Zur geopolitischen Bedeutung der Machteliten der USA [1]  

 

Das Handlungsfeld der zwei Geopolitiken 

Welche Gruppen, Schichten, Organisationen steuern den Globalisierungsprozess? Wer sind die Global Players? Nicht erst seit dem 11. September 2001 gibt es darauf viele Antwortversuche, darunter wilde Gerüchte und Verschwörungstheorien. Der Soziologe Ralf Dahrendorf spricht von einer neuen 'globalen Klasse', andere sehen die 'Illuminaten' am Werk. Autoren wie Michael Hardt und Antonio Negri entwickeln in ihrem Buch 'Empire' ein neues Konzept von Geopolitik. Soziologen entdecken den Begriff der Machtelite wieder. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass viele Angehörige der 'globalen Klasse' US-amerikanische Pässe besitzen. Ich zeichne den Aufstieg der amerikanischen Machteliten zu ihrer gegenwärtigen beherrschenden Position nach. Und frage abschließend nach Politikmöglichkeiten. 

Unter dem Aspekt der Globalisierung steht bei der Machtelitenfrage das U.S. Finanzsystem sicherlich im Zentrum. Eine der schönsten und klügsten Analysen dieses hegemonialen Instrumentariums amerikanischer Machteliten stammt von Doug Henwood. Einerseits, so Henwood, erfülle das U.S. Finanzsystem seine angebliche Aufgabe, die Ersparnisse der Gesellschaft in Richtung der besten Investitionen zu lenken, nur höchst kümmerlich. Das System sei wahnsinnig teuer, gebe eigentlich falsche Signale zur Lenkung der Kapitalströme und habe überhaupt kaum etwas mit wirklicher Investitionstätigkeit zu tun. Auf der anderen Seite aber würde der Finanzmarkt eines sehr gut machen: er bewirke die Konzentration von Reichtum. Der Mechanismus ist einfach: mithilfe staatlicher Verschuldung werden Einkommen von unten, von den einfachen Steuerzahlern, nach oben, zu den reichen bondholders, verschoben. Statt die Reichen zu besteuern, borge die Regierung von ihnen, und bezahle für dieses Privileg auch noch Zinsen. Auch die Konsumentenkredite bereichern die Reichen; wer bei stagnierenden Löhnen und Gehältern seine VISA-Karte benutzt, um über die Runden zu kommen, füllt mit jeder Monatsrate auf sein Kreditkonto die Brieftaschen der Gläubiger im Hintergrund. Unternehmen des produktiven Sektors zahlen ihren Aktionären Milliarden an jährlichen Dividenden, statt ins Geschäft zu investieren. Kein Wunder also, dass der Reichtum sich auf spektakuläre Weise immer mehr ganz oben zusammenballt, ja zusammengeklebt wird. "Lässt man einmal die Frage beiseite, wo sie ihren Hauptwohnsitz haben (! Bahamas, Cayman Islands, Europe), verfügt das reichste halbe Prozent der U.S. Bevölkerung über einen größeren Anteil am nationalen Reichtum als die unteren 90 Prozent, und die reichsten 10 Prozent verfügen über dreiviertel des gesamten Reichtums. Und mit diesem Reichtum geht außerordentliche soziale Macht einher - die Macht, Politiker, Publizisten und Professoren einzukaufen, die Macht, die Politik des Gemeinwesens ebenso wie die Politik der Konzerne zu diktieren."(Henwood 1997, 6) 

Wir wissen viel zu wenig über die Rolle dieser neuen Finanzelite. Welche Rolle spielen die Portfolio-Manager der großen institutionellen Investoren? Man denke an den sich entfaltenden Enron-Skandal, der in vor-terroristischen Zeiten die Bush-Administration schon jetzt an den Rand des Abgrunds gebracht hätte. Diese Finanzeliten, so Henwood, "sind wandelnde Argumente für worker ownership." Vielleicht kommen wir in diesem Zusammenhang auch noch auf die Carlyle Group zu sprechen, in der sich Bush-Familie und Bin Laden-Familie auf wundersame Weise im internationalen Finanzgeschäft wiederfinden. 

Noch einmal Doug Henwood: "Je mehr Gesellschaften polarisieren, desto so mehr borgen die Menschen ganz unten von denen, die ganz oben sind." (ebenda) Wir sind dann in jenem Stadium des Kapitalismus, das Jeremy Rifkin Hypercapitalism oder The Age of Access nennt, das Zeitalter des Vermietens und Verleasens von Zugangsberechtigungen und Nutzungsrechten in einer Welt, die uns nicht mehr gehört, weil wir sie verpfändet haben, bis ins dritte und vierte Glied. 

Machteliten, die Gläubiger der Welt? Kehren auf den Boden der Phänomene zurück: Ralf Dahrendorf spricht, wie gesagt, in diesen Zusammenhängen von einer globalen Klasse: "Das sind die Leute, die von der Globalisierung direkt oder indirekt profitieren. Es sind nicht ganz wenige. In den Executive Class Lounges der Flughäfen kann man sie finden (wenn sie nicht eigene Flugzeuge haben) und bei den Spezialkursen der großen Gurus des neuen Management, auch - wenn auch meist flüchtig - in erlesenen Hotels, meist aber durch Telephon und Computer pausenlos vernetzt mit ihren Partnern überall in der Welt. ... Wie das bei aufsteigenden Klassen zu gehen pflegt, hat es die globale Klasse rasch zu beträchtlichem Reichtum gebracht ... Auch hat die globale Klasse wie andere vor ihr einen Schweif von Helfern und Helfershelfern, Informationstechnologen und Steuerberater, Flugkapitäne und persönliche Assistenten, Sekretärinnen und Privatpolizisten, die in zunehmendem Masse das Bild der neuen Gesellschaft prägen." [2]  

Lord Dahrendorf geht seit Jahrzehnten sehr gentlemanlike mit den Machteliten dieser Welt um, auch wenn ihm inzwischen angesichts der Schere der Ungleichheit, angesichts der Armut in den Megacities, der Aussichtslosigkeit der Jugend vor allem in der Dritten Welt und angesichts der durch jene besondere Form der Globalisierung hervorgerufenen Wiederbelebung von Stammesdenken und ethnischem Egoismus der Kragen zu platzen scheint. 

