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      Nr. 14/2000
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Die Volks-Hochschule

Deutschlands Universitäten müssen sich der Praxis stellen  Von Von Thomas Kerstan

Die Europäer blasen zur Aufholjagd. Zum "weltweit wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum" soll die EU werden. Dies erklärten die Staats- und Regierungschefs vergangene Woche in Lissabon.

Es stellt sich die Frage: Wie kommt das Wissen in die Wissensgesellschaft?

Am ehesten über ein leistungsfähiges Hochschulsystem. Denn an den Hochschulen laufen die Fäden der Wissensgesellschaft zusammen. Forscher generieren Wissen und Lösungen für morgen - und bilden den Nachwuchs aus: für die Wissenschaft und für die Berufspraxis außerhalb der Hochschulen. Dazu gehören auch die Lehrer, die wiederum die Jüngsten auf die Welt von morgen vorbereiten sollen.

Die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulen lässt allerdings zu wünschen übrig - auf vielen Gebieten. Vor allem aber kümmern sie sich zu wenig um die Berufschancen ihrer Studenten und damit um die Weitergabe des Wissens in die Gesellschaft. Das ist ein großes Problem, denn schon jetzt bilden die Hochschulen 30 Prozent eines Altersjahrgangs aus, und dieser Anteil wird und muss noch steigen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist die vermeintliche Akademikerschwemme von der Berufswelt aufgesogen worden. Zwar ist durch falsch ausgebildete Hochschulabsolventen auch die Arbeitslosigkeit unter Akademikern gestiegen, aber sie liegt mit vier Prozent weit unter dem Durchschnitt.

Es werden in Zukunft immer mehr junge Menschen eine Hochschule besuchen. Denn in der Wissensgesellschaft müssen nicht nur Ärzte und Ingenieure mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaft umgehen können. Vom Verkäufer im Reformhaus etwa verlangt der Kunde Kenntnisse der Ernährungswissenschaft, und zur Krankenschwester gesellt sich die Pflegemanagerin, die sich in Betriebswirtschaft und Personalführung auskennt. Die Bedeutung der Hochschulen bei der Ausbildung wird also weiter wachsen.

Wenn Deutschland vor den Herausforderungen der Wissensgesellschaft und der Internet-Wirtschaft bestehen will, dann muss das Studium dringend reformiert werden. Es muss praxisnäher, kürzer und flexibler werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie gehört heute umgesetzt, nicht morgen.

Praxisnäher - weil die Mehrheit der Akademiker ihr Brot nicht in der Wissenschaft, sondern in der Wirtschaft verdienen wird. Das deutsche Hochschulsystem jedoch ist noch immer darauf ausgerichtet, Professoren hervorzubringen und nicht Abteilungsleiter. Und dort, wo es für Berufe qualifiziert, trägt es groteske Züge: Die Juristen werden zu Richtern ausgebildet, obwohl 80 Prozent von ihnen später als Anwalt arbeiten werden. Selbst die künftigen Ärzte und Lehrer, deren Beruf sich ganz um den Menschen dreht, studieren oft jahrelang, ohne einen Patienten oder Schüler zu Gesicht zu bekommen.

Kürzer werden muss das Hochschulstudium und flexibler - weil niemand weissagen kann, was der Arbeitsmarkt in fünf Jahren verlangt. Und weil man Wissen nicht mehr anhäufen kann wie der Hamster seinen Wintervorrat, um davon bis zur Rente zu zehren. Deshalb sollte, wer nach drei Jahren sein Erststudium abgeschlossen hat, künftig wählen können zwischen einer Berufstätigkeit, einem eher wissenschaftlichen oder eher berufspraktischen Zusatzstudium. Je nach persönlicher Vorliebe und der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Mit Weiterbildungsangeboten könnten die Hochschulen das Wissen ihrer Absolventen lebenslang à jour halten.

Schon jetzt ist die Fortbildung ein lukrativer Markt, den vorwiegend private Anbieter bedienen. Würden die Hochschulen hier mitbieten, könnte das für sie eine gute Geldquelle werden.

