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Nr.2 / 15.4.2000
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15. April 2000
S U R F E N

RASEN ÜBER DEN REGENBOGEN

Das Internet droht zu verstopfen. Ein eigenes Netz für die Unis schafft Hochgeschwindigkeitsverbindungen.

Wenn Professor Wolfgang Coy seine Informatik-Vorlesung in der Forschungsstadt Berlin-Adlershof beginnt, dann fehlt die Hälfte seiner Studenten im Hörsaal. Die Abwesenden haben sich die halbe Stunde S-Bahn-Fahrt in den entlegenen Vorort gespart ­ sie loggen sich im Stadtzentrum in das Netz der Humboldt-Universität ein und verfolgen die Vorlesung am Monitor.

Wenn die Studenten etwas nicht kapieren, stellen sie ihre Fragen in eine kleine Web-Kamera. Dozent Coy kann sie auch vor aller Augen prüfen. Sie müssen dann die Antwort per "Screensharing" in ihre Tastatur tippen. Was sie schreiben, wird im entfernten Adlershof für alle sichtbar an eine spezielle Tafel projiziert. Der "Virtuelle Übungsraum", so der Projektname, ist nur eines von vielen Experimenten, die derzeit ausloten, wie sich die Datennetze für Lehre und Forschung nutzen lassen.

Längst verfolgen Studenten von Tübingen aus Vorlesungen in München. In Magdeburg verteidigen Doktoranden ihre Dissertation per Videokonferenz. An der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten werden Roboter von Studenten von den USA aus programmiert, und vom Münchner Uni-Klinikum rechts der Isar aus operieren Medizinprofessoren per Tele-Chirurgie.

Sie alle gründen gerade eine gigantische Gelehrtenrepublik, die nur mit Datenleitungen verbunden ist: das "G-Win". Der Name steht für Gigabit-Wissenschaftsnetz, ein superschnelles Bildungs-Internet, das mit einer Übertragungsrate von 2,5 Gigabit pro Sekunde rund 20 000mal schneller ist als ISDN.

Bis Ende des Jahres 2000 soll es das existierende Wissenschaftsnetz namens B-Win ablösen und über 600 deutsche Unis und andere wissenschaftliche Einrichtungen durch mehrere tausend Kilometer Glasfaser miteinander verbinden.

Denn das herkömmliche Internet droht Opfer des eigenen Erfolgs zu werden: Jedes Vierteljahr verdoppelt sich das Datenaufkommen, die Staus im Netz nehmen zu. Hier soll das G-Win Abhilfe schaffen. Derzeit werden an fast jeder Uni Abstellräume in Rechenzentren umgerüstet und zusätzliche Stahlträger in Böden eingezogen, weil jeder der neuen Netzwerkrechner mehrere hundert Kilogramm wiegt. Seit April werden die ersten Teilstrecken freigeschaltet.

Für die meisten Studenten dürfte der Unterschied zunächst kaum wahrnehmbar sein. Allenfalls könnte das Herunterladen von MP3-Songs im Uni-Rechenzentrum etwas schneller gehen ­ bis sich das herumspricht, das Netz erneut verstopft und weitere Kapazitäten geschaffen werden müssen. Genau darin soll der Vorteil des G-Win liegen: Es lässt sich leicht aufrüsten.

"In der Vergangenheit war es teuer, die Leitungskapazität einer Uni zu verdoppeln", erklärt Ulrich Kähler, Netzwerkberater beim Verein zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes, dem Betreiber des G-Win. "Früher musste man ständig den Boden aufbaggern, um neue Leitungen zu verbuddeln."

Beim G-Win dagegen funktioniert die Aufrüstung mit Lichtgeschwindigkeit. Während in herkömmlichen Glasfasernetzen die Daten als ein einzelner, rasend schneller Lichtpuls durch die Leitungen jagen, unterteilt G-Win das Spektrum derzeit zusätzlich in zehn einzelne "Farben", also Lichtfrequenzen, auf denen jeweils unterschiedliche Datenströme parallel übertragen werden.

