Das Empire der Postmoderne: Eine Führung durch M.Hardt und A.Negris Buch ‚Empire’ 

 

Postmoderne 

 

 

 

 

Wesentliche Bestimmungen der gegenwärtigen Epoche deuten auf ein Ende der Moderne und ziehen, mangels eines besseren Begriffs für diese Phase des Spätkapitalismus, den Begriff der Postmoderne oder des Postmodernismus in Betracht (Jameson 1992). Schon C. Wright Mills schrieb, „dem Zeitalter der Moderne scheint eine postmoderne Periode zu folgen, in welcher ein Anwachsen der Rationalität nicht unbedingt zu mehr Freiheit führt.“ (Mills 1959, 166f) Zu den wichtigsten Merkmalen dieser Epoche gehören Relativierungen des Raum- und Zeitgefüges der Moderne sowie, vor allem, die Informatisierung der Produktion und der Kultur. Alle diese Aspekte werden von Hardt und Negri ausführlich diskutiert. 

Bezüglich einer neuen Weltordnungsstruktur schreiben sie: 

 

„Das imperiale Paradigma stellt sich zugleich als ein System und als eine Hierarchie dar, als ein zentralisiertes Normengerüst und als umfassendes Erzeugen von Legitimität, die sich über den globalen Raum legen.“ (29) – „Das Empire entsteht heute als Zentrum, das die Globalisierung von Netzwerken der Produktion trägt und ein Netz der Inklusion einsetzt, um möglichst alle Machtbeziehungen innerhalb der neuen Weltordnung einzufassen. Zur gleichen Zeit setzt es Polizeimacht gegen die neuen Barbaren und die rebellischen Sklaven ein, die diese Ordnung bedrohen.“ (35) 

 

Biopolitische Produktion, im Sinne M. Foucaults (1976) und durchaus auch Susan Georges (2001), ist die Basisaktivität dieser Art von Globalisierung: 

 

„Die Konstitution des Empire nimmt weder auf der Grundlage von Verträgen oder Abkommen noch durch irgendwelche föderativen Mechanismen Gestalt an. Der Ursprung der imperialen Normativität ist ein neuer Apparat, ein ökonomisch-industriell-kommunikativer Apparat ... - ... Die Machtverhältnisse des Empire deuten auf etwas Grundlegendes, auf die Produktivkraft des Systems, des neuen biopolitischen ökonomischen und institutionellen Systems. (54f) 

 

Pyramide der globalen Herrschaftsverfassung 

 

 

 

Hardt und Negri sprechen von einer dreischichtigen Struktur des globalen Herrschaftszusammenhangs (the pyramid of global constitution). 

Die oberste Ebene (unified global command) besteht aus der Supermacht USA, einer ausgewählten Gruppe von Nationalstaaten (G7), verschiedenen 'Clubs' wie dem Pariser oder Londoner Club, dem World Economic Forum sowie einem vielfältigen Netz weiterer (informeller) Vereinigungen  und Organisationen (heterogeneous set of associations). 

Die mittlere Ebene (network of international capitalist corporations) wird bestimmt durch die transnationalen Konzerne: sie organisieren die Kapitalflüsse, technologische Entwicklungen und Bevölkerungsbewegungen; die Konzerne 'teilen' sich diese Aufgaben mit einer größeren Gruppe von Nationalstaaten (general set of sovereign nation states) sowie vielfältigen lokalen und regionalen Organisationen. 

Die unterste Ebene des globalen Herrschaftszusammenhangs bilden die 'Mechanismen der Repräsentation' der Interessen des 'globalen Volkes', der 'Multitude': die politischen (parlamentarischen) Systeme der Nationalstaaten, die Vereinten Nationen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und vielfältige Basisbewegungen, Initiativen usw. Hier findet sich beispielsweise der Satz, dass NGOs die lebendige Kraft (vital force) der Völker in allgemeine Biopolitik, sozusagen eine Biopolitik ‚von unten’, verwandeln können. 