Ich habe nun aber noch nichts zur Geopolitik gesagt. Das ist, im wörtlichen und im übertragenen Sinne natürlich ein Gebiet voller Landminen. Ich will den Begriff der Geopolitik zunächst einmal so naiv nehmen, wie er außerhalb Deutschlands überall auf der Welt, ob in Frankreich oder in den USA oder in der VR China, benutzt wird. Geopolitik bezieht sich dann auf den Gegenstand aller wirklich relevanten Macht- und Herrschaftsprozesse, auf den Gegenstand aller der Aktivitäten aller Machteliten und herrschenden Klassen: auf unseren Planeten, auf unsere Erde als Objekt der Begierde; auf die Frage, wem unsere Erde gehört, wer sich ihre Reichtümer und wie aneignet. 

Machteliten sind somit diejenigen Menschengruppen auf diesem Planeten, die über die Bedingungen der Aneignung der Reichtümer dieser Welt verfügen; es sind diejenigen, die in einem allgemeinsten Sinne 'Eigentumsrecht' setzen - oder auch zerstören - können. Die Aktivitäten von Machteliten beziehen sich dann auf zwei dialektisch miteinander verbundene Realitätsebenen. In einer anderen Zeit und in einer anderen Theorie hat man diese beiden Ebenen gelegentlich als Basis und Überbau bezeichnet. Ich möchte an dieser Stelle lieber  von Geopolitik I und Geopolitik II sprechen. 

Geopolitik I wäre dann die Ebene, auf der unser Planet als Gegenstand allgemeiner Arbeit erscheint, als der Raum, in dem sich der Stoffwechsel von Natur und Gesellschaft vollzieht. Hier geht es um die aufbauenden und zerstörenden Wirkungen menschlicher Arbeit, um Produktion und Destruktion - und vor allem um die Ressourcen unseres Planeten und um die Biosphäre. 
Geopolitik II dagegen wäre die Ebene, auf der unser Planet als der Sphäre allgemeiner Kommunikation erscheint, beispielsweise als ein Netz weltumspannender kommunikativer Finanztransaktionen, als ein Raum unübersehbar vielfältiger kultureller und massenkultureller Äußerungen. Vor allem aber wäre Geopolitik II eine Ebene, auf der Ökonomie nicht mehr ein Stoffwechselprozess zwischen Gesellschaft und Natur erscheint, sondern selbst als eine kulturelle Operation. Wo also folglich auch Machtpolitik nicht mehr Kampf um Ressourcen ist, sondern zu einem, wie etwa Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem Buch Empire sagen, neuen neues imperialen Projekt führt, einem globalen Projekt der vernetzten Macht. Ich komme, falls die Zeit reicht, darauf zurück. Jedenfalls: Geopolitik II findet im Cyberspace statt. 

Nun bedeutet letztere Bemerkung überhaupt nicht, dass nicht beide Ebenen von Geopolitik durchaus materiellen, räumlichen Charakter haben. Nur: für die erste Ebene, Geopolitik I, reicht die euklidische Geometrie, für die zweite, Geopolitik II, brauchen wir eine nicht-euklidische Geometrie. 

Und: wenn Machtpolitik die Aneignung des Reichtums dieser Welt bedeutet, so entfalten sich Aneignungsoperationen auf der geopolitischen Ebene I derzeit auf der Grundlage einer umfassenden Bestandsaufnahme der Ressourcen und der - sagen wir einmal - physischen und physikalischen Möglichkeiten unseres Planeten. Der planetarische Raum wird derzeit durchfunktionalisiert. Alles steht zur Disposition. Eine 'ursprüngliche Akkumulation planetarischen Ausmaßes' hat begonnen. Im Zentrum stehen die ressourcenreichen Territorien im funktionalisierten globalen Raum, zum Beispiel die Golf-Region und Zentralasien, aber auch der nordpazifische Raum. 

Aneignungsoperationen auf der geopolitischen Ebene II dagegen sehen ganz anders aus. Hier entsteht der Eindruck, als gehe es gar nicht mehr um Macht, sondern um Imagination, um Kultur, um Gefühle vielleicht. Aneignung, Macht? Rifkin spricht sogar vom Verschwinden des Eigentums. Verflüchtigt sich nicht alle Macht und Herrschaft in den kommunikativen und kulturellen Weiten des Cyberspace? Nun, in Wirklichkeit werden natürlich auch die nicht-euklidischen Räume der Kommunikation und des Cyberspace derzeit durchfunktionalisiert und herrschaftsmäßig zugerichtet. Auch hier haben die Machteliten ihre Professoren angeheuert und es wäre ein Vergnügen, sich an diesem Punkt einmal mit den segensreichen Wirkungen der Luhmannschen Systemtheorie auseinander zu setzen. 

Über Machelite redet man in der Tat tunlichst im Plural. Unter diesen Begriff nämlich sind viele verschiedene Gruppen zu subsumieren, Konzern- und Finanzeliten, Militäreliten, Kultureliten, die Spitzen der politischen Klasse und auch der Bürokratie. Zur Machtelite werden diese Gruppen, wenn sie zusammenwachsen, sich untereinander verständigen, an einem Strang ziehen, amalgamieren - und Geld und Profitstreben sind dabei ein ungeheuer wirksamer Kleister. Aber selbstverständlich sind Machteliten - vor allem, wenn es um viel geht - auch untereinander oft bis auf den Tod verfeindet und auf jeden Fall fast immer ziemlich zerstritten. 

