Dieter Hoffmeister

Der Hunger nach der Zeit und die Beschleunigung der Gesellschaft

Vor einigen Monaten erschien in der ZEIT ein Beitrag über sogenannte Daytrader. Da war zu lesen, Daytrader seien so etwas wie moderne Glücksritter. Sie kaufen und verkaufen nämlich Aktien vom heimischen Computer aus, informieren sie sich per Internet über Kurse und Firmenprofile und nutzen selbst kleinste Kursschwankungen, um schnelle Gewinne zu machen.
So ein Daytrader agiert also gleichermaßen gegen die Zeit und in der Zeit. Und er tut dies mit eigenem Geld und immer häufiger auch mit direktem Zugang zu den weltweiten Finanzmärkten - also etwa zur Wall-Street, zur Börse in Honkong, Frankfurt oder Tokio. Das alle Daytrader beflügelnde Zauberwort dabei lautet Echtzeit oder Realtime.
Warum eigentlich Realtime? Nun, vor allem der schnelle Zugriff auf neueste Firmennachrichten und Kurse verspricht ja gute Gewinne. Mit ihnen ist man nämlich zumeist vor den anderen am Ziel. Und dieser kleine Vorsprung, der ist das große Geheimnis. Selbst Soziologen - normalerweise nicht immer die schnellste Spezies - sollen schon unter den Daytradern gesichtet worden sein.
Für den Daytrader, diesen modernen Zeitjäger, sind traditionelle Anlagestrategien längst out. An ihrer Stelle agiert jetzt der individuelle, der nur sich selbst verantwortliche Anleger. Und erste sollen auf diese Weise tatsächlich auch schon Millionäre geworden sein. Andere allerdings haben alles verloren. Auch hier gilt also: Wer zu spät kommt, den bestraft die Börse.

Was ich hier exemplarisch skizziere, das ist nicht nur ein neuer Akkumulationstyp, der sogenannte "Kasinokapitalismus", das ist auch ein neuer Menschentypus, der einem neuen Umgang mit Zeit frönt. Und dieser neue Menschentypus, der breitet sich in nahezu allen westlichen Industrienationen derzeit rasant aus. Er ist sozusagen stets online und funktionalisiert die Zeit für seinen individuellen Bedarf. Er produziert Eile.
"Eine Sache, die eilt", bemerkte schon vor mehr als 10 Jahren Karl Hörning, "Eine Sache die eilt, begründet ihre Wichtigkeit fast wie von selbst". Und diese Eile hat im Entwicklungsprozeß moderner Gesellschaften ständig zugenommen. Geschwindigkeit wird dabei immer häufiger mit Effektivität gleichgesetzt und die Vertreter des Tempos haben in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung für die alltägliche Lebensführung bekommen. Tempo-Ideologen und Zeitmanager haben seither Konjunktur. Wir alle können ein Lied davon singen.

Als ich den skizzierten Artikel über die Daytrader, diese modernen Freibeuter der Börsen, las, da kam mir eine ganz andere Gruppe in den Sinn. Das waren all jene, mit denen ich während meiner Forschungsarbeiten über Neue Armut, über Ausgrenzung und über Arbeitslosigkeit zu tun gehabt hatte. Von denen hatte niemand neue Netztechniken oder Kommunikationskulturen beherrscht. Sie hatten auch nicht in sekundenschnelle über Eigentumsfragen entschieden. Der Grund: Sie besaßen schlichtweg kein Eigentum. Auch wurden ihre Zeitregeln nicht vom Faktor Geschwindigkeit bestimmt. Im Gegenteil. Sie waren häufig froh, wenn ein wenig Hektik und damit Abwechslung in die Eintönigkeit ihres Alltags hereinbrach. Aber, wie hieß es so trefflich in einer Kölner Armutsstudie im Ausgang der 80er Jahre? "Die im Dunkeln sieht man nicht". Und insofern schienen sie auch allesamt keine besondere Rolle zu spielen im hereinbrechenden Hochgeschwindigkeitszeitalter.
Bereits damals war mir aufgefallen, dass Zeit offenbar auf sehr unterschiedliche Art und Weise wahrgenommen und gehandhabt wird. Allerdings: Bei meinen Recherchen darüber, wie denn die Soziologie die Rolle der Zeit für den sozialen Wandel einschätzt, war ich kaum fündig geworden. Wohl tauchte das Zeit-Thema in den unterschiedlichsten Bindestrich-Soziologien immer wieder auf:
- in der Arbeitslosenforschung etwa als Verlust der Zeitstruktur, vor allem bei Langzeitarbeitslosen - etwa in der berühmten Marienthal-Studie von Jahoda/Lazarsfeld;
- in der Biographieforschung mit Blick auf die Lebenszeit oder einzelne biographische Statuspassagen;
- oder in der Arbeitssoziologie als Arbeitszeitforschung etc..