Entgegen allen rückwärtsgewandten alteuropäischen Utopien betonen Hardt und Negri: 

 

„Von unserem Standpunkt aus jedoch ist die Tatsache, dass sich gegen die alten Mächte Europas ein neues Empire herausgebildet hat, nur zu begrüßen. Denn wer will noch irgendetwas von der angekränkelten und parasitären herrschenden Klasse Europas wissen, die vom Ancien Régime direkt zum Nationalismus überging, vom Populismus zum Faschismus und die heute auf einen generalisierten Neo-Liberalismus drängt? Wer will noch etwas wissen von diesen Ideologien und bürokratischen Apparaten, von denen die verrottende europäische Elite so gut lebte? Und wer erträgt noch diese Systeme der Arbeitsorganisation und diese Unternehmen, die längst jede Lebendigkeit verloren haben?“ (383) 

 

Die Kategorien des Historischen Materialismus in ‚Empire’ I 

 

 

 

Die Re-aktivierung der Kategorien des Historischen Materialismus durch Hardt und Negri inmitten dessen, was man auch eine ‚Weltsystem-Analyse’ nennen könnte, ist gar nicht zu überschätzen. Natürlich spielt Negris Nähe zur Tradition des italienischen Operaismus (mit seiner Betonung der ‚lebendigen Produktivkräfte’) eine Rolle. Jedenfalls gibt das vielfältig verwendete klassische Begriffssystem der Produktivkrafttheorie dem Werk ‚Empire’ erst seine innere Struktur und seinen Zusammenhalt. Der Begriff des ‚Empire’ ist hier in gewisser Weise als jene Totalität zu verstehen, in welcher die bisherige Geschichte der Produktionsweisen, Überbauten und Gesellschaftsformationen ‚aufgehoben’ ist. 

Die Rolle der Produktionsmittel (pm), die sachlich-gegenständliche Seite der Produktivkräfte, wird einmal mehr in den Gesamtprozess eingeordnet: 

 

„‚Vogelfrei‘ – mit diesem Begriff hat Karl Marx das Proletariat beschrieben, das zu Beginn der Moderne in den ursprünglichen Akkumulationsprozessen auf zweifache Weise befreit wurde: In erster Linie wurde es davon befreit, Eigentum des Herren zu sein (d.h. von der Leibeigenschaft); und zum zweiten wurde es von den Produktionsmitteln ‚befreit‘, es durfte keinen Boden besitzen und hatte nichts zu verkaufen als die eigene Arbeitskraft.“ (170) 

 

Arbeitskraft (ak) wird wieder als gesellschaftskonstituierende Macht gesehen: 

 

 „Nein, wir sind keine Anarchisten, sondern Kommunisten, die gesehen haben, wie viel Repression und Zerstörung von Humanität von liberalen und sozialistischen allgegenwärtigen Staaten ausging. Und wir haben gesehen, wie all dies Eingang ins Empire fand, und zwar gerade in dem Moment, da die Zyklen produktiver Kooperation die Arbeitskraft insgesamt in die Lage versetzten, sich selbst an Stelle einer Regierung zu konstituieren.“ (358) 

 

Und folglich gilt es, nach der Erosion der (staatlichen) Souveränitätsformen der Moderne, die revolutionäre Rolle der Produktivkräfte (pk) zu betonen: 

 

„Was Marx für die Zukunft voraussagte, erleben wir heute. Diese radikale Veränderung von Arbeitskraft und die Einbeziehung von Wissenschaft, Kommunikation und Sprache in die Produktivkräfte haben die gesamte Phänomenologie der Arbeit und den weltweiten Horizont der Produktion neu definiert.“ (372) 

 

Die Kategorien des Historischen Materialismus in ‚Empire’ II 

 

 

 

Ein wesentliches Merkmal der Kategorien des Historisches Materialismus ist ihr dialektischer Zusammenhang und ihre Fähigkeit, immer neue Stufen des Weltsystems, der historischen Totalität, in ein Entwicklungsmodell zu bringen. Dies ist der Sinn der methodologischen Bestimmung, Produktivkräfte als aus dem dialektischen Zusammenspiel von Produktionsmitteln (pm) und Arbeitskräften (ak) erwachsend zu betrachten, Produktionsverhältnisse als die Aktivierung verschiedener Aspekte des Zusammenspiels zwischen Produktionsmitteln und Arbeitskräften. Gesellschaftsformationen stellen sich dann als die dialektische Einheit von bestimmten Produktionsweisen und Überbauten dar, während ‚Empire’ im Prinzip die Elemente aller bisherigen Produktionsweisen und Überbauten zu ‚aktivieren’ in der Lage ist. 

