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Generalisten: Ein Blick ins Innere des Council on Foreign Relations
“Die Vereinigten Staaten von Amerika können auf eine lange, erfolgreiche Geschichte ihres einzigartigen – und auf einzigartige Weise komplexen – Systems der außenpolitischen Praxis zurückblicken“, schreibt der Henry A. Kissinger Senior Fellow in U.S. Foreign Policy des Council on Foreign Relations, Walter Russell Mead, im Vorwort seines jüngsten, vielbeachteten Buches Special Providence. American Foreign Policy and How It Changed the World. Mead argumentiert darin, ‚,dass amerikanische Außenpolitik in den letzten zweihundert Jahren keineswegs chaotisch oder naiv oder eine Nebensache gewesen sei, wie etwa manche Europäer meinen, sondern erstaunlich konsistent und meist auf der Höhe der Zeit operierte.“ (Mead 2001, xviii) Es lohnt, sich zunächst mit der Person Walter Russell Meads etwas eingehender beschäftigen. Er verkörpert nämlich eine Kultur der politischen Beratung, die weit über dem steht, was sich, zumindest in den Jahren der Blockbindung, in Ländern wie der BRD oder der DDR herausbilden konnte. Es ist zugleich ein Beratungsstil, wie er nur in einer hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft möglich ist. Für all dies steht das Council on Foreign Relations (CFR), in das Mead 1999 kooptiert wurde. Diese noch immer einflussreichste policy planning group wurde 1921 mit finanzieller Unterstützung der Rockefeller und Carnegie Stiftungen (und später der Ford Foundation) gegründet, um innerhalb der amerikanischen Eliten Konsens in außenpolitischen Fragen herzustellen (vgl. Dye 2002, 126ff). Mead beschreibt seine Tätigkeit im CFR als ein Leben „in der Gemeinschaft von Gelehrten, politischen Machern und brillanten Laien-Lesern und Laien-Denkern“(!, Mead 2001, 355). Dabei ist die Erwähnung der beiden letzten Kategorien das Entscheidende. Denn mit den ‚Laien-Lesern und -Denkern’ ist die eigentliche Klientel all dieser großen, enorm gut dotierten Beratungsinstitutionen, Think Tanks usw. gemeint: die Personen nämlich, die zum Establishment des großen Geldes gehören, das selten in voller Größe sichtbar wird in der Politik und Außenpolitik, um das sich aber natürlich alles dreht in dieser amerikanischen und globalen politischen Kultur. Das CFR (vgl. vor allem Shoup u. Minter 1977) wird von einem 31 Mitglieder starken Board of Directors geleitet. [1] Unter den rund 200 Mitarbeitern sind ca. 75 Fellows (Forscher). Finanziert wird das CFR aus Mitgliedsbeiträgen, Schenkungen, privaten und Stiftungsmitteln, Beiträgen aus der Konzernwelt und Einkünften aus dem eigenen Stiftungskapital. Das Gesamtbudget beträgt etwa 30 Millionen Dollar jährlich. Die Gruppe der Geldmächtigen ist denn auch im CFR, dessen Mitgliederzahl auf rund 4000 Personen (mit langen Wartelisten) begrenzt ist, überproportional vertreten: zum einen durch Spitzenmanager aus Industrie und Finanz (ca. 25%), zum anderen durch Stiftungsadministratoren (20%) und Rechtsanwälte (ca. 10%); dem stehen Wissenschaftler und Wissenschaftsadministratoren (ca. 21%), Regierungsoffizielle (ca. 14%) sowie Journalisten und Medienmanager (ca. 1%) gegenüber (vgl. Dye 2002, 126).
Orientierungsallegorien für die Geldmächtigen Walter Russell Mead ist der Typ eines außenpolitischen Ratgebers, der perfekt in eine Beratungskultur passt, deren maßgebliche Kreise daran gewöhnt sind, alles kaufen zu können, insbesondere auch Stäbe von klugen, begabten Menschen, von Wissenschaftlern, Künstlern, Intellektuellen – und die zugleich ein feines Gespür, ja Verachtung für käufliche Charaktere entwickelt haben. [2] Insofern besteht die Kunst einer Beraterkarriere, die Kunst des Aufstiegs an die Höfe der Geldmacht in der feinen Balance zwischen dem Wissen um die mäzenatischen Netzwerke und einer gewissen inneren Unabhängigkeit. Ich lernte Walter Russell Mead 1993 kennen. Er hatte damals, als Mitarbeiter des World Policy Institute [3] , in einem Aufsatz voller Statistiken, Modelle und Trendanalysen zum amerikanisch-russischen Verhältnis den, wie sich zeigen sollte, außerordentlich medienwirksamen Gedanken formuliert, dass es doch für beide Seiten nur Vorteile brächte, wenn die USA den Russen Sibirien abkauften. Millionäre und Wall Street Broker wurden auf ihn aufmerksam. Mead war dem Establishment erstmals 1987 mit einem Büchlein über die Wandlungen des amerikanischen Imperiums, Mortal Splendor (Sterbliche, aber auch tödliche Pracht), aufgefallen und hatte seither gelegentlich Gutachteraufträge erhalten, war journalistisch für die Los Angeles Times, für Lifestyle-Magazine wie Gentleman’s Quarterly (GQ) usw. tätig gewesen, hatte für unterschiedliche Institutionen weltweit – als ‚außenpolitischer Kundschafter’ – Informationsreisen unternommen und bei einer solcher Gelegenheit auch einmal den Hellespont durchschwommen, um Europa und Asien geo-spirituell miteinander zu verbinden. Ich überredete Spiegel TV, über diesen seltsamen jungen Mann mit der – auch für deutsche Imperialisten - aufregenden Idee eine längere TV-Reportage zu machen. Mit einem Kamerateam begleitete ich Mead auf einer Erkundungsreise durch Sibirien. Über den Kauf Sibiriens sagte er mir damals im einführenden Interview:
