Die Fünfziger: Franchising the American Way of Life

 

Franchising war eine amerikanische Erfindung der fünfziger Jahre. Ein pfiffiger Geschäftsmann, der eine Dienstleistung oder ein Produkt entwickelt hatte, vermietete oder verleaste seine Idee unter einem bestimmten Namen und Erscheinungsbild an andere unternehmungslustige Leute, die selbständig werden wollten. War ein solcher Franchise-Geber erfolgreich, breitete sich der neue Betriebstyp schnell aus. Im günstigsten Falle konnte daraus ein weltweites Netzwerk von Franchise-Nehmern werden. Der Erfinder behielt die strikte Kontrolle über Planung und Realisierung des Angebots. Seine Gewinnbeteiligung war beträchtlich. Er lieferte Rohstoffe, Ausrüstung, Werbematerial und vor allem eine 'Philosophie' des Konsumierens. Am Ende stand das Logo einer solchen Absatzorganisation für die einzig denkbare Weise, wie man Frikadellen aß oder Limonade trank, ja wie man überhaupt isst und trinkt. Die Arbeit aber taten die anderen. 

 

Weißwürste und Hamburger 

An einem Januartag des Jahres 1956 traf in den Bayerischen Motorenwerken bei München ein junger amerikanischer Soziologe ein. Sein Name war Charles Wright Mills. Es war sein erster Europa-Trip. Der Forscher, der sich schon mit einem Buch über die Schicht der neuen Angestellten (White Collar) einen Namen gemacht hatte, wollte bei BMW keine Befragungen durchführen oder sich über die Lage deutscher Facharbeiter informieren. Im Gegenteil: Er absolvierte einen 14-tägigen Mechanikerkurs, um sein neu erworbenes BMW-Motorrad selbständig warten zu können. Von München war er begeistert. Seine Frau und er kleideten sich in Loden. Nach Hause schrieb er: "Mein liebstes Restaurant, ob in Europa oder in Amerika, ist die III. Klasse Gaststätte im Münchner Hauptbahnhof.” 

Zur gleichen Zeit stieß ein gewisser Ray Kroc zu den Brüdern Mac und Dick McDonald, die in San Bernardino, Kalifornien, ein neuartiges Fastfood-Restaurant betrieben. 1952 hatten sie eine erste Franchise ihrer Geschäftsidee verkauft. Ray Kroc forcierte das Franchising-Geschäft: 1958 gab es 80, 1960 schon 228 McDonald's. Dann bootete Kroc die Brüder ziemlich brutal aus dem aufstrebenden Unternehmen aus. Seit 1971 prangte das Logo auch an Lokalen in Deutschland, zuerst in München und bald überall. 1984 starb Ray Kroc als mehrfacher Milliardär und Begründer eines Franchise-Konzerns, dessen 30 000 McDonald's heute in 121 Ländern täglich 60 Millionen Menschen bedienen. 

Ray Kroc und C. Wright Mills waren zwei Amerikaner, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten. Krocs Business-Credo lautete: "Hier frisst Ratte Hund und Hund Hund. Ich kille sie und ich werde sie killen, bevor sie mich killen." C. Wright Mills aber, der trinkfeste 40-jährige Hüne aus Texas, verfasste in den sechs Jahren, die ihm nach diesem ersten Besuch in München noch zu leben blieben, einige der schärfsten Kritiken des amerikanischen Geschäftsmodells, die je aus dem Herzen der USA gekommen sind. 

Mills war nach Europa geflüchtet. Denn im April 1956 sollte sein neuestes Buch erscheinen, The Power Elite – eine Analyse der amerikanischen Machteliten. Er hatte Informationen, die eigentlich auf der Straße lagen, über die Reichen und Mächtigen zusammengetragen. Die Amerikaner hatten sich ja schon immer eindringlich für ihre Oberschicht interessiert. Aber Mills' Interpretationen waren gewagt. Sie schürten durch eine genaue Beschreibung der Rolle der amerikanischen Eliten nach dem Zweiten Weltkrieg berechtigte Zweifel, ob die amerikanische Gesellschaft noch eine funktionierende, auf Interessenpluralismus gründende Demokratie war. Das Wort von der 'Plutokratie', von der Herrschaft der Reichen, das schon lange in der Luft lag, war durch diesen Paukenschlag von einem Buch konkret geworden. Und es war, als ob Mills in jenen Wochen die Angst vor der eigenen Courage auf seiner BMW in den engen Kurven der Alpenstraßen bekämpfen wollte. 

The Power Elite wurde einer der größten und kontroversesten Sachbuch-Bestseller seiner Zeit. Kritiker der großen amerikanischen Blätter fielen zwar über das Buch her. Aber in den mittleren Konzern-Etagen, in vielen Washingtoner Ministerien, unter den Werbeleuten der Madison Avenue und vor allem an den Colleges und Universitäten wurde das neue Buch begierig aufgenommen und zustimmend diskutiert. Überall auf der Welt, wo die amerikanische Botschaft von Freedom and Democracy Fuß zu fassen begann, kamen Übersetzungen von The Power Elite auf den Markt. Mills hatte mit seinem Buch - vermutlich ohne es selbst ganz genau zu wissen - nicht nur eine soziologische Antwort auf die Frage geliefert, wer eigentlich und letzten Endes in Amerika herrscht, sondern zugleich auch das Rezept formuliert, wie man in einer modernen Industriegesellschaft westlichen Zuschnitts, in einer parlamentarischen Demokratie die Herrschaft der Wenigen sichern kann, ohne dass es den Massen sonderlich auffällt. 

Auf dieser Grundlage jedenfalls bauten die Geld- und Machteliten der USA in den folgenden Jahrzehnten das erfolgreichste Franchise-Unternehmen der Geschichte auf, ein politisches Fastfood-Imperium, das weltweit plutokratische Klopse in weichen Demokratiebrötchen vertrieb und noch heute vertreibt. 

 

Ruhige Zeiten 

Verglichen mit der Gegenwart waren die Fünfziger, was die Machtspiele der Superreichen betrifft, eine nahezu harmlose Periode. Der 1952 gewählte Präsident Dwight D. Eisenhower wollte sich mit seinem Programm einer politics of tranquility (einer Politik der Beschaulichkeit) bewusst vom sozialpolitischen Aktivismus der Roosevelt-Truman-Epoche abheben. Die Karten wurden neu gemischt, aber ohne allzu großes Aufsehen. 

Die Rooseveltschen Reformen nach der großen Wirtschaftskrise und auch die gewaltigen Planungsanstrengungen des Zweiten Weltkriegs hatten das traditionelle Establishment durcheinander gewirbelt. Die alten Zeiten, in denen wenige reiche Familien in jeder Metropole und in jedem Bundesstaat die örtlichen Regierungen fest im Griff hatten, waren vorbei. Neue Gruppen drängten an die Schaltstellen der amerikanischen Gesellschaft: Washingtoner Bürokraten und Konzernmanager, medienwirksame Politiker und politische Generäle, Gewerkschaftsführer und die Chefs von FBI und CIA. Auch Wissenschaftler, deren Nimbus durch die Entfesselung der Kraft des Atoms ebenso wie durch eindrucksvolle Planungsentwürfe einer neuen Gesellschaft gewachsen war, wollten an Entscheidungen über die Geschicke der Nation beteiligt werden. 

Darüber hinaus brachten der Kalte Krieg, die neue Verantwortung der Amerikaner für den Gang der Welt und nie gekannte außenwirtschaftliche Perspektiven völlig neuartige Interessengegensätze in die amerikanische Gesellschaft. Kurz und gut: es schien auf einmal nicht mehr so ganz klar, wer 'oben' ist und wer 'unten', welche Gruppen das Sagen hatten und woher der Wind wehte. Die amerikanische Gesellschaft schien eine 'pluralistische' geworden zu sein. Manche sahen im amerikanischen Establishment - in den Fords, Rockefellers und Du Ponts - nur noch "eine kirchenähnliche Institution, die eine Mittlerrolle zwischen den konkurrierenden Kräften in unserer Gesellschaft spielt". (Silk u. Silk 1981, 7) 

Während der Fünfziger stiegen die Wochenlöhne der Fabrikarbeiter um 50 Prozent. Die traditionelle 'Pyramide' der Einkommensverteilung sah immer mehr wie eine Zwiebel aus, deren Bauch von einer gut verdienenden Mittelschicht gefüllt wurde. Es mochte eine Zeit des Pluralismus sein, es war aber auch eine Periode des plattesten Konformismus. "Nichts ist entlarvender", so der Kolumnist James Reston, "als die Debatte von 1830 im Repräsentantenhaus über den griechischen Unabhängigkeitskampf gegen die Türkei mit der Griechenland-Türkei-Debatte des Kongresses aus dem Jahre 1947 zu vergleichen. Die erste verläuft würdig und eloquent, die Argumente schreiten von der Darlegung der Prinzipien über die Erläuterung zur Conclusio; die zweite ist ein Durcheinander von Behauptungen, voller Irrelevanz und Geschichtsklitterung." (New York Times, Jan 31, 1954) Präsident George Washington las 1783 Voltaires Briefe und Lockes On Human Understanding; Eisenhower, knapp zweihundert Jahre später, vergnügte sich mit Cowboy- und Detektivgeschichten. (Mills 1963, 604) 

Doch trotz allem, schrieb damals ein Beobachter, sangen in diesem Himmel des konformistischen Pluralismus die Engelschöre noch immer mit einem Oberklassenakzent. Denn letztlich ging es nicht um Kultiviertheit, sondern um Macht. Und C. Wright Mills hatte mit The Power Elite dazu die Partitur geliefert. Dieser Akt der Aufklärung hatte eine Vorgeschichte. Mills hatte sich nämlich gemerkt, wie ein deutscher Emigrant, Franz Neumann, den Amerikanern schon 1942 in einem damals vielbeachteten Buch (Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944) bedeutet hatte, dass Keime faschistischer Herrschaftsformen in allen modernen Industriegesellschaften zu finden waren. Selbst in Roosevelts New Deal fanden sich Züge, die nicht nur zu Freedom and Democracy sondern, wie im Deutschland der Weimarer Zeit, auch zu einem autoritären Regime, zu Formen faschistischer Herrschaft führen konnten. Denn hier wie dort prägten Monopole, eine zentralisierte Bürokratie, selbstbewusste Berufspolitiker und, nicht zuletzt, selbstbewusste Generäle mit politischen Ambitionen die Gesellschaft. Und solche Gruppierungen hatten immer eine Tendenz, hierarchisch und hinter verschlossenen Türen Macht und Einfluss auszuüben. 

Präsident Dwight D. Eisenhower brachte 1960 in seiner Abschiedsrede diese Gefahr auf den Punkt: "Die Verbindung eines riesigen Militärestablishments mit einer gewaltigen Rüstungsindustrie ist eine neue Erscheinung in der Geschichte Amerikas. Der Einfluss - ökonomisch, politisch, sogar geistig - ist spürbar in jeder Stadt, jedem Bundesstaat, jedem Regierungsbüro. Vor allem unsere Regierungsgremien müssen wir vor der bewussten oder unbewussten Übernahme unberechtigter Machtbefugnisse durch den Militär-Industrie-Komplex schützen. Denn das Potential für ein unheilvolles Anwachsen von Macht am falschen Ort besteht und stabilisiert sich. Nur eine wache und informierte Öffentlichkeit kann dafür sorgen, dass diese mächtige industrielle und militärische Verteidigungsmaschinerie an unsere friedlichen Methoden und Ziele gebunden bleibt, damit Sicherheit und Freiheit gemeinsam gedeihen können." (Vexler 1970, 235) 

 

Little Boxes 

Trotz solcher Warnungen post festum war es der rapide wachsende Militär-Industrie-Komplex, der den American Dream jener Jahre erst möglich machte. Nach dem 'Verlust' Chinas an Mao-Tse-Tung und nach dem Koreakrieg vereinte der Kampf gegen den Kommunismus alle Kräfte. Mitte der Fünfziger arbeiteten über 40 000 Rüstungsbetriebe im Auftrag der Regierung. Ende des Jahrzehnt ging bereits mehr als die Hälfte der Staatsausgaben an das Militär. Und blicken wir weiter, so verfügte das Pentagon in den Siebzigern über ein größeres ökonomisches Potential als die 75 größten Konzerne der USA. Schon während Eisenhowers Präsidentschaft gab es Kritiker, die davon sprachen, dass in den USA eine permanente Kriegswirtschaft installiert worden sei. Und tatsächlich war Eisenhowers Antwort auf die Rezension von 1956-57, mehr Gelder in die Rüstung zu stecken, statt, wie seinerzeit Roosevelt, zivile öffentliche Projekte zu fördern. 

So stieß Eisenhowers Abschiedswarnung vor einem Militär-Industrie-Komplex auf taube Ohren. Die Wirtschaft brummte. Nur 6 Prozent der Weltbevölkerung waren Amerikaner, aber sie produzierten und konsumierten über 30 Prozent der Güter und Dienstleistungen. Das Bruttosozialprodukt der USA stieg während der Fünfziger um 51 Prozent. Das lag nicht nur an den Rüstungsausgaben, sondern auch am enormen Ansteigen des heimischen Konsums. Die aus den Kriegen zurückgekehrten GIs gründeten Familien, die Suburbs wimmelten von Kindern. In den Fünfzigern wurden 29 Millionen neue Amerikaner wurden geboren. Die Geburtenrate war so hoch wie die indische. Die Baby Boomers betraten eine nationale Szene der Massenproduktion und des Massenkonsums, wie sie die Welt noch nicht gekannt hatte. 

Die neue Konsumgesellschaft wurde durch das angetrieben, was die Amerikaner die television industry nannten. Aber dieses neue Medium förderte nicht nur eine Massenkultur des Verkaufens und Unterhaltens. Hier entstand auch ein gewaltiges Machtinstrument in den Händen der amerikanischen Elite. 1946 gab es in den gesamten USA erst 17 000 Fernsehgeräte, 1953 besaßen bereits zwei Drittel der amerikanischen Haushalte mindestens einen Apparat. Von Anfang an beeinflusste diese neue 'Bewusstseins-Industrie' die politischen Kampagnen. 1952 setzte mit Eisenhower erstmals ein Präsidentschaftskandidat TV-Werbung ein. Die Spots wurden von einem Menschen namens Bruce Barton produziert, der zuvor durch religiöse TV-Kampagnen bekannt geworden war. Und möglicherweise war es wirklich so, dass Richard Nixon 1960 die Präsidentschaft verlor, weil er auf den Bildschirmen wie ein 'sinistres Eichhörnchen' wirkte. 

Der Aufstieg der Mittelschichten, der Kultus der Jugendlichkeit und vor allem das Fernsehen galten vielen als Zeichen dafür, dass die amerikanische Gesellschaft gleichförmig geworden war, dass die 'sozialen Unterschiede' sich eingeebnet hatten, dass ein Zeitalter des Konformismus angebrochen war. Und in der Tat, um 1960 lebten ungefähr 30 Prozent der Amerikaner - 55 von 180 Millionen - in den neuen Suburbs. Das Lied, das der Protestsänger Pete Seeger damals sang, beschreibt diese Welt frustrierter Hausfrauen, entfremdeter Konzernsklaven und unzähliger Barbecues wie kein anderer Text: 

Little Boxes 

Little boxes on the hillside,
Little boxes made of ticky tacky
Little boxes on the hillside,
Little boxes all the same,
There's a green one and a pink one
And a blue one and a yellow one
And they're all made out of ticky tacky
And they all look just the same. 

And the people in the houses
All went to the university
Where they were put in boxes
And they came out all the same
And there's doctors and lawyers
And business executives
And they're all made out of ticky tacky
And they all look just the same. 

And they all play on the golf course
And drink their martinis dry
And they all have pretty children
And the children go to school,
And the children go to summer camp
And then to the university
Where they are put in boxes
And they come out all the same. 

And the boys go into business
And marry and raise a family
In boxes made of ticky tacky
And they all look just the same,
There's a green one and a pink one
And a blue one and a yellow one
And they're all made out of ticky tacky
And they all look just the same.  (Words&music Malvina Reynolds, 1962) 

 

Und doch: die ganze Wirklichkeit sah anders aus.  Erstmals fiel im Zusammenhang mit den enormen Produktivitätssteigerungen das Wort 'Automation'. Die Kybernetik, die Wissenschaft und Technik von selbstregulierenden elektronischen Mechanismen zur Steuerung komplexer (industrieller und militärischer) Operationen wurde erfunden. Das Zeitalter der Computer brach an. Die blue-collar workers begannen, in den neuen Automaten eine Konkurrenz zu sehen, die ihre Arbeitsplätze vernichtete. Die Schicht der white-collar workers dagegen, der neuen Angestellten, sah mit den 'intelligenten Maschinen' ihre Chancen steigen. Die meisten neuen Jobs gab es für College-Absolventen. In den Konzernen - und an den Universitäten - entstanden neue Abteilungen für 'Forschung und Entwicklung'. Und oft waren diese 'F&E'-Institute mit dem Militär-Industrie-Komplex verbandelt. Die Kritik an dieser Vermischung militärischer und ziviler Forschung beflügelte die Campus-Revolten der Sechziger. 