 

Zur Geschichte der amerikanischen Machteliten 

Im Gefolge des Zweiten Weltkriegs waren die USA zur unangefochten stärksten Industrienation der Welt geworden, und sie waren schon damals auf dem Wege zum globalen Finanzmanipulator. Und hier muss mit dem Gold begonnen werden. Diese Geschichte zieht sich hin bis 1971, bis zum Ende des Bretton Woods Systems. 

In den Dreißiger Jahren war Fluchtgold in die USA geströmt, in riesigen Mengen, die Goldmenge hatte 1950 über 24 Milliarden Dollar erreicht, fast 64 Prozent der gesamten nationalen Geldreserven der USA. Vor Kriegseintritt der USA wusste man mit dieser zugeflossenen Gold- und damit Geldmenge nichts anzufangen. Sie stammte ja nicht aus Exporterlösen, sondern war aus dem dunklen Himmel Europas herabgefallen. Man hatte Angst vor inflationären Auswirkungen und behielt das Gold in Fort Knox, streng getrennt von den normalen Geldbeständen. Während des Zweiten Weltkriegs aber wurde das Fluchtgold plötzlich zur kostenlosen Kreditbasis für die amerikanischen Kriegsausgaben. "Man behandelte den Goldschatz, als wäre er über Nacht aufgetaucht, und machte daraus die Kreditgrundlage zum Beispiel für das riesige Lend&Lease Programm, mit dem die Alliierten auf Pump zu Waffen kamen. "Die Nation konnte Krieg führen, ohne dass die Menschen zuhause Opfer bringen mussten. Amerikas Rolle im Zweiten Weltkrieg wurde, im Sinne seiner Kreditbasis, mit dem Gold bezahlt, das dort Zuflucht gesucht hatte." So wie früher die Ströme von Arbeitskräften und dann von Kapital Amerika beflügelt hatte, so jetzt eine vom Himmel gefallene Golddeckung des Dollar. "Das Wesen des Bretton Woods Systems bestand darin, dass der Rest der Welt Gold und U.S. Dollar als funktional identisch akzeptieren musste, während die beiden in Amerika selbst nicht austauschbar waren." - "Kurz, die Vereinigten Staaten finanzierten ihre wachsenden Übersee-Militärausgaben und den wachsenden Überschuss im Außenhandel dadurch, dass sie zuhause gedruckte Papierdollar im Ausland als Goldäquivalent ausgaben." (McCarthy 1974) 

Das konnte natürlich nicht ewig so weitergehen. Vor allem die Verbündeten wurden unruhig. Zwar wurde der Vietnamkrieg, unter stillschweigender Zustimmung europäischer und asiatischer Finanzinstitutionen (Zentralbanken usw.), zunächst auch noch so finanziert. Aber allmählich wurden diese Grundlagen der Pax Americana brüchig. 1971 wurde das Bretton Woods System aufgrund internationalen Drucks aufgekündigt. Die Amerikaner wurden - neben der Niederlage in Vietnam spielte auch das Öl in Gestalt der OPEC usw. eine Rolle - zu einer Realpolitik gezwungen. Jetzt musste auch in Finanzdingen neu gezaubert werden. Aber ich greife den Dingen voraus. 

Spätestens seit 1945 hatten amerikanische policy planner unter der Überschrift Pax Americana damit begonnen, die Welt auf den Ruinen des deutschen, britischen und japanischen Imperialismus neu zu definieren. Es waren vor allem die War and Peace Studies des Council on Foreign Relations, welche die Blaupause für die politische, militärische und ökonomische Hegemonie der USA darstellten. 

Der Kalte Krieg wurde inszeniert - und es war weitgehend eine Inszenierung. Die Vereinten Nationen erhielten ein hübsches Haus in Manhattan und wurden funktionalisiert. Die überseeischen Militäreinrichtungen wurden ausgebaut. Und die Culture Wars begannen. 

Ich übergehe hier die enorme - wenn man so will - geopolitische Bedeutung der vielfältigen Re-education-Programme, denen nicht zuletzt und besonders intensiv die Generation der zwischen 1925 und 1935 geborenen Deutschen unterzogen wurde. Diese Programme haben uns seinerzeit einerseits tatsächlich die Tore zur wirklichen Welt, auch zu den Werten der Demokratie und Freiheit weit aufgestoßen. Andererseits aber haben sie uns auch, gerade uns Sozialwissenschaftler, sensibel gemacht was hinter den Kulissen dieser Politik einer Pax Amerika in Gang gesetzt wurde. Ich übergehe auch die kulturellen Offensiven der CIA (vgl Saunders 1999). 

1942 erschien in New York erstmals Franz Neumanns Analyse der Struktur des nationalsozialistischen Herrschaftssystems unter dem Titel Behemoth. Wenige Bücher haben die amerikanischen Intellektuellen jener Zeit tiefer beeindruckt. Neumann zeigte nämlich, wie aus den Ingredienzen moderner Gesellschaft - Industrialisierung, Bürokratisierung, Parlamentarisierung und Militarisierung - nicht nur Freedom and Democracy zusammengebraut werden können, sondern auch Diktaturen. Und er zeigte, dass das Zusammenspiel der entsprechenden Eliten (Monopol- oder Konzernelite, bürokratische Elite, politische Klasse und Militär) durchaus in beide Richtungen laufen konnte, ja beide Richtungen einkalkulierte. 

