Westfälische Wilhelms-Universität                                                                                Münster, 08.02.2001
Institut für Politikwissenschaft

Wintersemester 2000/2001

Veranstaltung: Der Zeitrhythmus des Kapitalismus

Dozent: Prof. Dr. H.J. Krysmanski

Referent: Jörg Koller

 

Fordismus und Schichtarbeit

    1. Taylorismus - Vorläufer und Grundlage des Fordismus

    2. Fordismus  

www.hfmgv.org/histories/hf/henry.html

(ein kleines Online-Ford-Museum)  

2.1. Entstehung und Merkmale des Fordismus

        Kennzeichen des Fordismus:

 
Fordismus
Postfordismus
Akkumulationsmodell
Massenproduktion

Massenkonsum, Standardisierung, Normierung, Normung, Normalisierung

Leistungsorientierung

Optimierung durch Zeit- und Bewegungsstudien

diversifizierte Qualitätsproduktion flexibilisierte Produktionsweise

vielfältiges Produktspektrum, Statussymbole, Kapitalisierung der Rebellion

Identifikation, Motivierung

Ökonomische Globalisierung

Regulationsmodell
kollektive soziale Schutzmechanismen, Wohlfahrtsstaat

Keynesianismus

Sicherheitsstaat (Absicherungs- und Einschlußfunktion)

Erosion des Sozialstaates und arbeitsrechtlicher Standards

Neoliberalismus, Deregulierung

Nationaler Wettbewerbsstaat

Ökonomische Globalisierung

I&K-Systeme zur globalen Kommunikation

Verschärfung globaler Probleme (Armut, Arbeitslosigkeit, ökologische Krise, ungleiche Ressourcenverteilung)

Disziplinarmodell
Disziplinargesellschaft (Foucault)

Weiterreichung durch Einschluß-milieus: Familie, Schule, Fabrik, Kaserne, Gefängnis, Psychiatrie, Klinik, Beziehungen

Funktionsweise der Disziplinarmacht auf alltäglichem Level

Disziplinen: zeitliche Fixierung des Individuums an Produktionsmechanik

hierarchische Überwachungssysteme

Sanktionen (Drohung mit Jobverlust)

Strafe als Reduktion von Normabweichungen

Kontrollgesellschaft (Deleuze)

statt Zwang und Drohung: Motivierung, verlangte Identifikation, Eigeninitiative, Spaß, Flexibilität, Kreativität, Verantwortungsbewußtsein, Engagement, Teamgeist, Unternehmensphilosophien, erweiterte Entscheidungs- und Hand- lungsspielräume Enthierarchisierung und Dezentralisierung von und in Betrieben

     
     

    2.3. Postfordismus und Toyotismus

    Nach S. Meretz die zweite algorithmische Revolution

    Gruppenfertigung
    1922 von Lang und Hellpach entwickelt, aber erst seit 70er Jahren für Betriebe interessant (Demokratisierung der industriellen Produktion - "Volvoismus")

    Qualitätsverbesserung japanischer Produkte
    In den 50ern galten japanische Produkte als billig und minderwertig.

    Qualitätsverbesserung durch japanische Produzenten

    Zusammen mit weiteren Ideen, die in den USA in den 40ern und 50ern entstanden waren, entwickelten die beiden Japaner Eiji Toyoda und Taiichi Ohno einen geschlossen Ansatz zur Güterproduktion, der die Vorteile von handwerklicher und traditioneller Massenproduktion vereint: die Lean production.

    schlechte wirtschaftliche Bedingungen im Nachkriegs-Japan
    (begrenzte Ressourcen an Maschinen, Notwendigkeit zur Fertigung kleiner Lose)

    Entwicklung von Möglichkeiten, Werkzeugmaschinen minutenschnell und durch den Arbeiter selbst umrüsten zu können

    In Ford's Massenproduktion Verschwendung an der Tagesordnung: Fehler an Teilen wurden oft nicht bei der Herstellung bemerkt, sondern erst beim Einbau oder Endabnahme

    Bei Toyota's neuer Produktionsweise wurde nicht nur der Ablauf optimiert, sondern die Zulieferbetriebe direkt einbezogen.

    systematische Zurückverfolgung von Fehlern auf ihre Ursachen:
    Fehler werden nicht als Zufall gesehen; Mitarbeiter werden aufgefordert, diese vorausschauend zu erkennen und auf eigene Initiative eine Lösung zu entwickeln

    www.thur.de/philo/som/sompm.htm
     

    3. Schichtarbeit

        - Von Schichtarbeit wird dann gesprochen, wenn zu unterschiedlichen Zeiten gearbeitet wird, z.B. Früh-, Spät-,
           Nachtschicht (Wechselschicht) oder regelmäßig zu von der Normalarbeitszeit abweichenden Zeiten, z. B.

