Wer führt die neuen Kriege? [1]  

 

Die Strukturen, in denen der gegenwärtige Krieg und die Militarisierung des Globalisierungsprozesses sich vollziehen, sind komplexer als die Fähigkeiten der Hauptakteure (Regierungen, Kapitalfraktionen, Politiker etc.), mit dieser Komplexität adäquat umzugehen. Auch die Linken in unserem Lande sind überfordert. Besonders problematisch sind Versuche, das gegenwärtige Geschehen auf einen Gegensatz zwischen Europa und den USA zu reduzieren. So stellt der US-amerikanische Ideologe Robert Kagan unsinnigerweise einer ‚weichlichen Venus-Kultur’ Europas die ‚harte Mars-Kultur’ Amerikas gegenüber. Und mancher ‚gute Europäer’ möchte den ‚bösen Amerikanern’ etwas beibringen. Mit solchen Reden aber landet man schnell im falschen Boot. 

Es sind schließlich Amerikaner, linke Amerikaner und gute Demokraten, die das amerikanische Verhängnis am besten beschreiben. Norman Mailer [2] spricht von einer prä-faschistischen Atmosphäre in den USA, Senator Robert Byrd von ‚Rücksichtslosigkeit und Arroganz’ [3] . Und Kurt Vonnegut, der Altmeister der Science Fiction, sagt, die gegenwärtige US-Regierung sei in der Hand von mediokren Yale-Studenten ohne Geschichts- und Geographiekenntnisse, von weißen Suprematisten in christlichem Gewand und, „am erschreckendsten, von psychopatischen Persönlichkeiten, die genau wissen, welches Leid ihre Handlungen verursachen, die sich aber einen Dreck darum scheren.“ [4]  

Eine Definition der Akteure des Weltneuordnungsprozesses mithilfe von Schemata wie ‚USA’ vs. ‘Europa’, ‘Zivilisation’ vs. ‘Barbarei’, ‘Gut’ vs. ‘Böse’, ‘Dollar’ vs. ‘Euro’ usw. mag für konkurrierende Machteliten einen gewissen Sinn machen. [5] Der Bush-Gruppe etwa wäre sicher nichts lieber als vollkommen mit ‘den USA’ als solchen identifiziert zu werden. Für Globalisierungskritiker und die Friedensbewegung aber ist ein derartiger Einverständnis heischender Sprachgebrauch verheerend. Wir haben nichts zu tun mit einem ‘Hegemonialkrieg zwischen den USA und Europa’. Unser Feld ist nicht die Konsenspolitik der Machteliten, unser Feld sind die vielfältigen, gleichberechtigten ‚Kulturen der Globalisierung’ (Jameson u. Myoshi 1998). 

Ja, mehr noch: „Von unserem Standpunkt aus“, schreiben Michael Hardt und Antonio Negri, „ist die Tatsache, dass sich gegen die alten Mächte Europas ein neues Empire herausgebildet hat, nur zu begrüßssen. Denn wer will noch irgendetwas von der angekränkelten und parasitären herrschenden Klasse Europas wissen, die vom Ancien Régime direkt zum Nationalismus überging, vom Populismus zum Faschismus und die heute auf einen generalisierten Neo-Liberalismus drängt? Wer will noch etwas wissen von diesen Ideologien und bürokratischen Apparaten, von denen die verrottende europäische Elite so gut lebte? Und wer erträgt noch diese Systeme der Arbeitsorganisation und diese Unternehmen, die längst jede Lebendigkeit verloren haben?“ (Hardt u. Negri 2002, 383) 

Die zentrale Frage scheint also zu sein, ob wir uns mit unserem derzeitigen Begriffsarsenal, mit unseren braven Kapitalanalysen und hochabstrakten Strukturbegriffen wie Global Governance oder Empire, dicht genug an die Akteure der neuen Kriege heranzoomen können. Unterliegen nicht die Strukturen, unter denen es noch sinnvoll war, von den ‘USA’, von ‘Europa’, von deutlich konturierten Kapitalfraktionen, von staatlichen Institutionen, stabilen transnationalen Organisationen oder von ‚Hegemonie’ zu sprechen, einem dramatischen Auflösungsprozess? Beginnt der Kapitalismus im Augenblick der Globalisierung sich nicht schon von der Spitze her selbst zu verlassen? Das heißt, ist das, was uns heute als eine neue Geopolitik der Zerstörung begegnet, überhaupt noch ‚Kapitalismus’? [6] ‘Regiert’ das uneingeschränkte, hochkonzentrierte Privateigentum nicht längst spätrömisch in einem Raum grenzenloser, entfesselter Korruption? 

Jedenfalls treten aus den konkreten Vorbereitungen zum Irak-Krieg und zu den folgenden Kriegen in einem ganz ungewöhnlichen Maße Kenntnisse über die wirklichen Akteure der neuen Unfriedlichkeit zu Tage. Man trifft auf die seltsamsten Gestalten. Viele von ihnen sind unter strukturell ungesicherten Bedingungen, wie etwa einer manipulierten Präsidentenwahl, nach oben gekommen. Und die meisten Erkenntnisse über diese Machteliten stammen aus der Mitte des Empire selbst, aus Medien, Organisationen und Think Tanks des traditionellen amerikanischen Establishments. 

Und auch dem oft geschmähten Power Structure Research - in den USA in den Fünfzigern begründet und Begleiter des amerikanischen Establishments beim Weg in dessen heutige globale Rolle - werden in den Spitzenetagen kapitalistischer Weltorganisationen die Ergebnisse mittlerweile aus den Händen gerissen. Das erklärt die enorme Verunsicherung auf dem letzten World Economic Forum in Davos, als die Herren in den dunklen Anzügen auf einmal nicht mehr wussten, wo ihnen angesichts des neuen Washington der Kopf steht. Das erklärt aber auch die Getriebenheit und Brutalität der Clique um Bush, die genau weiß, dass sie schon durchschaut ist und aus dem bis dato Geraubten noch das ‘Beste’ machen will. 