Doch wovor viele und schließlich auch Eisenhower warnten, das galt anderen als eine glänzende Geschäftsidee, die vor allem im außenpolitischen Interesse der USA weiterzuentwickeln war. Letztlich ging es nicht nur um die Vor- und Nachteile eines 'Militär-Industrie-Komplexes'. Die Reichen und Superreichen begannen in den Fünfzigern zu lernen, wie sie in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines wachsenden Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss bewahren und mehren konnten. Sie schufen sich neue Institutionen und Instrumente zur Befriedigung ihrer legendären Habgier. Sie fanden aber auch Wege, ihre Träume und wohlwollenden Zukunftsentwürfe wirksam zur Geltung zu bringen, im 'Kampf gegen den Kommunismus' und auf dem Weg zur Globalisierung. Ein neuer Faschismus wurde aus diesem so entstehenden Gefüge von Interessen und Einflussnahmen nicht, wohl aber ein weltweites Netzwerk von Wölfen und Hirten. Und dieses Netzwerk fand allmählich auch seine Sprache. 

 

Wie werde ich Milliardär? 

C. Wright Mills beschrieb die Anfänge dieser Neuformierung der amerikanischen Geld- und Machteliten im Hochgefühl einer jungen Wissenschaft, die mit Forschungen über das Leben der Menschen in großen Industrie- und Militärorganisationen eine steile Karriere an den Universitäten und in der Politikberatung hinter sich hatte. Jeden Wochentag fuhr der junge Soziologe per Motorrad von seinem Häuschen am Rande New Yorks zur Columbia University im oberen Teil Manhattans. Von Morning Heights, jener Erhöhung, auf der die renommierte Universität liegt, hat man einen prächtigen Fernblick auf den Central Park und die ihn umgebenden Apartment- und Bürotürme, in denen das Leben der Very Rich und der Corporate Rich, wie Mills sie nannte, damals eine neue Wendung nahm. 

Die meisten Reichen lebten noch auf Landsitzen unterschiedlichen Zuschnitts. Da gab es den Compound, ein Areal von Landgütern mit vielen Residenzen der verschiedenen Mitglieder einer extensiven Großfamilie; dann ein Netz verstreuter Landgüter im Besitz einer einzigen Familie; über die gesamte USA verteilte Güter, oft fünfzig oder mehr, auf denen sich die verschiedenen Linien einer großen Familie tummelten; schließlich ein vereinzeltes prächtiges Landgut, gewöhnlich Wahrzeichen für den neuen Reichtum einer Aufsteigerfamilie. "Man sollte dabei stets bedenken", schrieb Ferdinand Lundberg, "dass ein Landgut nur das geographische Zentrum der Familie ist. Hinzu kommen Stadthäuser, verschiedene Güter in den Provinzen und im Ausland; viele reiche Amerikaner besitzen entweder in Europa oder in Lateinamerika Ländereien, und einige haben sich in Nordafrika eingekauft, besonders in Marokko. Eine Funktion dieser großen Güter ist natürlich, Schauer zu erregen und auf diese Art und Weise eine soziale Distanz zwischen dem Besitzer und 'denen da draußen' zu schaffen." (Lundberg 1969, 432) 

Seit den Fünfzigern war es dann Manhattan, wo der auffällige Wohnkonsum der Reichen neue Zeichen setzte. Ein Ergebnis des Baubooms jener Jahre war das United Nations Plaza: Mit 38 Stockwerken war es Mitte der Sechziger das höchste Wohngebäude der Stadt, gelegen vis à vis vom UN-Hauptquartier. Der Kaufpreis für ein Apartment mit dreieinhalb Zimmern lag bei 25 900 Dollar, für eine Wohnung mit neun Räumen bei 166 000 Dollar, jeweils mit eigenem Fahrstuhl, Kaminen und Wendeltreppe und jedem erdenklichen Luxus; die monatlichen Unkosten betrugen zwischen 248 und 1590 Dollar. (Heute kosten, auch wenn ein Dollar aus dem Jahr 1960 inflationsangepasst rund sechs Dollar im Jahre 2002 entspricht, derartige Immobilien in Manhattan gut und gern das Zwanzigfache.) Ein rundes Drittel der Bewohner leistete sich Umbauten, ließ Wände niederreißen, neue aufführen, Säulen und Abstützungen einziehen und den ursprünglichen Grundriss verändern. Einige Käufer erwarben gleich mehrere der zunächst 335 einzelnen Apartments und verbanden sie miteinander, so dass riesige Räume entstanden, ganze Stadthäuser hinter einer schlichten Glas- und Aluminiumfassade. Die Bewohner solcher Luxustürme waren damals noch sehr homogen. Unter den Eigentümern von 860 United Nations Plaza befanden sich noch keine prominenten Leute vom Theater, keine bekannten Gesichter aus dem Fernsehen und nur ein Schriftsteller - Truman Capote. 71 Prozent der Bewohner kamen aus der Geschäftswelt: Senior-Vizepräsidenten, Exekutiv-Vizepräsidenten, Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzende. Der große Rest waren Anwälte, Verleger, Vertreter von Stiftungen und politischen Interessengruppen. Die New York Times schrieb dazu: "Was im 'United Nations Plaza' wohnt, insbesondere im östlichen Flügel, ist so etwas wie die Macht-Elite." (Lundberg 1969, 440f) 

Der amerikanische Kapitalismus war also, wie Mills lakonisch feststellte, immer noch eine perfekte Maschine zur Herstellung von Millionären, und nicht nur von bloßen Millionären, sondern auch und vor allem von Milliardären. Nur diejenigen, die nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze blicken wollten, und dazu gehörten leider auch viele Soziologen, glaubten, dass die ganze Welt eine 'nivellierte Mittelstandsgesellschaft' geworden war. Nichts konnte falscher sein. Allerdings hatte der durch die Kriegsanstrengungen während des Zweiten Weltkriegs bewirkte tiefgreifende Umbau Amerikas einen neuartigen Typus des 'reichen Mannes', neue Formen der Macht und neue Privilegienstrukturen hervorgebracht. So simpel-selbstherrliche Figuren wie die eines John D. Rockefeller, Andrew Carnegie, J. Pierpont Morgan und Henry Ford waren passé. 

 

Yankees und Cowboys 

Erinnern wir uns. Rockfellers Standard Oil kontrollierte um 1900 90 Prozent des amerikanischen Öls und war der erste multinationale Konzern überhaupt. Rockefeller machte heimliche Deals mit den Eisenbahnen, bestach Senatoren und betrieb Industriespionage. Seine Schläger nahmen sich der Gewerkschaften an. Am Ende war Rockefeller, umgerechnet, fast dreimal so reich wie Bill Gates heute. Carnegie machte sein Vermögen mit Öl, Bessemer-Stahl und Eisenbahnschienen. Seine Devise: "Put all your eggs in one basket and then watch that basket." ('Packe alle deine Eier in einen Korb und dann pass auf den Korb auf.') Er schrieb Bücher voller naiven Fortschrittsglaubens. Seine Stahlarbeiter mussten 12 Stunden arbeiten. Mit seinem Namen ist die blutigste Streikunterdrückung der amerikanischen Geschichte, 1892 in Homestead, Pennsylvania, verbunden. Doch nach dem Verkauf seines Imperiums wurde Carnegie der erste große Philanthrop, gründete weltweit 2800 Bibliotheken und stand am Anfang der Entwicklung eines mächtigen Konzernstiftungswesens. J.P. Morgan schließlich begründete die amerikanische Bankenmacht. Er trieb Eisenbahnaktien auf die gleiche Weise hoch wie heute die Hedge-Fonds Software-Aktien. An faire Konkurrenz glaubte er nicht. Schon damals gerieten die größten Industriekonzerne der USA unter die Kontrolle von Wall Street. Henry Ford erfand das Fließband und den gut bezahlten Fabrikarbeiter, der sich die von ihm gebauten Model Ts auch leisten können sollte. Ford richtete aber auch ein Sociological Department ein, um den Schnaps-Konsum seiner Arbeiter zu kontrollieren und die Gewerkschaften zu bekämpfen. Er hatte Sympathien für Adolf Hitler. 

New Deal und Zweiter Weltkrieg hatten diese Kultur milliardenschwerer Autokraten - nicht aber ihre Milliarden und die der anderen großen Familien - hinweggefegt. Allmählich entstand eine weitgehend gesichtslose Konzern-Elite der Corporate Rich. Sie begann mit ihrer geballten Geldmacht, mit ihrer Organisationserfahrung und auch mit ihrer Weltkenntnis ein Regime zu errichten, wie es die bisherige Weltgeschichte noch nicht gekannt hatte. (Mills 1956, 94) 

Wie konnte diese neue Geldelite - z.T. aus der alten - entstehen? Seit altersher gab es für den Ursprung großen Reichtums in privaten Händen zwei Erklärungsansätze. Den einen hatte einst Honoré de Balzac in dem Diktum zusammengefasst, dass hinter jedem großen Vermögen ein großes Verbrechen steht. Die Frage lag nahe, und sie ist seither immer wieder gestellt worden, worin in dieser Aufschwungphase der USA die zu solchem Reichtum führenden Verbrechen bestehen konnten. Die zweite Erklärung hatte der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter formuliert: die neuen Giganten seien Männer, die im ewigen Sturm der Innovationen, der im Kapitalismus tobe, voraussegelten. Hier war dann die Frage, welche besonderen Erfindungen seit den Fünfzigern den (amerikanischen) Kapitalismus beflügelten. Wir werden weiter unten auf diese Frage zurückkommen. Unstrittig war außerdem, dass in diesem Milieu die Figuren des Räubers und des Innovators nicht unbedingt Gegensätze darstellten, sondern oft in ein und derselben Person zusammentrafen. (Mills 1956, 95f) 

Mills hatte für jede der letzten drei Generationen oder 30-Jahre-Perioden Informationen über die jeweils 90 reichsten Individuen Amerikas gesammelt. Insgesamt ergaben sich so drei Listen mit insgesamt 275 Männern und Frauen, die jeweils über mindestens 30 Millionen Dollar Vermögen verfügten. Wohlgemerkt, diese Zahlen beziehen sich auf die Fünfziger und vermitteln insofern absolut und relativ einen irreführenden Eindruck. Wenn beispielsweise der Spitzenreiter von 1900, John D. Rockefeller, für jene Zeit mit einem Vermögen von einer Milliarde Dollar angesetzt wurde, so entspricht das nach heutigem Wert ungefähr 200 Milliarden Dollar. Geht man weiter, so nahm im Jahre 1925 Henry Ford I den ersten Platz ein. Für die Fünfziger selbst war zu Zeiten von Mills die Informationslage noch schwierig. Er nannte die Namen von H.L. Hunt und eines weiteren Texaners, Hugh Roy Cullen, und stellte Vermutungen an über zwei bis drei weitere Milliardäre, deren die Finanzbiographen seiner Zeit einigermaßen sicher waren. (Mills 1956, 102ff) Zehn Jahre später hatte Ferdinand Lundberg mehr über diese Gruppe herausgefunden und kompilierte aussagekräftigere Listen. J. Paul Getty beispielsweise, der kalifornische Ölmagnat, stand dort ganz oben. Doch viele der reichsten Amerikaner haben es bis heute verstanden, unsichtbar zu bleiben. Den Grund dafür formulierte Getty: "Siebzig Prozent meiner Post besteht aus Bettelbriefen. Einige bitten, andere fordern, manche drohen." 

Es war bemerkenswert für die Fünfziger, dass das neue, sichtbare große Geld unter Texashüten daher kam. Öl war das Lebenselixier des industriellen Aufschwungs geworden, das galt natürlich für das Massenkonsumgut Automobil, aber auch für die chemische Industrie und immer wieder für den militärisch-industriellen Komplex, der immer deutlicher seine geostrategischen Ziele um diese Ressource plante. Texas aber bedeutete Öl, und so begannen die Südstaaten dem industriellen Nordosten mit seinen Stahl- und Kohlewerken den Rang abzulaufen. Amerikanische Milliardäre hatten ihren Reichtum immer in persönliche politische Macht, in Privatmacht umgewandelt. Und nun waren die Texaner dran. Die Umwandlung von Geld in Macht vollzog sich einerseits über 'Philanthropie', andererseits über direkte politische Spenden. Hugh Roy Cullen (1881-1957) hatte 1947 die Cullen Foundation gegründet, die mit 160 Millionen Dollar Startkapital (entspricht ca. 1 Milliarde in heutigen Dollar) medizinische Forschung und Bildungsprogramme unterstützte. Bis zu seinem Tode 1957 hatte er angeblich 90 Prozent seines Vermögens auf diese Weise gespendet. Er hatte damit dazu beigetragen, dass das Universitätswesen unter privaten Einfluss geriet. Und durch seine jahrelange Funktion als Direktor der Boy Scouts of America dürfte auch vielen Jungs eingeimpft worden sein, dass Amerika seinen Way of Life seinen Milliardären verdankte. Aber nicht nur das: Cullen gehörte auch zu den frühen Förderern eines jungen Kongressabgeordneten namens George Bush (Sr.). 

Der Ölbaron H.L. Hunt war zur gleichen Zeit zweifellos derjenige Milliardär, der sich am sichtbarsten in die Politik einmischte. Seinem persönlichen Freund, dem Senator und Kommunistenjäger Joseph McCarthy, stellte er seinen Radiosender als Plattform zur Verfügung. Es gab nur wenige ultrarechte Aktivitäten, in denen nicht ein paar Huntsche Dollar steckten. Hunt hielt die Washingtoner Regierung und die großen Stiftungen für durchsetzt mit antiamerikanischen Elementen. Rassenintegration, wie sie die Bürgerrechtsbewegung zu fordern begann, war ihm gleichbedeutend mit Kommunismus. Hinter den Kulissen war Hunt aber auch ein Förderer Richard Nixons, des damaligen Vizepräsidenten. Man kann sagen, dass dies die ersten Versuche des großen Geldes aus den Südstaaten waren, sich Repräsentanz auf der nationalen politischen Bühne zu verschaffen. Die texanischen 'Cowboys' profitierten vom Rüstungswettlauf und später von der Invasion in Vietnam, fühlten sich aber von den 'Yankees' nicht ernstgenommen. (Oglesby 1984) Übrigens: H.L Hunts Söhne Lamar, Nelson Bunker und William Herbert wurden Ende der Siebziger notorisch, als sie erfolglos versuchten, den Weltmarkt für Silber zu monopolisieren. Sie mussten den Bankrott erklären. Der größere Teil der Familie Hunt aber blieb bis in die Neunziger auf den Listen der reichsten Amerikaner, die das Forbes-Magazine bis heute regelmäßig veröffentlicht. 

 

Erbauer und Titanen 

In der Schicht der Superreichen, also der Schicht oberhalb der Chief Executive Officers (s.u.), landen ja erst die wirklichen Konzerngewinne. Statistisch mögen die Milliardäre sich einnebeln; als mythische Gestalten aber sind sie in der amerikanischen und globalen Medienlandschaft omnipräsent. Time Magazine nennt sie Builders&Titans, die Erbauer und Titanen des zwanzigsten Jahrhunderts, die uns "aus dem industriellen Zeitalter ins digitale Zeitalter katapultiert" haben. (Time, Dec 7, 1998) 

In den Fünfzigern wurde, wie gesagt, immer mehr Geld nicht mit Stahl, nicht einmal mit Chemie und Aluminium, sondern mit Produkten aus dem Äther gemacht. David Sarnoff legte mit seinem Radio-Imperium RCA die Grundlagen des massenmedialen Goldrauschs. Die neuen Medien brachten den Mythos der Builders&Titans direkt in die Wohnzimmer der Massen. Die Reichen und Superreichen waren auf einmal sofa-nah. Die unerreichbare Ferne schien überspielt. Und hochbezahlte Stars aus den Filmfabriken Hollywoods, die selber wie Fließbandarbeiter arbeiten mussten, wurden Identifikationsfiguren für Träume von einem reichen Leben, an dem sie selbst nur tragisch beschränkt, als Mätressen oder Gigolos, teilnahmen. 

Charles Merrill predigte auf country fairs und in shopping centers die Botschaft vom Aktienbesitz für kleine Leute und machte Amerika zur Shareholder Nation. Stephen Bechtel baute in den dreißiger Jahren den Hoover Damm, legte nach dem Zweiten Weltkrieg die Pipelines in Saudi-Arabien und errichtete 1951 das erste Atomkraftwerk. Die Bechtel-Corporation wurde zum Synonym für amerikanische Baustellen überall auf der Welt. Walt Disney schuf nicht nur Dagobert Duck, sondern ein Unterhaltungsimperium. Lucky Luciano war der erste Gangster-Milliardär. William Levitt erfand die Massenproduktion von billigen Reihenhäusern und machte so die amerikanischen suburbs möglich. Leo Burnett brachte Werbeindustrie und Fernsehen zusammen. Aus Thomas Watsons Büromaschinenfabrik wurde der erste Computer-Gigant, IBM. 