Amerikanische Intellektuelle, die mit dem New Deal ein gewaltiges Anwachsen der Zentralbürokratie (der 'Planungseliten') und der national agierenden politischen Elite beobachtet hatten, sahen mit der mächtigen Kriegswirtschaft, welche den Sieg der Alliierten ermöglicht hatte, auch die Bedeutung der amerikanischen Konzerneliten und der Militäreliten gewaltig zunehmen. Und sie sahen auch, wie das Zusammenspiel dieser Säulen amerikanischer Weltgeltung - zunächst aus Gründen der Führung des heißen, dann des kalten Kriegs, weit oberhalb des normalen parlamentarisch-demokratischen Prozesses ablief. Neumanns Nationalsozialismus-Analyse veranlasste deshalb viele amerikanische Intellektuelle zu der Frage ob das, was im Deutschland der Weimarer Zeit möglich geworden war, der Übergang in ein diktatorisches System, nicht auch in den USA möglich sein könnte. Dieser Gedanke hat im übrigen die Intellektuellen überall in der Welt nicht mehr losgelassen. C. Wright Mills berühmtes Buch The Power Elite von 1956 brachte dieses Thema auf den Punkt. Ein paar Jahr später warnte Dwight D. Eisenhower vor der unkontrollierbaren Macht des amerikanischen Militär-Industrie-Komplexes. 

Verfolgen wir also ein wenig, wie die amerikanischen Eliten sich nach dem Zweiten Weltkrieg ausdifferenziert haben. Es kann in der Herrschaftsforschung kaum bezweifelt werden, dass den zentralen gesellschaftlichen Bereichen Konzernwirtschaft, Gewalt- und Militärapparate, Großbürokratie und Spitzenpolitik Eliten aufsitzen, die (wie in der deutschen Geschichte letztlich) einmal weniger und (wie in der amerikanischen Entwicklung) einmal mehr horizontal miteinander zirkulieren, Personal austauschen, gemeinsam Politikon entwickeln und sich dafür vielfältiger Vermittlungsstrukturen bedienen. Diese Konzern-, Militär-, Bürokratieeliten bilden in ihrem Zusammenspiel (und ihren gelegentlich heftigsten Konflikten) den Kern der Machtelite. Um diesen Kern herum, oder besser: darunter, entstehen und lagern sich an vielfältige weitere Eliten: Kultur- und Wissenschaftseliten, technokratische, publizistische und künstlerische Eliten, Stars und Sternchen. Ich will versuchen, diese Ausdifferenzierung für die letzten Jahrzehnte, Jahrzehnt für Jahrzehnt, eine wenig zu typisieren. 

Es entstand so etwas wie eine US-amerikanische Stilführerschaft in ökonomischen und sozialen Dingen. Die 50er Jahre (vgl. Halberstam 1993) bescheren den USA auf der Basis ihres kriegsbedingten innen- und außenwirtschaftlichen Aufschwungs eine Reihe von Neuerungen: 

Zur politischen Ökonomie der 50er gehören neue Management Systeme, die Werbeindustrie, sowie weltweites contracting (Bechtle-Konzern) und outsourcing, vor allem auch die Propagierung einer Shareholder-Gesellschaft (Charles Merrill). 

Die Massenproduktion nimmt neue Formen an: Auto und Autokultur, Massenproduktion von Einfamilienhäusern (William Lewitt-Town), von Hotelangeboten (motels, Holiday Inn), von fast food mit den entsprechenden Restaurantangeboten (McDonald’s). 

Die Massenmedien treten in eine neue Phase ein: TV, Quiz-Shows, Talkshows, Serien etc. mit exportierbaren Lifestyle-Mustern. 

Eine Reihe von 'sozialen Erfindungen' beginnt sich auszuwirken: die Pille und daraus erwachsende Veränderung der sexuellen Normen, die Kulturindustrie entwickelt Weltfilme und vor allem: es entsteht das Massengut Rockmusik (Elvis Presley). 

Im Gefolge dieser ökonomischen und sozialen Neuerungen bilden sich distinkte Sub- bzw. Funktionseliten (neue Aneignungsmuster) heraus, in den Massenmedien, der Werbebranche, im Managementtraining, im Lifestyle generell, zum Teil mit den Machteliten verbunden, zum Teil sie ergänzend (Vorbereitung des Kennedy-Phänomens); alle diese Subeliten fügen sich ein in den globalen hegemonialen Prozess der USA: 

Hier spielt die Idee des 'Franchising' (McDonald’s, Coca Cola) eine entscheidende Rolle, die ja selbst schon eine interessante Eigentumsoperation darstellt. 

Ein weiteres interessantes Prinzip ist: für jedes private, individuelle Problem gibt es eine massenproduzierte Lösung (Gurus des positiven Denkens, eines neuen Lifestyle drängen sich auf). 

Am wichtigsten aber ist in diesem Prozess die Durchsetzung des Prinzips, dass Freiheit nur durch die rigorose Anwendung individueller Eigentumsrechte errungen werden kann (the principle of freedom through property rights): das wird sozusagen die Sprachregelung, unter der sich alle diese neuen Führungs- und Führergestalten mit der amerikanischen Machtelite zusammenfinden und mit einer Stimme reden können. 

Zusammengefasst also: diese sozio-ökonomischen Erfindungen und Erfolge der Fünfziger bringen die Eliten untereinander und die Eliten und Massen zusammen, auch wenn die Wirtschaftelite mit ihrem upper-class accent (Schattschneider) für alle sang und diese upper-class-Attitüde selbst zum Exportschlager wurde. 

Zwischen Kulturrevolution und brutaler imperialistischer Eroberungspolitik in Vietnam brachen auch unter den Eliten Widersprüche auf. Die Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten (Martin Luther King, Jr.), die Gründung der Students for a Democratic Society (SDS) im Jahre 1962, eine erstmalige liberale demokratische Kongressmehrheit im Jahre 1964, die eine progressive Gesetzgebung (Civil Rights Bill, Medicare, die Programme Great Society und War on Poverty) und schließlich Kennedys Sieg: das alles wurde auch durch einen Teil des Establishments ermöglicht. 

