Herrschende Klassen Revisited  [1]

 

Die ungewöhnlich intensive und weltweite Diskussion eines Buchs über den globalen Empire-Zusammenhang (Hardt u. Negri 2002) und die Publikation zweier verdienstvoller soziologischer Lexika (Oesterdiekhoff 2001; Müller u. Schmid 2003) waren der Anlass, noch einmal über einige Aspekte der Klassen- und Herrschaftstheorie nachzudenken (vgl. Krysmanski 1989). Die Lexika bieten eine Verdichtung des einschlägigen Kanons; das Buch von Hardt und Negri, was immer man davon im einzelnen halten mag, forciert den postmodernen Herrschaftsdiskurs in den Sozialwissenschaften. 

 

I. Der Begriff der herrschenden Klasse 

Mit dem Begriff der herrschenden Klasse wurde das uralte Phänomen der Herrschaft an das Schicksal des Klassenbegriffs gekoppelt. Durch eben diese Koppelung wurde Herrschaft als Klassenherrschaft präzisiert bzw. gelegentlich auch verengt. Zugleich erfasste der Begriff der herrschenden Klasse jedoch immer schon mehr und anderes als etwa der Begriff der Kapitalistenklasse. Der Begriff dürfte sich also auch in der postmodernen Phase des Kapitalismus bewähren, die durch den Übergang von ökonomischer Herrschaft in kulturelle und von kultureller Herrschaft in ökonomische gekennzeichnet ist. Der Begriff der herrschenden Klasse wurde und wird – insbesondere im angelsächsischen Raum – häufig synonym mit dem Begriff der Machteliten (nicht: Eliten) gebraucht. Auf diese Bedeutung verweist z.B. Carl Schmitts Diktum: „Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt.“ (1995, 147) Mit dem Begriff der herrschenden Klasse kam historisch Bewegung ins Herrschaftsspiel; auch die Arbeiterklasse konnte als herrschende Klasse in spe betrachtet werden: „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsmittel in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktivkräfte möglichst rasch zu vermehren.“ (Marx u. Engels, MEW 4, 481) Klassenbeziehungen und –bündnisse erweiterten die Möglichkeiten von Herrschaft: „Je mehr eine herrschende Klasse fähig ist, die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen, desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft.“ (Marx, MEW 25, 614) Unterentwickelt in Theorien der herrschende Klasse blieb – abgesehen von der Analyse der ökonomischen Handlungen der Kapitalistenklasse – die allgemeine Handlungsanalyse: „What does the ruling class do when it rules?“ (Therborn 1978) Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die empirische Nähe zu Herrschaftshandlungen qua definitionem Herrschenden vorbehalten ist. Das „Herrschaftswissen“ Beherrschter ist folglich zwar hinsichtlich der Auswirkungen von Herrschaft konkret, hinsichtlich des Handelns und Verhaltens herrschender Klassen aber eher abstrakt. Diese Tendenz zur Abstraktion bzw. Entsubjektivierung findet sich denn auch in vielen ‘im Interesse der Beherrschten’ formulierten Theorien der herrschenden Klasse. Der „Aufstieg zum Konkreten“ könnte dann gleichbedeutend mit Revolution sein. 

 

II. Vom Herr-Knecht-Verhältnis zum Klassenverhältnis 

Das dialektische Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten wird in Herr-Knecht-Allegorien der frühbürgerlichen Revolution thematisiert, die sich einerseits auf die „höfische Gesellschaft“ beziehen, andererseits bereits die Produktionsverhältnisse in den Mittelpunkt stellen. Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel steht die Herausbildung von Herr-Knecht-Verhältnissen am Beginn allen sozialen Geschehens. Im Kampf der Selbstbewusstseine um Anerkennung, der zunächst ein Kampf auf Leben und Tod ist, tritt an die Stelle des Vernichtens historisch sehr früh die Unterwerfung und somit die einseitige Anerkennung des Unterwerfenden durch den Unterworfenen. Damit ist das gesellschaftliche Herr-Knecht-Verhältnis etabliert. Der physischen Selbsterhaltung zuliebe begnügt der Knecht sich mit dem Sein für ein anderes Bewusstsein. Der Herr als Herr über die Dinge und als Herr über das knechtische Bewusstsein lässt den Knecht für sich arbeiten. Hier setzt die Gegenbewegung ein. Indem das Verhältnis des Herren zu den Dingen passiv und genießend wird, gerät er in Abhängigkeit, denn unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Produktion kann wirkliche Selbständigkeit gegenüber den Dingen nur durch die Arbeit an und mit ihnen erreicht werden. Der Knecht – in zunehmend komplexen und kooperativen Arbeitsprozessen – überwindet durch Arbeit sein knechtisches Bewusstsein. Indem er – oder besser: die arbeitende Klasse – sich zum praktischen Herren der Dinge macht, entwickelt sich ein echtes Selbstbewusstsein, während der Herr – oder besser: die herrschende Klasse des Feudalismus – des Herrenbewusstseins verlustig geht und im Genuss versinkt (Hegel, Phänomenologie des Geistes; vgl. Bülow 1955, 160f; Holz 1968). Norbert Elias betont die – nicht nur modellhafte – Bedeutung solcher individuellen, „psychohistorischen“ Prozesse im Übergang von der „höfischen“ zur bürgerlichen Gesellschaft und sieht in ihnen sogar die Quellen des modernen Staates, der letzten Endes auch aus Individuen besteht, welche die organisatorischen und strukturellen Vorkehrungen des Herrschaftserhalts vorantreiben. „Zu verstehen, dass und wie einem König selbst die Routinen des Aufstehens am Morgen und des Zubettgehens am Abend als Herrschaftsinstrumente dienen konnten, ist nicht weniger wichtig für das soziologische Verständnis dieses routinisierten Typs der Einherrschaft als die allgemeinere Einsicht in die Struktur des ‘Königsmechanismus’.“ (1969, 41) Es sind dann auch Individuen - bürgerliche Erfinder, Finanziers, Verwalter usw., z.T. aus dem Dienstbotenmilieu des Feudaladels -, die sich als industriels zusammenfinden und sich selbst als eine Klasse, als eine „neue Klasse“ bezeichnen und so ein neues Selbstbewusstsein artikulieren. Claude-Henri de Saint-Simon spricht zunächst von einem Antagonismus zwischen einer Klasse der Müßiggänger (Adel, Klerus) und den industriels, der „industriellen Klasse“ (die ganze arbeitende Nation, angeführt von Industriellen, Bankiers, Ingenieuren und Wissenschaftlern); später, unter dem Eindruck der Annäherung von Bourgeoisie und Adel sowie des Wirkens bestimmter ‘fortschrittsfeindlicher’ Abteilungen der Mittelschichten (Juristen, Militärs, Grundbesitzer) sowie angesichts der Widersprüche innerhalb der ‘industriellen Klasse’ selbst (Herausbildung eines Proletariats), modifiziert Saint-Simon seine Klassifizierungen mehrfach. Am Ende dieser komplexen sozialen und kulturellen Selbstverständigung einer neuen herrschenden Klasse steht ein außerordentlich abstraktes Schema der Klassenverhältnisse der Moderne: der Gegensatz zwischen Produktionsmitteleigentümern und Lohnarbeitern. Diese Konstellation, diese „historische Entwicklung des Kampfes der Klassen“, diese „ökonomische Anatomie derselben“, schreibt Marx, hätten bürgerliche Geschichtsschreiber und bürgerliche Ökonomen längst vor ihm dargestellt. (MEGA I.3, 156) In der Tat: das Schema erfasst zwar den allgemeinen Ausbeutungsmechanismus, verschleiert aber zugleich, wie die neue herrschende Klasse herrscht. Marx wollte folgerichtig, um solches aufzuhellen, neben dem Kapital noch Grundeigentum, Lohnarbeit, Staat, internationalen Handel und Weltmarkt systematisch erforschen (Marx, Grundrisse). Daraus wurde nichts. Die Ökonomisierung des Sozialen setzte ein – und das Soziale in der Ökonomie - Herrschaft - begann sich zu verhüllen. 

 