"Es begann als ein Scherz. Ich schrieb einen Artikel über den G7-Wirtschaftsgipfel 1992, an dem noch George Bush teilnahm. Boris Jelzin, der unbedingt dabei sein wollte, hatte gerade die Möglichkeit angesprochen, dass der Westen Russlands Ölreserven least. Jelzin wollte an Geld kommen. ... Da kam mir dann der Gedanke: Russland, das europäische Russland Jelzins, ist reif für den Verkauf Sibiriens. Wir könnten Sibirien kaufen. Für einen guten Preis - sagen wir, 3 Billionen, also 3000 Milliarden Dollar. Natürlich könnten wir die 3 Billionen Dollar nicht in einem Jahr zahlen, das wäre zu inflationär. Das wäre lächerlich. Aber über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, zu den marktüblichen Zinsen, wären das etwa 300 Milliarden Dollar jährlich. Zunächst einmal könnte man, im ersten Jahr, jedem Bürger Russlands eintausend Dollar aushändigen und zugleich die russische Auslandsverschuldung vollständig beseitigen. Also, das wäre das erste Jahr. In einem ganz konkreten Sinne könnte jeder einzelne Russe die gegenwärtige Finanzkrise hinter sich lassen. Außerdem wäre Russland plötzlich ein immens kreditwürdiges Land, weil künftig diese ganzen Zahlungen kommen. Das wirkliche Problem ist, dass Russland jetzt Geld braucht, und zwar Billionen von Dollars. Die Japaner mögen uns technologisch überholt haben; auf sozialem Gebiet mag uns Europa voraus sein. Aber bei kreativem Investmentbanking und cleveren Finanzierungsideen sind die Vereinigten Staaten noch immer führend in der Welt." (vgl. Krysmanski 2001, 37-55)
Nach der Sibirienreise wurde die Idee im GQ-Magazin noch einmal ausgebreitet, sogar mit Landkarten, die Sibirien in sieben neue US-Bundesstaaten aufteilten, dann aber hatte für Mead der Spaß ein Ende. Mead wurde Senior Contributing Editor des Börsenmagazins Worth, schrieb dort bemerkenswerte geopolitische Beiträge für Anleger, lieferte Artikel für Esquire, The New York Times, International Herald Tribune, Wall Street Journal und The New Yorker, forschte als President’s Fellow am World Policy Institute. Die Sibirien-Idee entfaltete zwar weiter ihre, bis heute ungebrochene, metaphorische Kraft (denn das Aufkaufen der Welt mit Schein-Dollars setzt sich ja in ungeahnter Weise fort). Doch aus der Meadschen Biografie ist Sibirien verschwunden, denn heute, als der besagte Henry A. Kissinger Senior Fellow in U.S. Policy des CFR, ist er zu einem rundum seriösen, führenden Interpreten der Geschichte der US-Außenpolitik und der Rolle Amerikas in der Welt geworden. [4] Die Tugenden unbefangener Neugier und wohlverstandener Interessenvertretung, die Mead in seinen Anfängen charakterisierten, entfaltet er nun im Milieu des CFR. Das gilt sicher auch für die meisten der (insgesamt wenigen) übrigen kreativen Intellektuellen, die im CFR wirken dürfen. Generell bleibt festzuhalten, dass Beratungsinstitutionen wie das CFR so formidabel geworden sind, weil die eingekauften Geister sich in diesem eingegrenzten, exklusiven Milieu in relativer Freiheit in die Höhe und in die Tiefe entwickeln dürfen. Um die Qualität und Wirksamkeit solcher Institutionen zu verstehen, muss man sich deshalb auch mit der Elitensozialisation, genauer: mit der Sozialisation der Berater- und Experteneliten beschäftigen.
Soziales Kapital Am Ende eines längeren Interviews an der University of California, in welchem Mead seinen Bildungsweg und die verschiedenen Spezialisierungen, die ihm offen standen, beschreibt, fällt der Satz: I still wanted to be a generalist (Ich wollte immer ein Generalist bleiben). Er meint damit, dass der unbändige Drang in uns allen, Totalität, das ‚Weltsystem als solches’ zu erkennen, zunächst in die ‚zweckfreie’ Aneignung komplexer Allegorien und Metaphern aus Literatur, Kunst und Geschichte führen muss. Sein Subtext aber lautet: erst eine breite historische und literarische Fundierung von Urteilskraft ebnet den Weg in die engeren Beraterstäbe des heutigen Souveräns, an die Höfe der Geldmacht. Diese Einsicht zeichnet im Übrigen die US-amerikanischen Eliteuniversitäten und ähnlichen Bildungseinrichtungen seit langem aus.
Heute findet man nicht umsonst an vielen Orten Europas junge Amerikaner, deren stipendienausgestatteten Bildungsaufträge so lauten wie in einem mir bekannten Fall: reise herum und beschäftige dich ein Jahr lang mit nichts anderem als dem Machtgedanken bei Friedrich Nietzsche und Max Weber; zum Schluss schreibe darüber ein kurzes Referat, aber nur wenn du Lust dazu hast. Neu gegründete Stiftungen wie die New America Foundation (s.u.) ebnen frischgebackenen ‚Generalisten’ dann den Weg in die Medienwelt, in die Welt ‚robuster öffentlicher Debatten’. Venture Capital wird in junge Intellektuelle mit neuen, unkonventionellen Ideen investiert; schließlich werden sie aktiv in die Publikationsmilieus der Zukunft platziert. Doch der Weg in die Beratungskultur der Mächtigen – der nicht zu verwechseln ist mit der Sozialisation der Geldeliten selbst [5] - ist noch viel komplizierter und beginnt in der Kindheit. Es sind immer auch Aufstiegsgeschichten aus unteren oder außenseiterischen Soziallagen, man denke an die Biografien von Henry Kissinger oder Zbigniew Brzezinski. Walter Russell Meads eigener Bericht über seine Schul- und Studienzeit ist hier besonders aufschlussreich.