Gegen die Kommodifizierung der Kultur scheint sich in den 60ern, in Reaktion auf den 'Materialismus' der voraufgehenden Epoche, auf allen Ebenen eine Kulturrevolution zu entfalten unter dem Motto des Verschenkens, der Liebe, der Flower Power, des Follow the Free (der Utopie des Schenkens statt Verkaufens). Diese Motive werden in der Cyberkultur der 90er auf seltsame Weise wieder auftauchen. Diese Motive der ersten amerikanischen Kulturrevolution haben ein Grundmuster in die Weltkultur eingeführt, dem sich Anti-Establishment-Bewegungen bis heute kaum, und wenn nur auf schrecklich andere Weise, entziehen können. Mit anderen Worten, hier entstanden die Muster für globale Gegeneliten, bis in Attac hinein. Ein weiteres Exportgut. 

Es war eine Zeit eines fast utopischen Optimismus (vgl. Galbraith 1958, Harrington 1962), die Zahl der Milliardäre war geschrumpft, man musste nur ein paar archaische politische und ökonomische Arrangements beseitigen, damit alle - tendenziell weltweit und auch über den Eisernen Vorhang (wo's ja auch so schlecht nicht war) hinweg - an den Früchten teilhaben könnten. Ein an Präsident Johnson gerichtetes Manifest von Sozialwissenschaftlern, Gewerkschaftern, Unternehmern verkündete The Triple Revolution, das den Anspruch auf universale Anwendung der vollen Menschenrechte begründete. Auch hier war etwas zu exportieren, und es zielte schon deutlich auf die geopolitische Ebene II. 

Doch zugleich begann die zweite Hälfte der Sechziger mit den Rassenunruhen in Watts und der Eskalation des Vietnamkriegs. Dieser Krieg vor allem widersprach den amerikanischen Idealen, die gerade zur Exportreife entwickelt worden waren. Die Johnson-Adminstration erschien als der Inbegriff der Unehrlichkeit und die militärisch-geopolitischen Aktivitäten reflektierten ganz offensichtlich die wahren Prioritäten der amerikanischen Konzerne und der Machtelite (vor der Eisenhower zu Beginn des Jahrzehnts gewarnt hatte). So verstand sich der SDS im Jahre 1969 als die globale Speerspitze einer gewaltsamen Revolution gegen die USA. Die Pax Americana war tot. Und dennoch waren es nicht die gewaltsamen Anti-Kriegs- und Black Power-Bewegungen, die weltweit weiterwirken, sondern die damals begründeten Umwelt-, Konsumenten- und Frauenbewegungen. 

Dieser Sauseschritt durch das Eliten- und Realitätsebenen-Panorama der global agierenden amerikanischen Gesellschaft soll nicht den Anschein erwecken, als spiele die harte wirkliche Machtelite – die Geldmächtigen, die Spitzen der Konzerne, der Bürokratien, des Militärs und der Politik - in diesen Jahren keine Rolle mehr. Das Gegenteil ist der Fall. Sie konsolidiert sich. In den Sechzigern ist vom National Security State die Rede, vom American Fascist State, vom Pentagon Capitalism (Melman 1970) usw. Und es ist ein Faktum, dass dort in den Herrschaftsstrukturen Gewaltiges geschieht, von dem durch den Kennedy-Mord nur ein Zipfelchen gelüftet wird. Auch beginnt sich vom Industriekapitalismus des Finanzkapitalismus zu lösen, zu verselbständigen, so dass es sinnvoll wird, bei den Wirtschaftseliten zwischen Konzerneliten und Finanzeliten zu unterscheiden. Auch wird es immer interessanter, sich die noch darüber stehenden Superreichen, die Geldaristokratie, genauer zu betrachten. Hier beginnen sich höfische, neo-feudale Strukturen um bestimmte, 'gesellschaftlich' besonders aktive Milliardärsgruppen auszufalten, die weit über das hinausgehen, was einst um 1900 um die Robber Barons, die Rockefellers, Carnegies, J.P. Morgans und Fords schon entstanden war. Insofern dient dieser schnelle Durchgang durch die Geschichte nur der Veranschaulichung der Tatsache, dass hier eine herrschende Klasse, an ihrer globalen Aufgabe wachsend, sich durch die Jahrzehnte hindurch ausdifferenziert und durchfunktionalisiert. 

 

Die Grundlegung einer neuen, doppelten Geopolitik 

In den frühen Siebzigern schien das amerikanische politische System aus den Fugen zu geraten, die Loyalität und Zustimmung der Öffentlichkeit hatte eine Tiefpunkt erreicht, 40 Prozent der white collar corker, 66 Prozent der blue collar worker hatten laut Umfragen kein politisches Vertrauen mehr in die Regierung. 

Das amerikanische politische System erfährt seine bis dato tiefgreifendsten Veränderungen. Wir haben Nixon, wir haben Watergate, wir haben 1975 die Vietnam-Niederlage, wir haben einen Jimmy Carter und wir haben, hinter den Kulissen - es gibt darüber ein schönes Buch mit dem Titel The Hidden Election (Ferguson u.a. 1981) - eine neues Arrangement innerhalb der Machteliten, insbesondere zwischen den Spitzen der multinational und der national agierenden amerikanischen Konzerne. Das System der Eliten und Subeliten formiert sich neu. Es ist nicht nur ein Erdrutsch, sondern fast ein Putsch, mit dem Ronald Reagan am Ende des Jahrzehnts Präsident wird. Und das Präsidentenamt wird dabei an Bedeutung dramatisch verloren haben. 