Durchschaut? John Pilger, der bekannte britische Journalist (sein neuestes Buch: The New Rulers of the World), schreibt, der Aufstieg Rumsfelds und seines Stellvertreters, Paul Wolfowitz, sowie seiner Mitarbeiter Richard Perle und Elliot Abrams bedeute, „dass ein großer Teil der Welt heute offen von einem geopolitischen Faschismus bedroht wird“, denn diese Washingtoner Gang bestehe aus „authentischen amerikanischen Fundamentalisten, den Erben von John Foster Dulles und Alan Dulles, jenen baptistischen Fanatikern, die in den Fünfzigern das Außenministerium beziehungsweise die CIA lenkten, in einem Land nach dem anderen Reformregierungen - Iran, Irak, Guatemala - zerschlugen, internationale Verträge zerrissen und damit geradewegs die Katastrophe des Vietnam-Kriegs mit seinen fünf Millionen Toten auslösten“. [7] Und Johan Galtung hält die Außenpolitik der Bush-Regierung schlicht für ‘geofaschistisch’. [8] Was hier so plakativ erscheint, hat einen analytischen Hintergrund in der Höhle des Drachen selbst. 

 

The Push for War 

Aus dem Zentrum des amerikanischen Establishments beispielsweise kommt die folgende Analyse. Anatol Lieven, Senior Associate des Carnegie Endowment for International Peace (eines der wichtigsten und ältesten Think Tanks der ‚Ostküstenelite’) schreibt unter dem Titel ‘The Push for War’: Um die Motivation der Bush-Administration zu verstehen, müsse man festhalten, dass der grundlegende und innerhalb dieser Gruppe anerkannte Plan darin bestehe, eine unilaterale Weltherrschaft durch absolute militärische Überlegenheit zu installieren. Dies sei mit großer Stetigkeit von einer Gruppe von Intellektuellen vertreten und ausgearbeitet worden, die sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion um Dick Cheney und Richard Perle geschart hat. [9]  

Um die Genese dieses außerordentlich ehrgeizigen Planes zu verstehen, fährt Lieven fort, müsse man das moralische, kulturelle und intellektuelle Milieu des amerikanischen Nationalismus verstehen, in dem er zustande kam. Diesen Nationalismus habe es lange vor dem 11. September 2001 gegeben, auch wenn dieser ihn entflammt habe. Und ebenso gefährlich sei es, dass er sich mit dem Nationalismus der israelischen Rechten verbunden habe. An erster Stelle der geopolitischen Ziele stehe die Ansicht, mit den Irak-Kriegsplänen eine Unterstützung der Öffentlichkeit für viel weiter reichende Absichten zu gewinnen, nämlich eine freie Hand für amerikanische und israelische Interventionen im gesamten Mittleren Osten. Damit verbunden sei für die Gruppe um Cheney der garantierte und unbehinderte Zugang zu billigem Öl, so dicht an den Quellen wie möglich. Zugleich sei das alles mit dem Glauben daran verbunden, dass sich Demokratie nur mithilfe der Macht Amerikas ausbreiten könne. Und dieser Glaube, schreibt Lieven, ist nicht bewusst unehrlich. Er ist vielmehr untrennbar mit dem amerikanischen Messianismus und einer darüber hinausgehenden ‘amerikanischen Weltanschauung’ verbunden. 

Und dann ist da China. Anfänglich war die Bush-Administration überhaupt nicht auf den Mittleren Osten fixiert. „Die größte Furcht rechts-nationalistischer Gurus wie Robert Kagan bezog sich auf die künftige Rolle Chinas als einer rivalisierenden Supermacht – recht plausibel angesichts seiner Größe und der Wachstumsraten seiner Wirtschaft.“ Die Verhinderung jeglicher Konkurrenz auf Augenhöhe war der Kern jenes berühmten, im wesentlichen von Paul Wolfowitz verfassten Strategiemanifests der ersten Bush-Regierung aus dem letzten Jahr ihrer Amtszeit. Was also die radikalen US-Nationalisten, fährt Lieven fort, beabsichtigen ist eine Eindämmungspolitik gegenüber China entweder durch militärische Übermacht oder, bei den wirklichen Radikalen unter ihnen, eine Zerstörungskampagne nach dem Muster der Destabilisierung der Sowjetunion. Auch die National Missile Defense gehört in diese Planungen, denn militärische Hegemonie wird künftig auch den Weltraum miteinbeziehen müssen. 

So wie die Dinge liegen, würde die amerikanische Bevölkerung ein solches Programm des geopolitischen Ehrgeizes niemals wissentlich unterstützen – gleiches gilt für das US-Militär. „Selbst nach dem 11. September ist dieses Land, gemessen an historischen Standards, noch kein militaristisches Land. Und wie immer ausprägt der zunehmend offene Imperialismus der nationalistischen Think-Tank-Klasse (!) auch sein mag – weder unser Militär noch unsere Bevölkerung möchte sich selbst als imperialistisch verstehen.“ 

Aber hier, so Lieven, beginnt erst die eigentliche Gefahr. Zwei Strategien der Republikaner zur Perpetuierung ihrer Macht zeichneten sich ab. Die erste sei die klassische moderne Strategie jeder gefährdeten rechten Oligarchie: den Massenunmut in Nationalismus umzuwandeln. Die zweite, spezifisch amerikanische Strategie bestehe darin, die jüdischen Wähler auf Dauer der Demokratischen Partei abspenstig zu machen, indem eine „kategoriale Verpflichtung der Republikaner nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber dessen regionalen Ambitionen demonstriert wird.“ 

Als diese Allianz vor ein paar Jahren zu entstehen begann, hielten viele sie für eine unwahrscheinliche Kombination – angesichts der anti-semitischen Verschwörungstheorien der christlichen Rechten usw. Andererseits gab es da immer auch die alt-testamentarischen Aspekte des christlichen Fundamentalismus. Inzwischen, mit der Jahrtausendwende, ist für die fundamentalistischen Christen die Existenz des Staates Israel zu einer notwendigen Vorbedingung für die Ankunft des Antichristen, die Apokalypse und die Herrschaft von Christus geworden. Außerdem haben die christliche Rechte und der Zionismus, so Lieven, die gleichen Hassobjekte: die Vereinten Nationen, die Möglichkeit einer Weltregierung, das ‘alte Europa’, die amerikanischen ‘Ostküsteneliten’. Und beide haben eine instinktive Vorliebe für den Einsatz militärischer Macht. Vor allem aber, und am gefährlichsten, sei die Überzeugung, dass sie die Verteidiger der ‘Zivilisation’ gegen ‘Barbaren’ seien, mit durchaus rassistischen Untertönen. 