III. Herrschende Klassen in der bürgerlichen Gesellschaft: der Staat 

Die sozialen Ideen der neuen herrschenden Klasse waren unter der Formel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ propagiert worden. Adressaten waren die industriels und sehr schnell nur noch deren obere Hälfte, die Industriellen, Bankiers und deren Hilfstruppen. Die zentrale Emanzipationsidee war es, jedes Mitglied des Gemeinwesens gleichermaßen zu dessen Leitung zu befähigen, also Einherrschaft durch Vielherrschaft, durch Demokratie abzulösen. Nach Nicolò Machiavelli gehorchte das Streben nach Reichtum als Quelle des Luxus und der politischen Macht rational verstehbaren und ‘lehrbaren’ Regeln. Doch um sie zu ‘sozialisieren’, bedurfte es bestimmter Vorkehrungen. Für Thomas Hobbes führte die individuelle Beherrschung der Machtmechanismen ins Chaos, folglich mussten zwischen den relativ vielen Freien und Gleichen Verträge über die Rahmenbedingungen der Konfliktaustragung geschlossen werden. Jean-Jacques Rousseau (2001) dagegen betrachtete einen derartigen Gesellschaftsvertrag keineswegs als Fortschritt auf dem Weg menschlicher Freiheit, sondern als betrügerischen Akt der Wohlhabenden, die mit dieser neuen Rechtsordnung die Ungleichheit der Besitzverteilung legitimierten und die politische Einflusslosigkeit der besitzlosen Schichten neu besiegelten (vgl. Münkler u. Krause in: Müller u. Schmid 2003, 224). Allen diesen Einwänden zum Trotz wurde der Staat mit seinem Gewaltmonopol zu einem rationalen Zweckverband ausgebaut, um die desintegrativen Tendenzen einzudämmen, die in der unbeschränkten Ausübung von Gleichheit und Freiheit stecken. Alexis de Tocqueville hatte sich gewundert, weshalb die Monarchie in Frankreich 1789 „so vollständig und so plötzlich zusammenbrechen konnte“ (1959/1856, 12), obwohl sie die gesellschaftliche Modernisierung energisch vorangetrieben und eine beeindruckende staatliche Struktur aufgebaut hatte. Die neue herrschende Klasse verstand es jedenfalls, unter dem „formalen Rationalismus“ des bürokratischen Obrigkeitsstaates die Ungleichheit der Besteuerung fortzusetzen und so etwas wie einen „demokratischen Despotismus“ zu etablieren (vgl. Müller u. Schmid 2003, 261f). Andererseits konnten erstmals Fähigkeiten des Herrschens öffentlich diskutiert werden (Machiavellis Der Fürst hatte lange auf dem Index gestanden). Herrschaftswissen floss als zentraler Inhalt in das Konzept der Allgemeinbildung ein. Die Aufklärung wollte in der Tat einen neuen Typ der herrschenden Klasse schaffen. Hegel: „Die vernünftige Bestimmung des Menschen ist, im Staat zu leben; und ist noch kein Staat, so ist die Forderung der Vernunft vorhanden, daß er gegründet werde [...] Der große Fortschritt des Staats in neuerer Zeit ist, daß derselbe Zweck an und für sich bleibt und nicht jeder in Beziehung auf denselben wie im Mittelalter nach seiner Privatstipulation verfahren darf.“ (Grundlinien der Philosophie des Rechts, §75, Zusatz) Der Staatsdiener wurde – nicht sehr erfolgreich - als Prototyp einer neuen herrschenden Klasse gehandelt. Als Zwischen- oder Teilklasse begann sich dieses Personal entlang der Differenz von Macht und Wissen im Kontext des Ausbaus des bürgerlichen Staates zu differenzieren: so sollten auch Philosophen unter den Staatsdienern sein (Kant, Metaphysik der Sitten). Die Bourgeoisie als herrschende Klasse war zwar einem Ziel verpflichtet, der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise, doch bot sie zugleich ein buntes Bild „sehr unterschiedliche[r] Marktpositionen, Einkommensarten und Vermögensverhältnisse, verschiedene[r] Funktions- und Berufsgruppen sowie nach Macht und Ansehen verschiedener[r] Kategorien“. (Kocka 1987, 42f) Die Bourgeoisie konnte nirgendwo die gesellschaftliche und politische Macht erobern, ohne Koalitionen mit anderen gesellschaftlichen Klassen und Gruppen einzugehen (Poulantzas 1974). Insofern gehört es zum inneren Konstruktionsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft, dass die „herrschende Klasse nicht selbst und direkt die politische Herrschaft ausübt“. (Wienold 1986, 338) Mit der Herausbildung bürgerlicher Parteien wurde der Vielfalt der Interessen bis zu einem gewissen Grade Rechnung getragen. Es war diese demokratische Öffentlichkeit „räsonierender Privatleute“, welche beispielsweise auch dem Bildungsbürgertum (Beamte, Professoren und Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, evangelische Geistliche, Ingenieure etc.) eine eigenständige Rolle im bürgerlichen Herrschaftssystem verschaffte und spätere herrschafts- und demokratietheoretische Problemstellungen präjudizierte (vgl. Bottomore 1966; s. Abschn. V). Gleichzeitig rumorte in diesem scheinbar so vernünftigen Gang der Dinge ein Vulkan: „Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.“ (Marx, MEGA I.3, 156) 

 

IV. Herrschende Klassen und Kapitalistenklasse: die Produktionsverhältnisse 

Die Einsicht in den sozialen, facettenreichen, „spezifischen, historischen und vorübergehenden Charakter“ der Produktionsverhältnisse ist bei Marx voll ausformuliert. Zwar sei es „jedesmal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten [...], worin wir das innerste Geheimnis, die verborgne Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses, kurz, der jedesmaligen spezifischen Staatsform finden.“ Doch hindere dies nicht, „daß dieselbe ökonomische Basis – dieselbe den Hauptbedingungen nach – durch zahllos verschiedne empirische Umstände, Naturbedingungen, Racenverhältnisse, von außen wirkende geschichtliche Einflüsse usw., unendliche Variationen und Abstufungen in der Erscheinung zeigen kann, die nur durch die Analyse dieser empirisch gegebnen Umstände zu begreifen sind.“ (MEW 25, 799f) Die Produktionsverhältnisse dienen der Organisation des Funktionszusammenhangs von Produktionsmitteln und Arbeitskräften. Innerhalb des „Systems der Produktionsverhältnisse“ lassen sich als Subsysteme Eigentumsverhältnisse, Verwertungsverhältnisse, Verteilungsverhältnisse und Arbeitsverhältnisse unterscheiden (Krysmanski 1990). Eigentumsverhältnisse stellen die Produktionsmittel bereit. Diese Aufgabe kann im Kapitalismus von individuellen und kollektiven Kapitaleigentümern, aber auch von Grund-, Staats-, Genossenschaftseigentümern, nicht-kapitalistischen Kleineigentümern usw. wahrgenommen werden. Doch die Eigentumsverhältnisse als solche sind nicht auf die unmittelbare Produktion fixiert. Als Auffangbecken für akkumulierte Werte sind sie der Ort des Reichtums, insbesondere des Geldreichtums, wobei gerade letzterer „für reale Kapitalisten nicht mehr als ein bestimmter sozialer Risikominderungs-Pfad ist, damit er – der Eigentümer – erstrebte Sanktionen innerhalb eines – seines – Lebens einhandele und befürchteten entrönne.“ (Clausen 1978, 112) Im übrigen kann Reichtum aus vielen Quellen stammen und zu beliebigen Zwecken eingesetzt werden. Das beginnt bei auffälligem Konsum und Verschwendung (Veblen 1899) und endet beim Erwerb von Einfluss in allen gesellschaftlichen Bereichen. Insofern sind die Eigentumsverhältnisse der Ursprung bzw. der Ort von Geldmacht, und in diesem Sinne eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Das wird anders, wenn Kapitaleigentum sich an der „verborgenen Stätte“ der Mehrwertproduktion, im Betrieb, verwertet. „Die spezifische ökonomische Form, in der unbezahlte Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt wird, bestimmt das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis, wie es unmittelbar aus der Produktion selbst hervorwächst und seinerseits bestimmend auf sie zurückwirkt.“ (Marx, MEW 25, 799) Erst wenn also Geldmacht sich in Verwertungsmacht verwandelt, in diesem Sinne spezifisch wird und Verwertungsverhältnisse begründet, treten „Geldeliten“ als personifiziertes Kapital auf (MEW 25, 827), werden zur Kapitalistenklasse, die „Verwertungsmacht“ entwickelt und sich im Zuge der Erweiterung der Produktion in verschiedene „Verwertungseliten“ ausdifferenziert. So steht schließlich der mehr oder weniger homogenen Arbeiterklasse (Fabrikarbeiter, Büroangestellte, Dienstleistungsberufe) ein komplexes kapitalistisches Management gegenüber. Diese beiden - oft fernab von den Eigentümern bzw. „Geldeliten“ - sind es, die um die Kontrolle des Arbeitsprozesses und um die Aneignung des erzeugten Mehrwerts ringen (Braverman 1985). Im dritten Subsystem, den Verteilungsverhältnissen, generiert der Konflikt um die betriebliche und außerbetriebliche Verteilung der erwirtschafteten Güter und Werte, sobald die gesamtgesellschaftliche Ebene erreicht ist, „Verteilungseliten“ und „Verteilungsmacht“. Im parlamentarisch-demokratischen Raum kämpfen Spezialisten der Verteilungsmacht um einen gesellschaftlichen Konsens in Sachen „Verteilungsgerechtigkeit“, dies ist die Geburtsstunde politischer Eliten bzw. der politischen Klasse. Im Subsystem der Arbeitsverhältnisse schließlich wächst die Bedeutung des produktionsrelevanten Wissens. Fragen der Arbeitsorganisation, der Gestaltung von Arbeitsprozessen usw. müssen rational ver- und behandelt werden. Der Weg von der Entwertung ursprünglicher handwerklicher Fähigkeiten über hochgradig spezialisierte Detailarbeit (Fordismus) zur informatisierten Produktion (Toyotismus) erzeugt „Wissensmacht“ und schließlich spezialisierte „Wissenseliten“, die sich immer deutlicher von den „Geldeliten“, „Verwertungseliten“ und „Verteilungseliten“ unterscheiden lassen – und die innerhalb der Produktionsverhältnisse die Dynamik der Produktivkraftentwicklung verkörpern. 