Mills hatte damals noch nicht den Abstand, den wir heute haben, um die Rolle mancher dieser 'Beweger' richtig einzuschätzen. Aber er mühte sich nach Kräften, mit gängigen Klischees aufzuräumen. So stimmte es einfach nicht, dass die Superreichen seiner Zeit Müßiggänger waren. Zwar war die Zahl der sogenannten Couponschneider im Laufe der Zeit gestiegen, von einem Anteil von 14 Prozent im Jahre 1900 und 17 Prozent 1925 bis auf 26 Prozent im Jahre 1950. Aber auch das war nur ein Viertel der Allerreichsten. Und was bedeutete schon Muße? Sie musste ja nicht, wie bei Philosophen oder Künstlern, in intellektuelle Kreativität münden. Selbst dümmste Gedanken, auf dem Sonnendeck einer Superyacht produziert, wanderten aus dem Milieu der Superreichen in die Gesellschaft und konnten dort unmittelbar zu materieller Gewalt werden: als Stoff, aus dem sich Verwirrung über die wahren Verhältnisse dieser Welt stiften ließ, als Stoff für die Mythen der Unterhaltungsindustrie. (Mills 1956, 108) 

Andere Klischees betrafen den Weg nach Oben. Betrachtete man nur die legalen Wege - und nicht auch die ersten Milliardärs-Mafiosi wie Lucky Luciano -, so gab es zwei typische Verläufe, den großen Sprung und die geschickte Ansammlung von Vorteilen. "Niemand aber", schrieb Mills, "ist in die Region der großen Vermögen aufgestiegen, indem er sich mühsam durch die bürokratischen Hierarchien der großen Konzerne hochgearbeitet hat." (Mills 1956, 112) Die Männer in den grauen Flannellanzügen blieben irgendwo unterhalb der 'eigentlichen' oberen Ränge hängen. Das galt natürlich vor allem für die Fünfziger. Denn in den folgenden Jahrzehnten bauten ehrgeizige Aufsteiger genau in diese Konzernbürokratien Wendeltreppen, Seilwinden und schließlich geheime Lifts ein, die es gar manchem von ihnen gestatteten, den CEO-Status zu einer Bereicherungsmaschinerie auszubauen, deren Mechanismen erst in der Gegenwart allmählich durchsichtig werden. 

Aber auch die Superreichen selbst, so abgeschirmt sie auch blieben, konnten nicht mehr ohne die Industrie- und Staatsbürokratien operieren, die während des New Deal und im Weltkrieg entstanden waren. Aufgrund ihrer Statusvorteile und der Überzeugungskraft des Geldes machten sie sich diesen komplexen Unterbau der verschiedensten Organisationen allerdings viel besser als jeder Emporkömmling zunutze. Schon seit dem großen Börsencrash von 1929 hatte die kleine reiche Oberschicht mithilfe von Rechtsexperten innerhalb und außerhalb des Regierungsapparats die Steuergesetzgebung und andere staatliche Regulierungen intensiv beeinflusst. Unter dem Schleier der patriotischen Kriegs- und Nachkriegsanstrengungen waren diese kleinen Korrekturen des Rechts- und Regulierungssystems immer größer geworden. Bald konnte auf einer breiten Klaviatur gespielt werden, ob es um die Umorganisation oder Zusammenlegung von Konzernen ging oder um die Art und Weise der Vergabe von Rüstungsaufträgen oder um die Filterung bestimmter Informationen für die Öffentlichkeit. 

Dazu, schrieb Mills, benutzten die Very Rich bei ihrer Verwandlung in die Corporate Rich vielfältigste Tarnkappen und Tarnfarben, allein um die "im Kern völlig verantwortungslose Natur ihrer Macht zu verbergen". Was stellten sie nicht alles an, um sich etwa das Image eines Kleinstadtjungen zuzulegen, der es zu etwas gebracht hatte; oder das Image des 'staatsmännischen Industriellen' oder des 'Großen Erfinders', der Arbeitsplätze schuf, aber letztlich einer wie du und ich geblieben war. (Mills 1956, 117) Unter dem Strich jedoch war folgendes geschehen: "Als Familien und als Individuen bleiben die Superreichen ein integraler Bestandteil der höheren Regionen des amerikanischen Wirtschaftslebens, genauso wie die Spitzenmanager der Großkonzerne. Was, wie ich glaube, geschah, ist lediglich eine Reorganisation der begüterten Klassen, die sich, zusammen mit den Beziehern der höchsten Gehälter, eine neue 'corporate world' der Privilegien und Vorrechte geschaffen haben." (Mills 1956, 147) 

Gleichwohl treibt es einem fast Tränen der Rührung in die Augen, wenn man die Zahlen über das Ausmaß des damaligen Reichtums mit den heutigen, ungleich unverschämteren Verteilungsverhältnissen vergleicht - und zwar selbst dann, wenn man diese Beträge mit dem Faktor 6 oder 8 multipliziert, um den Inflationsausgleich zu berücksichtigen. Die berühmte Schere ist auf dramatische Weise weiter auseinandergegangen, die Unterschiede zwischen dem oberen 1 Prozent oder den oberen 10 Prozent auf der einen und den unteren Schichten auf der anderen Seite haben stellare Ausmaße angenommen. Aber nehmen wir C. Wrights Mills akribische Rechnung aus den Fünfzigern zur Kenntnis: "An der Spitze der amerikanischen Ökonomie in der Mitte des Jahrhunderts gibt es ungefähr 120 Leute, die ein Einkommen von jährlich mehr als 1 Million Dollar haben, weitere 379 Leute kommen auf 500 000 bis 1 Million Dollar. 1383 Leute verdienen zwischen 250 000 und 499 999 Dollar. Und unterhalb dieser Gruppe gibt es ein breiteres Fundament mit Einkommen zwischen 100 000 und 249 999 Dollar." (Mills 1956, 150) 

 

Reiche und Superreiche 

Wie können wir Reichtum definieren? Ferdinand Lundberg unterschied in seinem berühmten Buch aus den Sechzigern zwischen den Reichen und den Superreichen. Er sagte: Die Reichen mögen zwar über sehr viel (und oft schnell erworbenes) Geld verfügen; sie leben aber immer noch in der Gefahr, alles oder einen großen Teil ihres Vermögens plötzlich wieder zu verlieren; die Superreichen dagegen können absolut ruhig schlafen; ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut platziert, auch so gut versteckt, dass dieser Planet schon zerplatzen müsste, damit auch sie mit leeren Händen dastünden. (Lundberg 1968) 

In den Vereinigten Staaten vereinen fünf Prozent der Bevölkerung inzwischen mindestens 60 Prozent des nationalen Reichtums auf sich. Damit aber nicht genug. Das oberste 1 Prozent unter ihnen ist in den letzten Jahren noch einmal dramatisch reicher geworden als die folgenden 4 Prozent. Und das Top-Viertel dieses 1 Prozent schließlich hebt noch schneller ab als die folgenden 0,75 Prozent. In den offiziellen Statistiken zur Einkommensverteilung jedoch tauchen diese 1 bis 5 Prozent überhaupt nicht auf. Sie scheinen nicht zu existieren. 

Als das U.S. Census Bureau im Dezember 1997 berichtete, dass in den letzten zwanzig Jahren die wohlhabendsten 20 Prozent der US-Bevölkerung ihre Einkommen (damals durchschnittlich 117 500 Dollar jährlich) um 30 Prozent (inflationsbereinigt) gesteigert hätten, so dass ihr Einkommen damit 13 mal höher als das der ärmsten 20 Prozent (9 250 Dollar jährlich) sei, wollten einige Journalisten wissen, ob sich denn unter jenen oberen 20 Prozent nicht auch die amerikanischen Milliardäre verbergen und ob die amtlichen Statistiker über diese Gruppe nicht genauere Auskunft geben könnten. Die Statistiker antworteten verlegen, dass niemand, der mehr als 300 000 Dollar im Jahr verdiente, von den Erhebungen erfasst worden war. Das lag daran, gestand man kleinlaut, dass ein Jahreseinkommen von 300 000 Dollar die größte Ziffer war, welche die Computer der Behörde überhaupt erfassten. Und selbst als dieses Limit 1999 auf eine Million angehoben wurde, fielen die damals real existierenden 190 Milliardäre und mehreren Tausend Multimillionäre mit Vermögen über 300 Millionen Dollar (um nur die zu nennen) aus der Statistik heraus. Jenes quantitative Limit von 300 000 Dollar aber, von dem ab die Computer bis in unsere Tage hinein blind wurden, stammte noch aus den Fünfzigern! (Krysmanski 2001, 134f) 

Zurück zu C. Wright Mills. Anfang der Fünfziger gab es also 13 822 Menschen in den USA, die gegenüber den Finanzbehörden ein Jahreseinkommen von über 100 000 Dollar angaben. Das war seinerzeit die Grenze des Ringes, innerhalb dessen die 'bekennenden Konzernreichen' unter sich waren. Und diese Grenze war nicht ganz beliebig. Denn an der Spitze der Einkommenspyramide steigt der Anteil des Einkommens aus Vermögen gegenüber dem Einkommen aus faktischer unternehmerischer Tätigkeit beziehungsweise aus Gewinnentnahmen. Einkommen aus Vermögen aber konnte in der Welt der Konzerne schon immer gut kaschiert werden. Das 'erklärte Einkommen' der Reichen hatte somit eine eher symbolische Funktion, die besagte: bis hierher und nicht weiter dürfen soziale Unterschiede dokumentiert werden. Oberhalb dieser Grenze blieben die Dinge im Dunkeln. Die erklärten Spitzeneinkommen deuteten lediglich auf die Existenz einer vermögenden Klasse, nicht auf das Ausmaß der Vermögen selbst. Dagegen galten die in der Welt der reinen Lohn- und Gehaltsempfänger erfassten Einkommensunterschiede zugleich als das Maß für bestehende Ungleichheiten in der amerikanischen Gesellschaft. Und nach diesem Maßstab erschien sie dem Rest der Menschheit als ausgesprochen egalitär. Dahinter aber entfalteten sich die wirklichen - und inzwischen skandalösen - 'Einkommens'-Unterschiede zwischen den Corporate Rich und dem Rest der Amerikaner. (Mills 1956, 150f) 

 

Citizen Kane und die Steuergesetze 

Mills war einer der ersten Soziologen, die sich mit etwas so Banalem wie Steuerschlupflöchern für Reiche beschäftigten. Erst heute beginnen wir zu erkennen, welches Ausmaß diese Steuerprivilegien - damals in ihrem Larvenstadium - angenommen haben. Dieses Thema wird in späteren Kapiteln immer wieder auftauchen. Eines der wichtigsten Schlupflöcher, die sich damals abzeichneten, war die Anrechnung des Einkommens auf langfristige Kapitalgewinne: "Wenn ein Topmanager seine Vorzugsaktien verkauft, wird der damit erzielte Gewinn nicht als Einkommen, sondern als Kapitalgewinn gewertet, das heißt, der Betreffende hat nach Steuern doppelt so viel gewonnen, als wenn er den gleichen Betrag als Gehalt oder Dividende bezogen hätte. Wer langfristige Kapitalgewinne (long-term capital gains) geltend macht, zahlt Steuern nur auf 50 Prozent dieses Gewinns." (Mills 1956, 152) Sehr früh gab es auch schon eine 'Minderungsgutschrift' (depletion allowance) auf Einkommen aus Öl-, Gas- und Erzvorkommen. 

Doch zum Scheunentor, wenn nicht zum Golden Gate der Steuervermeidung wurde das Stiftungswesen. In den Zwanzigern gab es vielleicht 250 Stiftungen in den gesamten USA. 1950 waren es schon Tausende. Stiftungen werden im allgemeinen als autonome Non-Profit-Einrichtungen definiert, die gemeinnützigen Zwecken oder, wie es in der amerikanischen Gesetzgebung heißt, dem 'Wohlergehen der Menschheit' dienen. Stiftungen verwalten Vermögenswerte, die sie durch steuerfreie Schenkungen oder Hinterlassenschaften erhalten haben. In Wirklichkeit aber war die Gründung von Stiftungen, schrieb Mills schon damals, oft der bequemste Weg zur Steuervermeidung. Viele Stiftungen operierten geradezu als Privatbanken der Stifter, und nicht selten bestand die Gemeinnützigkeit zunächst nur darin, eigenen Verwandten unter die Arme zu greifen. Außerdem begannen schon in der Fünfzigern Großunternehmen, Forschungsstiftungen zu gründen, die anstelle eines angeblichen Gemeinwohls allein den Entwicklungsprogrammen des eigenen Betriebes zugute kamen. (Mills 1956, 154f) 

Über die großen amerikanischen Stiftungen - allen voran die Carnegie, Ford und Rockefeller Foundations - wird immer wieder zu berichten sein. Sie waren früh im Visier von Untersuchungsausschüssen des amerikanischen Kongresses. René A. Wormser, Generalsekretär des Reece Committee von 1953, schrieb damals: "In den Händen dieser vernetzten und sich selbst verewigenden Gruppe ist unvergleichliche Macht konzentriert. Anders als Unternehmensmacht wird sie nicht durch Aktionäre, anders als Regierungsmacht wird sie nicht durch Parlamente, anders als Kirchenmacht wird sie nicht durch einen festen Wertekanon kontrolliert." (Wormser 1958/1993, viii) 

Hinter dem liberalen Gewölk von Freedom and Democracy also türmte sich der Sachverhalt, dass es für praktisch jedes Gesetz, das dem großen Geld Steuern auferlegte, ein Möglichkeit des Ausweichens oder Minimierens gab. Doch das war bei weitem nicht alles. Der Reichtum der corporate elite beruhte zwar auf Vermögen und den entsprechenden legalen und illegalen Vermögensoperationen. Doch zu Vermögen und Einkommen gesellte sich mit der Zeit ein ganzes Privilegiensystem von perks (Anreizen), fringe benefits (Zusatzvorteilen) und 'unternehmenskulturellen Selbstverständlichkeiten', die C. Wright Mills damals sozusagen in statu nascendi beobachten konnte. Die Konzerneliten hatten begonnen, sichtbare und unsichtbare Mauern um sich zu ziehen. Dahinter gab es freie Gesundheitsvorsorge; Kostenerstattung für die Mitgliedschaft in exklusiven Clubs; kostenlose Bereitstellung von Rechtsanwälten, Steuer- und Finanzberatern; Räume und andere Baulichkeiten zur Betreuung und Unterhaltung von Kunden und Gästen; Restaurants für das Spitzenpersonal; private Erholungseinrichtungen wie Golfplätze, Schwimmbäder und Fitnessstudios; Firmenwagen, Firmenflugzeuge und - heute geradezu eine Wachstumsbranche - Firmenyachten. (Mills 1956, 157f) 

Der neue Lifestyle der Corporate Rich faszinierte auch Hollywood. Die Fünfziger sind die Blütezeit der sogenannten Business Movies. Orson Welles hatte mit Citizen Kane zwar schon 1941 das Leben eines Business-Heroen mystifiziert; aber das war eher ein Abgesang auf den Typus des Robber Baron der Vorkriegszeit. In der neuen Welt der Konzerneliten hingegen färbten Schlachtfelderfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg das Milieu der Aufsichtsräte. Die Spitzenmanager planten Übernahmekampagnen, kalkulierten Verluste und 'Tote' ein, milderten ihren Kampfstress durch einen schützenden Kranz feldherrenhafter Privilegien, vom bedingungslosen Gehorsam der Untergebenen bis zum kommandierenden Blick aus chromblitzenden Büros in den höchsten Wolkenkratzer-Etagen. In dem Film Executive Suite, dem neben The Man in the Gray Flannel Suit typischsten Hollywoodprodukt dieser Periode, kommt auch der quasi-feudale Anspruch der neuen Chief Executive Officers zum Ausdruck. Sie inszenieren sich wie Aristokraten, sogar wie Royals, und bedeuten dem Rest der Welt, dass, wie zu Zeiten des Gottesgnadentums, doch bitteschön gerade die teuersten Dinge wie Schlösser, Dienerheere und luxuriöse Infrastrukturen ihresgleichen 'frei' zur Verfügung stehen sollten.  

 

Kein Einfluss ohne Netz 

Doch selbst diese unerhörten Privilegien des Konsums waren, so Mills, nur Peanuts verglichen mit der 'institutionellen Macht', die der reorganisierte Reichtum der Fünfziger in die Waagschale werfen konnte. Zunächst einmal und ganz allgemein war es den Konzerneliten gelungen, die nationale politische Ebene mit einem Netzwerk von Einflussagenturen zu überziehen. Ein paar Jahre später fasste William Domhoff in seinem berühmt gewordenen Buch Who Rules America? dieses Netzwerk in einem Schaubild zusammen (vgl. Abb. 01) 

Noch greifbarer, aber eigentlich nur als eine Indizienkette zu gebrauchen, waren die Informationen über Spender und Spendensummen, die damals den politischen Parteien zugute kamen. Nach Inflationsausgleich (multipliziert mit dem Faktor 6 bis 8) ähneln die damaligen Summen denen, die heute veröffentlicht werden. Und genau wie heute war die Vermutung berechtigt, dass es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs handelte, des Eisbergs einer unablässigen Umsetzung von Geldmacht in politische Gefälligkeiten. 1952 führten für die Republikanische Partei die Rockefellers die Spenderliste mit 94 000 Dollar an, es folgten die Familien der Du Ponts (74 000 Dollar), der Pews (65 000 Dollar), der Mellons (54 000 Dollar), der Weirs (21 000 Dollar), der Whitneys (19 000 Dollar), der Vanderbilts (19 000 Dollar) usw. Zu den Spendern der Demokratischen Partei gehörten die Wade Thomsons aus Nashville (22 000 Dollar), die Kennedys (20 000 Dollar), Albert M. Greenfield aus Philadelphia (16 000), die Marshall Fields (10 000 Dollar) usw. (Mills 1956, 166f) - Betrachten wir, aus heutiger Sicht, die Rolle einiger dieser Familien in der amerikanischen Politik. 