Um also, fährt Lieven fort, die radikale nationale Rechte in den USA zu verstehen, und damit die dominanten Kräfte in der Bush-Administration, muss man zunächst einmal die absolute (und darin absolut ehrliche) Identifikation dieser Gruppe mit den Vereinigten Staaten begreifen, bis zu dem Punkt, wo die Präsenz jeder anderen Gruppe in der Regierung als ein usurpatorischer Akt angesehen wird, als zutiefst illegitim und ‘un-American’. Hinzu kommt, dass die maßssgeblichen ‘hardline elements’ des US-Sicherheits-Establishments und des Militär-Industrie-Komplexes durch den Kalten Krieg geprägt sind und deshalb ihr gesamtes Denken an mächtigen nationalstaatlichen Gegnern geschult haben. Andererseits, so Lieven, liegen die Wurzeln für die Hysterie der Rechten viel tiefer als im Bereich von Nationalismus und nationaler Sicherheit. Der ‘pathologische Hass der Rechten auf die Clinton-Administration’ entzündete sich „eher am persönlichen Stil der Clintons und ihres Milieus, an den Erinnerungen an die Gegenkultur der Sechziger und Siebziger“. Die Gingrich-Republikaner, die hardline-Republikaner, vor allem die religiöse Rechte setzten dagegen die klassische nationalistische Sehnsucht nach der Rückkehr eines goldenen Zeitalters, in ihrem Fall die Vor-Vietnam-Zeit der Fünfziger. 

Keine dieser Phantasien charakterisiere die amerikanische Bevölkerung als Ganze, schreibt Lieven, aber der intensive Solipsismus dieses Volkes, die verbreitete Ignoranz über den Gang der Welt jenseits der Ufer Amerikas und der Schock des 11. September „haben einen ungeheuren öffentlichen Leerraum hinterlassen, in welchem Gruppen, die von den oben skizzierten Phantasien besessen sind, diese auszuleben versuchen können.“ Und „den jüngeren Intellektuellen ist jegliche wirkliche Kenntnis der Außenwelt entzogen worden, durch die Vernachlässigung historischer und regionaler Studien zugunsten von Disziplinen, die oft nichts anderes als eine grobe Projektion amerikanischer Vermutungen und Vorurteile sind (mit der rational-choice-Theorie als schlimmstem Beispiel) ... So ist diese Intelligentsia empfänglich für nationalistischen Messianismus unter dem scheinbar wohlwollenden Deckmantel der ‘Demokratisierung’.” 

 

Aspekte der Plutokratie 

„Der wichtigste Wandel unserer Zeit ist die Aufwertung der Rolle des Geldes bei der Bestimmung der Frage, wie Amerika regiert wird. Diese Rolle war niemals gering, aber sie gewann eine neue Dimension, als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Geld, welches für die Wahl von Kandidaten und für die Förderung von privaten und kommerziellen Interessen in Washington ausgegeben wird, eine Form der verfassungsmäßig geschützten Meinungsäußerung darstellt. Dadurch wurde eine repräsentative Republik umgewandelt in eine Plutokratie“. [10]

 

a) Wealth and Democracy 

Kevin Phillips (2002), einst ein wichtiger Berater der Republikanischen Partei, thematisiert in einem neuen Buch über ‘Wealth and Democracy’ die wachsende Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft. Das gegenwärtige Anwachsen des privaten Reichtums sei nur mit dem Goldenen Zeitalter der Jahrhundertwende und den Zwanzigern zu vergleichen. Und in all diesen Perioden, so Phillips, haben die großen Vermögen die demokratischen Werte und Institutionen unterminiert und schließlich die Wirtschaft ruiniert. 

Um 1999 hatte das Ausmaß privaten Reichtums in den USA schwindelerregende Dimensionen angenommen. Waren 1982 die 400 reichsten Amerikaner im Durchschnitt noch jeweils 230 Millionen Dollar wert, so betrug ihr durchschnittliches Vermögen 1999 das Zehnfache, nämlich 2,6 Milliarden Dollar. Unter den bekannten Vermögen waren Newcomer wie Sam Walton (Wal-Mart), Bill Gates (Microsoft), die Fisher-Familie (Gap), der Investor Warren Buffett und Ted Turner. Aber auch die Rockefellers, duPonts, Mellons, Phippses und Hearsts hatten am Boom profitiert und waren zehnmal reicher als in den Dreißigern. Und diese Vermögen sind auch nach dem Platzen der New Economy-Blase nicht geringer geworden. Die Zahl von Superreichen, die selbst Politiker werden, nimmt zu. Hier eine Liste der 10 reichsten Politiker von Forbes Magazine vom Januar 2003: 1. Michael Bloomberg, Republikaner, New Yorker Bürgermeister (4,8 Mrd. Dollar); 2. Lt.Gov. Winthrop Rockefeller, R-Arkansas (1,2 Mrd. Dollar); Tom Galisano, Unabhängig, Gouverneurs-Kandidat New York (1,1 Mrd. Dollar); Sen. John Kerry, D-Massachusetts (550 Mill. Dollar); Tony Sanchez, Dem. Gouverneurs-Kandidat, Texas (500 Mill. Dollar); Rep. Amo Houghton, R-New York (475 Mill. Dollar); Sen. John Corzine, D-New Jersey (300 Mill. Dollar); Sen. Jay Rockefeller, D-West Virginia (200 Mill. Dollar); Gov. Mark Warner, D-Virginia (200 Mill. Dollar). Interessant wird es übrigens auch auf den folgenden Plätzen, unter den ersten Hundert, wo die meisten Kabinettsmitglieder der Bush-Administration rangieren. 

Die größte moralische und politische Sorge von Phillips betrifft aber die Tatsache, dass extremer Reichtum die Demokratie unterwandert. So war es Ende des 19. Jahrhunderts, als Gerichte und Senat von Wirtschaftsinteressen dominiert waren, und das gleiche geschah in den Zwanzigern. Und heute ist es noch viel schlimmer. Drei Viertel der politischen Wahlspenden bei Präsidentschafts- und Kongresswahlen stammen von Familien mit einem Jahreseinkommen von über 200.000 Dollar. Und das beängstigende Absinken der Wahlbeteiligung geht vor allem auf die Wahlabstinenz der unteren Einkommensgruppen zurück. In einem solchen Umfeld ist es keine Überraschung, dass die Steuererleichterungen den Beziehern hoher Einkommen zugute kommen. Dazu extreme Ungleichheiten im Bildungswesen, die Dominanz einiger weniger Superreicher in den Massenmedien usw. Vor allem aber nimmt Phillips die wachsende politische Macht nichtgewählter Amtsträger aufs Korn, beispielsweise bei den Bundesgerichten oder in der Federal Reserve Bank. Die Macht der außerhalb des Wahlprozesses stehenden Institutionen hat, so Phillips, längst zum Verlust nationaler Souveränität – im demokratietheoretischen Sinne - geführt. 