 

V. Herrschende Klassen in der Moderne 

„Ein Mann wird reich durch die Beschäftigung einer Vielzahl von Manufakturarbeitern; er wird arm durch den Unterhalt einer Vielzahl von Dienstboten.“ (Adam Smith 1776, zit. in: MEW 26.1, 131) Reichtum ist die Watte, in welche die herrschende Klasse der Moderne gepackt ist, und er ist der Kraftstoff, der ihre Herrschaft antreibt. In der demokratischen Republik „übt der Reichtum seine Macht indirekt, aber um so sichrer aus. Einerseits in der Form der direkten Beamtenkorruption, wofür Amerika klassisches Muster, andrerseits in der Form der Allianz von Regierung und Börse“ (Engels, MEW 21, 167). Der Prototyp der herrschenden Klasse um 1900 sind die amerikanischen Robber Barons, denen es gelungen war, große Teil des staatlichen, juristischen und politischen Systems der USA unter plutokratische Kontrolle zu bringen. (DeLong 1998; Phillips 2002) Die plutokratischen Tendenzen der Moderne, mit ihrem Höhenpunkt in allen entwickelten kapitalistischen Ländern in den zwanziger Jahren des 20. Jh. werden zunächst durch Formen der rationalen Organisation zurückgedrängt, durch Formen einer entsubjektivierten Herrschaft (Kurz 1993). Insbesondere Max Weber versucht sich an einer Epochenbestimmung mit den Stichworten „Rationalisierung“ und „Entzauberung der Welt“. Die herrschaftssoziologischen Passagen seines Werkes (u.a. auch einer Soziologie der Stadt als räumlichem Sitz von Herrschaft) erweitern die klassische Dichotomie von „Herrschenden“ und „Beherrschten“ um die Rolle von Verwaltungsstäben. Da Herrschaft als Alltagsgeschäft in komplexen Gesellschaften in erster Linie Verwaltung bedeutet, kommt der Bürokratie eine wichtige, aber ambivalente Scharnierrolle zwischen Herrschenden und Beherrschten zu. In dieser Gestalt, als Bürokraten und Vermittler zwischen oben und unten, treten die Mittelschichten in das Herrschaftsgeschehen ein - und zahlen dafür einen Preis: „Der Berufsbeamte ist nur ein einzelnes, mit spezialisierten Aufgaben betrautes, Glied in einem rastlos weiterlaufenden Mechanismus, der ihm eine im wesentlichen gebundene Marschroute vorschreibt [...] Die Bürokratie ist rationalen Charakters: Regel, Zweck, Mittel, sachliche Unpersönlichkeit beherrschen ihr Gebaren.“ (Weber 1922/1987, 570ff; vgl. Lederer 1979) Andere Theoretiker wenden sich einer anderen Vermittlungsebene zwischen oben und unten zu, der politischen Sphäre, deren relative Autonomie sie betonen. Zweifellos lassen sich in der komplexen modernen Gesellschaft Geld bzw. Reichtum nur durch institutionelle und symbolische Ressourcen in Macht umsetzen, für deren Mobilisierung sich schon in Monarchien und nunmehr erst recht in Demokratien „Spezialisten“, Führungseliten herausbilden. Gaetano Mosca (1896/1950) geht den Ebenen der Formierung und Reproduktion dieser „politischen Klasse“ nach, indem er deren Organisationsfähigkeit (soziale Dichte, Kohärenz), Rekrutierungspraxis (aristokratische Kooptation bzw. demokratische Delegation), ihre politischen Formeln (Legitimationsideen und –legenden) sowie ihre Qualifikationsmerkmale (militärische Qualifikationen, materieller Reichtum, Geburtsstand, individuelle Leistungen) untersucht (vgl. Müller u. Schmid 2003, 192f). Auch Vilfredo Pareto (1900/1968) will mit seiner „logisch-erfahrungswissenschaftlichen“, „werturteilsfreien“ Soziologie den nicht-ökonomischen, den sozialen Geheimnissen der Herrschaftsausübung auf die Spur kommen. Eliten sind für ihn Träger kollektiver „Strömungen von Gefühlen“ (Residuen) in Ethik, Religion und Politik, denen sie eine Sprache in Gestalt pseudo-logischer „Rationalisierungen“ (Derivationen) geben. Vor dem Hintergrund einer prinzipiell offenen, keineswegs auf den Kapitalismus abonnierten Gesellschaftsentwicklung kämpfen konkurrierende Eliten und Gegeneliten um „Macht und Ehre“ (Zirkulation der Eliten), wobei Pareto nicht zuletzt an den mit der Arbeiterbewegung heraufkommenden „neuen Eliten“ interessiert ist (vgl. Müller u. Schmid 2003, 207f; zur kritischen Analyse von Elitentheorien vgl. Bachrach 1967). Doch auch die „verwaltete Welt“ von Staats-, Partei- und Industriebürokratien, so ‘subjektlos’ sie sich geben mag, ist mit dem Virus der Individualisierung und Subjektivierung infiziert, der zu einer chronischen Krankheit namens Oligarchie führt. Nach Robert Michels (1911/1989) fällt Organisation unmittelbar mit der Tendenz zur Oligarchie zusammen. Jede funktionale Differenzierung und Bürokratisierung etwa von Parteiapparaten bringt „Führer“ und parteiinterne Führungszirkel hervor, die nicht mehr sachgesetzlich, sondern um persönlicher Vorteile willen agieren, und zwar nicht nur in konservativ-großbürgerlichen, antidemokratischen oder offen elitären Honoratiorenparteien, sondern auch in sozialistischen Massenparteien, die Michels vornehmlich untersucht („Paradox der Demokratie“). Hierbei spielen „Parteiintellektuelle“ eine wichtige Rolle. Auch die revolutionären Verwaltungsstäbe der jungen Sowjetunion waren von diesem Schicksal nicht ausgenommen: „Während die Faschisten, nachdem sie die Futterkrippe erreichten, mit der Großbourgeoisie gemeinsame Interessen-, Freundschafts-, Ehebande usw. knüpften, macht sich die Bürokratie der U.S.S.R. die bürgerlichen Sitten zu eigen, ohne eine nationale Bourgeoisie neben sich zu haben.“ (Trotzki 1936/1968, 242) - Ergänzend und weiterführend: Barrington Moore (1974) stellt nicht die Herrschaftsbeziehungen zwischen städtisch-industriellen Kapitalisten und Industrieproletariat in den Vordergrund, sondern jene zwischen Großgrundbesitzern und Bauern  und unterscheidet drei Wege moderner Herrschaft: den kapitalistisch-demokratischen Weg der „bürgerlichen Revolution“; den Weg der autoritären und später faschistischen „Revolution von oben“; den Weg der Bauernrevolution, der schließlich zur Etablierung kommunistischer Regime führt (vgl. Oesterdiekhoff 2001, 481). Karl Wittfogel (1957/1977) sieht in den orientalischen Despotien das allgemeine Modell eines weitgehend „klassenlosen“ Herrschaftstyps. Dort konnte ein mächtiger, für die Gemeinaufgabe der Bewässerung zuständiger Staat das Aufkommen feudaler oder kapitalistischer Eigentümerklassen verhindern. In solchen „hydraulisch konstituierten“ Despotien war der Status des Eigentums schwach, Stabilität und Dynamik entwickelten sich in der Dialektik zwischen der Willkür eines Herrschers (der durch Verschwörungen und Intrigen auswechselbar war) und einem effizienten Staatsapparat, der durch ständigen Zugriff auf die Vermögen der Untertanen gesellschaftserhaltende Großprojekte absicherte (vgl. Oesterdiekhoff 2001, 724f). Thomas Burton Bottomore (1966/1993) betont die komplementäre heuristische Fruchtbarkeit klassen- und elitentheoretischer Ansätze. Herrschende Klassen sind für ihn Eigentumsklassen, deren ökonomische Macht mit der Konzentration politischer und militärischer Macht einhergeht. „Politische Klassen“ und „politische Eliten“ etablieren sich vor allem dort, wo keine starke, auf Vermögensbesitz sich stützende herrschende Klasse besteht. Insbesondere im Ausgriff auf nicht-kapitalistische Regionen der Welt hat sich der Kapitalismus immer wieder solcher Eliten bedient. 

 

1. Imperialismus 

Der Imperialismus als frühe Entwicklungsphase des modernen Kapitalismus befördert einerseits das Zusammenwachsen, andererseits die Aufteilung der Welt in einen reichen Nord- und einen armen Südgürtel (Hobsbawm 1989). Die Weltwirtschaft expandiert stark, technische Revolutionen führen u.a. zur Massenproduktion von Gütern, eine nie dagewesene Konzentration von Kapital findet statt, der tertiäre Sektor wächst, eine „bis ins Einzelne gehende Einmischung des Staates in die Wirtschaft zugunsten der herrschenden Klasse im allgemeinen, des Monopolkapitals und der Großagrarier im besonderen“ setzt ein (Varga 1934, 85). Bestimmungen der herrschende Klasse im Imperialismus kreisen um die Begriffe der Monopolbourgeoisie und der Finanzoligarchie.  Ausgehend von den marxschen Annahmen vom tendenziellen Fall der Profitrate (vgl. Hobson 1902; Hilferding 1910; Luxemburg 1913) erläutert W.I. Lenin (1916/17) den Zusammenhang zwischen steigender Konzentration des Kapitals und wachsenden Verwertungsschwierigkeiten auf dem inneren Markt, der zur Expansion auf auswärtige Märkte, zur Annexion fremder Gebiete usw. führt. Agent des Imperialismus ist das Finanzkapital, konkret: eine kleine Gruppe von Industrieführern und Bankvorständen. Als „der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation [im] Konkurrenzkampf um den Rest des noch nicht mit Beschlag belegten kapitalistischen Weltmilieus“ demonstriert der Imperialismus, dass die kapitalistische Produktionsweise an das Vorhandensein eines nichtkapitalistischen Umfeldes gebunden ist. Zugleich steckt in dieser Dialektik der Anfang vom Ende (Luxemburg 1913, 391). Der Imperialismus hat keinen Plan, er ist eher eine Flucht nach vorn. Georg Lukács spricht der Bourgeoisie in diesem Kontext die Fähigkeit ab, über den Tag hinaus denken zu können (1923/1968, 348). Joseph A. Schumpeter sieht zwar in der durch technische Neuerungen bewirkten „schöpferischer Zerstörung“ die Dynamik des Imperialismus, doch bedeutet die Trennung von Eigentümer- und Manager-Rollen nichts Gutes: „Indem der kapitalistische Prozess ein bloßes Aktienpaket den Mauern und den Maschinen einer Fabrik substituiert, entfernt er das Leben aus der Idee des Eigentums [...] Ein Eigentum, das von Person und Materie gelöst und ohne Funktion ist, macht keinen Eindruck und erzeugt keine moralische Treupflicht“. Die Finanzmanager des Imperialismus können es in keiner Weise mit den „frühen Heroen des Kapitalismus“ aufnehmen (1942/1980, 230). Besonders kritisch befasst sich Werner Sombart (1913) mit der Mentalität des „modernen Wirtschaftsmenschen“. Die Problematik der herrschenden Klassen wird also unter dem Imperialismusaspekt auf zweierlei Weise aufgenommen, zum einen wird der Trend zu anonymen, subjektlosen Herrschafts- und Dominanzstrukturen betont, zum andern geraten mit der Analyse der Funktion von Kartellen, Syndikaten, Trusts, Großbanken usw. auch konkrete Akteursgruppen in all ihrer Widersprüchlichkeit in den Blick. Sombart spricht von „Trust-Professoren“, die den Dienst an den Höfen des Großkapitals dem Dienst an der Wissenschaft vorziehen. Die große Zahl von biographischen, autobiographischen, journalistischen usw. Berichten aus der damaligen Welt des Finanzkapitals und seines gesellschaftlichen Umfelds ist herrschaftstheoretisch noch kaum ausgewertet. Hier ragt Thorstein Veblens Schrift Imperial Germany (1915) über das imperiale Deutschland hervor, das mit seiner Mischung aus Rassismus, technologischer Effizienz, militaristischem Kastenwesen und imperialistischer Abenteuerlust nicht nur Nährboden für den Nationalsozialismus war, sondern auch ein erstaunlich aktuelles Modell für die postmodernen Refeudalisierungsprozesse der Gegenwart darstellt. In den Imperialismustheorien kaum ausgeführt ist das Verhältnis zwischen den „imperialen Eliten“ auf der einen und den „kolonialen Eliten“ auf der anderen Seite. Erst die Dependenztheorien (vgl.z.B. Wöhlke u.a. 1977) nach dem Zweiten Weltkrieg weisen im einzelnen nach, wie eine wachsende Zahl internationaler Institutionen und Organisationen, etwa die Weltbank, letztlich nur ein Ziel verfolgen, nämlich die nationalstaatlichen Strukturen der Dritten Welt als Agenten wirtschaftlicher Entwicklung auszuschalten und damit die nationalen herrschenden Klassen bzw. Machteliten der Peripherie nach dem Prinzip des divide et impera einzeln, als Wirtschaftseliten, Militäreliten, Kultureliten usw. in die entstehenden hegemonialen Dunstkreise hineinziehen (vgl. Bello 1999).