„Mein Vater war Pfarrer der Episkopalischen Kirche, wir zogen in den Südstaaten von Stadt zu Stadt, zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Mein Dad war dort sehr aktiv und marschierte mit Martin Luther King. Die Erfahrungen mit dem sozialen Wandels, der sich dort vollzog, so hautnah, haben mich zutiefst geprägt. Zu beobachten, wie in einer Gesellschaft, die fest daran glaubt, dass Rassentrennung das Richtige ist, Leute auf einmal ihre Meinung ändern und zu lernen beginnen – das hat mich seither begleitet. Mit dreizehn habe ich dann ein Stipendium für die Privatschule Groton [6] erhalten, oben im Norden. Groton war und ist eine sehr bekannte Schule, mit vielen sehr reichen Leuten und einer herausragenden Schulgeschichte. Ich kam aus dem Süden und wusste praktisch nichts über diese Dinge. Ich musste mir das alles aneignen und entweder untergehen oder schwimmen lernen. Ein bisschen ist mir von beidem widerfahren. Dann kam ich als Undergraduate an die Yale University. Auf diesem ganzen Bildungsweg hatte ich großartige Lehrer. Einer von ihnen hat mir in der siebten Klasse die Welt der Literatur erschlossen. Dann waren da in Groton zwei Geschichtslehrer. Doc Iron war schon der Lehrer von George Bundy gewesen, seine Methoden hatten sich seit den 30er Jahren nicht geändert. Acosta Nichols nahm, wenn eine bestimmte Geschichtsperiode dran war, in welcher die Eltern eines der Jungen ihren Reichtum angesammelt hatten, oft auf ziemlich zwielichtige Weise, den betreffenden Jungen beiseite und sagte: "Well, jetzt will ich dir einmal erklären, wie ihr zu eurem Geld gekommen seid. Viele Leute haben sich über die Kriegsprofiteure im Ersten Weltkrieg beschwert, und ...“. In Yale habe ich dann viele Kurse in Geschichte und Amerikastudien belegt, aber eigentlich wollte ich nur Literatur lesen. Ich bin noch immer Mitglied in Lektüregruppen, wo wir gemeinsam Romane lesen. Ich verbringe vermutlich genauso viel Zeit mit Literatur wie mit anderen Dingen. Ich glaube, nur wenn man die Dichtung einer Kultur, die Sprache einer Gesellschaft versteht, gewinnt man Einsicht in die ‚innere Landschaft’ (inscape) einer Kultur oder eines Volkes. Vielen Leute auf dem Gebiet der Außenpolitik, die nur akademische Politikwissenschaft studiert haben, fehlt ein Gefühl für die wahre Realität eines Volkes oder einer Kultur. Seit ich beim CFR bin, haben begonnen, unsere Mitarbeiter rüber ins Metropolitan Museum of Art zu führen usw. Ich bin während des Vietnamkriegs aufgewachsen ... und die Eltern vieler meiner Freunde spielten in diesem Krieg bedeutende Rollen. Ich erfuhr also auf negative Weise, wie wichtig Außenpolitik ist und was alles Schreckliche passieren kann, wenn die Dinge schief laufen. Deshalb wollte ich lange nichts von Außenpolitik wissen. Ich habe mich sozusagen rumgetrieben, alles Mögliche gemacht. Die Fortsetzung des Universitätsstudiums war nichts für mich. Ich wollte immer noch ein Generalist sein und Literatur lesen. Aber die möchten aus dir das Mitglied einer Profession machen, statt dir einen breiten Wissenshintergrund über deine eigene und fremde Kulturen zu vermitteln. Meine Ziele und dieses Bildungssystem passten einfach nicht zusammen. Also sparte ich mein Geld und las auf eigene Faust weiter.” [7]
Ein Think Tank für Laien-Denker Nun
also ist Mead einer der wichtigsten Intellektuellen des CFR.
Schon sein erstes, 1987 erschienenes Buch, Mortal Splendor: The
American Empire in Transition, hielt die New York Times
für eine Muss-Lektüre für alle Präsidentschaftskandidaten und ihre
Stäbe. Seine generalistische Expertise erstreckt sich nicht nur auf US-Außenpolitik
im allgemeinen und internationale politische Ökonomie im besonderen,
sondern auch auf das spezielle ‚Problem’ Kuba, zu dem das CFR unter
Meads Leitung eine bemerkenswerte Denkschrift vorgelegt hat. Außerordentlich
umfangreich ist seine journalistisch-publizistische Tätigkeit geblieben.
In gewisser Weise hat er schon jetzt dazu beigetragen, das alte CFR
in das neue Medienzeitalter, das Zeitalter einer noch medienbewussteren
Machtelite hinüber zu steuern (vgl. auch seine Initiative zur Gründung
der New America Foundation, s.u.). Wie
überhaupt hat sich das Council on Foreign Relations im letzten
Jahrzehnt entwickelt? Aus den vielen US-amerikanischen Policy Planning
Organizations und Think Tanks heben sich unter Machtgesichtspunkten
neben dem Council on Foreign Relations noch immer die Trilaterale
Kommission, das Committee for Economic Development, der Business
Roundtable, die Brookings Institution, das American
Enterprise Institute und die Heritage Foundation hervor.