Aber: Wo existierte Zeit als soziologische Kategorie, die dazu beiträgt sowohl bestimmte Lebenslagen als auch die Entwicklungsrichtung des gesellschaftlichen Wandels abzubilden? Und zwar jenseits eher theorielastiger Konzepte, wie etwa dem des symbolischen Interaktionismus Meadscher Prägung oder der Phänomenologie Husserls.
Erst Jahre später stieß ich auf zwei unterschiedliche Beiträge zum Thema Zeit, die das Problem sowohl sehr allgemein, als auch mit Blick auf gesellschaftlichen Wandel behandelten. Es handelte sich hier zum einen um system-theoretische, zum anderen wissenssoziologische Überlegungen.

Die systemtheoretische Diskussion

In der systemtheoretischen Diskussion über die Zeit, so ist aus einem Beitrag Nassehis zu erfahren, erscheint diese als ein Faktor, der einzelne Elemente von Systemen (also etwa von sozialen Systemen wie der Familie) mit-einander verbindet. Zeit benötigen solche sozialen Systeme hier zum einen zur Konstruktion ihrer selbst. Eine Familie zum Beispiel, braucht Zeit für ihre Entstehung. Zum anderen benötigen soziale Systeme nicht nur Zeit, sie produzieren sie auch. Der Grund hier-für: Konkrete Operationen laufen in ihnen nacheinander ab. Und dabei entsteht Zeitaufwand: Für Erziehung, für die Organisation des Alltags, für Kommunikation. Es werden also Elemente bzw. Ereignisketten nacheinander aneinander gereiht: Kommunikation an Kommunikation, Organisation an Organisation, Gedanken an Gedanken. Und wenn man all dies beobachtet und reflektiert, so geschieht auch das wieder nacheinander, also als Aneinanderreihung von Beobachtungen und Reflexionen in der Zeit. Auf diese Weise produziert etwa das Sozialsystem Familie, um im Beispiel zu bleiben, sehr spezifische Zeitbedarfe.
Dabei ist der Zeithorizont solcher Systeme aus Sicht der Systemtheorie stets am Modus ihrer eigenen Ausdifferenzierung orientiert. Nicht wie komplex und damit wie kompliziert ein solches System also ist, ist hier von Belang, sondern auf welche Art und Weise es sich ständig weiter ausdifferenziert. Erst das bestimmt dann die Zeithorizonte seiner Mitglieder. Nicht ob eine Familie also aus mehreren Generationen besteht (oder ob sie kinder-reich ist) ist für die Systemtheorie interes-sant, sondern wie sie sich konstituiert, wie sie Regeln für das gemeinsame Zu-sammen-leben entwirft, wie sie deren Einhaltung überwacht, sanktioniert usw.. Die Tatsache, dass in modernen Familien immer mehr Zeit für Reflexion und Kommunikation aufgewendet wird, führt also logischerweise zu einem historisch ganz spezifischen Bedarf an Zeit, zu einer ganz spezifischen Zeitsemantik.
Da dies aus Sicht der Systemtheorie alle gesellschaftlichen Funktionssysteme betrifft, haben sich nun im Verlauf des gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses sehr unterschiedliche Zeitsemantiken herausgebildet: Das Familienmitglied pflegt einen anderen Umgang mit der Zeit wie der alleinlebende Single, der Bauer hat eine andere Zeitsemantik, ein anderes Zeitempfinden wie der Börsenmakler oder der Daytrader.
Damit taucht dann aber auch schon ein zentrales Problem auf: In einer Gesellschaft, mit einem sehr hohen Verflechtungsgrad (der ja bekanntlich vor allem aus zunehmender Arbeitsteilung resultiert), in einer Gesellschaft also, in der immer mehr Zwang zur Aufeinanderbezogenheit der unterschiedlichen Sphären herrscht, müssen auch all die unterschiedlichen Zeitvorstellungen irgendwie überein gebracht, sie müssen koordiniert werden.
Was aber hat der Bauer mit dem Börsianer gemeinsam? Und was der alleinlebende, erlebnishungrige Single mit dem Familienvater? Die Antwort der System-theorie würde lauten: Wenig und trotzdem alles! Wenig in der direkten Kommunikation miteinander, alles hinsichtlich eines von allen zu akzeptierenden, allgemeinen Zeitbegriffs. Denn sonst würden die sehr unterschiedlichen Arbeits- und Lebensweisen weiter auseinander driften - und der Motor der gesellschaftlichen Fortentwicklung geriete damit ins Stocken. Man denke nur an die zeitliche Aufeinanderbezogenheit der Menschen über anonyme Waren- und Arbeits-märkte, an den Umgang mit Institutionen (Schulen müssen die Kinder des Bauern ja ebenso besuchen wie die des Börsianers) oder an die schier unüberschaubaren Freizeitangebote. Von daher sind Zeit-Bedarfe in modernen Systemen aus Sicht der Systemtheorie nicht nur zu koordinieren, sondern auch zu synchronisieren.
Wichtigstes Fazit einer systemtheoretisch fundierten Annäherung an die Zeit - wie etwa Nassehi es formuliert - ist demzufolge die Aussage: Eine gesellschaftliche Theorie der Zeit hat den Zusammenhang von
1. Systemdifferenzierung (Wie differenzieren sich also Systeme aus?),
2. Von Zeitsemantik (Wie wird Zeit wahrgenommen?) und von
3. Synchronisationsbedarf (Wie bekomme ich die unterschiedlichen Zeitvorstellungen unter einen Hut?) zu beachten.

Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf die zum Teil komplexen Überlegungen zur Systemdifferenzierung eingehen, sondern nur feststellen: Das war nicht immer so. In segmentär differenzierten, älteren Gesellschaften, kannte man einen solchen Synchronisationszwang nicht. Hier herrschten einfache Strukturen, hier wurde aus Familie immer wieder Familie. Hier gab es auch noch keine komplizierten Aufspaltungen in Single- und Alleinerziehenden-Haushalte, in Mehr-generationenfamilien und zusammengewürfelte Familien, sogenannte Patchwork-Haushalte. Und hier existierte auch noch kein Zwang zur Vereinheitlichung der Zeit. Man orientierte sich an konkreten Ereignissen, an Jahreszeiten etwa oder an Mondphasen.
Erst in stratifikatorisch differenzierten, geschichteten Gesellschaften (den sogenannten Hochkulturen), in denen vor allem Arbeitsteilung den Differenzierungsprozeß zunehmend bestimmte, in diesen Gesellschaften veränderte sich auch der Umgang mit der Zeit. Hier kam Komplexität auf - und die musste irgendwie bewältigt, sie mußte reduziert werden. Religion stieg in dieser Phase zur wichtigsten Einheit in der Vielfalt auf. Sie war also nicht nur Schöpferin von Sinn, sie bestimmte auch das Zeitdenken - etwa hinsichtlich der Arbeits- und Freizeiten.
In der Moderne allerdings büßte die Religion diese Rolle zunehmend wieder ein. Jüngstes Beispiel hierfür ist die nicht enden wollende Diskussion um Ladenöffnungszeiten am ‚heiligen' Sonntag. Niemand, so scheints, nimmt dabei heute noch ernstlich Rücksicht auf die Belange der Religion.
Säkularisierung, Verweltlichung brachte also eine prinzipielle Offenheit im Umgang mit der Zeit hervor und diese wiederum machte die Zeit zu einem Gut, auf das jeder nach seinen eigenen Vorstellungen hätte zugreifen können - wäre da nicht die Sache mit dem Zwang zur Kompatibilität, zur Anschlußfähigkeit der unterschiedlichen Zeitvorstellungen gewesen, denn: Auch heute noch kann man Ernteprobleme nicht in Realtime lösen. Und fallende Aktienkurse orientieren sich eben nicht an steigenden Ernteerträgen. Wir sehen also: Man war trotz des Bedeutungsverlusts der Religion nicht unabhängig geworden von gewissen Synchronisationszwängen.
Die zentrale These der Systemtheorie, dass nämlich vor allem der Modus der gesellschaftlichen Differenzierung immer einheitlichere Zeitstrukturen erforderte - diese These entspringt also der Beobachtung historischer Entwicklungen. Und erst diese erzwangen aus Sicht der Systemtheorie schließlich eine einheitliche Weltzeit sowie die zunehmende Festlegung aller Menschen hierauf.
Wer aber trieb diese Vereinheitlichung voran, nachdem sich Gott verabschiedet hatte? Wer erlangte nun die Macht über die Zeit? Wer hatte und hat auch heute noch ein Interesse an Synchronisation und in der Folge auch an Beschleunigung? Die Religion, die Technik, die Wissenschaft?
Diese und ähnliche Fragen werden von der Systemtheorie nicht beantwortet. Auch nicht in Luhmanns letztem Folianten, in "Die Gesellschaft der Gesellschaft". Immerhin stellt er hier fest, dass die "Raummetaphorik" der festen gesellschaftlichen Positionen durch die "Zeitmetaphorik" der ständigen Verdrängung von diesen Positionen ersetzt worden sei. Es ist also, in anderen Worten, soziale Unruhe aufgekommen.
Und auch Armin Nassehi beantwortet in seinem Beitrag "Zeit der Gesellschaft" die Fragen nach den Interessen, nach den Machern von Synchronisation und Beschleunigung, nicht. Eher resignativ formuliert er: Man unterliege der Zeit vor allem deshalb, weil "alle Positionen der Gesellschaft ihr auch unterliegen". Das aber ist eher tautologisch als logisch und folgt damit schlicht einem typisch Luhmannschen Formulierungsmodus.
Wir stoßen also bei der Frage nach dem Warum, nach den Interessen an Zeitreglement und zunehmender Beschleunigung im Rahmen systemtheoretischer Überlegungen an gewisse Grenzen. Und damit ist auch die Verwertbarkeit von Systemtheorie für die Frage nach der Rolle der Zeit für sozialen Wandel und für soziale Ungleichheit per Saldo begrenzt.