Vor diesem Hintergrund schließt Phillips nicht aus, dass sich das amerikanische Wahlvolk irgendwann einmal ‘radikalisiert’. Nicht unbedingt im Sinne des Klassenkampfs. Aber schon jetzt bildet sich eine Elite in dieser vorgeblich egalitaristischen Gesellschaft heraus, die ihren Reichtum ungehindert an ihre Nachkommen vererben kann und unangemessenen politischen Einfluss ausübt. Es gehöre zur amerikanischen Tradition, solche Eliten durch Vermögenssteuern und ähnliches wieder zurechtzustutzen, wie etwa unter Franklin D. Roosevelt im New Deal geschehen. Andererseits fürchtet Phillips, dass diesmal die Macht des Geldes, von Wall Street-Macht und von Wall Street-Werten, sich in einer Weise strukturell und überwachungsstaatlich verschanzt hat, dass Widerstand der historisch bekannten Art kaum noch möglich ist. 

 

b) The Global Super-Rich 

‘Getting Away With It?’ fragt eine Gruppe britischer Polit-Geographen (Beaverstock u.a. 2001). bezüglich der Rolle jener kleinen Gruppe von ‘high-net-worth individuals’, die zusammen über mehr Geldmittel verfügen als die unteren drei Fünftel der Weltbevölkerung. Die Erforschung der Rolle der Macht- und Wissenseliten, welche die Hegemonie des kapitalistischen Weltsystems ermöglichen, steht immer noch am Anfang, wobei die Informationseliten die größere Aufmerksamkeit finden. Sklair (1997) hebt hier z.B. folgende Gruppen hervor: CEOs transnationaler Konzerne und ihre lokalen Ableger; am Globalisierungsprozess beteiligte Bürokraten; ‘globalisierende’ Politiker und Experten; Eliten im Konsumbereich (Handel und Medien). 

Konzentriert man sich aber auf diese Gruppen allein, argumentieren Beaverstock et al., kann der Eindruck entstehen, als bestünde die neue große globale ‘Klassenscheide’ im Gegensatz zwischen diesen ‘wissens-reichen’, global agierenden Dienstklassen auf der einen Seite und den diese wiederum bedienenden, unwissenden Arbeitsklassen auf der anderen Seite. So sieht das beispielsweise Castells (1989). Wem aber dienen jene kosmopolitischen, hegemonialisierenden, hochprivilegierten Dienstklassen? Die Autoren setzen dagegen, dass die entscheidende ‘Klassenscheide’ gerade im globalen Strukturzusammenhang die zwischen einer superreichen Elite auf der einen und dem Rest der Welt auf der anderen Seite sein müsste: „Es ist deshalb entscheidend, zwischen zwei Gruppen innerhalb der globalen Elite zu unterscheiden: einerseits wohlhabenden ‘global managers’ und anderseits Individuen mit einem ‘ultra-hohen Nettowert’, den globalen Superreichen“. 

Die globalen Manager sorgen zwar für Bewegung im Globalisierungsprozess, lenken die Kapitalflüsse durch die Netzwerke der globalen Ökonomie. Doch die Superreichen bewegen sich in ganz anderen Dimensionen und stellen mit ihrer Geldmacht die erste Gruppe vollkommen in den Schatten. Im Gegensatz zu Castells behaupten die Autoren, dass nicht die Manager, sondern die Gruppe der Superreichen wirklich transnational geworden ist und den Globalisierungsprozess bestimmt. Es bestünde also eine dringende Notwendigkeit zu erkunden, wie diese Superreichen die globalen Netzwerke zu ihrem eigenen Vorteil manipulieren. Auch ihre ‘Mikro-Netzwerke’ müssten daraufhin untersucht werden, wie sie den ‘global space of flows’ zu definieren vermögen. Langfristig könnte das in sozialen und ökonomischen Politiken resultieren, mit denen man den exzessiven Reichtum, die Willkür und Verschwendungssucht der Superreichen eindämmen könnte – zugunsten einer sozial gerechteren Welt. 

 

c) Privatisierung der Kriegsführung 

Und die Plutokratie militarisiert sich. Leslie Wayne berichtet in der New York Times (Oct. 14, 2002) unter dem Titel ‘Private contractors step in for Pentagon’, wie mit dem Krieg gegen den Terror und dem möglichen neuen Irak-Krieg eine uralte Kriegspraxis im Pentagon wiederaufersteht: das Anheuern von Söldnern. Nur, heute heißen sie ‘private military contractors’; und einige dieser Söldnerfirmen sind Subunternehmen von Konzernen aus der Liste der Fortune 500. Wayne: „Das Pentagon kann ohne sie keinen Krieg führen.” Oft werden sie von pensionierten Offizieren geleitet, auch Drei- und Vier-Sterne-Generalen. „Private militärische Vertragsnehmer sind das neue geschäftliche Gesicht des Krieges.” Sie verwischen die Trennlinie zwischen militärischem und zivilem Bereich und liefern alles, von der logistischen Unterstützung bis zur Kampfausbildung und militärischen Beratung im In- und Ausland. 

In den dunkleren Winkeln der Welt, wo das Pentagon lieber nicht gesehen werden will, bewegen sich diese Privatunternehmen und führen militärische Aufträge aus. Sie haben ihre Leute nach Bosnien, Nigeria, Mazedonien, Kolumbien und in andere Brennpunkte geschickt. Es ist weniger die Politik als der Profit, der sie motiviert. Dennoch brauchen diese Unternehmen - ungefähr 35 an der Zahl in den USA - eine Regierungserlaubnis für ihr Geschäft. Einige haben relativ bekannte Namen, wie Kellogg Brown Root, ein Subunternehmen der Halliburton Co., das für die US-Regierung in Kuba und Zentralasien tätig ist. Andere haben weniger bekannte Namen: DynCorp Inc.; Vinnell, ein Subunternehmen von TRW Inc.; SAIC; ICI of Oregon; Logicon Inc., ein Unternehmen der Northrop Grumman Corp. Eines der bekanntesten Unternehmen, MPRI, brüstet sich, „mehr Generale per Quadratfuß als das Pentagon zu haben“. Während des Golfkriegs 1991 war eine Person von 50 auf den Schlachtfeldern ein amerikanischer Zivilist unter Privatvertrag. Zur Zeit der Befriedungsversuche in Bosnien 1996 war es schon eine unter 10. 