 

2. Faschismus 

Die faschistischen Befehlsgesellschaften werfen viele klassentheoretische Fragen auf. Ist der Faschismus bzw. der Nationalsozialismus „totalitäre Monopolherrschaft“ (Neumann 1944/1984) oder eine „Form bürgerlicher Herrschaft“ (Kühnl 1971)? Ist er, im Sinne der marxschen Bonapartismus-Analyse, auf eine wechselseitige Neutralisierung der beiden Hauptklassen, der Bourgeoisie und des Industrieproletariats, zurückzuführen (Marx, MEW 8, 111ff)? Ist er eine „politische Katastrophe“, eine neue Herrschaftsform in der Geschichte, gleichbedeutend mit dem Untergang der Klassengesellschaft (Arendt 1975)? Theodor Geiger, der Autor des Werkes Klassengesellschaft im Schmelztiegel (1949), findet jedenfalls in einer großangelegten Studie über die soziale Schichtung des deutschen Volkes im Jahre 1932 noch eine durchaus intakte Klassengesellschaft vor (Geiger 1932). Zudem entsteht damals eine soziale Gruppe – ein Milieu - von Ingenieuren, leitenden Angestellten und Managern, die sich als eine dritte Kraft, welche Kapital und Arbeit vereint, verstehen. Luc Boltanski (1990) hat diese Gruppe für das Frankreich der dreißiger Jahre des 20. Jh. unter dem Titel Les Cadres untersucht. Solchen „cadres“ vergleichbare Gruppen spielen auch im deutschen Nationalsozialismus, bevor er sich tatsächlich zu einer Katastrophe steigert, eine wichtige Rolle (Ludwig 1974; Lüdtke 1995). Insofern ist Georgi Dimitroffs Diktum von 1935, der Faschismus sei neben der parlamentarischen Demokratie eine zweite Herrschaftsoption des Imperialismus, zunächst auch ganz nüchtern zu sehen (1958, 523-625). Schließlich gab es in den dreißiger Jahren auch in England und den USA innerhalb der herrschenden Klassen ein breites Interesse an der faschistischen Herrschaftsvariante. Franz Neumanns Untersuchung Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944 (1944/1984) vermittelt „in einzigartiger Weise die Logik von Strukturen mit den Herrschaftsinteressen von Kapital und Eliten. [...] Im Zentrum dieser Diktatur steht das Interesse der Sicherung der Kapitalreproduktion im Rahmen einer Monopolbildung, die an die Interessen der wesentlichen Kräfte der NSDAP anschließt“ (Sünker, in: Oesterdiekhoff 2001, 500). NS-Organisationsprinzipien wie die „monistische, totale, autoritäre Organisation“, die „Atomisierung des Individuums“ und die Zerschlagung „systemfremder“ Solidargemeinschaften müssen den cadres der NSDAP aus der Managementpraxis von Großkonzernen und Militärorganisationen wohlbekannt gewesen sein. In jedem Fall haben derartige Elemente faschistischer Herrschaftspraxis in vielen entwickelten kapitalistischen Gesellschaften, insbesondere den USA (Mills 1956; vgl. Abschn. VII), überlebt und sind sogar perfektioniert worden. In gewissem Sinne komplementär zu Neumanns Herrschaftsanalyse sind die Einsichten Antonio Gramscis, die zweifellos u.a. durch den historischen Hintergrund des italienischen Faschismus geprägt sind. Reife und relativ stabile Formen kapitalistischer Herrschaft würden keineswegs allein durch ökonomische und politische Macht erzwungen, sondern seien durch den Konsens vermittelt, den die bürgerliche Gesellschaft (società civile) und deren Hegemonieapparate (Schule, Medien, Parteien und Verbände, Kirchen etc.) produzierten. Herrschaft werde zur „Führung“; die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen würden nicht primär durch unmittelbar ökonomische Interessen und die Aneignung des staatlichen Gewaltmonopols, sondern durch Hegemonie reguliert. Dies sei die Stunde der Intellektuellen, denn mit deren Hilfe erreichten Klassen die freiwillige Unterordnung anderer. „Die Beziehung zwischen den Intellektuellen und der Produktion ist nicht unmittelbar, wie es bei grundlegenden gesellschaftlichen Gruppen der Fall ist, sondern wird in verschiedenen Abstufungen ‘vermittelt’, und zwar durch das gesamte soziale Gewebe, durch die Gesamtheit des Überbaus, dessen Funktionäre eben die Intellektuellen sind.“ (Buci-Glucksmann 1981, 228) Aus dem historischen Umfeld des Faschismus kommt des weiteren eine dem Konkurrenzprinzip imperialistischer Wirtschaft nachempfundene Radikalisierung des Politischen. Der Herrschaftskonsens, so Carl Schmitt (1932/1963), findet seinen Härtetest in der Unterscheidung zwischen Freund und Feind, die hinter allen politischen Motiven und Handlungen steht. Das Verhältnis zum Feind sei deshalb die ultimative Form des Konsenses, weil in der politischen Sphäre immer auch der Bezug auf den ‘Ernstfall’, auf Krieg usw. mitgedacht werden muss. Hier hat der Staat, der nach außen über das jus belli verfügt, die letzte Entscheidung über die Bestimmung und Bekämpfung des Feindes, frei von allen normativen Bindungen (vgl. Oesterdiekhoff 2001, 598f). Im übrigen ist das Kohortenschicksal der herrschenden Klassen und Eliten in den Umbrüchen des Faschismus noch kaum zureichend erforscht, wäre aber herrschaftstheoretisch von großem Interesse. Für Deutschland gibt es immerhin einen vorläufigen empirischen Befund: Revolution und Übergang zur Weimarer Republik brachte zwar den Niedergang des dominanten Adels und eine partielle soziale Öffnung der deutschen Eliten, doch in Verwaltung und Wirtschaft blieb die Dominanz des höheren Bürgertums (auch in der Nazizeit) ungebrochen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten schleuste zwar erstmals in größerem Umfang Personen aus dem Kleinbürgertum in Elitepositionen, doch diese soziale Öffnung wäre ohne die Mitwirkung der alten Eliten in Ministerialbürokratie, Militär, diplomatischem Dienst und insbesondere Wirtschaft nicht möglich gewesen. Die kleinbürgerlichen nationalsozialistischen cadres verschwanden 1945 fast vollständig, bei gleichzeitiger Kontinuität aller anderen Eliten (Zapf 1965; vgl. Hoffmann-Lange, in: Müller u. Schmid 2003, 292). 

