Power Structure Research: Deskriptionsmodelle der herrschenden Klassen heute 

 

Durch Globalisierung und Informatisierung, schreibt Fredric Jameson, werden die Linke wie die Rechte und die Wirtschaft selbst mit der Unmöglichkeit konfrontiert, dass irgendein regionales oder nationales Gebiet den Zustand der Autonomie oder gar der Subsistenz erreicht, sich vom Weltmarkt abkoppelt. So hat die „Rettung der Utopie“ nur eine Chance, wenn die Marxisten „den Gedanken einer globalen Totalität festhalten oder – wie Hegel gesagt hätte – ‘dem Negativen folgen’ und so letztlich jenen Ort lebendig erhalten, von dem das – unverhoffte – Entstehen des Neuen erwartet werden kann.“ (Jameson 1996, 174ff) So wie Erkenntnis ist auch Herrschaft Aus- oder Vorgriff auf weltgesellschaftliche Totalität. Die Strukturen der Moderne, insbesondere der Staat, entlang derer Totalität einst begriffen werden konnte, lösen sich auf. Die Moderne verabschiedet sich mit Karikaturen ihrer selbst, mit Zeugnissen eines „immensen monadischen Stils“ (Jameson 1994, 131f) wie den Weltbeherrschungsphantasien des Faschismus oder eines „American Empire“ (Rilling 2002). In den Sozialwissenschaften haben Systementwerfer wie Talcott Parsons (1964) und Niklas Luhmann (1997) einen Begriff von Weltgesellschaft vorbereitet, wie er subjektloser und indifferenter nicht sein kann. Dieser Begriff erlaubt Handlungsorientierungen allenfalls denjenigen, die das System praktisch beherrschen. Doch wo Theorie ins Leere führt, finden sich nicht zuletzt in der Massenkultur Ansätze eines „cognitive mapping“ (Jameson) globaler Totalität. Mithilfe der „geopolitischen Ästhetik“ (Jameson) von „Weltfilmen“ (global vermarkteten Hollywoodproduktionen) erfahren wir, wie der Versuch der Insertierung der amerikanischen Perspektive in die übrigen Regionen verläuft. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie die nationale Allegorie der USA sich in ein konzeptuelles Instrument umzuformen beginnt, „das tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.“ (Jameson 1992, 3) Wir sehen, wie die amerikanische Machtelite die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges, des Trikontismus usw. ablegt, wie sie zu Globalmodellen vordringt, die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem ersten Weltkrieg haben, andererseits mit dem Cyberspace operieren. Hardt und Negri (2002) haben die eine Seite dieser Entwicklung - den Netzcharakter und die „nicht-euklidische Räumlichkeit“ (Jameson 1993; Sassen 1991) dieses Herrschaftshandelns - auf den Punkt gebracht. Die Voraussetzungen jedoch für die konkrete Beobachtung und Beschreibung der Akteure in diesem von den Strukturen der Moderne nicht mehr strukturierten globalen Raum hat – neben ‘Hollywood’ – das US-amerikanische Power Structure Research geschaffen.

 

