8- Stunden Tag       

            Eine Gewerkschaftliche Errungenschaft ??!

In der Hochphase der Industrialisierung traten selbst die Arbeitgeber für kürzere Arbeitszeiten ein – nicht, weil sie von besonderem Idealismus beseelt waren, sondern weil sie überzeugt waren, dass Überarbeitung und Müdigkeit Schaden anrichteten und dass Sicherheit, Ruhe und ein Minimum an Familienleben sich auf lange Sicht auszahlen würden. Die Folge war ein allmähliches und stetiges Sinken der Arbeitszeiten in den Vereinigten Staaten während der gesamten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und eine einschneidende Kürzung – von zehn Stunden auf acht Stunden am Tag – in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. 1930 kündigte der Wirtschaftsvisionär W. K. Kellog (der von den Cornflakes) ein revolutionäres Experiment an: Nahezu alle Beschäftigten seines riesigen Unternehmens in Battle Creek sollten ab sofort nur noch sechs Stunden am Tag arbeiten. Die Verringerung der Arbeitsstunden wurde nur von minimalen Lohnkürzungen begleitet, weil Kellogg glaubte, dass eifrige Arbeit den Ausfall der Stunden wettmachen würde. Dieses Programm war ein sofortiger Erfolg. Eine typische Reaktion war etwa die Erklärung eines Wirtschaftsmagazins auf der Titelseite, dies sei »die größte Neuerung in der Industrie seit Fords Fünf-Dollar-pro-Tag-Politik«. Fast zwanzig Jahre lang funktionierte Kelloggs Konzept hervorragend. Nach dem Zweiten Weltkrieg hofften die Arbeiter, aus dem Konsumaufschwung des Landes in der Nachkriegszeit Profit zu ziehen, und forderten einen Achtstundentag. In den fünfziger und sechziger Jahren bewegten sich die Beschäftigten von Kellog stetig auf einen Achtstundentag zu. 1985 gaben die noch verbliebenen Verfechter der alten Regelung, von denen drei Viertel Frauen waren, auf.

Quelle: Robert Levine;
Eine Landkarte der Zeit: Wie Kulturen mit Zeit umgehen; Piper; 1997

 

Entwicklung der Arbeitszeit                      Modelle der Arbeitszeitstrukturierung

Geschichte der Arbeitszeit Alternative Zeitmodelle
Bewertung von Arbeitszeit 28,5-Stunden Woche bei VW

 

„Arbeit heißt der Heiland der Zeit. In der Verbesserung der Arbeit besteht der Reichtum, der jetzt vollbringen kann, was bisher kein Erlöser vollbracht hat.“ (Dietzgen, Josef vgl. Protestantische Arbeitsethik)

 

Entwicklungsstadien der Arbeitszeit:

Schaut man sich die Arbeits- und Freizeit von der Antike bis heute an, so werden einige „Entwicklungslinien“ deutlich:

Das heutige Verständnis von „Freizeit“ ist im wesentlichen durch die Aufklärung geprägt worden, die Freizeit erstmals als „Zeit größtmöglicher individueller Freiheit“ verstand.

Die heute übliche strikte Trennung von Arbeits- und Freizeit kam erst mit der Industrialisierung auf; vorher war der Übergang zwischen beiden fließend. Keineswegs hat die Industrialisierung die Freizeit ermöglicht – im Gegenteil, sie hat sie zu einem Teil verhindert durch überlange Arbeitszeiten.

Der vielgerühmte Fortschritt in der Verringerung der Arbeitszeit ist eigentlich gar keiner: Bedenkt man, daß schon in der Antike nicht mehr als 40 Stunden und im Mittelalter nicht mehr als 45 Stunden pro Woche gearbeitet wurde, so relativiert sich die moderne Forderung nach der 40-Stunden-Woche erheblich. Im Grunde wurde nur in einem langen zähen Kampf an Freizeit zurückerobert, was die Industrialisierung mit ihrem protestantischen Arbeitsethos genommen hatte. Im Vergleich zur Reduzierung der Arbeitszeit bestand der Fortschritt viel eher in der Einführung eines geregelten und bezahlten Urlaubs, den man früher überhaupt nicht kannte.

Die Freizeitbeschäftigungen haben sich von der Antike bis zur Mitte dieses Jahrhunderts nicht entscheidend verändert: Im wesentlichen war man in der Freizeit kulturell und politisch engagiert, wenn auch auf verschiedene Weise und in verschiedenartigen Institutionen.

 

                                                                                          Oliver Rehberg