In diesen Organisationen werden die Mechanismen amerikanischer Politik
koordiniert. In ihnen kommen Leute aus der Welt der Finanzen und der
Konzerne, aus den Universitäten, den Medien, großen Rechtsanwaltskanzleien
und aus dem Regierungsapparat zusammen und entwickeln Politiken und
Programme, die dann dem Kongress, dem Präsidenten und schließlich
der Öffentlichkeit unterbreitet werden. Das CFR beschreibt
sich selbst als ein einmaliges Forum, das führende Menschen aus der
akademischen, öffentlichen und ‘privaten’ Welt zusammenbringt. Das
CFR ist, wie gesagt, dazu bestimmt, unter den Eliten Konsens
hinsichtlich außenpolitischer Fragen herzustellen. Neue außenpolitische
Strategien werden initiiert, indem in einem ersten Schritt Wissenschaftler
mit der Untersuchung bestimmter Fragen beauftragt werden. Diese Forschungen
werden in der Regel durch Stiftungen finanziert. Die Ergebnisse werden
sodann innerhalb des CFR in Seminaren und anderen Diskussionszusammenhängen
unter Beteiligung von CFR-Mitgliedern, Spitzenpolitikern und
führenden Regierungspolitikern evaluiert. Das CFR gibt die Zeitschrift Foreign Affairs heraus, die lange Jahre als das inoffizielle Sprachrohr der amerikanischen Außenpolitik galt. Es gibt wenige wichtige Initiativen der US-Außenpolitik, die nicht zuerst in Artikeln dieser Publikation erörtert wurden. Die Liste früherer Mitglieder des CFR enthält sämtliche Personen, die in der amerikanischen Außenpolitik über Einfluss verfügten: von Elihu Root, Henry Stimson, John Foster Dulles, Dean Acheson, Robert Lovett, George F. Kennan, Averill Harriman und Dean Rusk bis zu Henry Kissinger, Cyrus Vance, Alexander Haig, George Schultz und dem früheren Präsidenten George Bush. Fast zwei Jahrzehnte lang war David Rockefeller, Chef der Chase Manhattan Bank, Vorsitzender des CFR. Gerade an dieser Person lässt sich zeigen, wie internationale Bank- und Investitionsaktivitäten sich nahtlos mit dem außenpolitischen Know-how des CFR verbinden. (Dye 2002. 127f) Das Board of Directors des CFR stellte immer eine Konzentration von Macht und Einfluss dar, seine Zusammensetzung war und ist ein Paradebeispiel für das Prinzip der interlocking directorates (vgl. Abb. 10), durch welches die Interessen des großen Geldes (das sich selbst als ‚Privatsektor’ beschreibt) in die öffentlichen und akademischen Sphären hineingetragen werden.
Die
soziale, informelle Verflechtung dieser Kreise wird deutlich, wenn
man sich einige der wichtigsten Mitglieder dieses Aufsichtsrats und
ihre Funktionen vor Augen führt: Peter
G. Peterson, der jetzige Vorsitzende des CFR ist ein früherer Chief Executive Officer der
führenden Wall Street Investitionsfirma Lehman Brothers, außerdem
war er Aufsichtsratsvorsitzender von Bell and Howell Co. sowie
Handelsminister unter Richard Nixon, außerdem Direktor der Minnesota
Mining & Mfg. Co., von General Foods und des Rockefeller
Center und schließlich im Verwaltungsrat des Committee on Economic
Development und des Museum of Modern Art. Cyrus
R. Vance war Außenminister unter Jimmy Carter, Aufsichtsratsvorsitzender
der Rockefeller Foundation und
Senior Partner in der angesehenen Wall Street Rechtsanwaltfirma Simpson,
Thacher & Bartlett. Lewis V. Gerstner, Jr. fungiert als Chairman und CEO von IBM und als ein
Direktor von Bristol-Myers Squibb; er war außerdem Chairman
und CEO von RJR-Nabisco und ist Mitglied des Business
Roundtable, sitzt im Verwaltungsrat der New York Public Library
und ist Regent der Smithsonian Institution. Carla A.
Hills war unter George Bush Senior Hauptunterhändlerin für Handelsfragen
und unter Gerald Ford Ministerin für Wohnungswesen und Stadtentwicklung,
außerdem Direktorin bei IBM, Corning
Glass, American Airlines und Chevron. Paul
A. Volcker war Chairman des Federal
Reserve Board. Diane Sawyer ist eine bekannte Fernsehjournalistin
für ABC News. Paul A. Allaire ist Chairman und CEO von Xerox und ein Direktor von Sara Lee, J.P.
Morgan, Smith Kline Beecham, Lucent Technologies
und der Ford Foundation. Hier
wie in der gesamten Strukturschicht, in welcher der Einfluss der Geldmächtigen
organisiert wird, spielt das Prinzip der interlocking directorates
eine entscheidende Rolle. Dieses Vernetzen und Verweben von Positionsbesetzungen
in der Industrie, in der Finanz, in kulturellen Einrichtungen und
natürlich im Beratungs- und Strategieentwicklungswesen bildet sich
dann auch dort ab, wo, wie etwa im CFR, nun tatsächlich Denkanstrengungen
unternommen und Handlungskonzepte entworfen werden. Die Umstände und
Kontexte, unter denen Meads letztes Buch entstand, bilden hier interessantes
Anschauungsmaterial.
Die Genese eines Fürstenspiegels: Special Providence Walter Russell Meads Buch Special Providence. American Foreign Policy and How It Changed the World erschien im September 2001, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt für einen Text, der sich mit historischem Blick den Grundzügen amerikanischer Außenpolitik zuwendet. Was ohne Frage auch als ein Lehrstück des CFR für die Bush-Administration gedacht war, ging in den Aufgeregtheiten nach dem 11. September unter und hat auf die Berater dieser Regierung sicher bis heute keinen Eindruck mehr gemacht. Dabei hatte Mead versucht, das Zusammenspiel unterschiedlicher außenpolitischer Sichtweisen, die sich in der amerikanischen Geschichte immer wieder abgelöst oder auch verwoben haben, darzustellen und damit den neokonservativen Extremismus, den er auf Andrew Jackson zurückführte, zu relativieren. Zu diesem Zweck hatte Mead auf lebendige Denktraditionen verwiesen, die sich mit der Außenpolitik weiterer Präsidenten verbinden lassen: Alexander Hamilton, Woodrow Wilson, Thomas Jefferson und Andrew Jackson.