Die Du Ponts erwarben ihren Reichtum schon im 18. und 19. Jahrhundert. Sie waren immer dem Bundesstaat Delaware verbunden, der ersten früheren Kolonie, welche die amerikanische Verfassung (eine Verfassung der Geschäftsleute) ratifizierte. Es gehört zur amerikanischen Folklore, dass das reiche Delaware praktisch Privateigentum der Familie Du Pont ist. In den Zwanzigern schon hatte die Familie 25 Prozent der Aktien von General Motors in ihren Besitz gebracht. In den Dreißigern investierten die Du Ponts extensiv in Nazi-Deutschland, allein der von dieser Familie kontrollierte GM-Konzern war mit 30 Millionen Dollar an IG Farben beteiligt. Und es war allgemein bekannt, dass IG Farben einer der Finanziers der NSDAP war. Auch pro-Hitler Gruppen in den USA wurden von der Du Pont Familie unterstützt. Nach dem Krieg profitierte die Familie von der durch GM betriebenen Verhinderung öffentlicher städtischer Massentransportsysteme. Und schließlich war es ein Du Pont, der während der Eisenhower-Präsidentschaft dem Bau des National System of Interstate and Defense Highways vorstand, zusammen mit Eisenhowers Verteidigungsminister (und früheren GM-Präsidenten) Charles Wilson. 

Damals und hier also begann jene Abhängigkeit des American Way of Life vom Erdöl, die heute das geopolitische Zentralproblem geworden ist. 

Das Kerngeschäft der Du Pont Dynastie aber war die chemische Industrie und hier wiederum hatte sie einen großen Stein im Atomkraftgeschäft. "Ihre Chemiefirma hat geholfen, die Atom- und Wasserstoffbomben für die Regierung zu produzieren, sie betreibt die einzige Anlage für schweres Wasser, Tritium und waffenfähiges Plutonium. Jahrelang war Du Pont einer der größten Vertragsnehmer der amerikanischen Regierung für Nuklearanlagen und durch den Kauf von Conoco (Continental Oil Company) besitzt sie inzwischen riesige Uranium-Reserven und Uranium-Verarbeitungsanlagen." (Colby 1984, 12) In letzter Zeit ist deutlich geworden, das Du Pont inzwischen einer der größten Verursacher von Umweltverschmutzuung durch Nuklearabfälle ist. 

Die Rockefellers gehören zum Felsenbett des American Way of Life. Sie tauchen praktisch in jedem Kapitel unseres Buches auf. Der Gründer der Dynastie war in seinen Tagen der Inbegriff des Robber Baron, der für seine Skrupellosigkeit und Rücksichtslosigkeit gehasst wurde wie kein anderer. Immerhin wurde das von ihm angehäufte Vermögen zur Grundlage einer der wichtigsten Geldaristokratien des Jahrhunderts. Senator Robert Taft aus Ohio, selbst ein Vertreter des großen Kapitals aus dem Mittleren Westen, war nach seiner Niederlage auf der Wahl-Konvention der Republikaner 1952 so verärgert, dass er ausrief: “Every Republican candidate for president since 1936 has been nominated by the Rockefeller Chase Bank.” ('Jeder republikanische Präsidentschaftskandidat seit 1936 wurde von der Rockefeller Chase Bank nominiert.') Vor allem aber übte die Rockefeller-Familie ihren Einfluss aus über die Exekutiv-Ebene der von ihr finanzierten Institutionen, etwa die Rockefeller Foundation. So wichtige 'Technokraten der Politik' wie Walt Rostow, außenpolitischer Berater von Johnson, Henry Kissinger, Nixons und Fords Außenminister, und Zbigniew Brzezinski, der außenpolitische Berater von Carter, waren Produkte von Rockefeller Instituten und Denkfabriken. Mittels solcher Personen, aber auch durch direkte Einflussnahme, waren die Rockefellers an den meisten epochalen Entscheidungen der amerikanischen Politik beteiligt. 

Auch das Vermögen der Pew Familie basierte auf Erdöl, nämlich der Sun Oil Company. Auch sie unterstützte in den Dreißigern Nazi-Organisationen in den USA. 1948 gründete die Familie die Pew Charitable Trusts, die sich zunächst um die Förderung religiöser Organisationen kümmerten. Das Schwergewicht lag auf evangelikalen Bewegungen innerhalb des amerikanischen Protestantismus und ihren Bildungseinrichtungen. Vor allem die Billy Graham Evangelistic Association, das Magazin Christianity Today, die American Bible Society und die Organisation World Vision sind Kinder der Pew Familie. Heute stehen andere ultrakonservative Projekte im Zentrum, zum Teil in enger Verbindung mit der Scaife Family Foundation von Richard Mellon Scaife (s.u.), insbesondere die American Family Foundation, eine, wie Beobachter sagen, Zentrale der ultrakonservativen Gedankenkontrolle, eng verbunden mit dem Bush-Netzwerk. Unter geopolitischen Gesichtspunkten sehr interessant ist auch die Rolle des 1998 gegründeten Pew Center on Global Climate Change, der führenden Frontgruppe von Industriekonzernen - inzwischen sind es über dreißig -, die sich Profite von höheren Energiepreisen versprechen, sollten sich ökologische Prinzipien der Schadstoffkontrolle international durchsetzen. 

Ähnlich wie die Pew Familie stand auch die Mellon Familie kaum im öffentlichen Rampenlicht. Ihr Vermögen wurde um 1900 mit Bankgeschäften, Bergbau und Erdöl gemacht. In den Zwanzigern gehörte sie zu den reichsten Familien der USA, und auch heute dürfte sich ihr Vermögen im zweistelligen Milliardenbereich bewegen. Lange war es um die Mellons still, doch seit ungefähr dreißig Jahren ist vor allem Richard Mellon Scaife (geb. 1938) eine zentrale Figur bei der Formulierung der politischen Agenda der amerikanischen Machtelite. In den Siebzigern gingen seine Millionen in die sogenannte New Right und deren wichtigsten Think Tank, die Heritage Foundation, die sich das Ziel gesetzt hatten, das 'liberale Establishment' in Washington und die liberalen Medien durch eine neue, konservative Ordnung der Dinge abzulösen. Hillary Clintons Bemerkung von der vast right wing conspiracy gegen ihren Mann bezog sich weitgehend auf die Rolle von Richard Mellon Scaife. Einer von dessen engsten Kumpanen ist Newt Gingrich, Rechtsaußen der Republikaner. Scaife hat bislang fast eine Milliarde Dollar in konservative Kampagnen gesteckt, in einen war of ideas against American liberalism. Aber, merkt ein Journalist an, noch nie hat einer seiner Interviewer ihn ein Buch diskutieren oder eine originäre Idee äußern hören. (Salon Magazine, Aug 3 2001) 

Auf Mills' Liste der Spender für die Demokratische Partei tauchen neben den Kennedys u.a. auch die Marshall Fields auf. Über die Kennedys wird ausführlich im Kapitel über die Sechziger zu berichten sein. Im Gegensatz zu den Kennedys, deren Vermögen während der Prohibition und in den Jahren des New Deal entstand, stammte das Geld der Marshall Fields aus der Zeit der Robber Barons. Allerdings war deren Warenhauskette wegen ehrlicher und fortschrittlicher Geschäftspraktiken wie Rückgabegarantien und gutem Service großgeworden. Und auch mit ihrem Einsatz für soziale, kulturelle und politische Zwecke setzte die Familie Maßstäbe im System der Philanthropie. Marshall Field III beispielsweise gründete 1940 in New York das Massenblatt PM, das bis Ende der Vierziger liberale, gewerkschaftliche und - was im New York vor Eintritt in den Weltkrieg gar nicht selbstverständlich war - antifaschistische Positionen vertrat. Ein anderes Mitglied der Field Familie, Ted Field (Jahrgang 1953), ging als unabhängiger Filmproduzent nach Hollywood, vervielfachte dort sein Vermögen und war verantwortlich für einige erfolgreiche und einige seltsame Filme, die jedenfalls nicht den kulturellen und politischen Mainstream bedienten, sondern Zwischentöne setzten, darunter Kuriosa wie Revenge of the Nerds und Erfolge wie Mr. Holland's Opus, Three Men and A Baby und Jumanji

Die Frage, wie großer Reichtum sich Wege zum gesellschaftlichen und politischen Einfluss bahnt, ist hochkompliziert. In den Fünfzigern wurde deutlich, dass es neben politischen Netzwerken, direkten Wahlkampfspenden und den vielfältigen Formen des Sponsoring und der Philanthropie vor allem zu Strukturveränderungen im politischen System kam. Und zwar war eine zunehmende Angleichung der obersten Etagen von Wirtschaft und Politik zu beobachten. Sie waren ähnlich organisiert und funktionierten nach dem Muster der Corporate World. Dies war ein typisch amerikanischer Vorgang. In Europa hatten sich in Jahrhunderte langen Kämpfen zwischen den politischen und wirtschaftlichen Mächten jeweils spezifische Kulturen und Organisationsformen herausgebildet. Diesen zum Teil irrationalen Ballast gab es in den USA nicht. Die amerikanische Verfassung war im Kern eine Wirtschaftsverfassung. So  kam es nicht nur zu problemloseren Kontakten zwischen dem Personal der beiden Seiten, sondern auch zu seinem leichteren Austausch, zu einer Zirkulation der Eliten. Die Spitzenpolitiker ähnelten CEOs, die CEOs waren von Mitgliedern des 'politischen Direktorats' (Mills) kaum zu unterscheiden; ein innerer Zirkel der Macht, in keiner Weise mehr der demokratischen Kontrolle unterworfen, konnte ganz zwanglos entstehen. (Mills 1956, 167) 

Hatte nach dem Ersten Weltkrieg noch ein brutaler Konkurrenzkampf in der amerikanischen Geschäftswelt getobt, so saßen die Widersacher während des Zweiten Weltkriegs schon alle gemeinsam in unzähligen Komitees und Ausschüssen und kurbelten einträchtig die Kriegswirtschaft an. Sie kamen auch in Dauerkontakt mit dem Militärapparat, der klugerweise viele dieser Geschäftsleute zu Reserveoffizieren ernannte. Schließlich, unter Eisenhower, wurden immer mehr Konzernmanager unmittelbar in Schlüsselpositionen der Washingtoner Administration geholt. Die Stimmen von Regierung und Wirtschaft vereinigten sich. Innenminister Douglas McKay rief am 29. April 1953 vor der Chamber of Commerce: "Wir sitzen doch hier im Regierungssattel nur, um die Interessen von Wirtschaft und Industrie zu vertreten." Und ein Satz von Verteidigungsminister Wilson, vormals Präsident von General Motors, klingt noch immer der ganzen Welt in den Ohren: "Was gut ist für GM, ist auch gut für die Vereinigten Staaten von Amerika". (Mills 1956, 168) 

In der Millsschen Beschreibung der amerikanischen Konzernelite steckte ein allgemeines Geschäfts- und Verhaltensmodell, das allmählich nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den politischen, militärischen und bürokratischen Eliten überall auf der Welt zum Vorbild wurde. Wir wissen heute, dass selbst die Politbüros des zerfallenden Realsozialismus diesem Modell - Gorbatschow nannte es Perestrojka - nacheiferten. Auch in der Volksrepublik China macht diese Mischung aus 'Politbüro' und 'Konzernelite' mobil. Zu Zeiten von Mills begaben die amerikanischen Konzerneliten sich zudem auf den Weg der 'Multinationalität'. Immer häufiger begegneten sie auf ihren weltumspannenden Geschäftsreisen, ob in Saudiarabien, Malaysien, Japan oder Argentinien, ihren eigenen Klonen. Bald konnten diesem Fastfood-Elitismus auch die alten, traditionellen Geld- und Machteliten dieser Welt nicht mehr widerstehen. Das Franchising des American Way of Wealth begann. 

 

Chief Executive Officers 

Betrachten wir eine Gruppe noch etwas genauer. Mit den Very Rich und ihrer Umwandlung in die Corporate Rich war es ja nicht getan. Um diesen innersten Kreis hatte sich eine Schicht von Managern gebildet, die immer größere Bedeutung gewann. Als Chief Executive Officers (CEOs) der Unternehmen und Finanzinstitutionen waren sie zunächst und vorrangig mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt. Doch bald bildete die Gruppe der Spitzenmanager, die mit der Zeit zahlenmäßig stark anwuchs, eine eigene Corporate Culture heraus; und sie begann, ihr eigenes Süppchen zu kochen. 

Inzwischen ist diese Gruppe mit negativsten Vorzeichen in den Schlagzeilen, weil sie über die Jahrzehnte Mittel und Wege gefunden hat, unabhängig von ihren Dienstleistungen für die Corporate Rich eigene Wege zum Reichtum zu bauen. Angesichts des Enron-Skandals und all der anderen Skandale, der Bilanzfälschungen, Offshore-Operationen und Manipulationen des Aktienmarkts usw. wird deutlich, auf wie 'irreguläre' Weise sich diese Gruppe bereichert hat. Die Zeit (25/2002) spricht von den 'schamlosen Chefs'. Die New York Times sieht derzeit in fast jeder Ausgabe den amerikanischen Kapitalismus insgesamt in Gefahr. 

Wie fing das damals alles an? Mills rechnete Anfang der Fünfziger zu den CEOs jeweils die ein oder zwei Spitzenmanager der ungefähr hundert größten Konzerne der USA; es handelte sich also um eine Gruppe von wenigen hundert Personen. Heute zählt beispielsweise die Zeitschrift Fortune 500 Konzerne in dieser Kategorie auf, und die Größenordnungen und Reichweiten sind ganz andere geworden. Folglich geht die Zahl der CEOs in die Tausende, ist aber immer noch, aus soziologischer Sicht, eine erstaunlich übersichtliche Gruppe. Um 1950 betrug das Durchschnittsgehalt der 900 Spitzenmanager rund 70 000 Dollar jährlich, die CEOs unter ihnen verdienten rund 100 000 Dollar, das war etwa das 70-fache eines Facharbeiterlohns. Heute verdient der CEO eines großen amerikanischen Konzerns im Durchschnitt 419mal mehr als einer seiner Arbeiter: 10,7 Millionen Dollar jährlich. 

Für die weitere Entwicklung entscheidend aber war schon damals, dass im Unterschied zu Lohn- und Gehaltsempfängern die 'Gehälter' der CEOs bei weitem nicht ihre einzige Einnahmequelle waren. Das erste, was Mills auffiel, war, dass die CEOs begonnen hatten, Aktienportefeuilles der eigenen Firmen zu akquirieren. "Es gibt viele Stellen in der Welt der Corporations, an denen man sicher vor Anker gehen kann, aber am sichersten ist natürlich die Position des Eigentümers an einem Stück der Konzernwelt." Das sah dann 1952 so aus: Crawford Greenewalt, Präsident von E.I. Du Pont de Nemours and Co., mit 153 290 Dollar Gehalt und einem Jahresbonus von 350 000 Dollar; Harlow Curtice, damals einer der vier Vice Presidents von General Motors, 151 200 Dollar Gehalt und 370 000 Dollar Bonus; Eugene E. Grace, Präsident von Bethlehem Steel Corp., 150 000 Dollar Gehalt und 307 000 Dollar Bonus; und schließlich der damalige Spitzenverdiener in der amerikanischen Industrie, Charles E. Wilson von GM, mit einem Jahresgehalt von 201 000 Dollar, 380 000 Bonus und Dividendenzahlungen (aus seinem Aktienbesitz) in unbekannter Höhe. (Mills 1956, 126-130) 

Es ist kein Zufall, dass in jenen Jahren die Spitzenverdiener der Konzernelite aus den Bereichen der Chemie, Nuklearenergie und vor allem aus der Automobilbranche stammten. Das hatte mit dem Aufblühen der Rüstungsindustrie zu tun, aber auch damit dass das Auto als Massentransportmittel durchgesetzt worden war. Im Hintergrund, sozusagen als geostrategische Konsequenz, bauten sich zudem Strategien zur Sicherung des Erdölnachschubs auf, welche wiederum der Militarisierung der Wirtschaft nicht entgegenstanden. Entscheidend war auch, und dafür stand beispielsweise Crawford Greenwalt, die wachsende Bedeutung wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung nicht nur für die Stärkung der USA im Kalten Krieg, sondern auch für den Ausbau der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Auch Greenevalt, ein Chemie-Ingenieur, war aus der Entwicklungsabteilung von Du Pont aufgestiegen. Die Kriegserfahrungen hatten zudem auf die Bedeutung guter Planung aufmerksam gemacht. Greenewalt: "Every moment spent in planning saves three or four in execution." ('Jeder Moment für die Planung spart drei oder vier für die Ausführung.') 

Harlow Curtice, der Mann von GM, war 1955 Man of the Year von Time Magazine. Er war, was die soziale, politische und kulturelle Rolle der Autoindustrie betraf, der vielleicht am strategischsten denkende Manager seiner Zeit. Es ging damals ja nicht nur darum, z.B. mit Milliarden-Zuwendungen den Gang des amerikanischen Universitätssystems zu beeinflussen. Time schrieb: Harlow Curtice ist Man of 1955 weil er erkannt hat, dass er in seinem Job die Verantwortung für die Führungsrolle der amerikanischen Geschäftswelt übernehmen muss. In seinen Worten: "General Motors must always lead." Das waren nicht nur hohle Phrasen, sondern es ging darum, die Kräfte einer wachsenden Bevölkerung, steigender Sparguthaben, wachsender Suburbs und einer sich über das Land ausbreitenden Industrie auf den Kauf von mehr neuen Autos als jemals zuvor auszurichten - und damit in der Tat eine Gesellschaft, einen ganzen Way of Life zu formen. Und für diese Aufgabe standen ihm bei GM Ressourcen zur Verfügung, welche die der meisten Nationalstaaten übertrafen. Sagte Curtice: "People had money and credit. I think I pushed them off the fence to the right side." ('Die Leute hatten Geld und waren kreditwürdig. Ich glaube, ich habe auf die richtige Seite des Zauns geschubst.') 