Unter dem ‚Aktivierungsaspekt’ ist folglich von den Produktionsverhältnissen (pv) zu sagen: 

 

„Die Kämpfe des Proletariats ... zwingen das Kapital dazu, das technologische Niveau ständig zu erhöhen und damit die Arbeitsprozesse zu verändern. Die Kämpfe nötigen das Kapital ununterbrochen, die Produktionsverhältnisse zu reformieren und die Herrschaftsverhältnisse zu transformieren.“ (220)  

 

Und diese Dynamik setzt Produktionsweisen (pw) in Gang: 

 

„Die Revolution informationeller Akkumulation verlangt in der weiteren Vergesellschaftung der Produktion einen ungeheuren Sprung nach vorn. Diese gesteigerte Vergesellschaftung ist, zusammen mit der Einschränkung des gesellschaftlichen Raums und der Zeitdimension, ein Vorgang, der dem Kapital gesteigerte Produktivität verspricht: doch zugleich weist der Prozess über die Geschichte des Kapitals hinaus, in Richtung einer zukünftigen gesellschaftlichen Produktionsweise.“ (270) 

 

Dies alles führt zu einer Aktivierung der Überbauten (üb), die kulturelle Logik des Spätkapitalismus wird zu seiner Produktionslogik (Jameson 1992): 

 

„Das Empire nimmt Gestalt an, wenn Sprache und Kommunikation oder genauer: wenn immaterielle Arbeit und Kooperation zur vorherrschenden Produktivkraft werden ... Der Überbau wird nun zur Arbeit, und das Universum, in dem wir leben, ist ein Universum sprachlicher Produktionsnetzwerke.“ (391f.) 

 

Machteliten des Empire: Privatisierung 

 

 

 

Über die Rolle der Geldmächtigen im Sinne einer akteursbezogenen Perspektive findet sich in ‚Empire’ nichts. Im Gegenteil, Antonio Negri schätzt die Rolle reicher Privatleute im globalen Herrschaftsgeschehen gering und wenn überhaupt, positiv ein. 

Gleichwohl spielen die Konzepte der Privatisierung und des Privateigentums im Empire-Modell eine zentrale Rolle: 

 

„Die Öffentlichkeit löst sich auf, wird privatisiert, sogar als Begriff ... Das Immanenzverhältnis zwischen Öffentlichem und Gemeinschaftlichem wird ersetzt durch die transzendente Macht des Privateigentums ... Der Begriff des Privateigentums selbst ... wird zunehmend unsinnig ... Man muss allerdings bedenken, dass diese neue gesellschaftliche Bedingung das rechtliche und politische Regime des Privateigentums keineswegs geschwächt hat. Die begriffliche Krise des Privateigentums wird nicht zur praktischen Krise, stattdessen tendiert das Regime privater Enteignung dazu, universell zu werden.“ (312 f) 

 

Zwischen dem ‚Regime privater Enteigung’, der accumulation by dispossession (Harvey), und den Produktivkräften der ‚Generierung’ besteht ein Zusammenhang, vergleichbar dem feudalen Herr-Knecht-Verhältnis (Hegel): 

 

„Das Biopolitische ist, vom Standpunkt des Begehrens aus betrachtet, nichts anderes als konkrete Produktion, menschliche Kollektivität in Aktion. Begehren erscheint hier als produktiver Raum, als die Aktualisierung menschlicher Kooperation bei der Gestaltung der Geschichte.“ (394) 

 

Bezeichnend ist, dass diese ‚Macht der Erzeugung und des Begehrens’ (generatio) unter dem Regime der privaten Enteignung eine Beute der systemischen Korruption wird: 

 