a) Entstehung des Buchs Mead, der zahllose Artikel und Papiere, aber mit Special Providence erst sein zweites Buch verfasst hat, beschreibt den langen Entstehungsprozess, der fast dem eines literarischen Werkes gleicht. Verschiedene Institutionen wie das World Policy Institute und unterschiedliche Geldgeber finanzierten die jahrelangen Recherchen, bis es ihm ermöglicht wurde, “das Leben der CFR-Gemeinschaft zu teilen” und dort “von talentierten und hingebungsvollen jungen Profis” und vor allem vom “unschätzbaren Bibliothekspersonal des CFR“ Unterstützung zu erfahren. Entscheidend aber war in der Endphase, dass er immer wieder Kapitelentwürfe Studiengruppen in New York, Washington und Los Angeles vorlegen konnte, die von einigen der “formidabelsten und erfahrensten Frauen und Männern auf dem Feld amerikanischer Geschichte und Außenpolitik” besucht wurden, darunter z.B. Arthur Schlesinger, Jr. Außerdem war innerhalb des CFR für die Fertigstellung des Buchs eine ‘Schatten-Studiengruppe’ gebildet worden. Und Mead fügt hinzu, wie sehr seine journalistische Arbeit, insbesondere als Redakteur der Los Angeles Times, seinen Schreibstil verbessert habe. Zudem gab es Versuchsveröffentlichungen, beispielsweise des Jackson-Kapitels im ultrarechten Leitmagazin The National Interest, dessen Leserschaft, so Mead, auf die Darstellung des ‚Jacksonismus’ enthusiastisch reagierte.
b) Vier außenpolitische Denktraditionen Meads Stil hat hohe literarische Qualität und ist in seiner Klarheit, seinem Metaphernreichtum und nicht zuletzt wegen seines Rekurses auf kulturelle Traditionen perfekt auf den Denkhabitus seiner primären Klientel, des amerikanischen Establishments, abgestimmt. Diese Schicht eines kulturell ausgestalteten, d.h. sowohl der Massenkultur als auch der Hochkultur zugewandten Reichtums, diese Schicht des ‚alten Geldes’ sitzt noch immer an den Schalthebeln der amerikanischen Machtstrukturen und umfasst durchaus das Bush-Lager ebenso wie das Kerry-Lager. Diese Spannweite – und diese Spannungen – versucht Mead mit seinem Modell der verschiedenen Varianten ‚amerikanischer Vorsehung’ einzufangen:
“Die
Hamilton-Schule hält eine starke Allianz zwischen Nationalregierung
und Big Business für den Schlüssel zu innerer Stabilität und zu effektiver
äußerer Aktion; sie hat sich immer auf das Bedürfnis der Nation konzentriert,
zu vorteilhaften Bedingungen in die globale Ökonomie integriert zu
werden. Die Wilson-Schule glaubt, dass die Vereinigten Staaten
sowohl die moralische Pflicht als auch ein tiefes nationales Interesse
haben, amerikanische demokratische und soziale Werte über die Welt
zu verbreiten und dadurch eine friedliche internationale Gemeinschaft
zu schaffen, welche die Herrschaft des Rechts akzeptiert. Die Jefferson-Schule
meint, dass die amerikanische Außenpolitik sich weniger um die Verbreitung
der Demokratie im Ausland und mehr um deren Sicherung zuhause kümmern
sollte. Diese Schule stand den politischen Ansichten der Hamilton-
und Wilson-Schule historisch immer skeptisch gegenüber, denn diese
hatten die Vereinigten Staaten schließlich mit unappetitlichen ausländischen
Alliierten in Verbindung gebracht und das Kriegsrisiko erhöht. Schließlich
gibt es eine breite populistische Richtung, die ich die Jackson-Schule
nenne, die glaubt, dass das wichtigste Ziel jeder US-Regierung sein
muss, sowohl zuhause wie im Ausland für die physische Sicherheit und
das ökonomische Wohlergehen des amerikanischen Volkes zu sorgen. ‚Hüte
dich, auf mich zu treten!’ warnte die Klapperschlange auf der Kriegsflagge
der amerikanischen Revolution. Die Jackson-Schule glaubt, dass die
Vereinigten Staaten nicht von sich aus Streit mit anderen Ländern
suchen sollten. Wenn aber andere Nationen die USA angreifen, dann
gilt für sie der Satz von General Douglas McArthur: ‚Zum Sieg gibt
es keine Alternative.’“ (Mead
2001, xvii) c) Vermögenskultur in Aktion: das Unterstützerfeld Die
Danksagungen zu diesem Buch gestaltet Mead umfangreich, genau und
die eigene ‘Karriere’ reflektierend. Wenn er zunächst andeutet, dass
das Buch im wesentlichen durch Richard C. Leone und den Aufsichtsrat
der Century Foundation (früher Twentieth Century Fund)
gefördert wurde, so bringt er mit dem CFR-Mitglied Leone einen
‘Laien-Denker’ ins Spiel, der in New York/New Jersey eine wichtige
politische Figur war und ist (z.B. früherer Vorsitzender der Port
Authority of New York and New Jersey sowie Finanzminister des
Bundesstaates New Jersey), der aber zugleich als wirkungsvoller Publizist
für die New York Times, die Washington Post, die Los
Angeles Times, Foreign Affairs und The Nation geschrieben
hat. Außerdem war Leone Präsident des New York Mercantile Exchange
und ist managing director einer großen Investment-Firma, Dillon
Read and Co. Diese soziale Durchmischung, diese Vernetztheit individueller
Aktivitäten ist typisch für die Macht- und Geldeliten der USA und
praktisch einzigartig im internationalen Vergleich. Eine zweite Figur
diesen Zuschnitts ist Leslie Gelb, ex-Präsident des CFR, der
Mead – was eine ungewöhnliche Ehre ist – bereits 1997 einlud, Mitglied