 

3. Staatsmonopolistischer Kapitalismus 

Die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus fällt auf den ersten Blick weit hinter die Einsichten über das Handeln herrschender Klassen zurück, die in der Moderne bereits angesammelt worden waren. Die ‘Stamokap’-Theorie nahm auf, dass das Monopolkapital immer deutlicher von einer Managerelite als Agentin der herrschenden Klasse geleitet wurde, welcher die Steuerung des Konsums, der Investitionen, der Surplusvernichtung und des Marketing oblag (Baran u. Sweezy 1967). Zugleich war klar, dass die Notwendigkeit der Steuerung von Nachfragelücken, die friedliche und militärische Sicherung imperialistischer Interessen usw. nach spezialisierten Staatseliten verlangte und dass zwischen beiden Funktionseliten eine immer engere Vernetzung stattfand. Doch mutet es heute komisch an, beispielsweise aus empirisch-statistischen Anstrengungen von Stamokap-Forschern zu erfahren, dass es in den siebziger Jahren des 20. Jh. in der Bundesrepublik unter anderem 25 000 Angehörige der Groß- und Monopolbourgeoisie, 200 000 Manager und 34 000 Kapitalisten im Staatsapparat gab (IMSF 1981; vgl. Jung u. Schleifstein 1979). Solchen Klassifizierungen liegt „konzeptionell ein Begriff von Sozialstruktur zugrunde, mit dem sich nur die Ungleichheit von Lebensstandards beschreiben lässt und gerade nicht der Strukturzusammenhang der Bourgeoisie als Klasse, z.B. ihre soziale Kohärenz und Exklusivität trotz der Konkurrenz zwischen den einzelnen Fraktionen.“ (Neumann 1990, 434) Auf der anderen Seite machen diese Klassifizierungs- und Identifizierungsanstrengungen einen Sinn, wenn man sie im Kontext der damaligen „Systemkonkurrenz“, der „friedlichen Koexistenz“ und zunehmenden Zusammenarbeit der ‘realsozialistischen’ und kapitalistischen Länder auf wirtschaftlichem Gebiet sieht. Dann nämlich brachte die Stamokap-Theorie praktische Transparenz in das Zusammenspiel der jeweiligen Funktionseliten. Auf der staatssozialistischen Seite hatte ‘die Partei’ gewisse Steuerungsfunktionen übernommen, die den Steuerungsfunktionen des kapitalistischen Staates entsprachen. Der ‘realsozialistische’ Staatsapparat, in Gestalt etwa von Spezialministerien für kleinste Industriezweige, tat ähnliches wie die Arbeitskreise der kapitalistischen Großindustrie. Zudem schwang seitens der Stamokap-Theoretiker immer eine gewisse Hochachtung vor dem erreichten Vergesellschaftungsgrad der kapitalistischen Produktion mit (Huffschmid 1975). Schließlich führte diese Parallelität zu einer historischen Konstellation, die symbolisch war für das Ende der Moderne. Mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus wurde deutlich, dass die „letzten ernsthaften Glaubensanhänger des Liberalismus die kommunistischen Parteien alten Stils im früheren Ostblock“ gewesen waren (Wallerstein 1995, 149). Doch die Osteliten mussten einsehen, dass ihr Gegner im Kapitalismus in keiner Hinsicht mehr die liberale Bourgeoisie war, sondern ein Geflecht aus global und brutal agierender Konzernmacht, Militär-Industrie-Finanz-Komplexen, ja von Verbrechersyndikaten. Hinter der liberalistischen Fassade war ein System entstanden, das ohne die bürgerlichen Formen des Privateigentums und ohne öffentliches Recht zu funktionieren begann. Der Staat verwandelte sich auf allen Ebenen in private Netze der Korruption und informelle Klan-Beziehungen zurück (Jameson 1994, 159 u. passim). 

 

VI. Herrschende Klassen auf dem Weg in die Postmoderne 

Das historische Experiment des Sozialismus ist so tief in der westlichen Modernisierungstradition verwurzelt, dass seine Niederlage die gesamte westliche Narration in Frage stellt (Buck-Morss 2000). Folglich konnten auch die Klassenstrukturen der westlichen Moderne nicht überleben. Eine Atomisierung der beherrschten Klassen setzt ein. Auch viele traditionelle (kollektive) Organisationsformen der herrschende Klasse – tendenziell sogar die staatliche Bürokratie - werden dysfunktional. Das Prinzip der Privatisierung legt das Organisationsprinzip (privater) Netzwerke nahe. Die Herausbildung von Machtnetzwerken (vgl. Mann 1998/2001) wiederum fördert neo-feudale Dienst- und Abhängigkeitsverhältnisse. Während die Moderne in der Tat durch den Modus der Ausbeutung der Lohnarbeiter gekennzeichnet ist, findet mit der Delegation bestimmter Funktionen der herrschenden Klasse an kapitalistische Manager, politische und technokratische Eliten usw. eine radikale Veränderung des Akkumulationsmodus statt; der Weg in die Postmoderne beginnt. Entgegen dem Diktum von Adam Smith (s.o.), dass arm wird, wer „eine Vielzahl von Dienstboten“ unterhält, wird ab einem bestimmten Punkt der Überakkumulation die Beschäftigung vieler dienstbarer Geister außerordentlich funktional. In der Postmoderne wächst privater Reichtum zunehmend auch auf der Basis „unproduktiver“ Arbeit und subtiler Formen hochvermittelter ursprünglicher Akkumulation (zu der auch bestimmte Finanzgeschäfte gehören). Das alles entwickelt sich allmählich. Zunächst scheint es so, als werde durch die Institutionalisierung des Klassengegensatzes in der politischen Demokratie lediglich eine Differenzierung der Sozialstruktur bewirkt (Geiger 1949, 182ff). Auch die Trennung zwischen Eigentum und Kontrolle in der Leitung großer Kapitalgesellschaften deutet in diese Richtung (Burnham 1948; Renner 1953). Der Anteil an oder der Ausschluss von spezifischen Herrschaftspositionen innerhalb beliebiger Herrschaftsverbände führt zu Klassenbildungen, die ihrerseits fast beliebig sind und lediglich der  Austragung vielfältiger sozialer Konflikte dienen (Dahrendorf 1957). Die funktionalistische Schichtungstheorie radikalisiert diese Auffassung von Klassenbildung: jede Gesellschaft müsse ihre begabtesten und fähigsten Mitglieder dazu motivieren, die gesellschaftlich entscheidenden und überlebenswichtigen Funktionen zu übernehmen, und folglich ein System abgestufter Belohnungsanreize schaffen: eben das Klassensystem (Davis u. Moore 1967). Die Ausbildung von bestimmten Lebensstilen und Gruppenidentitäten, die Sicherung von Privilegien – kurz, die Kontrolle der Konversionsregeln – würde diesem ‘neuen’ Klassensystem Leben einhauchen (Eisenstadt 1971). Die Lockerungen in der engen Verknüpfung zwischen der Verlaufsform der Kapitalverwertung und der Rechtsform des privaten Kapitaleigentums verleiten auch Marxisten zu Illusionen von einer weitgehend subjektlosen Steuerung des Spätkapitalismus, etwa durch Marktorganisation, Institutionalisierung des technischen Fortschritts und staatliche Globalregulierung (Offe 1972). In der Soziologie kommt es zur ‘Synthese’ zwischen dem funktionalistischen Ansatz (der soziale Ungleichheit für unvermeidlich und letztlich gerecht hält) und dem marxistischen Ansatz (der daran festhält, dass Ungleichheit ein destruktives, willkürliches Resultat ausbeuterischen Herrschaftsstrebens ist). Das Handeln und Verhalten von herrschenden Klassen und Eliten wird in eine multidimensionale Betrachtung von Schichtung und Verteilungssystemen in ihrer Entwicklungsdynamik einbezogen (Lenski 1973). Statt übereinander gelagerter sozialer Schichten wird die gesellschaftliche Realität als eine komplexe Vielfalt von Konstellationen verschiedener Lebenschancen, Klassenlagen und sozialer Lagen aufgefasst. Schließlich findet sich in der Soziologie (mit wenigen Ausnahmen wie Tjaden-Steinhauer u. Tjaden 1973) kein Wort mehr über herrschende Klassen, über die „Bourgeoisie“ (Rilling 1982) bzw. über „Oberschichten“, zumal diese verhältnismäßig kleine Gruppe bei Verwendung „amtlicher Individualdatensätze“ als eine statistische quantité négligable erscheint (Handl u.a. 1977). Bezüglich der übrigen Gruppen und Schichten bleibt der Blick im Interesse der Konsumentenwerbung und politischen Manipulation auf die subjektive Dimension gerichtet: Klassen basieren als strukturierte Phänomene auf einer „mit gemeinsamer Lebensführung verbundenen gemeinsamen Wahrnehmung und Anerkennung ähnlicher Einstellungen und Überzeugungen“ (Giddens, 1979, 135). Dass auf der Ebene der herrschenden Klassen und ihres immer umfänglicher werdenden Dienstpersonals diese Perspektive eine praxeologische Relevanz im Sinne einer lebensweltlichen Rekonstituierung ihrer Macht und Herrschaft hätte, kommt niemandem in den Sinn. Auch die marxistische Theorie der herrschenden Klassen reagiert nur passiv und unbefriedigend auf diese Entwicklungen und zeichnet lieber abstrakte strategische Muster des Klassenverhaltens nach, statt den tatsächlichen Handlungen der herrschenden Klassen nachzugehen. Im Anschluss an Gramscis Begriff der Hegemonie behauptet Nicos Poulantzas (1974), eine Klasse bilde sich erst dort, wo Gruppen in eine Auseinandersetzung um die politische Hegemonie innerhalb eines Staates eintreten. Der Staat stelle dann eine Arena dar, in der „politische Fraktionen“ ihren eigenen kollektiven Interessen den Anschein einer universellen Legitimation zu verschaffen versuchen und mit klassenunabhängigen bzw. mit politischen Mitteln um die Gestaltung der Ökonomie ringen. Der Staat ist hier nicht mehr – wie bei Gramsci – ein einheitliches, hegemoniales Gebilde, sondern ein Sammlungsort unterschiedlicher Fraktionen und politischer Parteien. Politische Herrschaft ist weniger „Herrschaft einer Klasse“ als „Herrschaft der Bürokratie“, um deren Verfügungsrechte sich die Klassen streiten. Ulrich Beck (1986) mit seiner These von der „Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft“ in der „Risikogesellschaft“ bleibt es vorbehalten, der herrschenden Klasse die Freuden und Chancen auszumalen, die ihrer harren, wenn sie durch Reflexivität und institutionalisierte Selbstkritik ihre durch Reichtum ermöglichte Souveränität zur „subpolitischen Gegenkontrolle der Politik“ ausbaut. Den gewöhnlichen Sterblichen bleibt von der Beckschen Individualisierungsthese nur die Ich-AG. Nur Pierre Bourdieu versucht sich in dieser Phase an einer Neufassung des Grundantagonismus der kapitalistischen Klassengesellschaft. Er zeigt empirisch, wie herrschende Klassen die Distanz zur Notwendigkeit (die Konstante im Verhältnis des Herren zum Knecht) auf Dauer stellen, indem sie zusätzlich zu ihren ökonomischen Chancen auch kulturelle Chancen akkumulieren. Herrschaft habitualisiert sich lebensweltlich als private Aneignung von Reichtümern aller Art, um „in Funktion, am Leben, in Kraft“ zu bleiben (Bourdieu 1982, 107). Bourdieu bleibt dieser in der Auseinandersetzung mit dem französischen Strukturalismus (etwa Althusser) gewonnenen praxeologischen Perspektive zwar nicht immer treu – wenn er etwa „von der blinden Logik des ökonomischen Feldes, oder, genauer gesagt, des Feldes des Finanzkapitals“ (Bourdieu 2002, 389ff ) spricht -, doch innovative empirische Klassenuntersuchungen wie die seine sind rar. Eine Ausnahme ist Eric Olin Wrights (1985) Forschungsprogramm zu „widersprüchlichen Klassenlagen“, das insgesamt 17 Länderuntersuchungen umfasst und unter dem Aspekt von Ausbeutungsverhältnissen ein Raster von zwölf Klassenlagen - drei besitzende Klassenlagen (Bourgeoisie oder Kapitalisten, kleine Arbeitgeber, Kleinbürgertum) und neun nichtbesitzende (von Experten-Managern bis Proletariern) - konstruiert, innerhalb dessen sich die ‘großen’ und ‘kleinen’ Ausbeutungsprozesse der Gegenwart vollziehen (vgl. Strasser, in: Müller u. Schmid 2003, 281f). 