Während Korruption in der Antike und in der Moderne immer wieder, weil ‚moralisch verwerflich’, Anlass für Reformen war, „kann Korruption heute bei der Transformation von Regierungsformen gar keine Rolle spielen, weil sie selbst ja Substanz und Totalität des Empire ist. Korruption ist die reine Ausübung des Kommandos, ohne jeden verhältnismäßigen oder angemessenen Bezug zur Lebenswelt.“ (398)  

 

Machteliten des Empire: Die Ringburg 

 

 

Wenn es auch – auf Grund des systemtheoretisch-strukturalistischen Ansatzes – in ‚Empire’ keine direkten Aussagen über Machteliten gibt, so finden sich doch aufschlussreiche Hinweise über die Handlungsfelder und den Habitus dieser Gruppen, welche die Ergebnisse des Power Structure Research ergänzen. 

So ist es für ein Verständnis eines Konzepts von Konzerneliten, wie es in diesem Buch entwickelt wurde, nicht unwichtig, dass die 

 

„großen transnationalen Konzerne, die nationale Grenzen übergreifen und als Bindeglieder im globalen System fungieren, ... ihrerseits intern in kultureller Hinsicht weitaus vielfältiger und weniger festgelegt [sind] als die begrenzten modernen Unternehmen früherer Jahre.“ (165f)

 

Ähnliches gilt für die Aktionsformen politischer Eliten

 

Während historisch „die Spaltung der Menge ... schon immer Bedingung des politischen Regierungshandelns“ war, versucht Politik heute „Konflikte nicht zu integrieren, indem sie sie einem kohärenten sozialen Dispositiv unterwirft, sondern indem sie die Differenzen kontrolliert.“ (348)

 

Und unter den technokratischen Eliten, den Exponenten immaterieller Arbeit, unterscheiden Hardt und Negri drei Handlungstypen:

 

Der erste Typ entfaltet sich in der durch Informatisierung und Kommunikationstechnologien transformierten industriellen Produktion. „Der zweite Typ immaterieller Arbeit kann durch analytische und symbolische Anforderungen umrissen werden ... Der dritte Typ schließlich bezieht sich auf die Produktion und Handhabung von Affekten“ und „erfordert - sei es virtuell oder aktuell - zwischenmenschlichen Kontakt und die Arbeit am körperlichen Befinden.“ (305)  

 

‚Multitude’ und die neuen Barbaren 

 

 

 

Das ‚Volk des Empire’, die Menge oder besser, in Global-Speak, die ‚Multitude’, kommt in ‚Empire’ noch nicht so recht zum Zuge. Auf jeden Fall kann die ‚Multitude’ nicht nur als die ‚Basis’ einer hierarchischen Pyramide gesehen werden, ihr Raum ist vielmehr, mit einem alten Wort von Theodor Geiger, im Sinne eines ‚Schmelztiegels der Klassengesellschaft’ zu begreifen. 

In einem Abschnitt, der ‚Intermezzo: Gegen-Empire’ überschrieben ist, gehen Hardt und Negri auf die Frage ein, wie und wo überhaupt in diesem Schmelztiegel der qualitative Sprung in eine wirklich anti-kapitalistische Widerstandsbewegung zu erwarten iat. Für Marx bot die Pariser Commune die praktische Anschauung. Für den Anfang des 20. Jahrhunderts waren es möglicherweise die ‚Wobblies’, die Industrial Workers of the World (IWW). Für die (postmoderne) Gegenwart lauten die Stichworte Nomadismus, Desertion und Exodus. Die deutsche Diskussion hat sich mit diesem Abschnitt von ‚Empire’ schwer getan. Er ist auch nur zu begreifen, wenn die High-Tech-Dimension der heutigen Widerstandsmöglichkeiten mit berücksichtigt wird. Diesen neuen Typus des praktischen Widerstands umschreiben Hardt und Negri mit dem Begriff der ‚neuen Barbaren’ bzw. mit dem Konzept eines ‚anthropologischen Exodus’ gerade auch mithilfe der neuen Technologien. Dieses Konzept sei im übrigen „höchst ambivalent, weil seine Methoden, nämlich Hybridbildung und Mutation, genau die gleichen sind, die auch die imperiale Souveränität anwendet“ (228). Dennoch: 