           Dauernachtschicht

        - soziale Gründe: Versorgung und Sicherheit (z. B. Krankenhäuser, Polizei),
        - wirtschaftl. Gründe: z. B. Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit

        - technologische Gründe: Kosten und der Aufwand für das An- und Abschalten der Maschinen etc. zu hoch sind
z.B.
Temperatur eines Hochofens)
 

Auswirkungen von Nachtschichtarbeit:

überdurchschnittlich häufig Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Magen-Darm-, Herz-Kreislauf- und nervösen Beschwerden etc.

Kaum Zeit für Freundschaften, Hobbys und Erholung. Da sich das öffentliche und gesellschaftliche Leben am Rhythmus der Tagesarbeit orientiert, fühlen sie sich oft ausgeschlossen und frustriert. Krisen in Partnerschaft und/oder Familie, höhere Scheidungsraten, schlechtere Schulbildung der Kinder u. ä. sind oft die Folge.

Müdigkeit und unzureichender Schlaf mitverursachende Faktoren bei Unfällen heraus.

Schlafstörungen: die Schwierigkeit, am Tage zu schlafen und die Schwierigkeit, sich nachts wachzuhalten.

Der biologische Rhythmus des Menschen legt den Zyklus von Schlafen und Wachen fest. Nachtschichtarbeiter müssen den Schlaf am Tag herbeizwingen. Sie haben permanenten Schlafentzug, da nicht nur der Schlafrhythmus gestört ist, sondern der Tagschlaf störanfälliger ist.

Anpassung an ständig wechselnde Schichten ist vermutlich nicht möglich.

 


4. Mögliche Diskussionspunkte

a) Welchen Einfluß hat der Faktor "Zeit" heute und wie wird sich der Einfluß verändern, bzw. der Zeitrhythmus?

b) Zukunft: In welche Richtung entwickelt sich die Gesellschaft/Wirtschaft? Was kommt nach dem "Toyotismus" oder ist er schon vorbei? Gibt es eine Rückentwicklung, wenn ja: wohin?

c) Sind die sogenannten Entwicklungsländer in Fordismus involviert? Gab es ähnliche Entwicklungen? Gab oder gibt es Anpassungszwang?
 

Anregungen und Kritik (auch) an:

kollerj@uni-muenster.de
 
 

5. Literatur

Internet:

www.thur.de/philo/toyotismus2.htm

www.thur.de/philo/som/sompm.htm

www.hfmgv.org/histories/hf/henry.html

www.markelmotor.es/ford_T.htm

www.hyksos.com/hford/

www.nucleus.com/~agingles/ALAN2.htm

www.motorcities.com/contents/00LAB561320864.HTML

www.opentheory.org/proj/selbst/v0001.phtml

www.wildcat-www.de/zirkular/28/z28fordi.htm

www.tu-chemnitz.de/wirtschaft/bwl6/lehre/skript/personal2/teil3.html

www.uni-marburg.de/sleep/dgsm/rat/schicht.html

www.arbeitsschutz.nrw.de/arbeitszeiten/nachtsch.htm
 

Bücher:

Hirsch, Joachim: Der nationale Wettbewerbsstaat. Berlin 1995.

Kißler, Leo (Hg.): Toyotismus in Europa - Schlanke Produktion und Gruppenarbeit in der deutschen und französischen Automobilindustrie. Frankfurt/Main, New York 1996.

Lipietz, Alain: Die Welt des Postfordismus - Über die strukturellen Veränderungen der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften. Hamburg 1997.

Steinkühler, Mirko: Lean Production - Das Ende der Arbeitsteilung? München und Mering 1995

Wellhöner, Volker: "Wirtschaftswunder"-Weltmarkt-Westdeutscher Fordismus - Der Fall Volkswagen. Münster 1996.
 

Außerdem Interessant:

www.wildcat-www.de/zirkular/28/z28fordi.htm

www.mg.fh-niederrhein.de/fb06/vogel/konstrukt/arbeit/global.htm

www.trend.partisan.net/trd0499/t090499.html

(weitere Recherche empfohlen!)
   

Bischoff, Joachim und Richard Detje: Massengesellschaft und Individualität - Krise des "Fordismus" und die Strategie der Linken. Hamburg 1989.

Heinrichs, Thomas: Zeit der Uneigentlichkeit - Heidegger als Philosoph des Fordismus. Münster 1999.

Hirsch, Joachim: Kapitalismus ohne Alternative? - Materialistische Gesellschaftstheorie und Möglichkeiten einer sozialistischen Politik heute. Hamburg 1990.

Lüscher, Rudolf M.: Henry und die Krümelmonster. Tübingen 1985.

Ruf, Anja: Frauenarbeit und Fordismus-Theorie. Frankfurt/Main 1990.