 

1. Informationsgesellschaft 

Die Postmodernisierung führt „zu einer wirklichen Konvergenz der Bereiche, die man üblicherweise als Basis und Überbau zu bezeichnen pflegte. Das Empire nimmt Gestalt an, wenn Sprache und Kommunikation oder genauer: wenn immaterielle Arbeit und Kooperation zur vorherrschenden Produktivkraft werden [...] Der Überbau wird nun zur Arbeit, und das Universum, in dem wir leben, ist ein Universum sprachlicher Produktionsnetzwerke.“ (Hardt u. Negri 2002, 391f) Die „Informierung des Wissens durch Computerisierung“ (Degele 2000) verändert die Herrschaftsverhältnisse, indem es die Herrschaftsräume erweitert und neue Dienstklassen im Umfeld der herrschenden Klasse erzeugt. Diese durch die globale Informationsgesellschaft hervorgebrachten Wissenseliten intervenieren mittels Kulturproduktion immer bewusster im Ökonomischen, und zwar im virtuellen Raum des Cyberspace, der „dritten großen neuartigen und weltweiten Expansion des Kapitalismus“ (Jameson 1993, 94f). Wurden in der Moderne die „traditionellen Weltbilder und Objektivationen“ noch in „subjektive Glaubensmächte und Ethiken umgebildet“, um nach „Prinzipien des formalen Rechtsverkehrs und des Äquivalententausches“ bewegt zu werden (Habermas 1968, 72), so beginnt jetzt in den Netzen jeglicher Sinn zu nomadisieren: alles wird möglich – und da es noch herrschende Klassen gibt, machen diese sich die Welt der Kontingenzen auf ziemlich regressive Weise zunutze. „Es ist eine der herausragenden Ironien, dass es eine primitive Form von Kapitalismus, von Retrokapitalismus ist, der Virtualität umsetzt. Der visionäre Cyberkapitalist ist ein hybrides Monster aus Sozialdarwinismus und techno-populistischem Individualismus.“ (Kroker u. Weinstein 1997, 29) Vor allem die Möglichkeiten zur Kontrolle und Überwachung werden genutzt, virtuelle Kriegstechnologien breiten sich aus; auch sie sind die Grundlage einer qualitativ neuen Gesellschaftsformation, die sich von den Wesensmerkmalen der modernen Industriegesellschaft deutlich abgrenzen lässt (Bühl 1997). Entscheidend wichtig für die Veränderung von Herrschaftshandeln ist die Entwicklung der Medienindustrie. Die transnationalen Medienkonzerne werden zu globalen Kontrolleuren des Zugangs zum gesamten Spektrum kultureller Erfahrungen. „Dadurch, dass sie die Kommunikationskanäle kontrollieren, und dadurch, dass sie die Inhalte formen, die gefilmt, gesendet oder ins Internet platziert werden, gestalten [sie] die Erfahrungen von Menschen überall auf der Welt. Diese Art der überwältigenden Kontrolle menschlicher Kommunikation ist beispiellos in der Geschichte.“ (Rifkin 2000) Die globalisierte „Netzwerkgesellschaft“ erzeugt, so Manuel Castells, neue kollektive Identitäten. „Legitimizing identities“, wie sie die Herrschaftsmuster nationalstaatlicher Gesellschaften bestimmen, verlieren an Bedeutung und Funktion. Auf der einen Seite treten fundamentalistische Formen einer „resistant identity“ hervor. Sie richten sich gegen die dominante westliche Kultur einer „real virtuality“, bis hin zur „exclusion of the excluders by the excluded“ (Castells 1997, 9). Auf der anderer Seite entstehen „project identities“, die auf experimentelle Weise, ausgehend von Positionen des Widerstands und der Subversivität, Formen einer zukunftsgerichteten Selbstorganisation mit universalistischem Anspruch innerhalb sozialer Bewegungen erproben (Castells). Schon lange vor der digitalen Revolution war gesehen worden, dass das industriegesellschaftliche „Spiel gegen die technisierte Natur“ von einem „Spiel zwischen Personen“ auf der Grundlage theoretischen Wissens abgelöst wurde. Man glaubte, dass in einer solchen post-industriellen Phase traditionelle Herrschaftspositionen zur Disposition gestellt werden würden und dass die axiale Bedeutung des theoretischen Wissens eine Tendenz zu Meritokratie befördern würde (Bell 1975; vgl. Steinbicker in: Müller u. Schmid 2003, 23). Im Zusammenspiel von technischer Intelligenz und humanistischen Intellektuellen sollte sich eine zunehmend dominant werdende „neue Klasse“ herausbilden, die sich gegen die alten Besitzklassen wenden würde (Gouldner 1980). Im Zentrum solcher Überlegungen stand der historische Funktionswandel der sprachlichen Kommunikation (Habermas 1981). Die naiven Vorstellungen einer davon ausgehenden Umwälzung von Klassenherrschaft bestätigten sich nicht. Bestehende Machtkonstellationen passten sich der neuen Medienmacht an. Die kapitalistischen Medien akkumulierten enorme Kompetenz in der Manipulation von Massen und Öffentlichkeiten (Negt u. Kluge 1976). Außerdem entstand in Gestalt von „elite media“ (Noam Chomsky) ein neuartiger Verständigungsraum der verschiedenen Gruppen der herrschenden Klasse und ihrer Hilfsklassen; mittels dieser eigenen medialen Netze wurden Agenden bestimmt und Denk- und Wahrnehmungsmuster der Bevölkerung vorgeprägt (vgl. Chomsky 1969/2002; Herman u. Chomsky 1988). Welche Wissenseliten sich also auch immer anlagern, die herrschende Klasse bleibt diejenige, welche „die Kontrolle über Emission und Zirkulation der konstitutiven verbalen und nichtverbalen Nachrichten einer gegebenen Gemeinschaft innehat.“ (Rossi-Landi 1976, 11) Dennoch entstehen hier Widersprüche, da „die Reserven, aus denen Macht geschöpft wird, viel knapper sind als die Symbole, die Hauptträger der Kommunikation. ‘Kontrollschichten’ senden typischerweise weitaus mehr Kommunikationssignale aus, als sie durch Machtgebrauch abstützen könnten.“ (Etzioni 1968, 335) Folglich sammeln sich Widerstandspotential und subversive Energie in allen drei Dimensionen der Informationsgesellschaft: Die industrielle Produktion informatisiert sich und inkorporiert die Kommunikationstechnologien in einem Maße, „dass sich der industrielle Produktionsprozess selbst transformiert“ (Hardt u. Negri 2002, 305), das heißt, Dynamiken hervorbringt, auf deren Welle gar mancher Internet-Milliardär der neunziger Jahre des 20. Jh. widerständige Visionen von Gesellschaft entwickelte, die allein durch das gezielte Platzen der ‘new economy bubble’ abgeblockt wurden (Schwartz u.a. 2000). Auch die durch analytische und symbolische Kompetenz bestimmten Formen immaterieller Arbeit behalten eine Eigengesetzlichkeit, die sich im Rahmen von Klassenherrschaft immer schwerer einholen lässt, zumal hier Selbstbeobachtungs- und Selbstreflexionsprozesse der herrschenden Klassen einsetzen, die noch kaum erforscht sind. Auch der dritte Typus immaterieller Arbeit, die Produktion und Handhabung von Affekten, die „zwischenmenschlichen Kontakt und die Arbeit am körperlichen Befinden“ verlangen, läuft traditioneller Herrschaft, die auf Distanz und Distinktion basiert, tendenziell zuwider (Hardt u. Negri 2002, 305).