„[Der] Wille, dagegen zu sein, bedarf in Wahrheit eines Körpers, der vollkommen unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen; eines Körpers, der unfähig ist, sich an ein familiäres Leben anzupassen, an Fabrikdisziplin, an die Regulierungen des traditionellen Sexuallebens ... Der neue Körper muss ... in der Lage [sein], ein neues Leben zu schaffen. Wir müssen viel weiter gehen, um diesen neuen Ort des Nicht-Orts zu bestimmen ... Wir müssen dahin gelangen, ein kohärentes politisches Artefakt zu entwickeln, ein künstliches Werden in dem Sinne, wie die Humanisten von einem durch Kunst und Erkenntnis geschaffenen homohomo sprachen ...“ (228)

 

‚Multitude’ und die Technokratischen Eliten 

 

 

 

Andererseits gründet das Widerstandspotenzial der ‚Multitude’ auf einem uralten menschlichen Instinkt, der Freude des Menschen an der Arbeit, am Produzieren und Gestalten, an der Kreativität, kurz: auf der anthropologischen Bestimmung des Menschen als des arbeitenden Wesens. Der Name Thorstein Veblens taucht bei Hardt und Negri nicht auf, für den Soziologen aber ist dessen ‚Instinct of Workmanship and the Irksomeness of Labor’ (Der Instinkt, gute Arbeit zu leisten, und die Lästigkeit des Arbeitens) ein Schlüsseltext in diesem Zusammenhang: 

 

“In den Phasen vernünftigen Nachdenkens, ohne den störenden Stress der Überarbeitung, äußert sich der gesunde Menschenverstand der Werktätigen eindeutig unter dem Einfluss des Instinkts, gute Arbeit leisten zu wollen. Sie möchten, dass jedermann sein Leben sinnvoll verbringt, und sie möchten auch denken, dass ihr eigenes Leben von Nutzen ist. Alle Menschen haben diesen quasi-ästhetischen Sinn für ökonomische bzw. industrielle Leistung, und insofern sind ihnen Vergeblichkeit und Ineffizienz zwider. Positiv betrachtet ist dies der Impuls oder eben Instinkt, gute Arbeit zu leisten (instinct of workmanship), negativ betrachtet drückt sich dies in der Ablehnung der Vergeudung von Arbeitskraft aus. Dieser Sinn für Leistung und Fehlleistung hinsichtlich der materiellen Beförderung und Behinderung des Lebens unterstützt also ökonomisch effektive Handlungen und missbilligt wirtschaftlichen Leerlauf.“ (Veblen 1898) 

 

Das Konzept des ‘instinct of workmanship’ steht, was sein revolutionäres Potenzial betrifft, am Beginn der Arbeiterbewegung, als sich die ‚Multitude’ der ‚spezifische Verwertungskraft der eigenen Arbeit’ und der Kraft, die in der ‚Kooperation der Arbeitenden’ liegt, bewusst wurde. Dieser ‚Instinkt’ ist selbstverständlich auch in den ‚technokratischen Eliten’ wirksam und verbindet diese dialektisch mit den ‚Facharbeitern’: 

 

„Die erste Phase der eigentlichen kapitalistischen Arbeitermilitanz ... war von der Figur des professionellen Arbeiters bestimmt, dem hochqualifizierten Arbeiter, der in der industriellen Produktion hierarchisch organisiert war. Diese Militanz war vor allem darauf gerichtet, die spezifische Verwertungsmacht der eigenen Arbeit und der produktiven Kooperation in eine Waffe zu verwandeln, die man für ein Projekt der Wiederaneignung benutzen konnte“ (415)

 

‚Multitude’ im Feld der Machteliten I 

 

 

 