Sein Chef, Charles E. Wilson, war unter Eisenhower Verteidigungsminister geworden. Das, wovor Eisenhower am Ende seiner Amtszeit warnte, ein verselbständigter Militär-Industrie-Komplex, war unter seiner Ägide ja erst entstanden: eine mächtige Allianz zwischen den Militär- und Konzerneliten, die sich nicht mehr einfach auf die Eventualität eines Krieges vorbereitete, sondern diesen Kataklysmus durch eine durchgängige Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft geradezu vorbereitete. 1948 führte der amerikanische Kongress das Universal Military Training ein, die für die USA unerhörte allgemeine Wehrpflicht in Friedenszeiten. Das Militär wurde eine dauerhafte Säule der Gesellschaft. Wenige Jahre zuvor hatte Charles E. Wilson, als Präsident von GM, das Konzept einer 'permanenten Kriegswirtschaft' verkündet. Er wollte damit alle ökonomischen Probleme der Nachkriegszeit, insbesondere die drohende Arbeitslosigkeit, auf Dauer lösen. In ihrem Port Huron Statement von 1963 resümierten die revoltierenden Students for Democratic Action (SDS) wenige Jahre später: "Since our childhood these two trends—the rise of the military and the installation of a defense-based economy—have grown fantastically." ('Seit unserer Kindheit haben sich diese beiden Trends - der Aufstieg des Militärs und der Aufbau einer auf Rüstung basierenden Wirtschaft - auf phantastische Weise verstärkt.') 

Um 1950 stammten bereits zwei Drittel der Spitzenmanager aus der Konzernwelt selbst, aus den Etagen der teils stahlglänzenden, teils düsteren Wolkenkratzer, in denen Statuspanik herrschte und raketengleiche Aufstiege wie Abstürze an der Tagesordnung waren. Dort also schälten sie sich heraus, die neuen leader. Die Spezialisten, die Fachleute und 'Experten' blieben im mittleren Management hängen. 'Oben' aber tauchte, wie Mills schrieb, the broadened man auf, was nur recht unschön mit 'Generalist' zu übersetzen ist. Es waren Menschen, welche ein Gefühl für Macht und Zusammenhänge entwickelt hatten, die wussten, wie ihre Vermögensbildung mit der Welt der Superreichen zusammenhing, die lernten, wie die politische Klasse gekauft werden konnte. 

Damals wurden auch die heute noch gültigen Mechanismen der Selbstrekrutierung dieser Konzernelite erfunden: Man wollte Kopien von sich selbst, und so wurde der Nachwuchs geradezu einem Prozess der Indoktrinierung unterworfen. (Mills 1956, 139) Die Nachwuchsförderungsprogramme der großen Konzerne reflektierten das Wertesystem der Arrivierten. (Wir werden auf solche Programme in späteren Kapiteln zu sprechen kommen.) Eine derartige Bildung von Kohorten und männerbündischen Strukturen ist bis heute ein Merkmal der Konzernwelt geblieben. Abgesehen von manchmal geradezu irrationalen Test- und Ausleseverfahren dienten auch die Ausbildungsgänge weniger der Wissensvermittlung als der Erzeugung eines Gemeinschafts- oder Insider-Gefühls. In diesem Sinne wurde massiv Einfluss auf die Curricula und sonstigen Angebote von Colleges und Universitäten genommen, um eine Managerelite für Stabsfunktionen in den großen Konzernen heranzuzüchten. (Mills 1956, 143) 

 

Offiziere als Chief Executives 

C. Wright Mills bestand darauf, in die Analyse der Konzerneliten auch das Militär einzubeziehen. Damals ließ sich gar nicht übersehen, wie stark die gewaltige Militärmaschinerie des Zweiten Weltkriegs die Nachkriegszeit in allen Aspekten und nicht zuletzt ökonomisch geprägt hatte. Der Anspruch, selbst zur Machtelite zu gehören, wurden von vielen Generälen offen ausgesprochen. 

Der Koreakrieg (1950-53) bot in dieser Hinsicht einiges Anschauungsmaterial. Präsident Truman und seine militärischen Berater hatten sich 1945 nach der Kapitulation Japans - ausgelöst durch die Atombombenabwürfe auf Nagasaki und Hiroshima - zusammengesetzt und Korea entlang des 38. Breitengrads geteilt. Der Süden wurde besetzt. Diese Zwangsmaßnahme erlaubte es, wenigstens den entwickelteren Teil Koreas vor dem Einfluss des Kommunismus zu bewahren. 1948 wurde in Südkorea die Regierung Syngman Rhee installiert. Solche Aktionen waren möglich, weil die Niederlage der Kolonialmacht Japan ein Machtvakuum hinterlassen hatte. Ein Ausdruck des Willens des koreanischen Volkes waren sie nicht, wie die Abwahl Rhees 1950 zeigte. Auch der 'Überfall' Nordkoreas, der die Kriegshandlungen auslöste, hatte eine komplexere Vorgeschichte als allgemein bekannt. Die koreanischen Wiedervereinigungsbestrebungen waren stark. Manche sagten schon damals, der Krieg sei von amerikanischen Militärs provoziert worden, so der angesehene Journalist I.F. Stone in seinem Büchlein The Secret History of the Korean War (1952); auch David Halberstam geht in einem demnächst erscheinenden Buch auf diese Hintergründe ein. 

Auf jeden Fall aber war der Koreakrieg eine erste Testgelegenheit für zwei außenpolitische Konzepte, die dem militärischen Denken entsprangen: die Strategien des Containment (der militärischen Eindämmung des Einflusses der Sowjetunion und Chinas) und des Rollback mittels atomarer Drohgebärden. Der Erfolg stellte sich prompt ein: Nach dem Ende des Koreakriegs gab es proamerikanische Regimes in Südkorea und Taiwan. Die Aufrüstung der USA, mit einer Verdreifachung des Militäretats, hatte einen Riesensprung gemacht. Japan war als fester militärischer Bündnispartner installiert. Nordkorea war verwüstet, die Volksrepublik China blieb bis auf weiteres vor den Toren der UN. (Halberstam 1993, 62-78) 

Andererseits verlief die Integration des Militärs in die Machtelite keineswegs reibungslos. Sprichwörtlich wurde der Konflikt zwischen dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in Korea, General Douglas MacArthur, und Präsident Truman. MacArthur befürwortete den Einsatz von Flächenbombardierungen bis nach China hinein, Truman lehnte sie ab. Auch während des Wahlkampfs 1952 kritisierte MacArthur, in direkter Verletzung der U.S. Army Regulation 600-10, öffentlich die Politik der Truman-Regierung. Auf dem Wahlkongress der Republikanischen Partei bot er sich schließlich unverhohlen selbst als Präsidentschaftskandidat an. Bekanntlich wurde dann ein anderer General, der sogar noch im aktiven Dienst stand, tatsächlich nominiert: Dwight D. Eisenhower. Auf einmal, schrieb Mills, gab es etwas bis dato Unerhörtes: die Republikanische bzw. die Demokratische Partei hatten jeweils ihre eigenen Generäle. Und als 1954 Senator Joseph McCarthy eine Petition zugunsten der Ausdehnung der Kommunistenverfolgung verfasste, standen die Unterschriften einer ganzen Korona hoher Militärs darunter. "Wir Militärs", brüstete sich MacArthur, "werden immer alles befolgen, was uns befohlen wird. Aber wenn diese Nation überleben soll, müssen wir uns auf den Soldaten verlassen, wenn der Staatsmann nicht das Richtige für die Erhaltung des Friedens tut." (Mills 1956, 204) 

Im Unterschied zu den meisten amerikanischen Politikern und vielen Managern allerdings hatten die Militärs im und nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt wirklich kennen gelernt. Insofern wurde in den Fünfzigern kein politischer Bereich stärker von diesen warlords ('Kriegsherren') und ihrer militärischen Metaphysik beeinflusst als die Außenpolitik. Hier verbündeten sich die militärischen Emporkömmlinge mit anderen interessierten Kreisen und drängten die traditionellen Vertreter einer zivilen Diplomatie an den Rand. Die Kunst der Diplomatie geriet in Misskredit. (Mills 1956, 205f) Bekanntlich hat sich dieser Gegensatz zwischen Pentagon und State Department bis heute erhalten. 

Vor allem aber beeinflussten militärische Bedürfnisse das Tempo und die Form der Wirtschaftsentwicklung. Es kam zu einer dramatischen Invasion von Generälen und Admirälen in die Aufsichtsräte der amerikanischen Konzernwelt. Einige Beispiele: General Lucius D. Clay, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Besatzungstruppen in Deutschland kommandiert hatte und dort schon als Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone ein politisches Amt bekleidete, wurde in den Fünfzigern Aufsichtsratsvorsitzender der Continental Can Company; auch dem Investmentbankhaus Lehmann Brothers war er verbunden, und er war Mitglied in vielen einflussreichen 'Clubs' (s.u.). General James H. Doolittle, Chef der 8th Air Force kurz vor der Kapitulation Japans, wurde Vize-Präsident von Shell Oil und kümmerte sich dort um das Flugwesen. Angeblich reiste er 1946 nach Schweden, um eine in Spitzbergen niedergegangene Fliegende Untertasse zu inspizieren. Auch gilt er als einer der Initiatoren der ultrarechten John-Birch-Society. General Omar N. Bradley, Kommandeur der 12th Army Group vor Berlin, wurde Aufsichtsratsvorsitzender von Bulova Research Laboratories; er war sich in dieser Eigenschaft nicht zu schade, als 'Armeegeneral Omar N. Bradley' eine ganzseitige Werbeanzeige zu unterzeichnen, die aus Gründen 'militärischer Notwendigkeit' einen hohen Einfuhrtarif auf die Produkte konkurrierender Schweizer Uhrenwerke forderte. General Leslie R. Groves, Chef des Manhattan Projekts für den Bau der Atombombe, wurde in den Fünfzigern Vize-Präsident der Denkfabrik Remington Rand und Chef der Abteilung für Grundlagenforschung. (Mills 1956, 213f) Groves' Biograph Robert S. Norris beschreibt, wie dessen Erbe geheimer Operationen und eines weitgespannten militärischen Nuklearestablishments bis in unsere Tage weiterwirkt. (Norris 2002) 

In der Geschäftswelt ging das Diktum um: Beschaff dir einen General. Denn welcher Regierungszweig gibt mehr Geld aus als das Militär? Und wer versteht mehr vom Wiehern des Amtsschimmels als ein General oder Admiral? Also mach ihn zum Vorstandsvorsitzenden! (Mills 1956, 214f) Auch wissenschaftliche Forschung und technologische Entwicklung waren aus der zivilen Wirtschaft in die Welt der Militärs ausgewandert. Schon in den Fünfzigern war das Militär der größte Finanzier und Lenker wissenschaftlicher Forschung. Das galt nicht nur für die Kybernetik, die physikalische Grundlagenforschung oder die Halbleiterentwicklung, sondern auch für linguistische und ethnologische Studien. (PE 216) Darüber hinaus wurde die Liste der Militärs immer länger, die ohne einschlägige Qualifikationen in die Verwaltungshierarchien von Colleges und Universitäten aufstiegen. So war General Eisenhower auf dem Weg zur Präsidentschaft Chef der Columbia University und Mitglied der National Educational Association Policy Commission. (Mills 1956, 219) 

Noch viel interessanter jedoch war, wie die Militärs, zusammen mit ihrem Anhang und ihren Fürsprechern, ihre Metaphysik im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern wussten. Zu diesem Zweck standen den Washingtoner warlords ausgedehnte Kommunikationsmittel und PR-Operationen zur Verfügung. Täglich versorgten sie die Presse mit Nachrichten und Geschichten. Sie produzierten Texte und Aufnahmen für Radio und Fernsehen. Sie besaßen die größten Filmstudios der Ostküste (die sie 1942 Paramount abgekauft hatten). Alles, was in den Zeitungen oder im Äther erschien und das Militär betraf, wurde sorgfältig erfasst und analysiert; alles, was seitens des Militärs an die Öffentlichkeit kam, einschließlich der Schriften der pensionierten Generäle selbst, wurde gegengelesen und zensiert. Die Kosten allein dieses Programms wurden 1954 auf 12 Millionen Dollar geschätzt (das wären heute umgerechnet ca. 80 Millionen Dollar). (Mills 1956, 219f) 

So resümierte Mills auf die selbstgestellte Frage, ob es in den USA so etwas wie eine Militärclique gibt: "Ja, es gibt eine Militärclique, aber man sollte sie genauer als Teil einer Machtelite bezeichnen, die aus Männern der Wirtschaft, der Politik und des Militärs besteht, deren Interessen einander immer näher gekommen sind. Und um die Rolle des Militärs in dieser Machtelite zu verstehen, müssen wir die Rolle des Konzernmanagers und des Politikers in ihr ebenfalls verstehen. Und wir müssen verstehen, dass hier etwas Neues im politischen System der USA geschehen ist." (Mills 1956, 224) 

 

Direktoren der Politik 

Einen weiteren, vielschichtigen Ring um den Saturn des privaten Reichtums bildete die politische Klasse. Dazu gehörten nicht nur die Spitzen der Regierung, der Parteien usw., sondern auch andere Gruppen, die mit politics befasst waren: Verbandsfunktionäre, Rechtsanwälte, politische Beamte und die maßgeblichen Medienleute. Sie vermittelten auf die eine oder andere Weise zwischen den oberen Zehntausend und den Massen, indem sie sich nicht nur um den Wohlstand der Superreichen, sondern auch um ein Minimum an Verteilungsgerechtigkeit kümmerten. 

Dwight David Eisenhower (1890-1969) verkörperte ein neues amerikanisches Selbstbewusstsein. Der frühere Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa und militärische Organisator der NATO hatte es im Zivilleben, wie erwähnt, zum Präsidenten der Columbia University gebracht. Er hatte simple und feste Vorstellungen von einer 'gerechten' und 'stabilen' amerikanischen Gesellschaft. Millionen junger Familien konnten sich zum ersten Mal ein eigenes Haus und ein eigenes Auto leisten und waren mit den Segnungen des American Big Business hoch zufrieden. Dazu passte denn auch die Tatsache, dass in Eisenhowers Kabinett beispielsweise fast nur millionenschwere Konzernvertreter saßen, drei davon - Charles E. Wilson, Arthur Summerfield und Douglas McKay - mit engen Verbindungen zu General Motors. Adlai Stevenson, 'Ikes' demokratischer Konkurrent um die Präsidentschaft, konnte nur sagen: "The New Dealers have all left Washington to make way for the car dealers." ('Die Vertreter des New Deal haben in Washington Platz gemacht für Autovertreter.') Aber Ike konterte - und es war eine überzeugende Formel für Verteilungsgerechtigkeit in den Fünfzigern: "I will be a conservative when it comes to money matters and a liberal when it comes to human beings." ('In Gelddingen bin ich ein Konservativer, bei Menschen ein Liberaler.') 

Auf dieser Grundlage hatten sich noch 1948 beide Parteien um Ike als ihren Präsidentschaftskandidaten bemüht. Im Wahlkampf 1952 machte er die Opposition gegen das militärische Engagement der USA in Korea zu seinem zentralen Wahlkampfthema. Der Truman-Administration warf er Korruption und Nachgiebigkeit gegenüber dem Kommunismus vor. Eisenhowers Gegenkandidat, Adlai Stevenson, stammte zwar aus dem Ostküsten-Establishment und sprach die intellektuelle Oberschicht an, konnte aber in keiner Weise mit Ikes Popularität (I like Ike) konkurrieren. Eisenhowers zweiter Mann war Richard Nixon, der ganz offensichtlich von einer Millionärsclicque aus dem ultrarechten Lager unterstützt und in die Rolle des Vizepräsidentschaftskandidaten gehievt worden war. Als dieser Hintergrund in den Medien zur Sprache kam, nutzte Nixon während des Wahlkampfs 1952 das Fernsehen für seinen berühmten Checkers Speech. Darin machte er das verschleiernde Zugeständnis, seiner Frau sei lediglich das Geschenk eines 'einfachen republikanischen Wollmantels' und seiner Tochter ein schwarz-weißer Cockerspaniel namens Checkers zugeflogen. Und an die Gefühle des TV-Publikums appellierend rief er aus: "I'm not going to break that little girl's heart by taking away that dog." ('Ich werde nicht das Herz dieses kleinen Mädchens brechen und den Hund zurückgeben.') 

Eisenhower gewann in den Wahlen von 1952 mehr als 55 Prozent der Stimmen. Soziale Gerechtigkeit bedeutete für ihn, dass der Präsident sich aus sozialen Reformprogrammen heraushalten sollte. Das war scheinbar das genaue Gegenteil von Roosevelts New Deal und Trumans Fair Deal, passte aber zum Lebens- und Gerechtigkeitsgefühl einer Bevölkerung, die den größten wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Geschichte erlebte. Ikes Programm eines Dynamic Conservatism oder 'modernen Republikanismus' bestand aus Haushaltskürzungen, Unterstützung von big business und der Rückführung von zentralstaatlichen Aufgaben auf die Bundesstaaten und die kommunale Ebene. Eisenhower wandte sich gegen den sozialen Wohnungsbau, staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umweltschutz und Landreformen (area development). Doch obgleich er sich als strikter Gegner einer defizitären Ausgabenpolitik gab, führten die wachsenden Erfordernisse der Rüstung, das neue Auslandsengagement sowie alle möglichen Subventions- und Spezialinteressen dazu, dass am Ende der Eisenhower-Administration das höchste Staatsdefizit erreicht war, das die USA jemals in Friedenszeiten zu verzeichnen hatten. 

