einer solchen Gesellschaftsreform,
die nach meiner Einschätzung einzig und allein aus der gegenwärtigen
Kulturkrise Auswege zeigen könnte.
Für welche der beiden "Ökonomien" man
sich entscheidet, hängt wesentlich davon ab, wie das Bild vom Menschen aussieht,
das man sich in seinen Träumen gezeichnet hat und den Vorstellungen entsprechen,
die aus Erfahrungen mit Mitmenschen gewonnen sind, denen man im Alltag
Anerkennung und Achtung entgegenbringt. Wer den allseitig funktionsfähigen
Menschen will, leistungsbewußt, anpassungsfähig, wendig und ohne Bindungen,
die ihn am Aufstieg hindern könnten, wird in den Kategorien und
Untersuchungsfeldern der Ersten Ökonomie genau jenen
Realitätszusammenhang finden, der seinen Erwartungen an eine wünschbare und
erstrebenswerte Gesellschaft entspricht. Daß dies keine Idealgesellschaft ist,
wird ihn kaum stören, er wird sogar den Typus eines Sozialcharakters in Kauf
nehmen, der politisch alle Merkmale eines leistungsbewußten Mitläufers
hat vorausgesetzt, er ist jederzeit einsatzbereit und störungsfrei
funktionsfähig.
Der Mensch der Zweiten Ökonomie hat einen ganz
anderen Zuschnitt; er ist eigensinnig, auf autonome Urteilsfähigkeit und
eigentümliche Lebensstile bedacht, die rebellische Elemente enthalten. So können
Menschen dieses Typs große Opfer bringen und entschieden kampfbereit sich
zeigen, aus keinen anderen Gründen, als dem Gefühl, daß politische
Machtverhältnisse gestört sind oder soziale Gerechtigkeit verletzt ist -
massiver Widerstand, um die bedrohte Würde zu sichern.
Es ist für mich
keine Frage, daß eine hochentwickelte Industriegesellschaft auf Dauer ohne
Demokratie funktionsunfähig ist. Nicht-entfremdete Formen gegenständlicher
Tätigkeit, gesellschaftlich anerkannte und bezahlte Erwerbsarbeit in
lebenswichtigen Beziehungsbereichen, die heute noch in Schwarzmarktregionen
liegen, sind Wesensbestandteil einer innergesellschaftlichen Friedensordnung, in
den industriell entwickelten Ländern ebenso wie in jenen Gesellschaftsordnungen,
die ihre menschlichen Produktionsprozesse einer durchgängigen
Arbeitsgesellschaft noch vor sich haben.
Aber der Kampf dieser
beiden Ökonomien erschöpft sich nicht in individuellen Willensentscheidungen; es
ist ein politischer Kampf. Die Zweite Ökonomie zur ersten zu machen, wäre
Motiv und Ziel einer neuen Gesellschaftsreform. Sie ist überfällig, nicht
zuletzt aus Kostengründen. Da es aber um Macht- und Herrschaftsverhältnisse
geht, um die sich die Erste Ökonomie organisiert, ist die Veränderung kein
leichtes Spiel; auch keine bloße Frage des guten Willens und der überzeugenden
Argumente. Es ist eine politische Kampfsituation epochalen Ausmaßes, in der
Koalitionspartner in allen gesellschaftlichen Schichten zu suchen und zu finden
sind - bei aufgeklärten und verantwortungsbewußten Managern ebenso wie unter
Lehrern und Arbeitern; das strategische Bewußtsein für eine solche
Kampfsituation ist im Wachsen begriffen.
Aus: Politik und Zeitgeschichte, B 15/95,S.3-9
Oskar Negt, Dr. phil., geb. 1934; Studium der Philosophie und der Soziologie
in Frankfurt am Main und Göttingen; seit 1970 Professor für Sozialwissenschaften
an der Universität Hannover.
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Aktualisierung: 16.12.96