 

2. Neoliberalismus 

Das neoliberale Modell dient als ein ideologischer Deckmantel, hinter welchem weltweit bestimmte kollektive institutionelle Strukturen (bis zur Weltbank und zum Internationalen Währungsfond) ausgehöhlt, zugleich aber neue institutionelle Strukturen, welche die Freiheit der Märkte einschränken, durchgesetzt werden (Piore u. Sabel 1984). Die Akkumulation von Macht in privaten Händen, die ja das Wesen des neoliberalen Privatisierungsprozesses ist, verlangt neue Systeme „privater Arbitration“, ein neues Rechtssystem zur Abstützung privater Vertragsabschlüsse usw., das weltweit zu einer „neuen Inflexibilität“ (Piore) führt. Die Ideologen des Neoliberalismus, die nur die Alternative zwischen totalitärem Kollektivismus und Liberalismus, zwischen Totalplanung und vollständigem Wettbewerb kannten (Hayek 1971), werden gerade durch die Existenz von herrschenden Klassen und deren Herrschaftshandeln ad absurdum geführt. Die kollektive, im Staat verkörperte Klassenidentität, die in der Krise ist, kehrt in vielen Fällen als „soziale Identität“ (Piore 1995) zurück. Das Prinzip der Privatisierung erzeugt institutionelle Strukturen mit Durchsetzungsgewalt, die nicht nach dem Modell staatlicher Strukturen organisiert sind, sondern ‘privaten’ Zwangscharakter haben (z.B. „institutionalisierte Korruption“). Seit dem 17. Jh. hatten sich neue Formen der Macht auf die Disziplinierung des Körpers gerichtet, um seine Kräfte im Sinne der Produktion und Profitabilität zugleich effektiv zu nutzen und optimal zu kontrollieren (Foucault 1976/1991). Diese neuen politischen Technologien der Disziplin förderten nicht nur staatliche Institutionen wie das Gefängniswesen, sondern trugen in sich auch das Potential privater, privatisierter Herrschaftstechniken. Die „sichtbar“ gemachte Delinquenz der Unterschichten lenkte nicht nur von den lukrativen, aber „unsichtbaren“ Gesetzwidrigkeiten der Herrschenden ab (Waffenhandel, Prostitution, Drogenhandel usw.); sie ermöglichte auch die „Moralisierung des Proletariats“ (Foucault) und damit private, individuelle Zwangsformen in den Betrieben, in Dienstverhältnissen usw. Auf Seiten der Herrschenden befördert die scheinbare „Unsichtbarkeit“ ihrer Handlungen einerseits zunächst das Entstehen korporativer Akteure, die nur in einem fiktiven, juristischen Sinne ‘Personen’ sind und in Wirklichkeit unpersönliche, z.T. zentral geleitete Organisationen darstellen. Indem so die Anstrengungen vieler einander fremder Personen ‘gepoolt’ werden, beginnt eine Verschiebung der Rechtschancen zugunsten korporativer Akteure. Die Machtchancen derjenigen, die solche Organisationen leiten, steigt (Coleman 1986; vgl. Schmid in: Müller u. Schmid 2003, 56f). Auf der anderen Seite wirkt in diesem Korporatismus immer auch das Prinzip der Privatisierung und speist Gegentendenzen der Steigerung subjektiver bzw. personaler Macht und Geldmacht. Dies bleibt allerdings einem kleinen Kreis von Privilegierten vorbehalten. So sind etwa die Reproduktionsbedingungen personal geregelter Sozialsysteme (z.B. Familien und ihr Vermögen) nur im Bereich des Superreichtums gewährleistet. Zudem entstehen, geeicht auf das korporative System, neue Gruppen Herrschaftshandelnder wie power broker, fixer, superlawyer – unabdingbar für die Dynamik von inter-organisationellen Beziehungen -, welche ‘anonymer Herrschaft’ ein Gesicht geben (Dye 2002). Auch die Selbstorganisation einer Vielzahl von Interessengruppen (neben public interest groups vor allem spezialisierte Wirtschaftsinteressen) und das Anwachsen des Lobbyismus - dem Parlamente, Regierung und Verwaltung, Justiz, Parteien und internationale Organisationen in zunehmendem Maße ausgesetzt sind - deuten auf ein Korrektiv der ‘Entsubjektivierung’ von Herrschaft (Beyme 1980). Insofern ist es fragwürdig, die Hegemonie eines abstrakten Neoliberalimus vorauszusetzen, denn diese Ideologie wird erst durch personale Netzwerke – z.B. die Mont Pelerin Society (Plehwe u. Walpen 2001) oder das World Economic Forum (Schwengel 1999) – mit Leben gefüllt. Der Staat, der einst zum integralen Staat - „Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (Gramsci) - mutierte, wird in der ‘nachindustriellen’ Phase angesichts der Existenz von größeren Widersprüchen, von Krisen und neuen Gewaltformen auf nicht- bzw. post-hegemoniale Formen zurückgestutzt (Hirsch u.a. 2001). Der Neoliberalismus hat seine Grenzen erreicht. Er produziert Erschöpfungserscheinungen auf Seiten der nationalen Gesellschaften wie des Planeten insgesamt (van der Pijl, 2001). Auch auf den traditionellen Aktionsfeldern des Imperialismus, des Autoritarismus und der militärischen Regulation des Weltmarkts (Balibar 2001) geht Gewalt inzwischen von Akteuren aus, die kaum noch staatlich eingebunden sind und in privater Regie, im Auftrag transnationaler Konzerne usw. Kriege führen. Folglich ist zu fragen, welche Erklärungsfunktion das Konstrukt „herrschender Machtblöcke“ noch hat, wenn die Widersprüche so stark angewachsen sind, dass keine der Fraktionen in der Lage ist, die anderen Gruppen des Machtblocks unter ihre Führung zu bringen (Poulantzas 1978, 226). In diesen Auflösungsprozessen hegemonialer Strukturen wird ein anderes Merkmal postmoderner Herrschaft relevant. Wer herrscht, verfügt über mehr Möglichkeiten, beherrscht das Reich der Kontingenzen und Äquivalenzen. Die „Globalisierung des Tauschs“ setzt der Universalität von Werten und Recht ein Ende und lässt Demokratie und Menschenrechte „wie Öl und Kapital, genauso wie jedes andere globale Produkt“ zirkulieren (Baudrillard 2003). Auf dieser Grundlage haben herrschende Klassen begonnen, Probleme des Eigentums, der Verwertung, der Verteilung und des Wissens nicht mehr zu ‘lösen’, sondern beliebigen und verwirrenden Scheinlösungen zuzuführen. Der Cyberspace mit seinen unendlichen Verknüpfungsmöglichkeiten unterstützt diese Tendenz ebenso wie die Systemtheorie und deren unbedarfter Ableger, die rational choice theory (Green u. Shapiro 1996). Es sei ein Irrtum zu glauben, verkündet Niklas Luhmann, dass es „noch eine wirkliche Realität gebe, die mit der natürlichen Ausrüstung des Menschen zu fassen sei, während es schon längst darum geht, diese natürliche Ausrüstung als nur einen Fall unter vielen möglichen zu erweisen.“ (1995, 243)

 

3. Global Ruling Class? 

Der Begriff der herrschenden Klasse, der das Phänomen der Herrschaft an das Schicksal des Klassenbegriffs bindet, ist ein instabiler Begriff. Der Klassenbegriff war so eng an die gesellschaftlichen Strukturen der Moderne, an den nationalstaatlichen Rahmen gebunden, dass seine schon im Kommunistischen Manifest beschworene globale Dimension selten tatsächliche Handlungsebenen berührte. Das Konzept eines Weltklassensystems (Wallerstein) ist kaum durchgesetzt. Der Begriff der Kapitalistenklasse, gebunden an die in den Produktionsverhältnissen generierte „Verwertungsmacht“ (vgl. Abschn. IV) und eingebunden in Eigentums-, Verteilungs- und Wissensverhältnisse, ist zudem schwer als Begriff für eine soziale Klasse zu etablieren. Diese Schwierigkeit begleitet auch die Diskussion um eine global ruling class bzw. um eine Transnational Capitalist Class (TCC) (Robinson u. Harris 2000; van der Pijl 2001; Sklair 2000; Cox 1987). Gerade für das Entstehen einer sozial definierbaren globalen herrschenden Klasse sind empirische Belege intrinsisch schwer zu beschaffen; kapitalistische Eliten sind eben „secretive“ (vgl. Moyser u. Wagstaffe 1987). Außerdem ermöglichen Marktstrukturen die Diffusion der Macht. Autoritative oder gar autoritäre Macht konstituiert sich gegenwärtig in Organisationen wie Weltbank, WTO, IMF und bei anderen „akronymen Akteuren“ (Robinson u. Harris) der Weltwirtschaft sowie in großen privaten - multinationalen oder transnationalen – Konzernen. Besonders schwierig ist es, auf dieser Analyseebene die (globale) Rolle staatlicher Organisationen zu fixieren. Mit dem Konzept einer „soft geopolitics“ wird versucht, das ganze Geflecht von Verhandlungen und Absprachen zwischen Staaten einzufangen. Dabei stößt man selbstverständlich auf eine US-amerikanische „Quasi-Hegemonie“. Innerhalb der Gruppen, die für eine TCC in Frage kommen, finden heftige ideologische Konflikte zwischen free-market conservatives, neoliberal structuralists, neoliberal regulationists und „Third Way“-Protagonisten statt, weiter verkompliziert durch nationale Achsen und andere Allianzen. Dennoch ist die Versuchung groß, die transnationale Kapitalistenklasse, die von keiner anderen Klasse herausgefordert wird, „als den einzigen Herrscher über die Weltökonomie zu betrachten.“ (Robinson u. Harris 2000) Die Frage aber bleibt, ob auf diesem Boden auch eine soziale globale herrschende Klasse konzipiert werden kann. Giovanni Arrighi (1994) sieht Chancen für ein wachsendes Klassenbewusstsein innerhalb der TCC überall dort, wo transnationale staatliche Strukturen entstehen. Doch wird bezweifelt, ob es sich dabei jemals um einen neuen globalen „historischen Block“ handeln kann (Jason W. Moore, 2001/02). Die Entwicklung zielt eher auf eine flüchtigere Form von Klassenbildungen, wenn man etwa an die Bedeutung von „cadres“ denkt, die seit den siebziger Jahren des 20. Jh.s im transnationalen Raum agieren und eine teils demokratische, teils technokratische und teils „planetarische“ Perspektive entwickeln. „Die cadres sind eine Klasse von Mediatoren, die Leitungsaufgaben für die herrschende Klasse ausführen, aber gleichzeitig, wie Arbeiter, als ein lohnabhängiges Stratum ihre Arbeitskraft verkaufen.“ (van der Pijl 2001/02, 498) Leslie Sklair (1997) unterscheidet in diesem Zusammenhang z.B. CEOs transnationaler Konzerne, am Globalisierungsprozessß beteiligte Bürokraten, „globalisierende“ Politiker und Experten sowie Eliten im Konsumbereich (Handel und Medien). Einen wichtigen Schritt in Richtung des Begriffs einer sozialen globalen herrschenden Klasse geht eine Forschergruppe um J.V. Beaverstock (2001). Sie setzt nicht bei der Kapitalistenklasse im engeren Sinne, sondern bei den „Geldmächtigen“ an und nähert sich damit einem Machtzentrum, das weitaus fluider und ‘sozialer’, aber auch dynamischer ist als rein ökonomische Verwertungsmacht. Es geht um die globale Rolle jener kleinen Gruppe von wenigen tausend „ultra-high-net-worth individuals“, die zusammen über mehr Geldmittel verfügen als die unteren vier Fünftel der Weltbevölkerung. Beaverstock u.a. argumentieren gegen Sklair und andere, dass die „globale Klassenscheide“ nicht zwischen „verwertungs- und wissensmächtigen“ Dienstklassen auf der einen Seite und den diese wiederum bedienenden, unwissenden Arbeitsklassen auf der anderen Seite (so etwa auch Manuel Castells 1989) bestehe, sondern im Gegensatz zwischen einer superreichen Geldelite und dem Rest der Welt: „Es ist deshalb entscheidend, zwischen zwei Gruppen innerhalb der globalen Elite zu unterscheiden: einerseits wohlhabenden „global managers“ und andererseits Individuen mit einem „ultra-hohen Nettowert, den globalen Superreichen“ (Beaverstock u.a.). Die Superreichen verkörpern in partikularer, ‘privatisierter’ Form den Globalzusammenhang, indem sie mit Hilfe von „Mikro-Netzwerken“ oder „Beziehungsmodulen“ (Vidich 1997) den „global space of flows“ (Castells) beherrschen. Überhaupt sind „globale Klassen“ und erst recht eine globale herrschende Klasse nur zu begreifen, wenn die „Verfügungsgewalt über den globalen Raum“ als neue Dimension der Klassenstrukturierung mitberücksichtigt wird (Jain 2000). So spielen neben der „Zonierung“ des Raums unter ‘privaten’ Gesichtspunkten vor allem „global cities“ (Sassen 1991) eine wichtige Rolle bei der Formierung fungibler globaler Herrschaft (und fungiblen Superreichtums). Die globalen Eliten leben vom Aufspüren lokaler Differenzen im globalen Zusammenhang: die globale Klasse „betreibt einen eklektizistischen Imperialismus und instrumentalisiert die örtlichen Unterschiede für ihre Zwecke.“ (Jain 2000, 55) In bestimmter Weise konsumiert in diesem Kontext die Gruppe der Superreichen den Planeten als Ganzen – in der Tradition der „conspicuous consumption“ (Veblen 1899) -, auch wenn diese Phänomene bislang nur trivialisierend oder mystifizierend unter Begriffen wie „Jet Set“ oder „Bourgeois Bohemians“ (Brooks 2001) beschrieben wurden. Hier tritt - mit der Entfaltung des Cyberspace und seiner Finanznetze - eine bislang nicht denkbare Privatisierung des Universellen ein, die alles, was der Feudalismus an ‘Klüngelei’ zuwege brachte, in den Schatten stellt. 