Berichtet man über Macht und Herrschaft, wird daraus im allgemeinen eine Geschichte allein der politischen Klasse, der Präsidenten, der Senatoren usw. In dieser Hinsicht waren die Fünfziger in der Tat reich an unvergesslichen Charakteren, die sich durchaus zur Mythenbildung eignen. Einige von ihnen werden wir durch die Jahrzehnte verfolgen können, allen voran Richard Nixon, in den Siebzigern das lebende Beispiel für die irrelevant gewordenen 'reinen' Berufspolitiker. Mills hatte darauf bestanden, dass diese Gruppe, was die Ausübung wirklicher Macht betraf, schon in den Fünfzigern tendenziell auf Dienst(boten)funktionen für die Geldmächtigen reduziert worden war. Andererseits betonte er, dass sich jenseits der demokratischen Institutionen, insbesondere des Kongresses, eine politische Elite herausgebildet hatte, die mit den Konzernherren und Kriegsherren nicht nur mithielt, sondern mit ihnen personell unauflöslich verflochten und zum Teil mit ihnen identisch war. Diese Gruppe nannte Mills das 'politische Direktorat'. 

Das politische Direktorat bestand aus einer kleinen Gruppe von Männern, welche die exekutiven Entscheidungen im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika trafen. Zu diesen ungefähr 50 Männern gehörten der Präsident, der Vizepräsident, die Kabinettsmitglieder, die Chefs der wichtigsten Ministerien, Behörden und Kommissionen sowie Mitglieder des Beraterstabes des Präsidenten. Dieser Kreis ist bis heute kaum größer geworden. Die Wahlkämpfe drehten sich letztlich immer nur um die Besetzung dieser Positionen. Hier fanden und finden zwischen den verschiedenen Fraktionen der Geld- und Machtelite Interessenkämpfe bis aufs Messer statt. Hier zirkulierte diese Elite in sich. Im Mai 1953 waren nur drei Mitglieder des politischen Direktorats überhaupt Berufspolitiker; zwei weitere hatten eine Karriere als politische Manager oder 'Macher' hinter sich. Ihre Namen sind heute vergessen. (Mills 1956, 231f) 

Alle übrigen Mitglieder des 'politischen Direktorats' stammten aus dem Establishment: Die drei wichtigsten Positionen wurden gehalten von John Foster Dulles, Außenminister, dem New Yorker Repräsentanten einer Rechtsanwaltskanzlei, die das internationale Geschäft für die Morgan- und Rockfeller-Familien abwickelte; von George M. Humphrey, Finanzminister, einem Konzernmanager aus dem Mittleren Westen, der einem aus dreißig Unternehmen bestehenden Firmenkomplex vorstand; von Charles E. Wilson, Verteidigungsminister, dem früheren Präsidenten von General Motors, einem der drei größten Konzerne der USA und größten Rüstungsproduzenten. Dazu, wie er wähnt, zwei weitere Männer von General Motors, ein führender Finanzier und Direktor der größten Bank Neuenglands und schließlich ein millionenschwerer Verleger aus Texas. (Mills 1956, 232) 

John Foster Dulles (1888-1959) war Enkel und Neffe früherer amerikanischer Außenminister. 1919 gehörte er zur amerikanischen Delegation der Pariser Friedenskonferenz und war einer der engsten Berater Präsident Wilsons. Von 1945 bis 1949 war er Delegierter bei den Vereinten Nationen und 1951 Verhandlungsführer beim Friedensvertrag mit Japan. Als Eisenhowers Außenminister entwickelte er, immer um die Eindämmung des Kommunismus besorgt, die Doktrin der 'massiven Vergeltung' mittels Nuklearwaffen. Diese Abschreckungsstrategie wurde ergänzt durch ein immer dichteres Paktsystem. John Pilger, der angesehene britische Journalist, schreibt über die heutigen Auswirkungen dieser Politik: "Der derzeitige Aufstieg Rumsfelds und seines Stellvertreters, Paul Wolfowitz, sowie seiner Mitarbeiter Richard Perle und Elliot Abrams bedeutet, dass ein großer Teil der Welt offen von einem geopolitischen Faschismus bedroht wird, der sich seit 1945 entwickelt und seit dem 11. September beschleunigt ... Diese heutige Washingtoner Gruppe besteht aus authentischen amerikanischen Fundamentalisten. Sie sind die Erben von John Foster Dulles und Alan Dulles, jenen baptistischen Fanatikern, die in den Fünfzigern das Außenministerium beziehungsweise die CIA lenkten. Sie zerschlugen in einem Land nach dem anderen Reformregierungen - Iran, Irak, Guatemala; sie zerrissen internationale Verträge wie die Genfer Indochina-Vereinbarungen von 1954. Deren Sabotage durch John Foster Dulles führte geradewegs zum Vietnam-Krieg und zu fünf Millionen Toten. Jetzt veröffentlichte (declassified) Dokumente zeigen, dass die USA seinerzeit zweimal nur einen Hauch vom Einsatz von Atomwaffen entfernt waren." (Pilger 2002, 143) 

Im Hintergrund von Eisenhowers Fünfziger-Kabinett der Millionäre und Kalten Krieger wirkten im übrigen die eigentlichen Macher: da gab es einen Rockefeller und einen früheren Finanzberater der Rockefellers; dann einige aktive Erben großer Familienvermögen und Textilunternehmen; dazu Bankiers, Verleger, Spitzenmanager einer Fluggesellschaft, Unternehmensanwälte, Vertreter weiterer Konzerne. Einer der auffälligsten unter ihnen war, wie erwähnt, Allen Dulles, zuvor zehn Jahre im diplomatischen Dienst, dann Partner der Rechtsanwaltskanzlei Sullivan and Cromwell, die vor dem Kriege Geschäfte mit den Nazis gemacht hatte und in der sein Bruder Seniorpartner gewesen war. (Mills 1956, 233) 

Allen Dulles wurde 1948 von Truman beauftragt, die Organisation und Funktion der amerikanischen Geheimdienste neu zu bewerten. 1951 wurde er Stellvertretender Direktor der neu entstehenden Central Intelligence Agency, 1953 ernannte ihn Eisenhower zum Direktor der CIA. In dieser Eigenschaft war er verantwortlich für einige der spektakulärsten verdeckten Operationen des frühen Kalten Krieges: den Sturz des gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh (1953), den Sturz des gewählten guatemaltekischen Präsidenten Guilermo Arbenz (1954) und die geheimen U-2-Spionageflüge über der Sowjetunion (die ergaben, dass das Atomwaffenarsenal viel geringer war als Chrustschow behauptet hatte). Der Abschuss der U-2-Piloten Gary Powers über Russland 1960 war für die Eisenhower-Administration höchst peinlich und torpedierte den seinerzeitigen russisch-amerikanischen Pariser Friedensgipfel. Dennoch hielt auch der neue gewählte Präsident John F. Kennedy zunächst an Allen Dulles fest. Erst nach dem auf katastrophale Weise gescheiterten, CIA-unterstützten Invasionsversuch Kubas im April 1961 nahm Dulles seinen Hut. Kurz nach der Ermordung Kennedys wurde Dulles von Lyndon Johnson zum Vorsitzenden der Warren-Kommission ernannt, die das Attentat untersuchen sollte. 

Die CIA war aus dem Office of Strategic Services (OSS) entstanden, das während der Zweiten Weltkrieg die Aufklärungsaufgaben koordinierte und in dem auch viele deutsche Immigranten, darunter Herbert Marcuse und Franz Neumann (s.o.), mitarbeiteten. Leiter des OSS war General William 'Wild Bill' Donovan gewesen, ein Wall Street Rechtsanwalt, der sich seine Leute aus den Elite-Universitäten der Ivy League und von der Wall Street holte (darunter eben auch Dulles und weitere künftige CIA-Direktoren wie Richard Helms und William J. Casey). Aus der CIA formte er so etwas wie einen Club der Ostküstenelite, erfüllt vom Geist abenteuerlicher Operationen in Feindesland. Diesen Stil setzte die CIA im Kalten Krieg fort, unter dem Motto fight fire with fire (George F. Kennan), was im Klartext u.a. bedeutete, dass frühere Nazis, ukrainische Kollaborateure und andere Abenteurer angeheuert wurden, um hinter dem Eisernen Vorhang paramilitärische Operationen durchzuführen. 

Neben dem Sturz der Regierung Guatemalas im Interesse der United Fruit Company war die Rettung der Herrschaft des Schahs von Persien sicherlich die folgenreichste Aktion der CIA in jenen Jahren. Der vom amerikanischen Geheimdienst inszenierte Staatsstreich 1953 in Persien fand zu einem Zeitpunkt statt, als die iranische Gesellschaft eine Phase tiefgehender Umwälzungen durchlief. Der gewählte Ministerpräsident Mossadegh stand an der Spitze der Nationalen Front, einer 1949 gegründeten politischen Organisation, die auf eine Demokratisierung des politischen Systems hinarbeitete und die Nationalisierung der iranischen Ölindustrie durchsetzen wollte. Diese befand sich damals in der Hand britischer Firmen. Der Nationalen Front gelang es rasch, zur wichtigsten politischen Kraft des Landes aufzusteigen und den konstitutionellen iranischen Monarchen, Schah Resa Pahlevi, im April 1951 zu zwingen, die Verstaatlichung der Ölindustrie anzuordnen. Dies führte zum offenen Konflikt mit Großbritannien, das einen weltweiten Boykott des iranischen Öls organisierte und alles daransetzte, um Mossadegh zu entmachten. Die USA-Regierung unter Truman verhielt sich zunächst neutral. Doch die CIA hatte längst mit den Vorbereitungen eines Staatsstreichs begonnen. Im März 1953 gab Eisenhower der CIA grünes Licht. Mossadegh wurde unter skandalösen Umständen gestürzt und durch Faslollah Zahedi, einen pensionierten Armeegeneral, ersetzt. 

Aber der geheime Kampf ging ja nicht nur um Erdöl, sondern auch um 'Kultur'. Und das passte ganz gut zu den Anfängen der CIA als einer kosmopolitischen und intellektuellen Elite, die sich in der Oxbridge Tradition des British Secret Service sah und zutiefst durch das Ivy Leage Milieu der amerikanischen Eliteuniversitäten geprägt war. Seit 1950 betrieb der Congress of Cultural Freedom im verdeckten Auftrag der CIA - und mit der amerikanischen Regierung als geheimem Geldgeber - insbesondere in Europa Kultur- und Kunstförderung. Er organisierte Ausstellungen und Kongresse, unterstützte Verlage und finanzierte die beiden linksliberalen Zeitschriften Der Monat und Encounter. In seiner Blütezeit unterhielt der Congress in 35 Ländern eigene Büros. "Wenn bei der CIA die Rede von Kultur war, dann in Anführungsstrichen. Mit anderen Worten - das war ein trojanisches Pferd, auf dem politische Tagesbefehle transportiert wurden." (Saunders 2000, 21) Und es bestand kein Zweifel, dass jene Zeitschriften sowie all die Kongresse und Seminare, ja sogar Kunstausstellungen und Konzerte so etwas wie Manöver einer kulturellen NATO waren. Das war ein kultureller Marshallplan. Es ging darum, mit der Kultur die Felder der Außenpolitik auszuweiten - auf sehr subtile und elitäre Art und Weise. Auch innerhalb der Vereinigten Staaten tat sich die CIA in geheimer Mission als Kultursponsor hervor. CIA-Agenten waren in der Filmindustrie beschäftigt - die Trickfilmversion von George Orwells Animal Farm wurde zum Teil von der CIA finanziert und vertrieben -, arbeiteten in großen Verlagen und betätigten sich sogar als Reiseschriftsteller für die in den Vereinigten Staaten legendären Reiseführer der Fodor-Reihe. Außerdem pflegte der Geheimdienst gute Kontakte zum Boston Symphony Orchestra und zum Museum of Modern Art in New York. So kam es, dass Künstler wie Jackson Pollock und Willem de Kooning und die radikale New York School, die beim amerikanischen Bürgertum auf wenig Verständnis stießen, in den Genuss staatlicher Subventionen gelangten. (Saunders 2000, 183) 

Die Liste der von der CIA Geförderten war lang und las sich wie das Who is who der Kunst- und Kulturszene der Nachkriegszeit: Arthur Koestler, Manès Sperber, Nicolas Nabokov, Arthur Schlesinger jr., Stephen Spender, Isaiah Berlin, Malcolm Muggeridge, Reinhold Niebuhr, Ignazio Silone, W.H. Auden, André Malraux, Bertrand Russell und andere mehr. Viele hatten keine Ahnung davon, dass ihre Unterstützung im US-amerikanischen Auftrag erfolgte. Manche standen Moskau näher als Washington. Aber auch das war Teil des CIA-Plans: Gerade die schwankenden Linksintellektuellen, die sogenannte Non-Communist Left, wollte man von den Vorzügen des American Way überzeugen. Im Gegenzug sollten sie - wissentlich oder unwissentlich - Zeugnis für den liberalen Geist der Vereinigten Staaten ablegen. Diese Taktik führte in den Fünfzigern u.a. zu der paradoxen Situation, dass linke Intellektuelle im Ausland von der CIA protegiert wurden, während sie in den USA als Sympathisanten des Kommunismus verdächtigt und als Staatsfeinde verfolgt wurden. 

Die wachsende Bedeutung dieser unkontrollierten 'Randregionen' des demokratischen Systems war nicht nur einfach ein Resultat der 'Bürokratisierung' des Staates. Hier entstand vielmehr tatsächlich anonyme und undurchschaubare Verwaltungsmacht. Das Problem reichte also, ähnlich wie beim Machtaufstieg der Militärs, viel tiefer. Gerade weil sich in den USA nie eine echte Bürokratie entwickelt hatte, konnten 'Experten der Machtausübung' aus der Wirtschaft, dem Militär, dem Verlags- und Medienwesen die staatliche Verwaltungsmacht problemlos übernehmen. Sie konnten Machtapparate und Machtstrukturen informeller Art aufbauen, von denen man in einfacheren Zeiten und insbesondere seitens der Väter der amerikanischen Verfassung nicht einmal geträumt hatte. Dieser Prozess - ein Leasing der Volksgewalt an Anwälte und Lobbyisten - hat sich seither extrem beschleunigt und bringt Modelle der Macht- und Herrschaftsausübung hervor, die nun in die ganze Welt exportiert werden. (Mills 1956, 235) 

Letztlich ging es dabei um die Privatisierung (und in gewisser Weise auch um die Kommerzialisierung) von Politik. Wie weit dieser Prozess auch schon zu Zeiten von C. Wright Mills gediehen war, zeigt folgendes Beispiel. Heute würde wahrscheinlich nur noch eine Augenbraue zucken, damals war das ein absolutes Novum: Zwei Monate vor den Nominierungen für die Präsidentschaftswahl von 1952 heuerte Harold E. Talbott, ein New Yorker Finanzier, eine Unternehmensberatungsfirma an, um zu ermitteln, welche Posten in der Washingtoner Bürokratie übernommen werden müssten, um einer republikanischen Administration die Kontrolle des gesamten Regierungsapparats zu sichern. Wenige Tage nach seiner Wahl erhielt Eisenhower 14 Bände einer Analyse, die u.a. für die 250 bis 300 Top-Positionen genaue Angaben über die notwendigen Qualifikationen und die jeweils spezifischen Aufgaben enthielt. Übrigens: Harold E. Talbot musste später seine Position als Staatssekretär für die Air Force wegen privater Vorteilsnahme aufgeben. (Mills 1956, 238) 

 

Geheimer als geheim 

Wo es um Macht geht, kommt auch immer die Phantasie ins Spiel, die Vermutung, dass mehr vor sich geht als man sieht. Die Mächtigen spielen diese Spielchen mit - und in der Tat ist Machtausübung nicht möglich ohne Geheimnisse und Formen geheimer Organisation. Das müssen nicht unbedingt die 'offiziellen' Geheimdienste, es dürfen auch Verschwörungen sein. 

An der Yale University gab und gibt es eine fraternity oder Bruderschaft namens Skull&Bones. Viele wichtige Figuren aus den Zwischenreichen von CIA und Politik haben dort ihre künftigen Ränke 'eingeübt'. Über die Jahrzehnte sind Verteidigungsminister, zahllose Kongressabgeordnete, Gouverneure, drei Präsidenten (u.a. George Bush Sr.), Richter des Obersten Gerichtshofs und fast alle Spitzenmanager der Fortune 500 durch diese 'Schule' gegangen. Das offizielle Trinklied von OSS und CIA, heißt es, sei die Yale-Hymne gewesen. Und der verbreitete Slang-Ausdruck spook für Geheimagenten stammte aus dem Campus-Hauptquartier der Bruderschaft, The Tomb. Gegründet wurde Skull&Bones 1832 nach dem Vorbild deutscher und englischer Geheimgesellschaften. Seitdem diente der Club vor allem reichen Neuengland-Familien als, wie man heute sagen würde, Kontaktbörse. Diese Familien - darunter die Bushs, Vanderbilts, Stimsons, Tafts, Harrimans, Rockefellers, Pierponts, Morgans und Forbes's - waren in besonderem Maße dem britischen Empire verbunden und hatten, sagt man, aus diesen Gründen auch stets ein Händchen im Opiumhandel. (Woodward und Pincus 1988) Überhaupt sind die USA auch das Land realer und imaginierter Verschwörungen und ein Eldorado der Verschwörungstheoretiker. 