1. C. Wright Mills 

Das (post)moderne Power Structure Research - in der Tradition Thorstein Veblens (1899) und des amerikanischen „Muckraking“-Journalismus (Harrison u. Stein 1973) – begann mit C. Wright Mills’ The Power Elite (1956/2000), verfasst unter dem Eindruck der Faschismusanalysen Franz Neumanns (1944/1984). Mills beschreibt, wie F.D. Roosevelts Reformen und die Planungsanstrengungen des Zweiten Weltkriegs das traditionelle Establishment durcheinander gewirbelt hatten. Hielten zuvor wenige reiche Familien in jeder Metropole und in jedem Bundesstaat die lokalen Regierungen fest im Griff, so drängten nun neue Gruppen an die Schaltstellen der Macht: Washingtoner Bürokraten und Konzernmanager, medienwirksame Politiker, politische Generäle, Gewerkschaftsführer und die Chefs von FBI und CIA; auch Wissenschaftler aus Forschungszentren und Planungsstäben strebten nach politischer Mitbestimmung. Mills zeigt, wie die Reichen und Superreichen es lernten, in dieser neuen Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines wachsenden Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren Einfluss zu bewahren und zu mehren. Der amerikanische Kapitalismus, so Mills, war immer noch eine perfekte Maschine zur Erzeugung von Millionären und Milliardären (1956, 112f). Aber der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Umbau der US-Gesellschaft brachte auch neue Formen der Macht und neue Privilegienstrukturen hervor, verkörpert durch eine noch weitgehend gesichtslose Konzern-Elite, die teilweise mit der traditionellen Geldelite zu einer neuen „upper class“ verschmolz, den Corporate Rich. Aufgrund ihrer Statusvorteile konnte diese Gruppe den komplexen Unterbau der neuen Industrie- und Staatsbürokratien zum eigenen Vorteil nutzen, etwa durch Beeinflussung der Steuergesetzgebung oder des Stiftungsrechts, und dabei vielfältige Tarnkappen verwenden, um die „im Kern völlig verantwortungslose Natur ihrer Macht zu verbergen“ (ebenda, 117). Die institutionelle Macht des reorganisierten Reichtums erlaubte es, Einflussimpulse über das gesamte politische System in streng hierarchisch-autoritärer Manier zu verteilen und zudem die Exekutivmacht allmählich einem der Parteiendemokratie entrückten „politischen Direktorat“ zuzuschanzen. Hervorzuheben ist Mills' Insistenz, in die Analyse der politischen Rolle der Corporate Rich auch die „militärische Elite“ einzubeziehen. 

 

2. Entwicklungen des Power Structure Research 

Zu den wichtigsten Vertretern des Power Structure Research zählen - neben C. Wright Mills und Floyd Hunter - Ferdinand Lundberg, Noam Chomsky, William Domhoff, Thomas R. Dye, Michael Parenti und Kevin Phillips. Hinzu kommen viele Journalisten und Literaten (z.B. Gore Vidal). Alle diese Autoren haben sich (oft oberflächlich) mit der Klassentheorie auseinandergesetzt, benutzen zum Teil auch den Begriff der „ruling class“ (Domhoff), haben sich aber insgesamt eher dafür entschieden, ihre Forschungen mit einem besser für die Deskription geeigneten Begriffsinstrumentarium zu betreiben und geben dem Begriff der Machtelite den Vorzug. Forschungsgegenstand sind u.a. das soziale Umfeld und die ökonomischen Interessen von einzelnen Mitgliedern der Machtelite, die innere Machtstruktur großer Konzerne und ihre Einflussnahme, der Geldfluss aus diesen Kreisen an politische Kandidaten und Parteien und die Rolle von special interest groups, Lobbyisten, Stiftungen, Denkfabriken und Unternehmensverbänden. Fokus des Interesses sind erstens die Gruppe der Reichen und Superreichen und deren soziale und kulturelle Netzwerke. Zweitens geht es um den Aufstieg der Chief Executive Officers, die seit dem New Deal in mehreren Konzentrationswellen eine zentrale Rolle im Gefüge der Machteliten eingenommen haben und im Gefolge der Globalisierung und Informatisierung durch die Gruppe der Finanzmanager ergänzt wurden. Drittens werden die Abhängigkeiten der politischen Klasse und der Parteien untersucht. Die ökonomische Konzentration und die Herausbildung verschiedener Teileliten (CEOs, Erben großer Vermögen, „politische Direktorate“ usw.) haben das Thema der „interlocking directorates“ auf die Tagesordnung gesetzt: Ein überschaubarer Kreis von wenigen tausend Personen besetzt in immer neuen Kombinationen die Vorstände der bedeutendsten Großkonzerne, Banken, Versicherungen, Investitionsfirmen, staatlichen Institutionen, Elite-Universitäten, kulturellen Institutionen, Stiftungen usw.. Im Zentrum dieses hochgradig vernetzten Systems wirken Policy Discussion Groups (z.B. Council on Foreign Relations, Business Roundtable, Committee on Economic Development, The Brookings Institution, American Enterprise Institute usw.), in denen die wichtigsten staatlichen, parlamentarischen und gesetzgeberischen Aktivitäten vorentschieden werden. Das Power Structure Research ist auf die Beobachtung und Analyse neuester Entwicklungen eingestellt. Die Auflagen der Standardwerke (u.a. Dye , Domhoff, Parenti) werden ständig aktualisiert. Forschung und Präsentation nutzen alle Möglichkeiten des Internet (vgl. They Rule; Namebase; An Internet Guide to Power Structure Research).

