H.J. Krysmanski

Die Sache mit den Verschwörungstheorien: ein Interview [1]  

 

arte: Weshalb sind Verschwörungstheorien gerade in den letzten Jahren in Europa so sehr in Mode? 

HJK: Zunächst einmal: viel mehr noch als Europa sind die USA das Land, in dem der Konspiratismus blüht. Diese Theorien – eigentlich sind es eher ‚Erzählungen' – folgen, wie viele historische Erscheinungen, Konjunkturzyklen. So haben wir im 18. Jahrhundert, als das Bürgertum dem Adel die Herrschaft streitig zu machen begann, eine Hochkonjunktur der Geheimbünde und auch der entsprechenden Verschwörungsmärchen (z.B. um die Illuminaten). Der Faschismus in Italien und Deutschland brachte einen weiteren Höhepunkt dieser Theorien (z.B. um die so genannten Protokolle der Weisen von Zion). Schließlich haben wir in den USA in den Fünfzigern die McCarthy-Zeit mit ihrer antikommunistischen Paranoia,  dann die Welle von Verschwörungstheorien um die Morde an Martin Luther King, John F. und Robert Kennedy. Und heute gibt es wieder einmal, nach dem 11. September 2001, und überhaupt in einer Zeit, in welcher Interessenkonflikte im Dunkeln ausgetragen werden, mehr als genug Stoff für weitere Verschwörungstheorien. 

arte: Welche Elemente sind charakteristisch für Verschwörungstheorien? 

HJK: Verschwörungsnarrative haben immer etwas mit Herrschaft und Macht zu tun. Von da her würde ich erst einmal unterscheiden zwischen Verschwörungstheorien der Herrschenden (die sich ‚von unten' bedroht fühlen) und Verschwörungstheorien der Beherrschten (die sich ein Bild von den Machenschaften ‚derer da oben' machen wollen). In beiden Fällen gründen diese Theorien auf dem völlig verständlichen Verdacht, dass bei Machtangelegenheiten, ob in der Wirtschaft oder in der Politik, geheime Netzwerke, Intrigen, Absprachen usw. eine Rolle spielen. Heute kommt etwas weiteres hinzu. Die Welt ist so komplex geworden, dass die politischen und ökonomischen Zusammenhänge selbst von den Herrschenden - den Politikern, den Konzernmanagern, den Denkfabriken der Superreichen - nicht mehr durchschaut werden können. Da hilft dann eine Erkenntnishaltung, die man den ‚allgemeinen Verschwörungsverdacht' nennen könnte. Dies ist eine durchaus nützliche Haltung des ‚Hinterfragens' der anderen Seite (derer da unten, derer da oben). In diesem Sinne  sprechen in den USA die Demokraten bezüglich ihrer republikanischen Konkurrenten von einer ‚riesigen rechten Verschwörung' (Hillary Clintons Wort von der vast right-wing conspiracy) und die Republikaner revanchieren sich mit dem Vorwurf einer vast left-wing conspiracy (einem Dauerthema ihrer Propaganda während der Clinton-Jahre). Wer in Washington nicht paranoid wird, spinnt, hat Henry Kissinger einmal gesagt. Die Paranoia der Bush-Regierung  mit ihrem extremen Geheimhaltungskomplex ist inzwischen sprichwörtlich. Ich glaube überhaupt, dass die Herrschenden mehr Verschwörungstheorien produzieren als die Beherrschten. 

arte: Verschwörungstheorien stellen oft ungeheuerliche, phantastisch anmutende Thesen auf. Sind die Anhänger von Verschwörungstheorien alle „Spinner“? 

HJK: Auch Verschwörungstheorien ‚von unten' sind ein erster - wenn man so will, naiver - Zugriff auf die Geheimnisse von Macht und Herrschaft. Man sollte sie immer im Plural einsetzen, also mehrere parat halten. Dann befreien sie die Fantasie, dann können sie eine Stufe zur Erkenntnis sein, zu wirklichen Theorien über die Handlungen der Mächtigen. Problematisch ist es, wenn man zum Sklaven einer ‚fixen Idee' wird. Die Dinge sind niemals so einfach, wie sie eine konspirative Erzählung macht. Dennoch ist nicht jeder Anhänger einer Verschwörungstheorie gleich ein ‚Spinner' – auch die Wissenschaft ist ja voller Menschen, die aus einer falschen Theorie richtige Teilerkenntnisse gezogen haben. Schlimm ist nur der Fanatismus, die Einteilung der Welt in das Gute und das Böse, der Manichäismus. 

arte: Beziehungsweise: Sind die Verfasser von Verschwörungstheorien alle „Spinner“ – glaubt beispielsweise ein von Bülow an das, was er schreibt - oder ist da auch Kalkül dabei? 