Hier soll nur noch an ein Kind der Fünfziger unter diesen Geheimorganisationen erinnert werden, an die Bilderberg Group. Bei dieser Gruppierung handelte es sich nicht mehr um einen traditionellen Round Table der anglo-amerikanischen Art (Quigley 1966, 950f), sondern um einen neuartigen Raum für transatlantische Klärungen. Die Einladungslisten zur ersten Konferenz 1954 im Hotel Bilderberg im niederländischen Oosterbek wurden zusammengestellt von Joseph Retinger, einem polnischen Exilpolitiker, von Prinz Bernhard der Niederlande und von Paul Rijkens, Chef von Unilever - einem der größten und damals bereits transnational agierenden Konzerne (in anglo-niederländischem Besitz). Zu den insgesamt 67 Teilnehmern gehörten die belgischen und italienischen Premierminister, Paul van Zeeland und Alcide de Gasperi; der französische Premier Antoine Pinay und der Führer der französischen Sozialisten, Guy Mollet; italienische Diplomat Pietro Quaroni, der Grieche Panavotis Pipinelis; der deutsche Konzernanwalt Rudolf Miller und der Industrielle Otto Wolff von Amerongen; der dänische Außenminister Ole Bjorn Kraft; Denis Healey und Hugh Gaitskell von der britischen Labour Party sowie Robert Boothby von den Konservativen und Sir Oliver Franks als Vertreter des britischen Staates sowie Sir Colin Gubbins, während des Zweiten Weltkrieges Kopf des Special Operations Executive (SOL). Von amerikanischer Seite kamen zum ersten Bilderberg-Treffen unter anderen: George Ball, Chef des Wall Street Hauses Lehman Brothers, ein früherer hoher Beamter des Außenministeriums und einer der Architekten der atlantischen Partnerschaft; David Rockefeller, damals Chef der Chase Manhattan Bank, Mitglied des Council on Foreign Relations, des Business Council, des US Council of the International Chamber of Commerce; Dean Rusk, zu dieser Zeit Präsident der Rockefeller Foundation

Bernt Engelmann, der große Kritiker der Machteliten und ihrer geheimen Machenschaften, widmete der Gruppe 1977 den Schlüsselroman 'Hotel Bilderberg'. Die Website des britischen Journalisten Tony Gosling mit dem Namen www.bilderberg.org gehört zu den ernstzunehmenden conspiracy sites im Internet. Die 'Bilderberger' tauchen an verschiedenen Stellen unseres Buches auf, auch wenn es sich letztlich nicht um das große und geheime transatlantische Weltbeherrschungskartell handelt, sondern "bestenfalls um ein Umfeld, in dem Ideen in diese Richtung entwickelt wurden. Und die Geheimhaltung war einfach notwendig, um unterschiedliche Auffassungen artikulieren zu können und weniger, um eindeutige Projekte vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. In diesem Sinne war Bilderberg ein Testgelände für neue Initiativen der Atlantischen Gemeinschaft." (Van der Pijl 1984, 203) 

Immerhin vermittelt die Beschäftigung mit solchen Gruppierungen ein Gefühl für Netzwerke hinter den Kulissen und unter den Oberflächen europäisch-amerikanischer Beziehungen. Das gilt auch für den geradezu heilig gesprochenen Marshall Plan, den Winston Churchill einst als the most unsordid act in history ('die am wenigsten anrüchige Tat der Geschichte') bezeichnete. Schon seit 1939 wurden - u.a. von den War and Peace Study Groups des Council on Foreign Relations - Konzepte für Europa ausgearbeitet, die einzig und allein dem transatlantischen Export des amerikanischen Geschäftsmodells dienen sollten. (Shoup u. Minter 1977, 117ff; Mead 2002, 17) Und treue europäische Helfer gab es auch. Jean Monnet etwa, Gründer der Montanunion und Motor der Europäischen Gemeinschaft, war in seinem Hauptleben ein international operierender Finanzier, eine Schlüsselfigur in der "atlantischen Zirkulation des Geldkapitals". (Van der Pijl 1984, 32) Das alles ist ein weitgehend unerforschtes Feld. Den hier auftauchenden Informationen sollte man sich deshalb immer mit gesunder Skepsis und zugleich mit einem Sinn fürs Anekdotische nähern. 

So machte sich Ferdinand Lundberg 1964 die Mühe, in den Mitgliederlisten einiger jener legendären New Yorker Clubs mit Namen wie The Links oder Knickerbocker herumzustöbern. Sie erfüllten nämlich, schrieb er, für die 'finanziell-politische Elite' die gleiche Funktion "wie die Räume des Aufsichtsrats für den einzelnen Konzern oder der Kongress für die amerikanische Bevölkerung insgesamt". (Lundberg 1969, 206) Und in der Liste des Links Clubs fand er nicht nur Namen aus der Welt des amerikanischen Großkapitals, von Spitzenmanagern, Bankpräsidenten, Großjournalisten, hohen Beamten aus Außen- und Verteidigungsministerium, Konzernanwälten und von Spitzenpolitikern der Republikanischen Partei, sondern auch "Jean Monnet aus Paris, Architekt des europäischen Gemeinsamen Marktes". 

Lundberg kommentierte: "Wenn die Club-Mitglieder das Land auch nicht bis ins einzelne beherrschen, so haben sie doch einen sehr großen Einfluss. Leute wie diese meinen die russischen und chinesischen Zeitungen, wenn sie mürrisch von den 'herrschenden Kreisen' in Amerika sprechen." Neben Monnet gingen auch andere Angehörige des europäischen Geldadels in solchen Clubs ein und aus - im Knickerbocker Club zum Beispiel Giovanni Agnelli, der italienische Industrielle; Graf Bertil Bernadotte aus Schweden; die französischen Edelfinanziers Graf Charles-Louis de Cosse Brissac, Graf Jean de Lagarde, Graf Ogier d'Ivry usw. usw. Solche Verflechtungen machen es wahrscheinlich, dass umgekehrt in den verschiedenen Stufen des europäischen Einigungsprozesses Vertreter der amerikanischen Geld- und Machteliten informellen, interessengeladenen 'privaten' Einfluss ausübten. "Auf dem Weg über die Mitgliedschaft im Links und Knickerbocker Club konnte man ohne Zweifel Zugang zu jedem finanziell-politischen Kreis in der Welt finden." (Lundberg 1969, 209f) 

Was immer sich nun aber auch im geheimen Untergrund zusammenbrauen mochte, gegen Ende der Eisenhower-Präsidentschaft spitzte sich die gesellschaftliche Debatte um den Gang und die Zukunft der Vereinigten Staaten von Amerika zu. Es ging um zwei Fragen: die geistig-moralische und kulturelle Krise des Landes und die Art und Weise, wie der Kalte Krieg zu führen sei. Insofern blickte man gespannt auf die Präsidentschaftswahlen von 1960. Bezüglich der ersten Frage waren beide Kandidaten mit dem McCarthyismus und auch der Politik des 'Ruhigstellens' (politics of tranquility) verbunden, also nicht nur Richard Nixon, sondern auch John F. Kennedy. Nixon schien zwar wegen seiner außenpolitischen Erfahrungen besser qualifiziert für die Präsidentschaft, aber selbst Eisenhower hatte Bedenken ob seines 'Kommunistenhasses' und seiner Hölzernheit. Kennedy machte zunächst den Eindruck, nichts anderes als die demokratische Variante von Nixon darzustellen. Er war der einzige demokratische Senator gewesen, der Joseph McCarthy unterstützte, als er in einer Senatsabstimmung ob seiner rüden Verfolgungsmethoden gerügt wurde. Sein angeblich selbstgeschriebenes Buch Profiles in Courage hatten Mitarbeiter für ihn verfasst. Sein Vater Joseph Kennedy gehörte zwar zu den Superreichen im Lande, doch die traditionellen Eliten wollten mit dieser irisch-katholischen Familie nichts zu tun haben, zumal deren Geld wohl auch aus dunklen Geschäften während der Prohibitionszeit und aus Hollywood-Investitionen stammte. Die Grundfragen amerikanischer Politik schnurrten also in diesem Wahlkampf zu Image-Fragen zusammen. 

 

Eine Frage des Bewusstseins 

In den Fünfzigern hatte sich der American Way of Life zu einem exportfähigen Gesamtkonzept geformt. Es war, wie gesagt, die Zeit eines amerikanischen Wirtschaftswunders mit globaler Ausstrahlungskraft. Überall auf der Welt wurde nachgeahmt, was an 'Erfindungen' aus Amerika kam: Die Massenproduktion von erschwinglichen Automobilen und die dazugehörigen Straßennetze; die Massenproduktion von bezahlbaren Häusern (William Levitt) und die dadurch entstehenden endlosen Vorstädte oder suburbs; ein Massenangebot an günstigen Einkaufsmöglichkeiten (supermarkets), von billigen Restaurants (fast food) und von günstigen Herbergen (motels) für die neue Mobilität. Ähnliches galt für die Kulturangebote, die sich auf Massenkonsum einstellten, ob es um Schallplatten (insbesondere die von Elvis Presley), Comics oder um die Filme aus Hollywood ging. Das Fernsehen etablierte sich und mit ihm die ersten Quiz-Shows, Talkshows, Serien - immer durchsetzt mit Werbung und von ihr bis ins Letzte dramaturgisch bestimmt. Zusammengehalten wurde das alles von Mythen über Helden der Privatinitiative, über mächtige Titanen und Erbauer des amerikanischen Kapitalismus. Und auch der Wahlsieg John F. Kennedys hatte das Zeug zur Mythologisierung. Um Kennedy zu begreifen, sollte schließlich der Name des strahlendsten Ritters der Arthus-Sage herhalten: Camelot

Dieses Prinzip der Steuerung der realen Welt durch Scheinwelten bereitete die machtpolitische Rolle von Virtualisierung und Cyberspace vor, welche dann die Neunziger bestimmte. Doch schon damals wurde mit der Filmproduktion Hollywoods so etwas wie ein System hintergründiger Beeinflussung der Welt durch 'Weltfilme' installiert. US-amerikanische Drehorte - die suburbs, die großstädtischen Dschungel, die Ebenen und Berge des Westens, die beaches - wurden für Menschen weltweit zum gültigen Schauplatz menschlicher Leidenschaften (von Soap über Crime bis Porn). Bilder des Nachkriegswohlstands, einer Freizeitkultur, einer Kultur auch rücksichtsloser (militärischer) Gewaltanwendung, eines angepassten Mittelschichtenlebens in den Suburbs, einer Jazz- und Rock-Musikszene, von Rassenproblemen usw. verstärkten nicht nur das Selbstbild der Amerikaner, sondern wurden erstmals überall, wohin der amerikanische Einfluss auch nur im entferntesten reichte, zu 'Vorbildern'. Vor diesem Hintergrund erschließt sich auch die Bedeutung der zehn erfolgreichsten Filme der Fünfziger: Lady and the Tramp (1955), Ten Commandments, Peter Pan (1953) , Ben Hur (1954), Around the World in 80 Days (1956) , Sleeping Beauty (1959) , The Robe (1953) , The Bridge on the River Kwai (1957), South Pacific (1958), This is Cinerama (1952). Diese Filme trugen die amerikanische Jugendkultur um die Welt, in der eine Rebellion gegen die langweilige, formelle Welt der Älteren vorgegaukelt wurde, die sich besonders gut verkaufen ließ. Sie sollten aber auch, um einer neuen Pax Americana willen, Erinnerungen ans römische Imperium und andere totalitäre, gerade auch religiöse, Visionen verbreiten. Und sie schufen Identifikationsfiguren, die das Unterbewusstsein der Menschen ansprachen. Vielleicht noch tiefenwirksamer als Bilder aber waren Jazz und Rock and Roll. Louis Armstrong hat die Wirkungen dieser Art des Kulturimperialismus mit sympathischer Ironie in seinem Song Cultural Exchange festgehalten: 

Cultural Exchange (Louis Armstrong) 

From reports on Dizzy Gillespie
It was clear to the local press
He quelled the riots in far off Greece
Restored the place to comparative peace
That´s what we call cultural exchange ... 

When Diz blew, the riots were routed
People danced and they cheered and shouted
The headlines bannered the hour as his
They dropped their stones and they rocked with Diz.

That´s what we call cultural exchange ... 

The State Department has discovered jazz
It reaches folks like nothing ever has.
Like when they feel the jazzy rhythm
They know we´re really with ´em.

That´s what we call cultural exchange ...
No commodity is quite so strange
as this thing called cultural exchange ... 

We put "Oklahoma" in Japan.
"South Pacific" we gave to Iran.
And when all our neighbors call us vermin
We send out Woody Herman
That´s what we call cultural exchange ... 

Gershwin gave the Moscouvites a thrill (with Porgy and Bess)
Bernstein was the darling of Brazil (and isn´t he hip?)
And just to stop internal mayhem
We dispatch Martha Graham
That´s what we call cultural exchange ...
(vgl. Wagnleitner 2001) 

Mit der Kulturindustrie wuchs den amerikanischen Geld- und Machteliten ein weiterer Außenring diensteifriger Geister zu: ein Heer von Technokraten und Dienstleistern, von Phantasiearbeitern und Beratern, Experten, Helfern aus Wissenschaft, Medien, Kultur, Technik usw., das bald in die Millionen ging. Diese 'Bewusstseinsarbeiter' aber waren anders als andere Dienstklassen zuvor. Einerseits verwandelten sie brav im Auftrag der Konzerne hohe und niedrige Kultur in lukrative Geschäftsideen. Andererseits waren sie aufsässiger als frühere Kategorien von Arbeitnehmern. Sie machten sich Gedanken über ihre abhängige, dienstbotenhafte Lage. Sie litten unter der Diskrepanz zwischen dem, was sie über die neue Vermarktungskultur wussten, und dem, was sie persönlich in ihr erreichen konnten. Die Interessen der 'organisierten Geschäftswelt' und der 'selbstorganisierten Arbeitswelt' begannen auseinander zu streben. (Jahrzehnte später formulierten führende Menschen aus der Werbebranche zu diesem Konflikt ein berühmtes Manifest, das Cluetrain Manifesto) Und so entstand alles in allem eine bis heute andauernde Unklarheit darüber, wer nun eigentlich 'Arbeitgeber' und wer 'Arbeitnehmer' war, ein Unklarheit, mit der man allen sozialistischen Weltbildern letztendlich den Garaus machen konnte. 

Außerdem begannen in den USA viele, die in der Werbeindustrie, Kulturindustrie, in den Medien und im politischen Überzeugungsgeschäft arbeiteten, ihre Erfahrungen und Frustrationen mit Mythen und Bildern aus Feudalismus und Mittelalter zu umkleiden oder in technische Zukunftsmärchen zu flüchten. Man muss sich vergegenwärtigen, dass J.R.R. Tolkiens Roman The Lord of the Rings, der 1954 erschien, nicht nur von spätpubertierenden Oxford- und Cambridge-Studenten verschlungen wurde, sondern auch in den Tagträumen von amerikanischen Jungmanagern figurierte, die mit ihrer Statuspanik im Dschungel gotischer Wolkenkratzerburgen umgehen mussten. Fantasy und Science Fiction Literatur waren das massenkulturelle Phänomen der Fünfziger. Sie wurden zu wichtigen Stichwort- und Ideengebern in einer Gesellschaft, die immer mehr auf die Ware Kultur setzte oder genauer: auf eine bestimmte Produktion ebenso irrationaler wie attraktiver Kulturgüter. Man merkte ja, wie diese Produkte die Aufmerksamkeit und Kaufbereitschaft der ganzen Welt auf sich zogen. Und man spürte, dass neben der geostrategischen Umklammerung der Sowjetunion und Chinas durch weltweite Militärpräsenz auch die Lieferung von Vorstellungen vom Zusammenhang und von der Interdependenz des Lebens auf unserem Planeten, kurz: die Lieferung eines 'planetarischen Bewusstseins', zu hegemonialen Resultaten führen konnte. 

"Es scheint den Tatsachen zu entsprechen", schrieb im Jahre 1952 Gotthard Günther, ein bedeutender deutscher Philosoph, der damals zusammen mit John von Neumann und Heinz von Förster in Arizona für die US Air Force an der Entwicklung der Kybernetik arbeitete, "dass der amerikanische Kontinent das Wesentliche aller Hochkulturen der anderen Halbkugel zurückweist. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht darin, dass Amerika sich etwa dagegen sträubt, sich von einem primitiven geschichtlichen Niveau auf ein höheres hinaufheben zu lassen, oder dass es schicksalhaftere Formen des kulturellen Lebens ablehnt." Vielmehr scheint Amerika "lediglich solche Formen des geschichtlichen Lebens anzunehmen und zu ertragen, die wirklich planetarischen Umfanges sind." So stehe also eine neue geschichtliche Epoche von globaler Ausdehnung bevor. Die nächste Hochkultur werde die erste ohne regionale Grenzen sein und sie werde von Amerika ausgehen. "Sie wird sich über die ganze Erde verbreiten und eine dritte Epoche der Weltgeschichte einführen: die Ära planetarischer Zivilisationen." (Günther 1952, 12) 

Günther sah in der Science Fiction-Literatur die Vorbotin der Kultur dieser neuen Weltepoche. Science Fiction war für ihn überdies die bislang einzige originäre amerikanische Kulturleistung. Und tatsächlich entwickelte sich in Amerika und nirgendwo sonst in den Kolportagemagazinen und Zehncentromanen der Vierziger und Fünfziger - zu einer Zeit, als der Begriff der Weltherrschaft in vieler Munde war - ein eigenartiger Blick auf diesen Planeten: ahnungslos, was die tieferen Traditionen der Hochkulturen, ahnungsvoll, was die Perspektiven einer künftigen Technikkultur betraf. 