 

3. Vier Machteliten 

Verallgemeinernd kann aus dem Power Structure Research ein bestimmtes Deskriptionsmodell herrschender Klassen oder Machteliten abgeleitet werden. Danach gibt es vier Gruppen, die in einem Funktionszusammenhang stehen, den man aus den vier Subsystemen des Systems der Produktionsverhältnisse – Eigentums-, Verwertungs-, Verteilungs- und Arbeitsverhältnisse – ableiten kann. 

 

Funktionszusammenhang von Machteliten unter dem Aspekt ihrer Rolle im System der Produktionsverhältnisse (Eigentums-, Verwertungs-, Verteilungs- und Arbeitsverhältnisse) 

 

Im Kern dieses Funktionszusammenhangs findet sich die Gruppe des privaten Reichtums bzw. der Superreichen; sie repräsentiert die Geldmacht. Über Mikro-Netzwerke, über ‘Philanthropie’ und über die Machtmaschine des Stiftungswesens übt diese Gruppe auf alle (auch die abseitigen) Bereiche des gesellschaftlichen und weltgesellschaftlichen Lebens einen enormen Einfluss aus. Diese neue Form des Gottesgnadentums steht, was seine gesellschaftliche Funktionsweise angeht, oberhalb der üblichen Kapitalverwertungsprozesse, kann nicht bestimmten „Kapitalfraktionen“ zugeordnet werden und ist vornehmlich mit transkapitalistischen Formen der „Kapitalvernichtung“ zwecks Verhinderung von Machtkonkurrenz beschäftigt. Mit dem Verschwinden der Souveränitätsformen der Moderne verfügt nur diese Gruppe, als einzige, noch über Souveränität; denn „das Regime privater Enteignung [tendiert dazu], universell zu werden.“ (Hardt u. Negri 2002, 313) Die nächste Gruppe repräsentiert Verwertungsmacht. Sie besteht aus den Chief Executive Officers aus Industrie, Finanz und Militär, die gewissermaßen einen Schutzring um den Kern der Superreichen formen und mit ihnen gemeinsam den Komplex der „Corporate Community/Upper Class“ (Domhoff) ausmachen. Diese „Verwertungselite“ ist vorrangig mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und weiß ihrerseits viele Multimillionäre unter sich; sie kann als Kapitalistenklasse im traditionellen Sinne begriffen werden. Innerhalb der Verwertungselite gibt es selbstverständlich Kapitalfraktionen und folglich ökonomisch begründete Interessengegensätze, insbesondere zwischen den „großen transnationalen Konzernen, die nationale Grenzen übergreifen und als Bindeglieder im globalen System fungieren“ und den „begrenzten modernen Unternehmen früherer Jahre“. (Hardt u. Negri 2002, 165) Die dritte Gruppe, bereits erheblich differenzierter, repräsentiert Verteilungsmacht. Hier handelt es sich. allgemein gesprochen, um die politische Klasse, eine echte Dienstklasse, zuständig für gesellschaftlichen Konsens und für die Aufrechterhaltung eines Anscheins von Verteilungsgerechtigkeit. Im Kern der politischen Klasse agieren Oligarchien oder „politische Direktorate“ (Mills). Wahlkämpfe drehen sich im allgemeinen nur um die Besetzung dieser Positionen. Im übrigen hat Verteilungspolitik unter Globalisierungsbedingungen eine Stufe erreicht, in welcher universelle Werte wie Gerechtigkeit überhaupt keine Rolle mehr spielen (können) und ‘Regierungskunst’ darin besteht, „Konflikte nicht zu integrieren, indem sie sie einem kohärenten sozialen Dispositiv unterwirft, sondern indem sie die Differenzen kontrolliert.“ (Hardt u. Negri 2002, 348) Den komplexen Außenring schließlich bildet die Schicht der Technokraten und Dienstleister, hier wäre Wissens- und Kommunikationsmacht zu verorten. In diesem Heer von Beratern, Experten, Helfern aus allen Bereichen der Gesellschaft (Wissenschaft, Medien, Kultur, Technik usw.) sind genaue Kenntnisse über die Funktionsweisen des kapitalistischen Weltsystems und seiner Subsysteme mit kritischen und zum Teil subversiven Tendenzen vermischt, so dass hier Widersprüche zur Handlungsreife gelangen können. Insgesamt veranschaulicht und beschreibt dieses Vier-Ringe-System heute weltweit stattfindende Versuche einer Reorganisation von herrschenden Klassen, die sich ohne einen starken Staat und unter den Bedingungen einer Umstellung der Regulierung von ökonomisch-kollektiven Formen zu individuellen Formen das Überleben sichern müssen. Das durchaus benennbare Personal dieser ‘Ringburg’ – im Kern wenige Tausende, im Außenring einige Millionen – operiert zunehmend in einem Milieu absoluter Korruption: „Während Korruption in der Antike und in der Moderne im Verhältnis zu den [...] Wertrelationen bestimmt wurde und als deren Falsifikation galt, [...] kann Korruption heute [als Begründung] der Transformation von Regierungsformen gar keine Rolle spielen, weil sie selbst ja Substanz und Totalität des Empire ist. Korruption ist die reine Ausübung des Kommandos, ohne jeden verhältnismäßigen oder angemessenen Bezug zur Lebenswelt.“ (Hardt u. Negri 2002, 398)