Niemand weiß genau, wie groß diese geheime Industrie ist, aber Militärexperten schätzen den globalen Markt auf einen jährlichen Umsatz von 100 Milliarden Dollar (!). Die an den Börsen gehandelten Unternehmen, die private Militärdienstleistungsunternehmen besitzen, sagen ihren Aktionären kaum etwas davon. „Diese Vertragsnehmer sind unverzichtbar,“ meint John Hamre, Stellvertretender Verteidigungsminister in der Clinton-Administration. „Wird es in Zukunft mehr von ihnen geben? Ja.“ Der Einsatz militärischer Privatunternehmen wirft beunruhigende Fragen auf. In Friedenszeiten können sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit geheime Armeeaufgaben übernehmen. In Kriegszeiten füllen sie zwar Funktionen aus, die entscheidend für den Kampfauftrag sind, aber ihre Akteure sind keine Soldaten. Sie stehen in keiner Befehlskette und müssen keinem militärischen Verhaltenskodex folgen. Ihre rechtlichen Pflichten beziehen sich allein auf den Arbeitsvertrag, nicht auf ihr Land. 

MPRI, früher ‘Military Professionals Resources Inc.’, ist ein gutes Beispiel dafür, wie gutausgebildete, pensionierte Soldaten ihre militärische Ausbildung zu Geld machen. Zur Firma gehören General Carl Vuono, der frühere U.S. Army Chief of Staff, der die Invasionen im Golfkrieg und in Panama befehligte; General Crosbie Saint, der frühere Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa; und General Ron Griffith, der frühere stellvertretende U.S. Army Chief of Staff. Hinzu kommen Dutzende weiterer pensionierter Spitzen-Generale, ein Admiral und mehr als 10.000 frühere Militärpersonen, darunter Angehörige von Eliteeinheiten, die auf Abruf bereit stehen. MPRI wird dafür gut bezahlt. Die Einkünfte übersteigen 100 Millionen Dollar jährlich, meist aus Verträgen mit dem Pentagon und mit dem Außenministerium. Die militärischen Pensionäre beziehen Gehälter, die das zwei- bis dreifache ihrer Pentagonbezüge betragen, hinzu kommen Altersrenten, Aktien usw. Die Gründer von MPRI wurden Millionäre, als sie das Unternehmen im Jahre 2000 für 40 Millionen Dollar an L-3 Communications Holdings Inc., verkauften, ein börsennotiertes Rüstungsunternehmen. „Diese neuen Söldner“, sagt David Hackworth, ein früherer Armee-Oberst und Kritiker dieser Praktiken, „arbeiten für das Pentagon und das State Department, und der Kongress macht beide Augen zu.” (ebenda)

 

d) Wall Street und Pentagon 

Die Privatisierung der Kriegsführung verbindet sich mit der Militarisierung des Globalisierungsprozesses, der seinerseits durch das Privatisierungsprinzip bestimmt ist. Mark Siemons berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung [11] , Thomas P. M. Barnett, Professor für Miltäranalyse am US Naval War College, habe schon gleich nach den Anschlägen des 11. September dafür plädiert, dass ‚der Dialog zwischen Wall Street und dem Pentagon’ entschieden intensiviert wird. Inzwischen zum Berater des Verteidigungsministeriums aufgestiegen, sieht Barnett „die Mission des amerikanischen Militärs heute darin, die Kluft zwischen den an die internationalen Finanzströme angeschlossenen Ländern und dem Rest zu schließen. Alle Regionen, die nicht mit der von der amerikanischen Wirtschaft dominierten Globalisierung verbunden sind ... stellten also ein eindeutiges Sicherheitsrisiko und mithin einen Fall für ‚unsere Streitkräfte’ dar.“ 

Der US-amerikanische Militär-Industrie-Komplex übernimmt also die globale Rolle eines ‚Vollzeit-Leviathans’ (Barnett). Noch gibt es im amerikanischen Establishment Gegenstimmen. So verlangt ein Direktor des Council on Foreign Relations, Robert Orr, dass nach dem Ende des Irak-Kriegs zivile Kräfte das Sagen haben müssen. [12] Doch mutiert das Militär nicht selbst zur Privatarmee von Wall Street? Wird es durch die Übernahme dieser allgemeinen zivilen Aufgabe nicht selbst in einem völlig perversen Sinn ‘zivilisiert’? Wie weit dieser Prozess faktisch schon fortgeschritten ist, zeigt Orrs Klage über den Niedergang der staatlichen Apparate, die für Nachkriegsordnungen zur Verfügung stehen: „Auf den Korridoren der zivilen Agenturen der US-Regierung, deren Auftrag die Friedenssicherung nach einem Krieg wäre, klingen die Schritte hohl. Jahrzehnte der Unterinvestition haben die U.S. Agency for International Development, das State Department und die entsprechenden Abteilungen anderer Bundesbehörden zu Schatten ihrer selbst gemacht. USAID zum Beispiel verfügt heute weltweit über weniger als 2,000 reguläre Angestellte, kaum ein Drittel der Zahl, die einst Präsident John F. Kennedy zur Verfügung stand. Im State Department, wo ein großer Teil der US-Besetzung Japans geplant wurde, gibt es überhaupt keine operationalen Planungskapazitäten mehr. Insgesamt ist das US-Budget für ausländische Unterstützungs- und Hilfsprogramme seit den Sechzigern kontinuierlich geschrumpft und beträgt heute ein kümmerliches Zehntel-Prozent des Bruttosozialprodukts.” 

Selbstverständlich wird auch in dieser Situation der Wiederaufbau in den neuen besetzten Territorien nicht direkt vom amerikanischen Militär betrieben werden können. Das hat z.B. auch Condoleezza Rice betont. Aber von wo sollen die zivilen ‘Direktoren der Rekonstruktion’ (Orr) kommen? Es wird nichts anderes übrig bleiben, als sie direkt, unter Umgehung aller staatlichen Strukturen, aus der Privatwirtschaft zu beziehen. In gewisser Hinsicht hat die ‚Treuhand’ dies ja bei der Abwicklung der ehemaligen DDR vorgemacht. Und in den neuen Nachkriegsszenarien dürfte diese Privatisierung öffentlicher Neuordnungsaufgaben bis weit in die Polizei- und Überwachungsfunktionen hineinreichen – mit enormen Profitchancen, versteht sich. Das gleiche gilt für andere Nachkriegsaufgaben, die Orr nennt: die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten für die Zivilbevölkerung, die Einwerbung von Experten für den Wiederaufbau, nicht zuletzt aus den USA selbst (etwa in Gestalt von Re-migranten). Den globalen Auswirkungen einer solchen von den USA ausgehenden Privatisierungswelle öffentlicher Aufgaben stünden die Europäer hilf- und fassungslos gegenüber. Keine Marshall-Pläne also: den martialischen Plänen folgen brutale Markt-Pläne. 