HJK: Es gehört schon einiges dazu, sich in den politischen und ökonomischen Kampf der Interessen zu wagen und hier Aufklärungsarbeit zu leisten, für Transparenz zu sorgen. Denn in diesen Zonen geht es meist um sehr viel Geld und Macht. Und die Akteure, die da unbeachtet von den Augen der Öffentlichkeit ihre Süppchen kochen, sind nicht zimperlich bei der Abwehr von Einblicken. Insofern nehme ich Menschen, die Erfahrungen in den nicht-öffentlichen Bereichen von Macht und Herrschaft machen und den Mut haben, darüber zu berichten, sehr ernst. Hätten wir diese ‚whistleblower' nicht, wäre es um unsere Demokratie noch viel schlechter bestellt. Andreas von Bülows erstes Buch ‚Im Namen des Staates' war ein wichtiger Beitrag. Problematisch wird es bei mangelnden Belegen und Quellen – aber für diese Art von Herrschaftsforschung fehlen eben auch die wissenschaftlichen Methoden, ausreichende Finanzierungsmittel und nicht zuletzt der Mut der etablierten Wissenschaften. 

arte: Welche Rolle spielen die Medien, insbesondere das Internet, bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien? 

HJK:Wo immer heute auf den Bildschirmen oder in den Netzen etwas Politisches oder etwas Ökonomisches erzählt wird, finden wir das Spiel mit dem Verschwörungsverdacht. Die Medien, das Internet müssen letztlich den Zusammenhang zwischen Globalem und Lokalem vermitteln. Medienmacher ebenso wie Medienkonsumenten wissen im Grunde, dass nichts so ist wie es scheint. Dass auf jeden Fall jedes berichtete Ereignis, jeder diskutierte Sachverhalt viel komplexer ist als seine mediale Vermittlung. Die plumpen Verschwörungsfantasien aller Spielarten des Fundamentalismus haben vor allem im Internet so lange keine Chance, so lange das Internet sich frei und interaktiv entwickeln kann. Natürlich gibt es dort die wildesten Verschwörungstheorien und entsprechenden ‚User-Gemeinden' – aber in seiner Gesamtheit relativiert das Internet das alles und was bleibt, ist die Hoffnung, dass keine Verzerrung der Wirklichkeit, in wessen Interesse auch immer, sich in dieser weltumfassenden Diskussion letztlich halten kann. 

arte: Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik und Verschwörungstheorie? Ist Michael Moore z.B. ein Verschwörungstheoretiker oder ein ernstzunehmender, wenn auch polemisierender Bush-Kritiker? 

HJK: Michael Moore ist in keiner Hinsicht ein Verschwörungstheoretiker, sondern einer aus der gar nicht so kleinen Gruppe von investigativen Journalisten und Filmemachern, die es in den USA noch gibt und die oft viel genauer als in Europa den Mächtigen auf die Finger schauen. Seit den Achtzigern produziert Michael Moore hervorragende Filmreportagen über die Schattenseiten der USA. Alles, was er jetzt in seinen – im guten Sinne des Wortes polemischen - Büchern über die Bush-Regierung zusammenträgt, ist auch von anderen investigativen Journalisten und kritischen Forschergruppen ermittelt und belegt worden. 

arte: Welche Methoden verwenden unseriöse Verschwörungstheoretiker? Wie kann der „Normalbürger“, der ja meist nicht die Mittel für tiefgehende Recherchen hat, seriöse Informationen von haltlosen Behauptungen unterscheiden? 

HJK: Unseriöse Verschwörungstheoretiker argumentieren monokausal, sie verkünden, statt zu diskutieren. Auch kümmern sie sich nicht um mögliche alternative Erklärungsansätze. Vor allem sind sie nicht an einer kritischen Auswertung der Belege und Quellen interessiert, machen die Grenze zwischen Wissen und Vermutung nicht deutlich. Der Mangel an seriösen Informationen geht aber letztlich auf den geradezu skandalösen Verzicht etablierter Wissenschaftler – z.B. aus der Soziologie, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft – zurück, sich mit den meist legitimen und interessanten Fragen zu beschäftigen, welche nicht nur die Verschwörungstheoretiker, sondern auch die Normalbürger umtreiben. Die Menschen wollen wissen, was hinter den Kulissen passiert. Im übrigen sollte man immer aufmerken, wenn am lautesten gerufen wird: das ist eine Verschwörungstheorie! Dann hat sie meist ein Zipfelchen der Wahrheit erfasst. 

arte: Wie langlebig sind Verschwörungstheorien? Sind Broeckers, Meyssan und von Bülow vielleicht schon wieder passé? Verschwörungstheorien – eine Modeerscheinung? 

HJK: Verschwörungstheorien wird es geben, so lange es Macht und Herrschaft und damit auch geheime, nicht-öffentliche Bereiche der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gibt. Je mehr Demokratie gewagt und der Wissensdurst der Menschen befriedigt wird, um so schneller werden Verschwörungstheorien überflüssig. Bis dahin aber, schreibt der berühmte US-amerikanische Medien- und Literaturwissenschaftler Fredric Jameson, wird die narrative Struktur des Verschwörungsmotivs unsere politische Neugier an unserer eigenen anti-politischen Zensur vorbeischmuggeln und es uns erlauben, auf einer tieferen Ebene unserer kollektiven Fantasie ‘das Weltsystem als solches' zu denken. 

 



[1] Interview zu einer arte-Sendung ‚Verschwörungstheorien' vom 13.4.2004, www.arte-tv.com/de/geschichte-gesellschaft/verschwoerungstheorien/interview/420000.html

Zurück zum Index