Zugleich wird, trotz des Vietnam-Desasters, die amerikanische Politik in der Welt immer komplizierter und erfolgreicher. Die Machtelite mit ihrer eigenen Policy-Infrastruktur hat übernommen. Die Kalte Kriegs-Strategie wird durch eine Entspannungs-Strategie abgelöst. Die Konflikte zwischen China und der Sowjetunion werden ausgenutzt. Auf einmal, trotz aller Konfrontation, fliegen Amerikaner und Sowjets gemeinsam in den Weltraum. 1972 wird der ABM-Vertrag abgeschlossen. Technisch-militärische Eliten überall auf der Welt werden von den Amerikanern kooptiert. 

Aber eine Frage ist ja interessant. Wie reagieren die amerikanischen Machteliten auf die Niederlage im Vietnamkrieg? Eine plausible Erklärung ist, dass der Watergate-Skandal eine Ablenkungsinszenierung ist. Deep Throat als Sprecher der herrschenden Klasse und die Washington Post als ihr Sprachrohr beginnen, ein Stückchen von der geheimen Macht zu verschenken, aber nur, indem sie zugleich die Rolle des Präsidenten und damit das politische System weiter entscheidend schwächen. Sie ziehen alle Frustrationen, alle Wut über die Vietnamniederlage auf eine unglückliche Figur, die der herrschenden Klasse lange und mit Hingabe gedient hatte und schlagen so viele Fliegen mit einer Klappe: Ablenkung von Vietnam, Schwächung des politischen Systems, Bereinigung von Undichtigkeiten und Widersprüchen im industrie-militärischen Herrschaftsinstrument, Erzeugung peripherer politischer Bewegungen, Verhinderung zentraler politischer Bewegungen. Es ist der Beginn eines bewusst und medial inszenierten Entpolitisierungsprogramms: The Strange Disappearance of Civic America (Putnam 1996). 

Zugleich taten die Untersuchungen des House Committee on Impeachment dem armen Richard Nixon (der so viel weniger Dreck am Stecken hatte als George W. Bush schon jetzt) nicht wirklich weh. Ford amnestierte Nixon, Nixons engster Mitarbeiter Haig wurde militärischer NATO-Chef. Ein bisschen mehr kam heraus in Untersuchungsausschüssen über die CIA: LSD-Experimente in den 50ern, Mordversuche an Castro in den 60ern, Henry Kissingers 'Destabilisierung' der Allende-Regierung in Chile. Das sogenannte Church-Komitee deckte sogar ein Zipfelchen der damaligen Intellektuellen-Politik der CIA auf: "Die CIA benutzt jetzt Hunderte von amerikanischen Hochschulangehörigen (Administratoren, Fakultätsmitglieder, Lehrassistenten und graduierte Studenten). Sie geben Hinweise, ermöglichen gelegentlich Anwerbegespräche und schreiben Bücher und Artikel, die im Ausland für Propagandazwecke verwendet werden können. Diese Wissenschaftler befinden sich in über 100 amerikanischen Colleges, Universitäten und anderen Institutionen. In den meisten dieser Institutionen weiß nur der Betroffene selbst von seiner CIA-Verbindung. In anderen ist zumindest ein Mitglied der Universitätsleitung informiert. Die CIA hält diese operationalen Beziehungen innerhalb der amerikanischen akademischen community für die vielleicht sensibelsten überhaupt und hat strenge Kontrollregeln für die Operationen aufgestellt." (vgl. Church-Committee 1976) 

Man konnte und musste solches, was ohnehin alle wussten, veröffentlichen, weil diese informellen Netzwerke der 'Best and Brightest' in der sich entfaltenden globalen Strategie der amerikanischen Machtelite eine besondere Rolle spielen sollten. Man gab zu, was schon war, um auf der Basis einer solchen verallgemeinerten Information weitergehen zu können als bisher. Denn hinter dem Spiel der Regierungskrisen ist das Selbstbewusstsein der Machtelite enorm gewachsen. 

Unter solchen Aspekten besonders wichtig ist die Rolle der Trilateralen Kommission, die 1973 von David Rockefeller und Zbigniew Brzezinski gegründet wurde. Die Trilaterale Kommission verstand sich in erster Linie als Unterstützung bei der Herstellung der für eine multinationale Ökonomie notwendigen internationalen Links. Ihre Mitglieder kamen aus den höchsten Kreisen des Geschäftslebens, der Politik und der Medien in Westeuropa, Japan und den Vereinigten Staaten. 

Eine solche Konsolidierung des amerikanischen Herrschaftssystems jenseits des demokratischen Prozesses. der politischen Schau, des Mediendonners, der sinkenden Wählerbeteiligung, der obskuren politischen Klasse, war selbstverständlich nicht nur funktional für den Hausgebrauch, sondern vor allem für die globalen Aktivitäten im amerikanischen Interesse. Nicht nur, aber auch im Kopf von Zbigniew Brzezinski, jenem ersten Sekretär der Trilateralen Kommission, formierte und formulierte sich eine geopolitische Doktrin, auf die ich gleich noch zu sprechen komme. Wichtig ist aber auch, wie ich schon mehrfach betont habe, dass für die neuen, komplexen Finanzbeziehungen, die von der Wall Street geknüpft wurden, neue Handlungsformen weitab von allen demokratischen Prozessen gesucht werden mussten. Gläubiger-Schuldner-Beziehungen der verwickeltsten Art waren weltweit aufzubauen, gerade auch in den Block des Realsozialismus hinein und immer im Interesse der amerikanischen Finanzoperateure gewirkt. Auch das eine spannende Geschichte, die noch kaum geschrieben ist (vgl. Arrighi 1994). Zudem gerät in den Achtzigern die Strategie der amerikanischen Machtelite, ihresgleichen weltweit zu kooptieren, zum Triumph. 