Dieser Gedanke behagt nicht allen. Sie fürchten, die Hochschulen könnten sich damit zur Magd des Marktes machen. Doch ein bisschen waren sie das schon immer, und die Absolventen als ihre heiß begehrten "Produkte" zu betrachten belebt die Konkurrenz und muss nicht ehrenrührig sein. Gleichwohl versteht es sich von selbst, dass die Hochschulen ein Ort bleiben müssen, wo freier Geist herrscht und die Welt draußen kritisch beleuchtet wird. Sie müssen Sand sein im Getriebe der Gesellschaft, damit es knirscht, aber eben auch Öl, damit die Karre läuft. Ihren Studenten müssen sie deshalb eine Berufsperspektive eröffnen.

Wichtig ist nicht, was du bist, sondern was du kannst

Gern verweisen Universitätsprofessoren beim Thema Berufspraxis auf die Fachhochschulen. Doch dort studieren nur 30 Prozent eines Jahrgangs, die große Mehrheit der Studenten drängt an die Universitäten. Das umgekehrte Verhältnis wäre eigentlich vernünftig. Und Experten raten schon lange dazu, das System vom Kopf auf die Füße zu stellen. Doch kein Politiker fand sich bisher bereit, das dafür notwendige Geld in die Fachhochschulen zu stecken - und den Mut, es den Universitäten wegzunehmen.

Die Universitäten selbst müssen sich also der Aufgabe stellen und ihr Studienangebot differenzieren: Ein kleinerer Teil der Studenten wird für die Arbeit in Wissenschaft und Forschung qualifiziert; der größere Teil wird auf das Leben außerhalb der Universität vorbereitet. Dies bedeutet zugleich den Abschied von den hergebrachten Einheitsberufen. Nicht mehr der Biologe wird die Hochschule verlassen, sondern der promovierte Biologe, der in die Forschung geht, der Biotechniker, der Mikroorganismen für den Umweltschutz züchtet, und der Bioinformatiker, der Programme zum Modellieren von Molekülen schreibt.

Die Devise für die Universitäten heißt: Von den Fachhochschulen lernen. Die sind schon lange keine Uni zweiter Klasse mehr. Letztlich wird die Unterscheidung zwischen Universitäten und Fachhochschulen ersetzt werden müssen durch das unterschiedliche Profil der einzelnen Hochschulen.

Eine große Chance für die Universitäten, ihr Bildungsangebot zu reformieren, bietet der neue Studienrhythmus, den jüngst der Wissenschaftsrat empfahl: Auf ein drei- bis vierjähriges Bachelor-Studium kann ein Master-Studium von ein bis zwei Jahren folgen. Im Bachelor-Studium sollen die Studenten die wissenschaftlichen Methoden ihres Fachs lernen; aber sie sollen auch Schlüsselqualifikationen erwerben wie die Fähigkeit zur Teamarbeit und praktische Fertigkeiten wie das Anwenden von EDV-Programmen. Ein Schmalspurstudium muss das mitnichten sein, wie zum Beispiel der Bachelor-Studiengang an der Universität Bochum zeigt.

Ein kurzsichtig auf berufliche Fähigkeiten allein zielendes Studium würde sowieso ein wichtiges Charakteristikum der Wissensgesellschaft verkennen: Der Beruf verliert als Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt an Bedeutung. In Internet-Firmen wird nicht gefragt: Was bist du? Die Frage lautet: Was kannst du? Das neue Ausbildungsziel, dem sich die Hochschulen heute stellen müssen, heißt: lebenslanger Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit.

Viele Hochschullehrer und Politiker haben die Notwendigkeit für eine grundlegende Reform inzwischen erkannt. An den Hochschulen ist Bewegung zu spüren. Aber die Kräfte der Beharrung sind stark. Die grundgesetzlich verbriefte Freiheit der Forschung und Lehre verstehen viele Professoren als Schutzschild gegen jeden Ruf nach Erneuerung. Die Reformer an den Universitäten verdienen alle Unterstützung, damit nicht auch der Appell aus Lissabon ungehört verhallt.


© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 14
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