des CFR zu werden. Gelb war zu diesem Zeitpunkt zugleich in
den Verwaltungsräten usw. des Carnegie Endowment for International Peace, der Tufts University, der School
of International and Public Affairs der Columbia University,
des Center on Press, Politics and Public Policy der John
F. Kennedy School of Government an der Harvard University
usw. Zuvor hatte Gelb eine Karriere in der New York Times hinter
sich gebracht, war einer der stellvertretenden Chefredakteure und
gehörte zum Elite-Kreis der Kolumnisten dort. Auch war er in den 80ern
Korrespondent von The Times in nationalen Sicherheitsfragen
und davor in verschiedenen Regierungsämtern, darunter Berater des
German Marshall Fund und Staatssekretär im Außenministerium
unter Jimmy Carter. Und noch früher, in den 60ern (diese Schicht wird
aktiv alt), war Gelb in der Planungsabteilung des Pentagon tätig gewesen
und hatte unter anderem das Pentagon Papers Project geleitet. Besonders aufschlussreich ist schließlich Meads Erwähnung einer Gruppe von Geldgebern, die im Kontext des CFR sein Gehalt und die Recherchekosten getragen haben (Mead 2001, 355). Wir blicken hier auf Partien eines Netzwerks, für dessen Untersuchung die Methoden und Instrumente des Power Structure Research entwickelt werden, wie sie mit Initiativen und Projekten wie Namebase, dem Government Information Awareness Project des MIT, They Rule usw. verbunden sind. Die
von Mead genannten finanziellen Unterstützer repräsentieren das Kraftfeld
der Hamiltonians, Wilsonians, Jeffersonians und
Jacksonians dort, wo es in der Gegenwart vermutlich am innigsten
mit Geldmacht verwoben ist, nämlich im privaten Investment- und Finanzsektor,
der inzwischen die Habitate des Establishments mehr als jeder andere
prägt. Das jeweilige Ausmaß der finanziellen Zuwendungen seitens der
von Mead genannten Personen lässt sich selbstverständlich nicht ermitteln,
doch dass er sie für erwähnenswert hält, schließt ein Netzwerk auf,
von dessen Existenz sonst wenig an die Öffentlichkeit dringt. Da ist
zum Beispiel Allen R. Adler, der sich jetzt ‚Privatinvestor’ nennt,
früher aber Manager bei Columbia Pictures Industries und Paribas
North America war und außerdem in den Aufsichtsräten des Simon
Wiesenthal Center und des World Policy Institute sitzt;
oder Frank W. Hoch von Brown Brothers Harriman & Co.,
einer Investmentfirma, die ungefähr 35 Mrd. Dollar verwaltet oder
Robert Rosenkranz, Chief
Executive Officer und später Chairman der Delphi Financial
Group, Inc. Einen anderen Typus stellt Stanley S. Arkin
dar, der seit 1968 Chef einer der innovativsten und effektivsten Wall
Street Rechtsanwaltsfirmen ist, die sich vor allem, wie sie selber
verkündet, mit der Investigation und Verfahrensführung besonders komplexer,
ungewöhnlicher und sensibler Fälle hervorgetan hat. Daneben treten
Mäzene wie Robert J. Chaves, Kimball Chen, Mary van Evera, Joachim
Gfoeller Jr., John H.J. Guth, Frank W. Hoch und Winthrop R. Munyan
auf, über die nach einer ersten Recherche wenig zu berichten ist,
außer, dass sie auf vielen Spenderlisten im Milieu von Wissenschaft
und Kunst auftauchen. Ganz anders ist es mit John H. Gutfreund und
seiner Gutfreund Foundation bestellt. Gutfreund
[8]
ist eine der zentralen
Figuren der New Yorker Finpols, wie Ferdinand Lundberg (1968)
die finanzpolitische Fraktion der Machteliten nennt. Erwähnenswert
sind noch J. Tomilson Hill - Direktor der Blackstone Group L.P., innerhalb
des CFR zuständig für Finanz- und Investitionsfragen und außerhalb
in den Aufsichtsräten des Lincoln Center Theater, der Nightingale-Bamford
School, der Milton Academy usw. – sowie Robert
M. McKinney (1910-2001), Herausgeber der Zeitung New Mexican
(Santa Fe), unter John F. Kennedy US-Botschafter in der Schweiz und
laut Namebase, natürlich auch auf Grund seines Alters, eine
der am stärksten vernetzten Figuren aus Meads Entourage.
Der Generalist als Jacksonianer Am
17. September 2001 interpretiert Mead in der Washington Post den in
seinem Buch beschriebenen Jacksonschen Ansatz, um die möglichen Folgen
des 11. September verständlich zu machen. Er schießt mit seinem Text
übers Ziel hinaus, wohl auch, weil, wie gesagt, der 11. September
sein Buch, kaum dass es erschienen war, für künftige Beratungsarbeit
zu entwerten drohte: “Die
Terroristen, welche die Vereinigten Staaten am letzten Dienstag angriffen,
haben ... den Garten zertrampelt, in welchem die Früchte des Zorns
wachsen, sie haben den schicksalhaften Blitz eines furchtbaren schnellen
Schwertes ausgelöst. Wenn ihnen der Kamm schwillt, sind die Amerikaner
die wildesten Krieger auf dieser Erde. Man denke an Japan. Auch ohne
die Opfer der Atomangriffe auf Hiroshima und Nagasaki zu zählen, sind
in den letzten fünf Monaten des Zweiten Weltkriegs durch amerikanische
Luftangriffe 900 000 japanische Zivilisten getötet worden ... Kriege
rücksichtslos zu führen und sowohl zivile als auch militärische Ziele
ins Visier zu nehmen, das ist Teil dessen, was ich Jacksonianism nenne.
Die Indianer des Südens nannten Andrew Jackson ;Scharfes Messer’.