Die wissenssoziologische Annäherung an das Thema Zeit

Anders eine zweite Denkrichtung. Norbert Elias nämlich folgt in seinen wissenssoziologischen Überlegungen "Über die Zeit" zuallererst dem Gedanken, dass unser Wissen über die Zeit vor allem einem diene: dem Wissen über die Menschen. Für Elias ist Zeit, d.h. der Umgang mit der Zeit, also in erster Linie ein Gradmesser dafür, wie Menschen miteinander umgehen. Auch er stellt fest, dass der Umgang mit der Zeit, ebenso wie das Zeitbewußtsein, sich rasant verändert haben. Die wesentlich andere Ausgangsperspektive hier aber läßt ihn stets betonen, Zeit sei ein von Menschen geschaffener Maßstab. Sie sei nur ein Werkzeug, um zwischen den Kräften der Natur (1), den Menschen (2) und der sozialen Welt (3) zu vermitteln.
Zeitbewußtsein existiere also nicht "vor jeder Erfahrung", wie Elias betont, sondern entstehe erst im historischen Prozeß selbst - beim "Fackellauf der Generationen". Und es wird damit zum Beleg für die Entwicklungsrichtung des menschlichen Zusammenlebens. Hieraus resultieren dann zwei grundsätzliche Über-legungen:
1. Eine Geschichte der Zeit ist stets eine Geschichte des Umgangs mit der Zeit, d.h. der Fähigkeit der Menschen mit sich, mit der Natur, mit ihren Mitmenschen umzugehen. Und dieser Umgang mit der Zeit, der besitzt damit Indikatorenfunktion für eine Beschreibung der Gesellschaft. Und das wiederum kann wesentlicher Bestandteil von Gesellschaftsanalyse sein.
2. Der ‚richtige' Blick auf die Zeit ist vor allem auf prozessorientiertes Denken zu richten - also etwa auf die Frage danach, wie unsere Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmt und wie Gegenwart sich in die Zukunft hin-ein verlängert. Erst dies Denken in sozialen Prozessen ist nach Elias Indikator für menschliche Weiterentwicklung, denn es annonciert ja eines: Geschichtsbewußtsein.

Prozessreduzierendes Denken hingegen, das zeige sich unter anderem in der künstlichen Trennung von Sozialem und Natürlichem (oder Natur-wis-sen-schaftlichem). Das zeige sich auch in der Annahme einer biologischen Grundausstattung des Menschen mit Zeitempfinden oder in der Funktionalisierung der Zeit durch Technik (oder der Technik durch die Zeit) und letztlich auch in der Zerstückelung der Zeit in immer kleinere Stunden-, Minuten- und Sekundentakte.
Ähnliches gilt für die Akzeptanz von Zeitstrukturen. Wir alle anerkennen ja die Zeit, die unsere Uhren uns vorgeben. Und diese erfüllen andersherum ihre soziale Funktion ja auch nur unter der Bedingung, dass wir sie auch anerkennen. Jeder, der sich hingegen seine eigene Zeit macht, ist von Exklusion bedroht. Man kann sich heute eben nicht mehr folgenlos an Mondphasen orientieren oder Essens-, Schlaf- und Arbeitszeiten nach belieben gestalten. Das "Regiment der Uhren" (Elias) verhindert dies und es verschweißt zudem die Zeit mit den Symbolen anderer Funktionssysteme - mit Geld etwa als Symbol des Funktionssystems Wirtschaft. Geld ist Zeit, sagt man und rechnet Zeit in Stunden-, in Monats- und Jahresverdienste um, in Alters-Renten, in Pensionen, Zinsen p.a. u.ä.. Immer mehr Symbole der Gegenwart unterliegen diesem Zusammenhang: dem Diktat der Zeit, dem das Diktat des Geldes stets verdächtig nah ist.
Für uns alle vollzieht sich dieser Prozeß fast unmerklich. Unser Zeitbewußtsein und vor allem unser Zeitreguliertsein erscheinen uns als Teil unserer individuellen "Grundausstattung", als quasi "angeborenes" Wahrnehmungsmuster. Zeit ist gewissermaßen habitualisiert und in entwickelten Gesellschaften zur "zweiten Natur" des Menschen geworden. Sie ist Zivilisationszwang - und für einige leider bereits auch Zivilisationsplage. Die Ursachen für den Siegeszug dieser Zivilisationsplage, die bleiben allerdings auch bei Elias weitgehend ausgeblendet.