 

Akteure einer neuen globalen Gewaltpolitik

 

a) Eine Systematik der Machteliten 

Eine Taxonomie der Machteliten im Globalisierungsprozess ist heute allenfalls in ihren Anfängen und nur unter großen empirischen und theoretischen Schwierigkeiten voranzubringen. Empirisch gehört es zur ‘Natur’ dieser Gruppen, nicht unbedingt unter öffentlich zugänglichen Bedingungen zu operieren. Und angesichts der Verfangenheit der Klassentheorie in der Modernisierungsfalle ist es schwierig, ‘Klassenkampfwissen’ für ‘postmoderne’ Zustände fruchtbar zu machen. Ich meine aber, dass man die Akteure der neuen Kriege in einem Geflecht wie dem folgenden dingfest machen könnte. Es werden vier Gruppen unterschieden, die man sich – auch was ihren Umfang betrifft – in vier konzentrischen Kreisen angeordnet vorstellen kann. 

1. Die Superreichen, der innerste Kern: Diese Population von Dollarmilliardären (ca. 400 in den USA und 2000 weltweit) plus einer weitaus größeren Gruppe mit Vermögen oberhalb der 300 Millionen-Grenze unterliegt, unterstützt von den Massenmedien, einerseits der Mythisierung, andererseits der Verharmlosung. Bei einzelnen, wie Rupert Murdoch oder George Soros, ist ihr Einfluss auf Politik, Kultur und Wissenschaft in Teilen bekannt. Doch über ‘Philanthropie’ und vor allem über die Machtmaschine des Stiftungswesens wird – mit gleichsam höfischen Strukturen – von vielen solchen Milliardärsgruppen auf alle (auch die abseitigen) Bereiche des gesellschaftlichen und weltgesellschaftlichen Lebens ein enormer Einfluss ausgeübt. Und in den USA insbesondere hat sich die Macht des ‘alten Geldes’ zu einer echten Plutokratie verdichtet (wie einer, der es wissen muss, Gore Vidal, nicht müde wird zu erläutern). Diese neue Form des Gottesgnadentums steht, was seine gesellschaftliche Funktionsweise angeht, oberhalb der üblichen Kapitalverwertungsprozesse, kann nicht bestimmten ‘Kapitalfraktionen’ zugeordnet werden, ist vornehmlich mit transkapitalistischen Formen der ‘Kapitalvernichtung’ zwecks Verhinderung von Machtkonkurrenz beschäftigt usw. Und das heißt, auf den Begriff gebracht: Nur diese Gruppen, als einzige, sind souverän! 

2. Der CEO-Komplex, der erste Ring um den Kern der Superreichen: Die Chief Executive Officers aus Industrie und Finanz sind vorrangig mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und wissen ihrerseits viele Multimillionäre unter sich. Als Spitzenmanager großer Unternehmen, Versicherungen, Investmentfonds usw. bilden sie zusammen mit den Superreichen den magischen Zirkel der Corporate World. Dabei kann noch immer mit einem gewissen Recht zwischen nationalen und transnationalen Unternehmen mit z.T. ganz gegensätzlichen ‘corporate cultures’ unterschieden werden. Für unser Thema ist zentral, dass auch die Chief Executive Officers der größten Militärorganisation aller Zeiten, die US-Generäle, zum CEO-Komplex gehören. Diese Gesamtgruppe der Corporate Elites – selbstverständlich mit der ersten Gruppe vielfach verflochten – kann als Kapitalistenklasse im traditionellen Sinne begriffen werden, in welcher Kapitalfraktionen und folglich ökonomisch begründete Interessengegensätze eine Rolle spielen. 

3. Die politische Klasse bildet den zweiten Ring um den Kern des privaten Reichtums. Hier handelt es sich, auch von der Bedeutung her, schon um eine echte Dienstklasse, zuständig für gesellschaftlichen Konsens und für die Aufrechterhaltung eines Anscheins von Verteilungsgerechtigkeit. Zu ihr gehören auch andere Gruppen, die mit politics befasst sind: Lobbyisten, Verbandsfunktionäre, Rechtsanwälte, politische Beamte und die maßgeblichen Medienleute. Mit dem Globalisierungsprozessß kommen globalizing bureaucrats, globalizing politicians and professionals usw. dazu (Sklair 1997). Oberhalb dieser Gruppen finden wir Strukturen, die C. Wright Mills bezüglich der US-Gesellschaft als das ‘politische Direktorat’ bezeichnete. Inzwischen ist daraus möglicherweise ein Unified Global Command (Hardt u. Negri) geworden, doch strukturell gilt Mills’ alte Beschreibung noch immer: Das Direktorat besteht aus einer kleinen Gruppe von Männern, welche die exekutiven Entscheidungen treffen. Zu diesen ungefähr 50 Männern gehören in den USA der Präsident, der Vizepräsident, die Kabinettsmitglieder, die Chefs der wichtigsten Ministerien, Behörden und Kommissionen sowie Mitglieder des Beraterstabes des Präsidenten. Die Wahlkämpfe drehen sich letztlich immer nur um die Besetzung dieser Positionen. Hier finden zwischen den verschiedenen Fraktionen der Geld- und Machtelite Interessenkämpfe bis aufs Messer statt. 

4. Die Schicht der Technokraten und Dienstleister, der Außenring: Dieses Heer von Beratern, Experten, Helfern aus allen Bereichen der Gesellschaft (Wissenschaft, Medien, Kultur, Technik usw.) geht in die Millionen. In dieser Schicht, oft vielleicht auch nur mit einem Bein, bewegen sich auch die globalisierungskritischen Intellektuellen, wenn sie beispielsweise auf ihre Widersacher aus der Think Tank Class treffen. Hier operiert das Fußvolk der Stiftungen, der Weltbank, des IWF, der WTO ebenso wie die Sprecher von NGOs und die Scharen der Medienarbeiter. Möglicherweise lassen sich auch hier ‘Direktorate’ identifizieren, flüchtigeren Charakters als im politischen System. In dieser Gruppe sind, was nicht uninteressant ist, genaue Kenntnisse über die Funktionsweisen des kapitalistischen Weltsystems und seiner Subsysteme mit kritischen und zum Teil subversiven Tendenzen vermischt, so dass hier Widersprüche zur Handlungsreife gelangen können. 