Ging es um nationale Interessen und Prestige, handelte er schnell
und entschieden. Die hinterhältige, unprovozierte Attacke vom letzten
Dienstag könnte, wie einst Pearl Harbor, einen der großen Jacksonschen
Fieberstürme auslösen, die von Zeit zu Zeit die amerikanische und
die Weltgeschichte verändert haben. Und in diesem Falle würde die
größte Herausforderung für Bush aus der Spannung erwachsen zwischen
einem Krieg, wie die Amerikaner ihn instinktiv führen wollen, und
der Art von Krieg, der uns durch die internationalen Realitäten aufgezwungen
wird. Bushs erstes und gefährlichstes Problem wird sein, dass die
Jacksonianer ungern begrenzte Kriege führen ... Keine Waffenarten
und Schutzsphären des Feindes sollten off limits sein ... Zweitens:
Jacksonianer mögen keine diplomatischen Subtilitäten. Keine Feinheiten
internationalen Rechts sollten die Vereinigten Staaten davon abhalten,
diese ‘Ratten’ aufzuspüren und auszulöschen ... Alliierte sind okay,
sagen die Jacksonianer, aber Alliancen dürfen Amerikas Kriegsstrategien
nicht einengen ... Drittens glauben die Jacksonianer, dass es keine
Alternative zum vollständigen Sieg gibt. ‚Bedingungslose Kapitulation’,
das ist es, was sie vom Gegner wollen und das – oder totale Auslöschung
- ist das einzige, was sie akzeptieren werden. ...
Viertens fürchten die Jacksonianer ‚fünfte Kolonnen’. Die Internierung
von Amerikanern japanischer Abstammung in den Vierzigern und die Angst
vor den ‚Roten’ während des Kalten Krieges legen Zeugnis ab von der
Stärke dieser Furcht. Fünftens: die Jacksonianer sind Steinewerfer.
Ihre Anschuldigungen während der Truman-Zeit, das Außenministerium
sei von Kommunisten und deren Sympathisanten durchsetzt, haben die
amerikanische Außenpolitik jener Jahre zutiefst beeinflusst. Auch
jetzt stehen uns umfassende Untersuchungen wirklicher und imaginierter
Fehler und Inkompetenzen bevor, Karrieren werden beendet werden ...
aber die Erfahrung lehrt, dass solche Untersuchungen auch die Effektivität
und Moral in zentralen Regierungsapparaten unterminieren werden. ‚Dieses
Volk in einen Krieg zu führen, ist eine fürchterliche Sache’, sagte
Woodrow Wilson 1917. Jetzt ist George Bush an der Reihe, den Tiger
zu reiten.“
[9]
Im
übrigen: Meads Sorge, sein Buch würde den 11. September 2001 nicht
überleben, war unbegründet. Es liegt jetzt, dem Vernehmen nach, auf
John Kerrys Nachttisch.
[10]
Vom Statusverlust einer Supermacht: neue Zeiten für Generalisten Die Beratungseliten wachsen nach, Mead hat sich auch dieser Aufgabe angenommen. Als Mitgründer der New America Foundation hilft er junge Generalisten auf den Weg in die elite media zu bringen, in jenen neuartigen Verständigungsraum der verschiedenen Gruppen der Machteliten und ihrer Hilfsklassen, wo mittels eigener medialer Netze Agenden bestimmt und Denk- und Wahrnehmungsmuster der Bevölkerung vorgeprägt werden (vgl. Chomsky 1969/2002; Herman u. Chomsky 1988). Wie man in diesem Raum der elite media Ratschläge formuliert und platziert, versteht Mead wie kaum ein anderer. The New America Foundation, die 1999 aus der Taufe gehoben wurde, ist inzwischen der “heißeste liberale Think Tank der ganzen Nachbarschaft. Mit einem Budget von jährlich nur 4 Millionen Dollar ist er in kürzester Zeit zu einem major player geworden.” [11] Von den dort geförderten jungen Denkern – nur 20 Fellowships, um jede freiwerdende gibt es 400 Bewerbungen - brachten es gleich drei auf eine Liste des Esquire-Magazins von ‚Leuten und Ideen, die unser Leben künftig verändern werden’. [12] Das Neue an dieser Stiftung ist, dass ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter (Fellows) gehalten sind, ihre Berichte und Abhandlungen nicht in den Schubladen irgendeines Senators oder Kongressabgeordneten verschwinden zu lassen, sondern auf den Meinungsseiten der nationalen Presse zu veröffentlichen. Zu diesem Zweck gibt es beispielsweise Vereinbarungen mit dem Magazin Atlantic Monthly, die Fellows gestatten, im Jahr 15 Artikel, einschließlich einer jährlichen cover story, zu publizieren. Manche sagen, The New American Foundation sei inzwischen von der Kerry-Kampagne vereinnahmt worden. Konzept und Perspektiven reichen aber weit über einen solchen unmittelbaren Zweck hinaus. Einer der Fellows der New American Foundation, Michael Lind, schrieb kürzlich:
„Das
Debakel im Irak hat den amerikanischen neokonservativen Traum eines
wohlwollenden US-Imperiums diskreditiert, eines Imperiums, befreit
von den kleinlichen Fesseln multilateraler Diplomatie und internationalen
Rechts. Aber nicht nur die neokonservative Vision ist in den Trümmern
von Falluja und den Folterzellen von Abu Ghraib gestorben. Auch das,
was bis vor kurzem als Alternative von vielen Demokraten und einigen
zentristischen Republikanern unterstützt wurde – eine US-Weltführerschaft
durch multilaterale Sicherheitssysteme – kann jetzt unter die Kollateralschäden
gerechnet werden, die George W. Bushs Krieg im Irak hinterlassen hat.
– Seit dem Ende des Kalten Krieges haben viele amerikanische Neoliberale
– manchmal beschrieben als ‚humanitäre Falken’ oder ‚muskuläre Internationalisten’
– eine stark interventionistische US-Militärpolitik unterstützt. Doch
anders als die Neokonservativen glaubten diese Neoliberalen, die USA
sollten ehrgeizige Programme globaler Reform zuallererst mithilfe
der Vereinten Nationen und der NATO – und nicht gegen sie – verfolgen.