Die ‚Multitude’ operiert also im gleichen Raum wie die Machteliten, auch wenn hierarchische und nicht-hierarchische Strukturierung hier einander entgegenstehen. Insofern gewinnen nicht nur die ‚Arbeitspolitik’, sondern auch die Verteilungs-, Verwertungs- und Eigentumspolitik neue Dimensionen und Möglichkeiten, die sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung bereits niedergeschlagen haben (auch wenn der Neoliberalismus sie zu verschütten trachtet). So hat die ‚Multitude’ hinsichtlich der Verteilungspolitik eine wirkliche Alternative zum System kapitalistischer Macht“ entwickelt, nämlich „die Organisation der Massengewerkschaften, die Einrichtung des Wohlfahrtsstaats und den sozialdemokratischen Reformismus“ (416). Diese „zweite Phase kapitalistischer Arbeitermilitanz“ 

 

„war von der Figur des Massenarbeiters bestimmt. Die Militanz des Massenarbeiters verband die eigene Selbstverwertung als Verweigerung der Fabrikarbeit mit der Ausweitung seiner Macht über alle gesellschaftlichen Reproduktionsmechanismen. Sein Programm lautete, eine wirkliche Alternative zum System kapitalistischer Macht zu schaffen.“ (416)

 

Auch hinsichtlich der Verwertungspolitik gibt es Errungenschaften, die keineswegs veraltet sind, sondern zur Basis eines Gegen-Empire gehören. Sie haben sich mit der Gestalt des ‚sozialistischen’ oder ‚gesellschaftlichen’ Arbeiters entfaltet und deuten auf ein neues ‚Verfassungsprojekt’, ein neues Verwertungsregime: 

 

„Heute, in der Phase der Arbeitermilitanz, die den post-fordistischen, informellen Produktionsregimen korrespondiert, entsteht die Figur des gesellschaftlichen Arbeiters. In ihr werden die verschiedenen Fäden immaterieller Arbeitskraft miteinander verwoben ... Mit anderen Worten: Das Programm des gesellschaftlichen Arbeiters ist ein Verfassungsprojekt. In der heutigen Produktionsmatrix kann die konstituierende Macht der Arbeit folgende Ausdrucksformen annehmen: als Selbstverwertung des Menschen ... als Kooperation ... und als politische Macht ...(416)

 

‚Multitude’ im Feld der Machteliten II 

 

 

 

Im Schema von Hardt und Negri kulminiert diese ganze Entwicklung in einer neuen Eigentumspolitik, die wir uns durchaus im Sinne einer unmittelbaren Auseinandersetzung zwischen ‚Multitude’ und ‚Superreichtum’ vorstellen können. Sie findet, wie auch bezüglich der anderen Machteliten, im gleichen, aber eben nicht im selben Raum statt, in einer kulturell hochdifferenzierten Sphäre, in welcher es letztlich auch um die Vielfalt von Eigentumsformen geht, die nicht nur auf Enteignung (dispossession) und Aneignung, sondern auch auf Teilen, Schenken usw. beruhen. Hardt und Negri stellen diese Eigentumspolitik der ‚Multitude’ unter das Konzept der Wiederaneignung, auf der Basis der Forderung nach Weltbürgerschaft und allgemeiner, d.h. weltweit durchgesetzter sozialer Grundsicherung. In gewisser Weise kehrt hier auch die alte Allegorie des dialektischen Verhältnisses zwischen Herr und Knecht wieder zurück, nach welcher der ‚Herr’ im Genuss versinkt, während der ‚Knecht’ in der Arbeit ein neues Selbstbewusstsein gewinnt. Die Macht des Geldes kann durch die Macht des Wissens und den Sinn für gute, den Reichtum dieser Welt nicht vergeudende Arbeit abgelöst werden. In diesem Sinne ist Eigentumspolitik Wiederaneignungsarbeit

 

„Das Recht auf Wiederaneignung meint zuallererst das Recht auf Wiederaneignung der Produktionsmittel ... Die Menge benutzt nicht nur Maschinen zur Produktion, sondern wird auch selbst zunehmend zu einer Art Maschine, da die Produktionsmittel immer stärker in die Köpfe und Körper der Menge integriert sind. In diesem Zusammenhang bedeutet Wiederaneignung, freien Zugang zu und Kontrolle über Wissen, Information, Kommunikation und Affekte zu haben – denn dies sind einige der wichtigsten biopolitischen Produktionsmittel.“ (413)  

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