 

b) Kriegseliten im Globalisierungsprozess 

Innerhalb des eben beschriebenen Geflechts von Machteliten nun lassen sich bestimmte Gruppen von CEOs und Militärs, von Politikern, von Angehörigen einer ‘nationalistic think tank class’ (Lieven), von Kommunikations- und Waffenexperten und nicht zuletzt von ‘ultra-high net worth individuals’ (Beaverstock et al.) ausmachen. Sie gehen innerhalb und außerhalb politologisch fixierter, in jedem Fall sich verflüssigender Strukturen dem Kriegsgeschäft offensiv nach. So wie es Paul Krugman von der Bush-Administration sagt: „Diese Administration hat martialische Pläne, keine Marshall-Pläne: Milliarden für die Offensive, keinen Cent für den Wiederaufbau“. [13]  

Und gerade an der Bush-Administration lässt sich auch zeigen, wie so ein kriegselitäres ‘Mikro-Netzwerk’ (Beaverstock et al.) aussieht: mit CEOs, Exmitgliedern des ‘Politischen Direktorats’ der USA, käuflichen Mitgliedern der politischen Klasse wie John Major, saudi-arabischen Potentaten, und sicher auch dem einen oder anderen weiteren Milliardär im Hintergrund. Ich meine die Carlyle Group, eine vornehmlich im Rüstungsbereich und im Ölgeschäft tätige internationale Investmentgruppe. [14]  

Der ‚Vierte Weltkrieg’ [15] wird die größte ‚business opportunity’ aller Zeiten. Frühere Spitzenpolitiker, Washingtoner Insider usw. bereichern sich ungebremst am Krieg gegen den Terrorismus. Diese Geschäfte werden auch George W. Bush zum Milliardär machen. Und zwar auf ganz einfache Weise: durch Erbschaft. Denn sein Vater ist der strategische Kopf der Carlyle Group. Er hat seinen ehemaligen Verteidigungsminister, Frank Carlucci, zum CEO des Unternehmens gemacht; seinen ehemaligen Außenminister, James Baker, zum Spitzenberater; seinen ehemaligen Budget-Chef im Weißen Haus zum Managing Director. Neben John Major, Carlyle Chairman für Europa, finden wir den früheren Präsidenten der Philippinen, Fidel Ramos, als Carlyle Chairman für Asien usw. 

“Es ist schwer, sich eine Adresse vorzustellen, die näher am Herzen amerikanischer Macht liegt. Die Büros der Carlyle Group liegen auf der Pennsylvania Avenue in Washington DC, auf halbem Wege zwischen Weißem Haus und Capitol, nur einen Steinwurf vom Hauptquartier des FBI und zahlreicher Regierungsbehörden entfernt. Diese Adresse spiegelt die Rolle von Carlyle im Zentrum des Washingtoner Establishments ... Seit dem Beginn des ‚Kriegs gegen den Terrorismus’ hat diese Firma – nach inoffiziellen Schätzungen 13,5 Milliarden wert – zusätzliche Bedeutung gewonnen. So war Carlyle der Faden, der die amerikanische Militärpolitik in Afghanistan indirekt mit den persönlichen finanziellen Geschicken ihrer berühmten Angestellten verknüpfte.“ [16] Und bis vor kurzem war Carlyle noch auf eine weitere kuriose Weise in die Hintergründe des Terrorismus verwickelt: zu den Multimillionären, die in dieses Unternehmen investierten, gehörte auch die Familie von Osama bin Laden. Mit Billigung der Bush-Regierung wurden noch nach dem 11. September 2001 24 Mitglieder der bin Laden Familie mit einem saudi-arabischen Jet aus den USA ausgeflogen, um sie der Befragung durch das FBI zu entziehen. [17] Michael Moore, der Regisseur von Bowling for Columbine und Autor der vernichtenden Bush-Kritik Stupid White Men hat seinen nächsten Dokumentarfilm diesem Mikro-Netzwerk im Milliardärsmilieu, der Bush-bin Laden-Connection, gewidmet. 

Und in diesen korrupten Netzwerken tummeln sich auch Figuren wie Silvio Berlusconi, der von Milliardären, die den politischen Raum kontrollieren wollten, zum Milliardär gemacht wurde; oder kleine Inspektoren bzw. Rechtsanwälte wie José Maria Aznar und Tony Blair (aus der untersten Kategorie der oben benannten Dienstklassen), deren megalomaner Ehrgeiz die Strukturen, innerhalb derer sie aufgestiegen sind, offensichtlich transzendiert. Schon geht das Gerücht, dass auf Blair und Aznar nach ihrem Ausscheiden aus der Politik ebenfalls Direktorenposten bei Carlyle warten. Alle diese Dienstboten ziehen, wie Bush, auf der Medienbühne die nationale Karte, obgleich man die internationale Korruption, in der das geschieht, förmlich riechen kann. Und das alles unter den Bedingungen einer monopolistischen Kontrolle der Kommunikation, die es Leuten wie Rupert Murdoch erlaubt, dreist seine Unterstützung des US-Angriffs auf den Irak in die Welt zu posaunen. 

Wie das alles jenseits der Erscheinungsebene zusammenhängt, das ist eine Frage an viele Wissenschaften, ein Problem des ‘cognitive mapping’ (Fredric Jameson) des Globalisierungsprozesses. Franz Neumanns Analyse der Strukturen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, 1942 in den USA unter dem Titel Behemoth erschienen, zeigte dem Amerika des New Deal, dass die Bildung großer Monopole, die Bürokratisierung aller Bereiche, die Prägung des parlamentarischen Systems durch Berufspolitiker und eine Politisierung des Militärs die Voraussetzungen für das Entstehen des nationalsozialistischen Systems in Deutschland gewesen waren. 