Dabei verändert der sich rasant wandelnde Umgang mit der Zeit - und auch das wird von den meisten kaum bemerkt - ja auch unsere Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster. Das ist besonders eindrücklich bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Hierzu ein Beispiel:
Auf einer Tagung zum Thema Computer unterbrach eine Grundschullehrerin jüngst die Diskussion mit einer schlichten Alltagsbeobachtung. Sie sagte, wann immer sie sich "au-toritär", konfliktbewusst oder auch nur unharmonisch verhalte (und dies zudem ausführlich begründe), sei der Unterricht ganz einfach nicht fortzusetzen. Ihre Schüler reagierten weder eingeschüchtert noch mit Auflehnung - sie reagierten überhaupt nicht. Vielmehr schienen alle irgendwie seelisch zu erstarren. Ihr schlage dann stets eine gewisse Leere entgegen. Die Gründe hierfür seien ihr als Lehrerin überhaupt nicht klar. Sie passten auch in keines der psychologischen Muster, die sie während ihrer Ausbil-dung gelernt habe; und was viel beunruhigender sei, auch aus ihrer eigenen Lebenserfahrung heraus könne sie ein solches Reagieren überhaupt nicht nach-vollziehen. Etwas resignativ fügte sie diesen Äußerungen hinzu, dass sie eine ganze Reihe von Verhaltensweisen ihrer Schüler sowieso schon lange nicht mehr verstehe.
Während ihres Berichts durchzog die genannte Veranstaltung für Momente eine unbehagliche Ahnung. Es war vermutlich die Ahnung davon, dass die Fremdheit zwischen Lehrern und Schülern (möglicherweise auch zwischen den Generationen generell) viel tiefer greift, als man gemeinhin annimmt - und auch tiefer greift, als das in der erziehungswissenschaftlichen und bildungssoziologischen Diskussion thematisiert wird. Trotzdem war es nach der Wortmeldung der Lehrerin wie auf vielen anderen Veranstaltungen dieser Art auch: Nach einer kurzen beunruhigenden Pause meldeten sich die vertrauten Wortführer wieder zu Wort - und die irritierende Ahnung, dass da etwas sehr Grundsätzliches angesprochen worden war, blieb außen vor.
Was aber steckt hinter solchen und ähnlichen Beobachtungen? Vieles deutet darauf hin, dass sich für Kinder und Jugendliche die Umwelteindrücke und Erfahrungen, und hier besonders die, die sie mit den Medien machen, zu Wahrnehmungs- und Denkvorgängen verdichten, die sich von den traditionellen deutlich unterscheiden: Was schnell geht, was in sich different ist, erzwingt geradezu ihre Aufmerksamkeit. Was behutsam, Schritt für Schritt, ausführlich und linear vorgetragen wird, bereitet ihnen offenbar Probleme. Was von Rhythmuswechsel und einer Ästhetik der Plötzlichkeit, von Unerwartetem auch geprägt ist, das findet Aufmerksamkeit. Und was rational und vorhersehbar erscheint, was schlüssig auseinander hervorgeht - all das langweilt.
Wir erkennen in dieser Skizze eine Erlebnisweise wieder, die grob umschreibbar wäre mit den Worten: Streben nach Geschwindigkeit, nach Realtime, nach Brüchen. Ein solcher Trend zeigt sich in nahezu allen modernen Kinder- und Jugendwelten: in Filmen und TV-Serien, im Entertainment, in Tekkno-Nächten oder auch in den Erfahrungen mit Computern und Computerspielen: Sozialerfahrungen werden in all diesen Bereichen vor allem geprägt durch rasche Wechsel und durch eine Komplexität, die aus Brüchen hervorgeht.
Man könnte noch weiter gehen: Brüche, Wechsel, Geschwindigkeit und das Herumbalancieren an deren Grenzen - das ist zunehmend der mentale und intellektuelle Alltag jüngerer Generationen. "Identität" (wie Fukuyama mit Blick auf die 5. Und 6. Generation der Computer-Kids beobachtet hat) Identität ist zunehmend hiervon geprägt. Und wenn dann zu Homogenität, zu Lineratität, zu Geruhsamkeit und Kontinuität - kurz: zu prozessierendem Denken im Sinne Elias - aufgerufen wird, dann entstehen für Jüngere oft unerträgliche innere Zerreißproben. Geschwindigkeit, vor allem mit technischen Mitteln hergestellt, verändert also möglicherweise auch unsere Denk- und Wahrnehmungsmuster, d.h. das psychosoziale Substrat Person selbst.