Die jugendlichen Schmökerer dieser Literatur von damals und vor allem die ersten jugendlichen Konsumenten der televisionären Massenkultur, die sich aus jenen frühen Science Fiction-Quellen speiste, sind heute die Chefs der NASA, der CIA und der NSA. Sie leiten die Profitmaschinen von Hollywood und die US-amerikanischen transnationalen Konzerne. Die planetarischen Antizipationen der frühen Science Fiction liegen wie Nebelschwaden über Microsoft und AOL. Der amerikanische Weltherrschaftsanspruch basiert in seinen Tiefenschichten auf dem träumerischen Universalismus eines A.E. Van Vogt oder Robert S. Heinlein. Wir werden bei der Darstellung der Neunziger auf dieses 'planetarische Bewusstsein' der amerikanischen Eliten zurückkommen, wie es sich dann etwa in den Utopien eines Silicon-Valley-Projekts namens The Long Boom, in einem postmodernen Think Tank namens Global Business Network oder in den Aktivitäten von New Economy-Milliardären wie Paul Allen, Mitbegründer von Microsoft, manifestiert. 

Es war also nur konsequent, dass auch Macht sich solche Mäntel der Phantasie um die Schultern hängte. Und dass sie, weil das ihre Grundlage war, sich auch der Mittel und Methoden für die Ausbreitung von Bewusstseinsinhalten versicherte. "Alle", schrieb Mills, "die in Amerika Erfolg haben, ganz gleich in welchem Bereich und von welcher Herkunft, müssen sich in der Welt der Berühmtheiten bewegen." Mit der Umwandlung der Wirtschaft in eine corporate economy, mit dem Aufstieg des militärischen Establishments, mit der Zentralisierung des Staates war also eine nationale Elite entstanden, die einerseits an der Spitze von im Dunkeln bleibenden Hierarchien agierte und die sich andererseits im Rampenlicht der Öffentlichkeit intensiv um Public Relations bemühte. "Dort, in der Welt der Massenmedien, stehen sie dann neben den Berühmtheiten der Unterhaltungsindustrie auf dem nationalen Präsentierteller. Und mit der Zeit scheinen sich alle wichtigen Ereignisse und Zusammenhänge allein mit diesen Persönlichkeiten des nationalen Glamours zu verquicken." (Mills 1956, 171f) 

Auch die Bürgerrechtsbewegung der Fünfziger wurde durch solche Bewusstseinsprozesse beschleunigt. Ein Einwanderungsland, in dem Menschen aus allen Winkeln der Erde - wenn auch oft mehr schlecht als recht - zusammenlebten, konnte im Kampf gegen den 'Weltkommunismus' weltweit nur glaubwürdig werden, wenn sich auch in seinem Inneren die Rechte der vielen unterschiedlichen Ethnien und Rassen entschieden verbesserten. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war überdies deutlich geworden, dass die Stimmen der schwarzen Wählerschaft fast genauso viel wogen wie die anderer Interessengruppen, etwa der Gewerkschaften oder der Landwirtschaft. Die Versuche des demokratischen Präsidenten Truman, die ökonomische und politische Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung voranzubringen, waren allerdings nur begrenzt erfolgreich. Während der Präsidentschaft Eisenhowers, der nicht viel von einer entsprechenden Gesetzgebung hielt, sorgten dann einige medienwirksame Ereignisse für den nötigen Schub. Dazu gehörte die erfolgreiche Klage der Eltern von Linda Brown gegen das Board of Education von Topeka, Kansas, ihre Tochter in eine bisher allein Weißen vorbehaltene Schule einzuschulen. Weltweit bekannt wurde der Fall der Rosa Park, die im Mai 1954 in einem Bus in Montgomery, Alabama, darauf bestand, auf den vorderen, 'nur für Weiße' reservierten Plätzen sitzen zu bleiben. Der folgende Bus-Boykott erzwang die De-Segregation der öffentlichen Verkehrsmittel in Montgomery und war der Beginn der nationalen Rolle des damals 27-jährigen Martin Luther King Jr. als Führer der schwarzen Emanzipationsbewegung. Mit dem Civil Rights Act von 1957, den der damalige Mehrheitsführer im Senat, der Texaner Lyndon Baines Johnson, durchsetzte, wurde schließlich das Wahlrecht der Schwarzen abgesichert. Das Image der USA konnte auch in der Dritten Welt zu strahlen beginnen. 

 

Die Reisen des C. Wright Mills 

Mills war ein kluger, in den Theorien und Sichtweisen der Alten Welt geschulter Amerikaner. Er machte als erster seiner eigenen Schicht, den 'Mittelklassen-Intellektuellen', die Aufbruchsituation verständlich, in welcher sich damals die amerikanischen Eliten befanden. "In Europa", schrieb er, "entdeckt ein Amerikaner Amerika. Aber bevor das gelingt, muss er sich selbst entdecken." (Kathryn Mills 2000, 208) Der vierzigjährige Mills kam, wie gesagt, 1956 zum ersten Mal heraus aus den USA. Damals war das nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Manager durchaus normal. Heute dagegen hätte jeder amerikanische Intellektuelle in diesem Alter schon zahllose Reisen zu Kongressen, im Rahmen von Projekten oder einfach nur so, hinter sich. Und die Flugmeilen eines Managers wären nicht mehr zu zählen. In den Fünfzigern aber brach für die amerikanischen Eliten das planetarische Zeitalter gerade erst an. 

Die Stationen seiner letzten Lebensjahre zwischen 1956 und 1962 waren für Mills ganz bewusst Ausflüge zu geographischen Brennpunkten amerikanischer Interessen und Irritationen, die er stellvertretend und erkundend für eine erwachende und immer kritischere Intellektuellenschicht unternahm. Seine Reisen waren prototypisch. Zunächst einmal war da Europa, das 'befreite' und unter amerikanische Hegemonie gestellte Europa, das er durch Aufenthalte genauer kennen lernte: Kopenhagen und Innsbruck, Italien und Deutschland, dazu Randgebiete wie Jugoslawien und Polen, immer wieder unterbrochen durch die Pflichten seiner ungeliebten Columbia-Professur in New York City. 

Während Mills seine BMW durch die Alpen bewegte, verlieh Konrad Adenauer im Sommer 1957 dem 62-jährigen John McCloy in Bonn das Bundesverdienstkreuz. Mills hatte McCloy bei seinen Studien zu The Power Elite besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dieser war 1917 als junger Staatsanwalt durch die Untersuchung einer Bombenexplosion in Hoboken, New Jersey, bekannt geworden, die er auf einen Sabotageakt der deutschen Regierung zurückführte. Während des Zweiten Weltkriegs war er Assistant Secretary of War, 1947 wurde er Präsident der Weltbank, dann, von 1949 bis 1952, amerikanischer Militärgouverneur und schließlich Hochkommissar in Deutschland. Während dieser Zeit initiierte er u.a. das Re-Education Programm European Youth Campaign. Mit seinen Fähigkeiten als Konzernanwalt half er Alfried Krupp, die Kontrolle über seinen Stahlkonzern zurückzugewinnen, und beriet ihn bei der Gründung der Krupp-Stiftung nach dem Modell der Ford Foundation. Durch seine deutsche Frau war McCloy mit der Adenauer-Familie verwandt. Später wurde er Direktor der Chase Manhattan Bank und der Ford Foundation. An der Person McCloys hatte Mills das 'Funktionieren' von Angehörigen der Machtelite zu erläutern versucht: "Das einzelne Mitglied der Machtelite muss nicht unbedingt jemand sein, der persönlich für jede Entscheidung steht, die der Machtelite zugeschrieben wird. Doch jedes Mitglied wird bei den eigenen Entscheidungen die Positionen der anderen ernsthaft berücksichtigen. So fällen sie nicht nur Entscheidungen in wichtigen Fragen von Krieg und Frieden; sie sind auch die Männer, deren Urteil regelmäßig von jenen gehört wird, welche die direkte Verantwortung tragen." (Mills 1956, 290) 

Mills schrieb in diesen Jahren wie ein Besessener. Er, der damals mehr über die amerikanische Machtelite wusste als irgendwer sonst, öffnete sich den Problemhorizonten, welche auch sie beschäftigten, auf höchst eigenständige, originäre und kritische Weise und machte damit die Intellektuellen, Studenten, Manager und Journalisten seines Landes auf eine besondere und nicht von oben verordnete Weise mit geopolitischen Krisenregionen vertraut. Da war ein fiktiver Briefwechsel mit einem Towaritsch, einem von ihm erfundenen sowjetischen Briefpartner. Im Versuch, die intellektuelle Blockbildung des Kalten Krieges zu überwinden (und das Ende der Fünfziger!), berichtete er seinem virtuellen sowjetischen Doppelgänger allerlei höchst Aufschlussreiches über das intellektuelle Befinden und das Handwerk eines amerikanischen Soziologen. Da steht dann zum Beispiel: "Seit ich denken kann, besaß ich die konstitutionelle Unfähigkeit, mit den upper dogs zu sympathisieren, und gefühlsmäßig misstraute ich allen von ihnen. Gleichzeitig fällt es mir schwer, aus intellektuellen oder moralischen Gründen die underdogs zu bewundern oder gar jene, die für sie sprechen. Und was die Mittelschichten angeht, seien wir ehrlich: welcher amerikanische Junge aus der Mittelschicht, der einen Bewusstseinsstand erreicht hat, den wir als 'intellektuell' bezeichnen, hat nicht sein halbes Leben - und zwar die bessere Hälfte - damit verbracht, die Hemmungen und die bequemen Vorurteile zu überwinden, die in ihn eingesickert sind, bevor er unter eigener Kontrolle war?" (Letters, 250) 

Sein Buch The Sociological Imagination (1959) wurde eine fulminante Erläuterung und Verteidigung soziologischen Denkens, das bis heute innerhalb der internationalen Gemeinde der Sozialwissenschaftler als eines der einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts gilt. Wichtig für Mills wurden dann ein Forschungsaufenthalt in Cuernavaca, Mexico, sowie Reisen in die Sowjetunion auf Einladung der Übersetzer von The Power Elite und vor allem ein Besuch auf Kuba. In diesen Jahren erschienen - neben zahlreichen Aufsätzen und Letters to the New Left - drei weitere Bücher, geschrieben für ein breites Massenpublikum, mit denen sich Mills, so wie er es verstand, den Machenschaften und Plänen der amerikanischen Machteliten entgegenstellen wollte: The Causes of World War Three (1958), eine Auseinandersetzung mit der durch die nukleare Abschreckungspolitik ausgelösten Gefahr eines Atomkriegs; Listen, Yankee: The Revolution in Cuba (1960), eine prophetische Kritik der amerikanischen Kuba-, Lateinamerika- und Dritte-Welt-Politik; The Marxists (posthum 1962), der Versuch eines Nichtmarxisten, das marxistische Geschichtsbild zu verstehen. 

The Causes of World War Three - auf deutsch erschienen unter dem nichtssagenden Titel: Die Konsequenz - wurde sofort ein kommerzieller Erfolg und weltweit übersetzt. Das Buch gab nicht nur der damaligen Atomabrüstungsbewegung eine erste überall verständliche amerikanische Stimme. Mills ging es vor allem um die neue Rolle der Wissenschaftler im Macht- und Herrschaftsgeschehen, zu der im Zweiten Weltkrieg das Manhattan Project, also der Bau der Atombombe, und eine neue Management-Wissenschaft, der Operations Research, beigetragen hatten. Die bedeutendsten Naturwissenschaftler ihrer Zeit waren an der Entwicklung der Nuklearwaffen beteiligt gewesen und dadurch mit ungeheuerlicher militärischer und politischer Macht in Berührung gekommen. Sie hatten vor der entfesselten Macht des Atoms gewarnt und, wie Albert Einstein und Bertrand Russell, eine 'neue Denkungsart' in der Politik angemahnt. Den Bau der Wasserstoffbombe aber und dilettantische Machtpolitiker aus den eigenen Reihen wie Edward Teller hatten sie nicht verhindern können. Und aus dem Operations Research - zunächst dem pragmatischen Versuch, komplexe militärische Operationen wie U-Boot- oder Bomber-Einsätze unter Einbeziehung aller Informationen und Handlungsalternativen systematisch vorzubereiten - entstand nach dem Krieg ein ganzes Bündel von 'Strategiewissenschaften', von denen man sich ein besseres Management einer weltweiten Pax Americana versprach. The Causes of World War Three nahm die mächtige Gruppe der 'Strategieintellektuellen' ins Visier, die in ihren Bedrohungs- und Abschreckungsszenarien ganz unverhohlen mit den Möglichkeiten des 'totalen Luftkriegs', der Flächenbombardierung von Ballungszentren zur 'Brechung des Widerstands der gegnerischen Bevölkerung' usw. spielte. Die Bombe im Rücken, die Rüstungsgewinne in der Tasche, wurden die amerikanischen Eliten so von selbsternannten Verteidigungsexperten auf neue, andere, gefährliche Gedanken gebracht, die im Vietnamkrieg bittere Realität werden sollten. Vor dieser 'Realpolitik', deren Hauptinhalt im komplexen, vielschichtigen Einsatz militärischer Macht bestand, wollte Mills warnen. 

Zuletzt bewegten Mills am stärksten die Probleme der Dritten Welt, insbesondere Lateinamerikas. Die Eisenhower-Administration bevorzugte indirekte Formen der Einflußnahme und verdeckte Operationen der Geheimdienste, um amerikanischen Interessen in der Dritten Welt Geltung zu verschaffen. So war das im Iran gewesen (s.o.) und so geschah es auch in Guatemala. Dort wandte die CIA 1954 sogar paramilitärische Mittel an, um die linksgerichtete Regierung Arbenz Guzmán zu Fall zu bringen, die Landbesitz der United Fruit Company entschädigungslos enteignet und Waffen im Ostblock gekauft hatte. Die Ereignisse in Kuba wurden zum Schlusspunkt der Reisen des C. Wright Mills. Im März 1952 hatte Fulgencio Batista durch einen Staatsstreich in Kuba eine Militärdiktatur errichtet. Am 26. Juli 1953 begann mit dem Sturm auf die Moncada-Kaserne unter Führung Fidel Castros der bewaffnete Kampf gegen die Diktatur. Im Dezember 1956 landete das Schiff Granma mit kubanischen Revolutionären in der kubanischen Provinz Oriente, am 1. Januar 1959 hatten die Revolutionäre unter Castro gesiegt. Im Mai 1960 stellten die USA ihre nicht eben üppige Wirtschaftshilfe an Kuba ein, im Juli 1960 beschlagnahmte Castro die Ölraffinerien US-amerikanischer Konzerne auf Kuba. Am 16. April 1961 wurde der sozialistische Charakter der kubanischen Revolution proklamiert, einen Tag später kam es zum von den USA unterstützten Invasionsversuch kubanischer Konterrevolutionäre in der Schweinebucht. 

Im August 1960 verbrachte Mills zwei Wochen in Kuba und recherchierte dort für sein Buch Listen, Yankee: The Revolution in Cuba, das noch im gleichen Jahr erschien. Mills' Buch war im Stile eines kubanischen Revolutionärs geschrieben, der seinen US-amerikanischen Nachbarn nahe bringen wollte, wie das Leben unter Batista gewesen war und welche nachteiligen Wirkungen die anti-kubanische Ausgrenzungspolitik hatte. Vor allem aber ging es um die Errungenschaften der kubanischen Revolution - zum Beispiel im Bildungs- und im Gesundheitswesen. Mills' Kubareise war für ihn eine Schlüsselerfahrung. Er interviewte Journalisten, Soldaten, Intellektuelle, Regierungsoffizielle und Bürger; er begleitete samt Tonaufnahmegerät Fidel Castro dreieinhalb 18-Stunden-Tage und interviewte die meisten anderen Führer der jungen Revolutionsregierung, auch Che Guevara, der damals Präsident der Nationalbank von Kuba war. Castro erzählte Mills, dass er schon während seines Guerilla-Kampfes The Power Elite studiert habe. Das FBI begann sich für C. Wright Mills zu interessieren. 

Im Dezember 1960, zwei Tage vor einer nationalen TV-Debatte über Amerikas Kuba-Politik mit A.A. Berle Jr., einem Establishment-Intellektuellen, der The Power Elite in der Luft zerrissen hatte, erlitt Mills eine schwere Herzattacke. Im Januar 1961 reichten zwei exilkubanische Geschäftsleute wegen Listen, Yankee eine Verleumdungsklage gegen ihn ein und verlangten 25 Millionen Dollar Schadenersatz. Im März 1962 starb Mills, mit 46 Jahren, in seinem neu gebauten Haus bei New York. 

Und Ray Kroc, der zur gleichen Zeit die McDonald-Brüder aus ihrem Franchise-Geschäft drängte? Ein Vizepräsident von McDonald's sagt 1998 in einem Interview des Magazins Philanthropy - 'Wie McDonald's die Philanthropie revolutionierte' - über verschiedene auf Kroc zurückgehende Wohltätigkeitsaktivitäten des Konzerns: 'We have sort of franchised the charity business.' ('Wir haben aus Wohltätigkeit eine Art Franchising-Geschäft gemacht.') 

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