Die entscheidende Entwicklung aber ist unbestreitbar die sogenannte Digitale Revolution, das Internet. Ganz viel wäre hier natürlich zu sagen. Nur kurz zu den historischen Bedingungen: seit den 60ern war auch in den USA der ungehinderte räumliche, der euklidische Zug nach Westen endgültig zuende gegangen. Die Illusion eines Landes der unbegrenzten Möglichkeiten hatte die Menschen in den USA hin und her fluten lassen, bis mit dem kalifornischen Schlussverkauf, dessen einer Ausdruck sicherlich die Hippie-Bewegung war, die Möglichkeiten des sich Ausbreitens, der ländlichen Idyllen, des Community-Ideals und anderer anti- und post-technologischer Lebensweisen weitgehend (trotz Drogen) ausgeschöpft waren. Danach kamen dann nur noch Silicon Valley und die Ecology of Fear, Herrschaftsausübung durch Angsterzeugung (vgl. Davis 1998). In dieser Situation war es gerade recht, dass die Welt der vernetzten Computer seit den Achtziger Jahren einen 'inneren Raum' (inner space) zu erschließen begann, der nicht nur Träume, sondern auch harte Geschäftsbewegungen akkommodierte. 

Auf der einen Seite also Cyberpunk (William Gibson, Neuromancer von 1985; Neal Stephenson, Snow Crash von 1991), auf der anderen Seite - und das ist das Entscheidende - ermöglicht das Internet dem Kapitalismus die Kontextsteuerung aller gesellschaftlichen Teilaspekte des Globalisierungsprozesses, bringt vor allem Ökonomie und Kultur in nie geahnter Weise zusammen und auf den Nenner des Geldes. Ich nenne nur einige Punkte: 

Amerikanische Software und Programmiersprachen sind ubiquitär. 

Die Massenkultur, eine ‚geopolitische Ästhetik’ (Jameson 1992) erlebt durch den Cyberspace unglaubliche Veränderungen. 

Investment Banking und 'financial wizardry' erhalten endgültig einen kulturellen (ideologisch-utopischen) Kontext. 

die Kriegsführung der Amerikaner (die in den Golf- und Balkankriegen Geopolitik I fortsetzt) erhält einen 'materiell-virtuellen' Charakter (d.h. die Produktion von Toten durch Virtualität). 

Eines ist dabei interessant. Es sah in den 90ern so aus, als würde Samuel P. Huntingtons Clash of Civilizations sich in erster Linie im Milieu des Cyberspace vollziehen und austoben können. Nach der Krise der New Economy schon und erst recht nach dem 11. September 2001 sind da Zweifel angebracht. Sie sind vor allem begründet in der Unfähigkeit der kapitalistischen Profitwirtschaft, mit diesen Möglichkeiten umzugehen. 

Denn grundsätzlich müssen wir festhalten, dass mit der digitalen Revolution tatsächlich eine Revolution erfolgt ist. Eine Revolution, welcher gerade auch die Machteliten der USA ausgesprochen ambivalent gegenüberstehen, ja der sie ausgeliefert sind. Hier entsteht ein neues globales Politikfeld. Michael Hardt und Antonio Negri geben in ihrem vieldiskutierten Buch Empire eine erste Ahnung davon. 

In Nordamerika sprach man in den Neunzigern auch von der Heraufkunft einer neuen 'virtuellen Klasse'. Teils unkritisch und positiv wie im Umfeld des Global Business Network und seiner California Ideology. Teils zog man, wie die theoretischen Cyberpunks Arthur Kroker und Michael Weinstein, hämisch her über die "geschwätzigen Hype-Propheten des Information-Highways - von Präsident Bill Clinton (USA) bis Präsident Bill Gates (Microsoft)" (Kroker u. Weinstein 1997, 21). 

Wichtig erscheint mir die grundsätzliche Einschätzung dieser Entwicklung. Die digitale Revolution erlaubt in der Tat die Durchfunktionalisierung aller Räume. Der Globus wird in der Tat allmählich zu einer beliebig formbaren Masse, die in reine Energie übergeht. Globalstrategien aller Art treffen sich derzeit in diesem Punkt. Denn typisch für die gegenwärtige Erkenntnissituation ist die Infragestellung des geometrischen, euklidischen Raumverständnisses und der bisherigen Raumerfahrung. Fredric Jameson sagt dazu, "dass es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit, dass es mit diesem Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit des Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren, seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung zu strukturieren und kognitiv seine Position in einer vermessbaren äußeren Welt durch Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen." Die Hyperräume stellen eine unvermeidliche historische und sozio-ökonomische Realität dar. Der Cyberspace ist "die dritte große neuartige und weltweite Expansion des Kapitalismus." (Jameson 1993, 94f) 

An der Bedeutung dieser Sphäre für eine Geopolitik II wird auch der gegenwärtig zu beobachtende Rückfall in die Barbarei nichts ändern, in welchem sich fundamentalistische Islamkrieger und texanische Ölmilliardäre auf dem weltgeschichtlichen Boden der Golf-Region und Zentralasiens in schwer auflösbarer Verstrickung wiederfinden. 

 

Ausblick 

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird jene globale Hegemonie, welche die amerikanische Machtelite mithilfe der California Ideology weiter befestigte, auf den Boden der materiellen Tatsachen, der Durchfunktionalisierung und (Neu-)Verteilung der globalen Ressourcen, zurückgeholt und, wenn man so will, geerdet. Insofern ist der Wechsel in Washington (bis in die Umstände der Wahlfälschung hinein) von großer symbolischer Bedeutung. Statt des bornierten 'Vaters des Internet' Al Gore haben wir den bornierten, jeglicher Intellektualität oder gar Virtualität abholden 'Sohn der amerikanischen Ölmafia'. 