 

4. Sprengsätze in den Produktionsverhältnissen 

„Die Erkennung der Produkte als seiner eigenen und die Beurteilung der Trennung von den Bedingungen seiner Verwirklichung als einer ungehörigen, zwangsweisen - ist ein enormes Bewusstsein, selbst das Produkt der auf dem Kapital ruhenden Produktionsweise“ (Marx, Grundrisse 1953, 366f). Doch im Gegensatz zur globalen herrschenden Klasse - und deren Verfügungsgewalt über den globalen Raum - ist das „enorme Bewusstsein“ des globalen Proletariats (Wallerstein) ‘lokalisiert’ und füllt weder den Cyberspace noch den „global space of flows“. „Nur auf (illegalen) Schleichwegen können [die Proletarier] die ihnen gezogenen Grenzen durchbrechen. Doch auch wenn es ihnen gelingt, bis in die globalen Metropolen vorzudringen, bleiben sie meist ausgeschlossen. Als ‘Gastarbeiter’, ‘Illegale’, ‘Asylanten’ fristen sie ein Schattendasein.“ (Jain 2000, 61) Dennoch arbeitet das Proletariat lokal am Globalen, indem es täglich ‘adäquate’ Gebrauchswerte – und damit das wirkliche Allgemeine - produziert. Für das Proletariat vollzieht sich diese global-lokale Dialektik in lokalen, unmittelbaren, distanzlosen, alltäglichen Kämpfen. „Die Kämpfe des Proletariats bilden – und zwar in ganz realer, ontologischer Hinsicht – den Motor der kapitalistischen Entwicklung. Sie zwingen das Kapital dazu, das technologische Niveau ständig zu erhöhen und damit die Arbeitsprozesse zu verändern. Die Kämpfe nötigen das Kapital ununterbrochen, die Produktionsverhältnisse zu reformieren und die Herrschaftsverhältnisse zu transformieren.“ (Hardt u. Negri 2002, 220) Und so verändern sich die Produktionsverhältnisse. In den Eigentumsverhältnissen ist Produktionsmitteleigentum längst derart finanzkapitalistisch vermittelt, dass Geldmacht sich beispielsweise die allgemeinen Bedingungen kultureller Erfahrung (Rifkin 2000) ebenso wie das Gesamt der Natur (einschließlich ihrer Gesetze) aneignen kann. Davon profitiert, unter dem absolut dominanten Prinzip der Privatisierung, eine immer kleinere, global agierende Schicht, die viele historische Formen von Geldmacht in sich vereint: von arabischen Feudalherren über Großbetrüger und korrupte Usurpatoren bis zu klassischen Unternehmern usw. Die Finanzmärkte erfüllen in diesem Kontext ihre angebliche Aufgabe, die Ersparnisse der Gesellschaft in Richtung der besten Investitionen zu lenken, nur kümmerlich. Das globale Finanzsystem ist extrem teuer, gibt falsche Signale zur Lenkung der Kapitalströme und hat weniger mit wirklicher Investitionstätigkeit als mit der Konzentrierung von Reichtum zu tun (vgl. Henwood 1997). In den Verwertungsverhältnissen hat eine beispiellose Verschärfung (und „Verwissenschaftlichung“) der Ausbeutungspraxis begonnen. Entwickelte betriebliche Managementmethoden werden durch Kontroll- und Überwachungsoperationen ergänzt. Die durch die Liberalisierung der Arbeitsmärkte endemische ‘Jobangst’ verhindert kollektiven Widerstand. Unter dem „Unified Global Command“ (Hardt u. Negri) der führenden kapitalistischen Länder und Institutionen verdichten sich Ausbeutungsstrategien zur „Biopolitik“ bzw. „biopolitischen Produktion“, die nichts anderes ist als profitorientierte Reproduktion von Menschen unter Arbeitskraftgesichtspunkten (Foucault 1976; Hardt u. Negri 2002, 394), bis hin zu einer (Welt)Bevölkerungspolitik, die vor Genozid nicht zurückschreckt (George 2001). In den Verteilungsverhältnissen bricht auf betrieblicher und gesellschaftlicher Ebene der auf wohlfahrtsstaatlichen Strukturen und kollektiven (gewerkschaftlichen) Rechten basierende Konsens zusammen. Die Ideologie individueller Freiheitsrechte macht nicht einmal mehr den Versuch, eine gerechte Verteilung der produzierten Werte zu begründen. „Ohne das Eintretenkönnen für die Vollendung der Verheißungen des Liberalismus aber wird es für die herrschenden Schichten des Weltsystems überall [...] unmöglich, die arbeitenden Klassen durch irgendetwas anderes als Gewalt zu kontrollieren.“ (Wallerstein 1995, 242) In den Arbeitsverhältnissen schließlich wird in den fortgeschrittensten Produktionsbereichen die „alte, unmittelbare Befehlsgewalt über die Arbeitenden, die dem Kapitalisten qua Verfügung über die Produktionsmittel zukam, [...] ersetzt durch den unmittelbaren Marktdruck, der direkt auf die Produktionsgruppen und Individuen weitergeleitet wird.“ Die Individuen selbst sollen die Verwertung von Werten exekutieren und dafür ihre Kreativität mobilisieren – „bei Gefahr des Untergangs und mit der Chance der Entfaltung.“ (Meretz 1999) Dieses Identischwerden von Person und Arbeitskraft in der informatisierten Produktion verlangt eine andere Allgemeinbildung als die des Staates, die einst alle Bürger zur Leitung des Gemeinwesens befähigen sollte (Lohmann 1987). Inhalt der Allgemeinbildung wird, was der privaten Profitwirtschaft nutzt: die „Ökonomisierung des Sozialen“, aber auch eine soziale Befähigung zur Leitung von Wirtschaftsprozessen – eine Mentalität des „Regierens ohne Staat“, einer „Global Corporate Statesmanship“ (de Pury u. Lehmann 2000) oder eben „Gouvernementalität“ (Bröckling u.a. 2000). Dies ist heute u.a. die Triebkraft der Forderung nach einer umfassenden Privatisierung und Kommerzialisierung des Bildungswesens. Die so in die Arbeitenden selbst injizierte Wissensmacht allerdings ist ambivalent, paradox, dialektisch und produziert subversives Potential (vgl. z.B. The Cluetrain Manifesto, Locke u.a. 2001). 

 



[1] eine leicht gekürzte und veränderte Version erschien als Artikel ‚Herrschende Klassen’ im von W.F. Haug herausgegebenen Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Band 6/I, Berlin, Argument Verlag 2004

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