Moderne Marktwirtschaft - oder: das kapitalistische Prinzip und der Faktor Zeit

Was hier in hastiger Knappheit aufgezählt wurde, das beantwortet allerdings noch immer nicht die Frage nach den Ursachen für eine solche Entwicklung. Woher kommt denn dieses Leben und Konsumieren um die Wette? "Wer Gleichzeitigkeit beherrscht", so Nowotny, der "kontrolliert die daraus ableitbaren (..) Abhängigkeiten.". Was sie meint ist: In der modernen Produktionslogik, im internationalen Wettkampf um die Beherrschung der Märkte und auch um technologische Vorsprünge spielen - ähnlich wie beim Daytrading - die kleinen zeitlichen Differenzen eine wichtige Rolle. Stets hat der Schnellere die Nase vorn - im Computerspiel ebenso wie am Waren- oder Arbeitsmarkt.
Warum Langsamkeit bestraft, Geschwindigkeit hingegen belohnt wird, das wußte bereits Marx, in dessen Überlegungen zur beschleunigten Akkumulation der Faktor Zeit bzw. Zeitvorsprung ja eine wichtige Rolle spielt. Und heute ist Schnelligkeit mehr denn je zum ganz entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden. Das gilt nicht nur für die Einführung neuer Produkte in der Mikroelektronikindustrie, das gilt auch für das Gros der Arbeitnehmerschaft im Wettkampf um Arbeitsplätze und individuelle Aufstiege. Gerade die Abkehr von einer gemeinsamen sozialen Zeit, diese Abkehr wird auch im Privaten zunehmend zum Signum für Besonderheit und Konkurrenzvorsprünge. Handeln ist dabei immer mehr an richtiges Timing ge-bunden: Egal ob für eine Bewerbung, eine Trennung oder für das Buchen einer Reise.
Das alles bleibt allerdings nicht folgenlos. In ökologischer Hinsicht nicht und auch nicht in sozialer. Sich ausweitende Produktpaletten und ein sich immer schneller drehendes Konsumkarussell zeugen nicht nur von der Verkürzung der industriellen Zyklen, sondern auch von der Mißachtung natürlicher Zeit-Rhythmen. Überstunden, Nachtarbeit, Entsorgungsprobleme - das sind nur einige Schlagwörter die auf diese Entwicklung hinweisen. Darüber allerdings rollen ökonomische Interessen hinweg wie ein gut gefederter Mercedes über einige unbedeutende industriegesellschaftliche Schlag-löcher, denn: Zeit verleiht Herrschaft und sie entscheidet über Inklusion oder Exklusion - über Dabeisein-Dürfen oder Außen-Vor-Bleiben-Müssen.

Dabei ist Zeit im Grunde genommen nur ein Kunstgriff des Menschen: Um Veränderungen zu kontrollieren und das Veränderte zu messen. Und dabei misst sie Leistungen - vor allem in ökonomischer Hinsicht. Evaluation wird so etwas bisweilen auch genannt. Auf diese Weise differenziert sie Gesellschaft. Zwar nicht sie selbst, aber in ihrer Funktion als Werkzeug in den Händen der Mächtigen. Und das verfestigt nicht nur alte Ungleichheitsrelationen, das bringt auch neue Formen sozialer Ungleichheit hervor.