'We're going in!' - Diese Fraktion geht jetzt rein. Aber gerade die Bush-Regierung bewegt sich auf dünnem Eis, denn ausgerechnet das Wall Street Journal berichtete schon am 27. September 2001, es gebe dokumentierte Verbindungen zwischen führenden Figuren der Republikanischen Partei - unter ihnen George W. Bushs Vater, der ehemalige Präsident - und der Familie bin Laden. Das Journal schrieb: "Im Rahmen ihrer weit gespannten Geschäftsinteressen investiert der wohlbestallte saudi-arabische Clan - der sich nach eigenen Angaben von Osama losgesagt hat - in einen Fonds, den die Carlyle Group gegründet hat, eine gut eingeführte Handelsbank in Washington, die sich auf Übernahmen von Unternehmen der Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie spezialisiert hat." - "Durch diese Investitionen und ihre Verbindungen zum saudischen Königshaus lernte die Familie bin Laden einige Spitzenpolitiker der Republikanischen Partei kennen. In den letzten Jahren sind der ehemalige Präsident Bush, der ehemalige Außenminister James Baker und der ehemalige Verteidigungsminister Frank Carlucci zur Hauptresidenz der Familie bin Laden in der saudi-arabischen Stadt Jeddah gepilgert." In solchen globalen Finanzgeschäften also regen sich heute die Eliten des Militär-Industrie-Komplexes und der Irak-Krieg war in diesem Verständnis nur der Anfang. 

Und auch sonst ruht Geopolitik I in keiner Weise. Neue Militärstützpunkte wollen die USA einrichten, nicht mehr nur als Containment potentieller Gegner, sondern vor allem aus ressourcenstrategischen Gründen. So wie der Golfkrieg 1991 zur Etablierung einer großen Militärbasis in Saudiarabien führte, so soll jetzt der Afghanistankrieg zu einer Besetzung von Asia's Cockpit (Heritage Foundation) führen. Wie die New York Times berichtet, bauen die USA zusammen mit einigen Verbündeten der Anti-Terror-Allianz eine Luftwaffenbasis in Kirgisien auf, die als zentrale Schaltstelle für Militärtransporte dienen solle. Dem Bericht zufolge sollen dort 3000 Soldaten sowie Militärflugzeuge stationiert werden. Überhaupt ist die Proliferation amerikanischer Militärpräsenz weltweit – und zugleich deren ‚Privatisierung’ – zum zentralen Prozess dieser Entwicklung geworden. 

Und so geht es heute um die analytische und praktische Verbindung der beiden Ebenen von Geopolitik. Zunächst einmal, auf beiden Ebenen der Geopolitik finden heute Aneignungsoperationen größten Stils statt, z.B. als die Aneignung Zentralasiens, z.B. als die absolute Bereinigung der Finanz- und Geldmärkte (Säuberung von Mafia-Geld, islamischem Geld etc.). Hier entstehen die Rahmenbedingungen für die Verteilungskämpfe der nächsten dreihundert Jahre. Angehörige der dabei konkurrierenden Eliten operieren dabei auf beiden Ebenen. Gleichwohl gibt es hier einen heftigen Gegensatz um den Charakter der künftigen Weltordnung: Kommunikation (Finanz) vs. Produktion/Destruktion (Arbeit, Ressourcen). Möglicherweise haben die Eliten der Geopolitik I den Finanzeliten sogar mit dem 11.9.01 eins ausgewischt, wie Jan Myrdal [3] vermutete. Es rumort im Augenblick in der verschwörungstheoretischen Küche. 

Gegen Verschwörungstheorien helfen im übrigen nur Klassentheorien. Dazu aber muss unser Wissen um den Kapitalverwertungsmechanismus, dessen Grundzüge wir kennen, bis in alle möglichen Verästelungen hinein, durch eine soziologische Analyse der derzeitigen Machteliten ergänzt werden. Alles, was wir bisher als Klassentheorie bezeichnet haben, ist veraltet, nicht mehr brauchbar. Die Verflechtung, das Ineinanderübergehen von Klassenlagen, die Kommunikation über Beobachtung und Selbstbeobachtung mit dem Zweck, das strategische Denken der Herrschenden als unser aller Denken erscheinen zu lassen, die Hilflosigkeit der Ideologiekritik usw. verlangen einen kompletten Neuanfang. Und zunächst einen der Beschreibung. Nicht nur der ‚globalen Unterschichten’, des globalen Proletariats (Wallerstein), sondern vor allen Dingen der Oberschichten, der Machteliten. 

Wir können einiges über die Machteliten, über die geopolitischen Eliten, die Konzerneliten, die flüchtigen Finanzeliten herausfinden, wenn wir bedenken, dass der Begriff der Machtelite ein analytischer Begriff und zugleich ein historischer Begriff ist, dass also die Personen, die der Finanzelite angehören, im allgemeinen auch geerdet sind, also auch noch der Produktionselite etc. verbunden sind usw. Natürlich hilft hier das Konzept der Machtelite, vor allem, wenn man es historisch anreichert, in diesem Sinne historisiert und das heißt, die Geschichte der Machteliten erzählt, und zuallererst die Geschichte der Machtelite der einzigen Weltmacht. 

 



[1] Vortrag, gehalten am 15.1.02, im Rahmen einer Attac-Veranstaltung, ‚Kapitalismus und Weltgesellschaft heute’, an der Universität Münster

[2] Ralf Dahrendorf, „Globalisierung und Freiheit“, Rede aus Anlass der Verleihung des Körber-Preises, Hamburg 7.9.1999

[3] „Der ‚casus belli’“, Freitag 49, 30.11.2001

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