Die amerikanischen Intellektuellen mussten sich damals schon die Frage stellen, ob während des Krieges im New Deal selbst nicht eine ähnliche Konstellation herangereift war. Das nach Kriegsende zu beobachtende neue Zusammenspiel der Spitzen von Großindustrie und Washingtoner Bürokratie mit einer neuen Klasse von Berufspolitikern und mit ‘politischen Generälen’ jedenfalls weckte Misstrauen. Mit seinem berühmten Buch The Power Elite (1956) brachte der Soziologe C. Wright Mills diese Befürchtungen auf den Punkt. Es ging ihm nicht nur darum, dass in den USA eine Machtelite ‘aus Männern der Wirtschaft, der Politik und des Militärs’ entstanden war, die ‘etwas Neues im politischen System der USA’ darstellte. Der von Mills begründete Power Structure Research hielt vielmehr auch die Frage der Möglichkeit des Faschismus offen. Der deutsche Nationalsozialismus war ein besonderer Horror innerhalb des faschistischen Entwicklungsweges der Moderne. Doch faschistische Herrschaftsmuster waren keineswegs eine Sache der Vergangenheit, sondern ein permanentes Potential sogenannter moderner Gesellschaften, basierend auf hemmungsloser Korruption und umfassender Kontrolle der Kommunikation. 

Jetzt allerdings hätten wir es mit einem postmodernen, durch die Virtualität des ‚global space of flows’ geprägten Globalfaschismus zu tun - oder, wie Arthur Kroker und Michael Weinstein es schon 1995 ausdrückten: mit einem vom ‚Pan-Kapitalismus’ erzeugten ‚Retro-Faschismus’. Ich hatte mit dem folgenden Satz der beiden Kanadier immer meine Probleme. Aber in einer bestimmten Weise hat die Realität ihn eingeholt: "Das ist die materielle Situation: Überschuldungskrisen führen zu Handelskriegen und zu etwas ganz Neuem: Pan-Kapitalismus und seiner unausweichlichen mörderischen Alternative - Faschismus. Und dieser Kapitalismus muß sich des Faschismus erwehren ohne die Hilfe der Sozialismus - denn der ist in jeder Beziehung tot. Das ist der politisch-ökonomische Konflikt der Gegenwart, durchschossen an jedem Punkt durch die Prozesse der Virtualisierung. Gibt es einen virtuellen Faschismus? Aber sicher: Pan-Kapitalismus, der die Virtualisierung auf die Spitze treibt, erzeugt sich mit dem virtuellen Faschismus seinen mörderischsten Doppelgänger." (Kroker u. Weinstein 1997, 11) Wir haben es mit Fiktionen, zum Beispiel mit einem ‚fiktiven Präsidenten’ zu tun, sagte Michael Moore bei der Oscar-Verleihung. 

In genau diesem Sinne hat sich ein bestimmtes Zusammenspiel von privatem Reichtum mit ‘Direktoraten’ aus Konzernwelt, Politik, Militär, Kultur usw. heute zu einem Schwarzen Loch, zu einem Gravitationszentrum der Macht verdichtet, das die Institutionen der Demokratie und die checks and balances der Zivilgesellschaft nicht nur in den USA mit unheimlicher Gewalt aufzusaugen droht. Die korrumpierten Nationalisten um Bush und ihre Kumpane in Europa und weltweit sind auf einem Entwicklungsweg, der, um mit Al Pacino zu reden, an den des Arturo Ui erinnert. [18] Nur: die Übertölpelungsversuche sind nicht mehr auf eine einzelne Stadt wie Chicago oder München oder auf ein einzelnes Land gerichtet. Sie beziehen sich auf den globalen Raum insgesamt und letztlich auf die Weltgeschichte. In dieser Dimension müssten sich dann auch die US-amerikanischen und europäischen Bewegungen gegen Angriffskriege und private Beutezüge treffen. Und diese Dimension müsste positiv bestimmt werden: als die neue Welt der Kulturen der Globalisierung. 

 



[1] Eine Version dieses Textes erschien in Utopie kreativ, H. 152 (Juni 2003), S.506-519

[2] International Herald Tribune, 25. Februar 2003

[3] International Herald Tribune, 19. Februar 2003

[4] In These Times, 27. Januar 2003, http://inthesetimes.com/comments.php?id=38_0_4_0_C

[5] Herfried Münkler (2003) repräsentiert diesen Duktus der Politikberatung derzeit besonders eklatant, wenn er den europäischen Eliten nahelegt, mit ‚den USA’ auf den Gebieten wirtschaftlicher Stärke, zivilisatorischer Attraktivität und militärischer Macht offensiv zu ‚konkurrieren’. Die Konsequenzen dieser politologischen deformation professionelle – der Horror einer ‚bipolaren Welt’ - wären für den Globalisierungsprozess katastrophal.

[6] vgl. die ungewöhnlich scharfe Kritik von Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, ‚Bush abdicates America's global leadership role’, The New York Times, 29. August 2002

[7] New Statesman, 23. November 2001

[8] R. Aguigah, Frankfurter Rundschau, 6.12. 2002

[9] Vgl. Rainer Rilling, “Outbreak. Let’s Take Over. American Empire als Wille und Vorstellung“, www.rainer-rilling.de/texte/american%20empire.pdf

[10] William Pfaff, International Herald Tribune, 6. Dezember 1999

[11] „Krieg als Chance“, 4.4. 2003, 35

[12] “After the war, bring in a civilian force”, International Herald Tribune,  April 3, 2003

[13] “These American statesmen prefer the martial plan”, International Herald Tribune, Feb. 22, 2003

[14] Vgl. u.a. www.hereinreality.com/carlyle.html

[15] James Woolsey, CIA Direktor unter Clinton, schwadroniert von einem ‘Vierten Weltkrieg’, der auf jeden Fall “erheblich länger als der erste und zweite, wenn auch hoffentlich nicht länger als der Kalte Krieg dauern“ werde. Für Woolsey ist eine Schlüsselposition beim Wiederaufbau des Irak vorgesehen. Der neue Weltkrieg, so Woolsey, richte sich „gegen drei Feinde: die religiösen Herrscher des Iran, die ‚Faschisten’ des Irak und Syriens, und die islamistischen Extremisten der al Qaeda.“ Aber auch die Regime in Ägypten und Saudi-Arabien sollen nervös gemacht werden: “Wir wollen, dass sie merken, dass dieses Land zum vierten Mal in hundert Jahren zusammen mit seinen Alliierten auf dem Marsch ist, und dass wir auf der Seite derjenigen sind, die ihr - die Mubaraks, die saudische Königsfamilie – am meisten fürchtet. Wir sind auf der Seite eurer eigenen Völker.” CNN, April 3, 2003

[16] O.Burkeman u. J. Borger, “The ex-presidents' club”, The Guardian, Oct. 31, 2001

[17] Jane Mayer, The New Yorker, November 2001

[18] Al Pacino inszeniert in diesen Tagen Brechts ‚Arturo Ui’ nicht ohne Hintergedanken mit vielen Hollywood-Größen vor ausverkauftem Haus am New Yorker Broadway.

 

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