Mit der machtvollen Verfügung über die Zeit werden aber nicht nur soziale Ungleichheiten produziert, mit ihr geht auch die Verfügung über das gesellschaftliche Zeitbewußtsein schlechthin einher. Gleichsam desavouiert nämlich wurden mit dem Siegeszug westlich-industriegesellschaftlicher Zeitvorstellungen eher traditionelle, also andere Formen des Umgangs mit der Zeit: In anderen Gesellschaften mit traditionellen Erbfolgen und hohen sozialen Kontrollen etwa gibt es keine uns bekannte Form der Verzeitlichung. Das ist eine Errungenschaft der westlich-ökonomischen Dynamik. "Die Wettbewerbsgesellschaft" so Olbrecht anläßlich eines Vergleichs mit den Bewohnern im Hochland von Papua Neuginea, den Mianmin "... Die Wettbewerbsgesellschaft erzeugt eine Rekordmanie, die 'vorindustriellen' Gesellschaften (völlig) unbekannt ist".
Zeit erweist sich also auch im interkulturellen Vergleich zuallererst als ein soziales, aus den Arbeitsverhältnissen erwachsendes Konstrukt - ganz im Sinne von Elias. Und dieses soziale Konstrukt zwingt uns alle unter seine Kuratel, indem es nämlich Dinge, die wir tun (oder tun zu müssen glauben) zeitlich vorstrukturiert und uns damit letztlich Entscheidungsfreiheiten nimmt. Das verweist auf das genaue Gegenteil zu dem, was die These von der Optionssteigerung in der Gegenwartsgesellschaft aussagt. Bei Lichte betrachtet verhält es sich so, dass Zeit beschränkt.
Diese neuen ‚Entscheidungsunfreiheiten' werden zudem von moralischen Ansprüchen flankiert, denn, so Olbrecht weiter: "Aus dem Blickwinkel einer funktional differenzierten Zeit wird der Versuch, sich dem ökonomischen Druck zu entziehen (schlicht) als 'Faulheit' bewertet." Dies zeige, warum gerade die Uhr zum Schlüssel der Moderne werden konnte und nicht die Erfindung der Dampfmaschine. Gesellschaft nimmt also weiter Fahrt auf.
Dass Zeit konstitutiv ist für Bewußtsein, für Identität, für soziales Handeln, das ist spätestens sei Mead, Husserl oder Schütz soziologisches Allgemeinwissen. Dass aber erst die Akzeptanz des industriegesellschaftlichen Welt-Zeit-Taks Autonomie und Individualität ermögliche, das ist schlicht ein Irrglaube. In nahezu allen westlichen Industriegesellschaften kommt es nämlich zu wachsendem Autonomieverlust und sich häufenden Identitätskrisen. Die Wartezimmer der Psychotherapeuten zeugen davon.
Und schon gar nicht erwachsen stabile Persönlichkeiten aus Konsum. Das führt bestenfalls zu immer größerer Erlebnishetze. Und die reicht dann vom Kauf immer neuer Computergenerationen bis hin zu immer neuen Lebens-partnern. Die Zeit, unsere Lebenszeit, läuft uns allen dabei bisweilen schlicht davon. Denn auch unsere "Eigenzeiten", wie Helga Nowotny sie nennt, geraten damit zunehmend in die Bredouille. Und so werden auch Warte- und Ruhezeiten funktionalisiert. Sie werden, wie Hörning anmerkt, zu "bereits verplante®, besetzte® und verrechnete® Zeit." Spanisch wird während der Fahrt mit dem Auto gelernt, berufliche Weiterbildung findet nach Feierabend statt. Der Laptop ermöglicht Arbeit non-stop, das Handy unbegrenzte Erreichbarkeit und damit auch Ansprechbarkeit. Rückzug ausgeschlossen.
Wir sehen: Modernste Technologien bringen diese Entwicklung erst so recht in Schwung. Dabei stehen sie auf doppelte Weise im Zentrum der Beschleunigung: Einerseits bringen sie diese hervor, auf der anderen Seite benötigen sie die Beschleunigung, um ihre eigene Existenz zu erhalten, um immer neue Hochgeschwindigkeitsgenerationen am Markt zu placieren. Aber auch diese Überlegungen führen uns ja letztlich wieder zurück auf die Rolle der Ökonomie, der die Technik nur Mittel zum Zweck ist.