 

4. Power Structure Research im Internet 

Zu den wichtigsten Internet-Sites gehören An Internet Guide to Power Structure Research: (www.uoregon.edu/~vburris/whorules/index.htm) sowie die Datenbank Namebase: (www.namebase.org/) mit der Möglichkeit, Soziogramme personaler Netzwerke abzurufen. Neuerdings tut sich das Massachusetts Institute of Technology mit seinem Government Information Awareness Project (http://opengov.media.mit.edu/ ) hervor, das im Sinne einer ‚Graswurzelforschung’ die Bürger zur Mitarbeit an einer umfassenden Datenbank über die amerikanische Machtelite bewegen will. Interessant und visuell anregend sind auch die Projekte They Rule (www.theyrule.net/), die Université Tangente (www.universite-tangente.fr.st/) sowie die Kunst von Mark Lombardi. 

 

They Rule ist eine Website, mit deren Hilfe man Karten von ‘interlocking directorates’ der 100 Top-Konzerne der USA herstellen kann. Wegen der schnellen Veränderungen innerhalb der Konzerneliten sind die Möglichkeiten begrenzt und die Ergebnisse letztlich statisch. Der Ansatz hat aber sehr anregend auf die ‚Graswurzelforschung’ gewirkt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Université Tangente produziert und vertreibt bemerkenswerte Grafiken und Karten über globale Herrschaftsnetze und Machtverflechtungen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einen Kultstatus haben die Bilder des amerikanischen Malers Mark Lombardi (1951-2000) erreicht. Lombardi nahm politische und Finanz-Skandale zum Anlass, großformatige Diagramme der beteiligten Personen und Personengruppen anzufertigen, die einerseits auf dem Kunstmarkt reüssierten, andererseits aber schmutzige Deals und kriminelle Aktivitäten der oberen Zehntausend festhielten. Lomardi hatte sich eine private Datenbank mit über 12 000 Karteikarten angelegt. Seine Kunst überschritt ständig die Grenze zum investigativen Journalismus und zum Verschwörungsdenken, so dass sich vor seinem mysterösen Tod auch das FBI für seine Diagramme zu interessieren begann. http://www.albany.edu/museum/wwwmuseum/work/lombardi/ 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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