– Die Idee schien vielversprechend: amerikanische (Militär)macht im
Dienste multilateraler Legitimität, statt amerikanische Macht ohne
multinationale Legitimität oder multinationale Legitimität ohne amerikanische
(Militär)macht. Tragischerweise ist diese alternative Strategie für
die USA nun auch zu Nichts geworden. Indem Mr. Bush seine neokonservative
Strategie diskreditiert hat, hat er versehentlich auch alle Möglichkeiten
zerstört, dass eine Nachfolge-Administration einen ‚muskulären Multilateralismus’
in größerem Umfang praktizieren könnte. Der Grund ist einfach: sowohl
Neoliberalismus als auch Neokonservatismus hängen ab von der mystischen
Qualität amerikanischer Macht. – Diese amerikanische Mystik hatte
immer zwei Bestandteile: einen materiellen und einen moralischen.
Die Mystik amerikanischer materieller Macht wurde von dieser Administration
zuerst zerstört. Nach 1989 schien es, als würde das falsche Argument,
Amerika seine eine furchteinflößende Supermacht wie das alte Rom geworden,
den USA und ihren Alliierten letztlich nützen. Doch ironischerweise
war es der von Neokonservativen geführte Krieg, der die neokonservativen
Behauptungen amerikanischer Macht widerlegte. – Noch wichtiger aber
war der moralische Aspekt amerikanischer Macht. Die Welt hat ja die
dunkle Seite der amerikanischen Geschichte – einschließlich der Behandlung
der Indianer, der Sklaverei und der Rassentrennung – nicht vergessen.
Dennoch galten die USA in den Augen vieler als die liberale, demokratische
Supermacht, welche den faschistischen und kommunistischen Imperien
widerstanden hatte. Dieses Image des amerikanischen Befreiers aber
ist jetzt ersetzt worden durch das Image des amerikanischen Besatzers
und Folterers. – Die Schrecken, von denen wir wissen, und jene, von
denen wir noch erfahren werden, wirken sich noch fataler auf das neoliberale
Projekt aus als auf das rivalisierende neokonservative Projekt. –
2004 könnte ein Wendepunkt nicht nur in der Geschichte Amerikas sondern
der ganzen Welt werden. Bis vor kurzem konnten die Kritiker Bushs
hoffen, der Irak-Krieg würde eine unglückliche, aber randständige
Episode am Beginn einer langen Periode wohlwollender globaler US-Hegemonie
werden. Doch jetzt, nachdem Amerikas Reputation für Wohlwollen und
unwiderstehliche Macht schwer beschädigt worden ist, werden sich die
USA mit einer weitaus bescheideneren Rolle in der Welt zufrieden geben
müssen, als sie den Neoliberalen und den Neokonservativen je vorschwebte.“
[13]
Die amerikanischen Generalisten bilden sich weiter, sie geben ihren superreichen Laien-Lesern Stoff zum Denken, sie bilden sich, bevor sie sich an jenen Höfen versammeln, unauffällig auf globalen Pfaden weiter, sie lesen Nietzsche und Max Weber, Luhmann und Habermas, Hardt und Negri (und sicher nicht Sloterdijk) – sie treffen sich mit Studenten in Wladiwostok und Riga, Caracas und Havanna, sie sind die wandernden Scholaren der Gegenwart, nett und bescheiden, fleißig und belesen – und wenn sie es auch nur in diesem umfassenden, generalistischen Sinne sind, so ist es doch gut so. Nur: es wäre ganz schön, gäbe es solche Denkräume auch noch woanders, gefördert von anderen Personen, die der Danksagung wert wären – jedenfalls, so lange es keine Alternative zu dieser Privatisierung des Wissens und der Macht zu geben scheint.
[1] Angaben zur Zusammensetzung der Steuerungsgremien, einschließlich des International Advisory Board (u.a. mit den deutschen Mitgliedern Otto Graf Lambsdorf und Horst Teltschik), sind über die CFR-Website leicht zu eruieren: www.cfr.org [2] So schreibt Robert Scheer in einem Playboy-Interview über Nelson Rockefeller: „Rockefeller sagt von Henry [Kissinger], er sei klug, so wie man von einer Frau sagt, sie habe einen hübschen Hintern - es ist ein nützliches Attribut, es regt einen sogar an, aber es ist käuflich." (Playboy, April 1976) [3] einem kleinen linksliberalen, später mit der New School for Social Research verbundenen Think Tank
[4]
vgl. http://www.cfr.org/bio.php?id=3495 [5] dazu z.B. die docu-fiction Die Tagebücher einer Nanny von Emma McLaughlin u. Nicola Kraus, München 2003 [6] Groton hatte schon Franklin D. Roosevelt geprägt
[7]
vgl. http://globetrotter.berkeley.edu/people3/Mead/mead-con0.html
[8]
Managing
Director und
President der Gutfreund & Co., Inc., von 1953
bis 1991 Partner bei Salomon Brothers
Inc., zuletzt als Chairman of the Board und Chief Executive Officer.
Dazu u.a. in der Leitung oder in den Aufsichtsräten von Phibro-Salomon
Inc., AccuWeather, Inc., Arch Wireless, Ascent Assurance, Inc.,
Evercel, Inc., LCA-Vision, Inc., LongChamp Core Plus Fund, Maxicare
Health Plans, Inc., Nutrition 21, Inc., The Universal Bond Fund
und Montefiore Medical Center. Außerdem führendes
Mitglied verschiedener Komitees, der Brookings Institution, des
Council Advisory Committee von New York, des CFR, der Trilateral
Commission und in den Aufsichtsräten der New York Public Library,
des Oberlin College und der Aperture Foundation. Gutfreund
war Vice Chairman des New York Stock Exchange, saß in den Leitungsgremien
der Securities Industry Association, der Downtown Lower Manhattan
Association und des Bond Club of New York.
[9]
Walter Russell Mead, ‘Braced for
Jacksonian Ruthlessness’, The Washington Post, Sept. 17, 2001
[10]
The New York Times, April 2, 2004,
A12
[11]
The Washington Post, Nov. 25, 2002,
3
[12]
Esquire, Nov. 2002
[13]
Michael Lind, ‘How a Superpower Lost
its Stature’, The Financial Times, June 1, 2004 |