Zeit und soziale Ungleichheit - Ausblick

Wieviel an zeitlichem Auseinanderdriften verträgt eine Gesellschaft eigentlich? Können wir es zulassen, dass Menschen immer häufiger, national wie international, abgekoppelt werden? Kann Beschleunigung kontrollierbar gemacht, kann sie bewußt verlangsamt oder sogar hinausgezögert werden?
Immer mehr Menschen dürfte es mittlerweile so ergehen wie Reisenden in einem ICE: Man sitzt in einem Hochgeschwindigkeitszug, aus dem heraus bei gleicher Fahrtzeit immer mehr zu sehen, aber leider auch immer weniger zu erkennen ist. Der Zunahme der Erfahrungsmenge entspricht die Abnahme der Erfahrungsintensität.
Immerhin, so könnte man jetzt argumentieren, gibt es da ja noch die Möglichkeit sich zu verweigern, sich auf die Seite der Entschleuniger zu schlagen. Allerdings - und dies muß man sich dann auch vergegenwärtigen -, könnte man dabei leicht auf die Seite der Verlierer geraten. Bereits zu Beginn der 70er Jahre hatte Niklas Luhmann gewarnt: "Wer zugibt, viel Zeit zu haben, der disqualifiziert sich selbst und scheidet aus der Gesellschaft derer, die etwas leisten, die etwas fordern, etwas erhalten können, aus".
Trotzdem scheint sich mittlerweile Nachdenklichkeit einzustellen. Denn während die meisten noch im Banne rasender Fortschrittsgeschwindigkeit dahin brausen, existieren Hinweise auf erste Welt-Zeit-Takt-Verweigerer. In der Arbeitswelt etwa, wo Olbrecht sie als Zeitpioniere mit bewußt reduzierter Wochenarbeitszeit ausgemacht hat oder - und auch dies war vor einiger Zeit in der ZEIT zum Thema Zeit zu lesen - als Produzenten handgefertigter Waren, die sorgfältig und nach Eigenzeiten hergestellt werden. Und bisweilen bringt der Beschleuniger Technik sich ja auch selbst zum erliegen - wie man unschwer am Beispiel zunehmender Verkehrsdichte und daraus resultierender Verkehrsverlangsamung erkennen kann. Weniger (oder langsamer) ist manchmal eben mehr - das gilt nicht nur in der Musik. Dass allerdings der Wettbewerbsfaktor Schnelligkeit weitgehend ausgereizt sei, wie dies der Zeitforscher Geißler behauptet, ist derzeit kaum zu erkennen.
Vor allem nicht mit Blick auf die anderen, auf die vom Welt-Zeit-Diktat Abgekoppelten. Denn im Verlaufe des Siegeszugs dieses Welt-Zeit-Geld-Diktats springen ja nicht nur erste Zeit-Verweigerer von den gesellschaftlichen Hochgeschwindigkeitszügen ab, es entstehen auch neue soziale Ungleichheiten dadurch, dass immer mehr Menschen erst gar keine Fahrkarte für diese Züge erhalten. Sie bleiben dann auf den Bahnsteigen zurück und können, aus welchen Gründen auch immer - seien es körperliche oder geistige Behinderungen, Alter, Arbeitslosigkeit oder auch schlicht Elternschaft - nicht Schritt halten mit dem rasanten ‚Fortschrittstempo'. Sie sind nicht gerüstet für die Geschwindigkeit, mit der die sogenannte zweite Moderne Fahrt aufgenommen hat.
Mongardini brachte vor ein paar Jahren die Überlegung in die soziologische Diskussion ein, man müsse Zeit als eine objektive Matrix, als Bezugsrahmen für soziologisches Interpretieren von Ereignissen benutzen. Das sei ein Fortschritt für die soziologische Analyse. Ich würde, in Anlehnung an Elias, genau anders herum argumentieren: Gerade die Unterschiedlichkeit des Umgangs mit der Zeit - in historischer Perspektive, in den unterschiedlichen sozialen Mileus der Gegenwartsgesellschaft oder auch zwischen einzelnen Gesellschaften - gerade diese Unterschiedlichkeit gibt Aufschluß über soziale Distanzen und möglicherweise auch über die Ursachen hierfür.

Und Gelegenheiten für eine solche Differenzierung - weltweit etwa in wenige global player, in eine große Anzahl zeitgeistbesessener Mitspieler sowie eine wachsende Schar von Ausgegrenzten und Zeitverweigerern - Gelegenheiten für eine solch vorläufige Differenzierung gäbe es in der Soziologie vermutlich genug. Noch nicht entlang valider Indikatorensysteme. Die wären erst noch zu entwickeln. Aber immerhin: schon als erste, grobe, sozusagen explorative Differenzierungen.
Jedenfalls würde auf diese Weise vermutlich eine Deutung jenes in und mit der Zeit operierenden Sozialvampirismus möglich, dem auch der eingangs skizzierte Daytrader frönt. Und vielleicht ließe sich damit dann auch jene Frage beantworten, die "riffraff", Mitglied eines bekannten deutschen Börsenboards und selber Daytrader, um die Jahreswende an die Chat-Gemeinde stellte: "Sagt mal Jungs, wenn wir hier laufend die dicken Gewinne einfahren - wer bezahlt die letztendlich eigentlich?"

 
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