"Wavelength Division Multiplexing" (WDM) wird diese junge Technik genannt. Wenn in zwei Jahren die Bandbreite knapp wird im G-Win, können per WDM einfach ein paar neue Farben zusätzlich durch das alte Glasfaserkabel gesendet werden, technisch möglich wären heute bereits über 80.

Dieses neue Regenbogennetz unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 85 Millionen Mark. Denn Ministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sieht das Netz als nationale Aufgabe in einer Aufholjagd mit den USA. Die nahmen bereits im Februar 1999 erste Teilstrecken des Forschungsnetzes "Abilene" in Betrieb, als Teil des ambitionierten "Internet2"-Projekts, das allein in den ersten drei Jahren umgerechnet eine Milliarde Mark verschlingen wird.

Der Datenwettlauf eilt der Wirklichkeit der virtuellen Uni weit voraus. Denn noch ist das "Teleteaching" wenig überzeugend: Die meisten interaktiven Seminare sind rührend einfach gestrickt und bestehen oft nur aus dem stumpfem Abfilmen von Lehrveranstaltungen oder handgebastelten HTML-Textwüsten.

Doch dabei wird es nicht bleiben, glauben Experten. Die Regenbogennetze gelten als technischer Unterbau für die größte Revolution der Uni-Landschaft seit 1968: die Globalisierung der Bildung.

Während das G-Win mit dem herkömmlichen, langsamen Volks-Internet nur über leistungsschwache Leitungen verbunden ist, wird es von Anfang an engstens mit dem amerikanischen "Abilene"-Bildungsnetz verknüpft sein, mit voller Geschwindigkeit und über gleich vier Knotenpunkte.

Diese transatlantische Datenrennbahn könnte die Bildung umkrempeln, indem sie die angeschlossenen Universitäten zwingt, zu kooperieren oder zu konkurrieren ­ meist wahrscheinlich beides gleichzeitig. Die altehrwürdige Universität Oxford zum Beispiel bietet schon online Fernstudien an, genau wie die deutsche Fernuniversität Hagen.

"Bereits in fünf Jahren wird mindestens die Hälfte aller Studenten an virtuellen Hochschulen studieren", vermutet der Kölner Politologe Wolfgang Leidhold in einer Studie im Auftrag der Bertelsmann- und der Nixdorf-Stiftungen. Eine Studentin aus dem thüringischen Uni-Städtchen Ilmenau könnte dann an einem einzigen Tag Seminare von Umberto Eco, Jean Baudrillard und Toni Morrison besuchen ­ per Bildungsnetz. Hagen würde mit Harvard konkurrieren oder die TU Ilmenau mit dem Massachusetts Institute of Technology.

Noch ist offen, wer Sieger und wer Verlierer wird im Gigabit-Rennen auf dem Bildungsmarkt. Auch der Wettstreit zwischen der virtuellen Uni und der alten "Präsenz-Universität" ist noch nicht entschieden. Viele herkömmliche Universitäten erhoffen sich eine finanzielle Stärkung durch das G-Win, weil sie Stellen sparen wollen, indem sie Dozenten per Teleteaching an mehreren Standorten gleichzeitig einsetzen.

"Das ist doch eine Milchmädchenrechnung", widerspricht ausgerechnet Peter Schirmbacher, Leiter des Rechenzentrums der Humboldt-Universität, "die Technik ist kostspielig, und die Dozenten müssen erst lernen, wie man online unterrichtet." Zunächst einmal bedeute das einen Mehraufwand. Besonders ungewohnt sei zum Beispiel für viele Dozenten, dass sie nicht ins Publikum, sondern wie ein Nachrichtensprecher in eine Kamera sprechen müssen. "Die Uni ist doch ein zwischenmenschlicher Betrieb", sagt Schirmbacher, "die sozialen Kompetenzen wie Kooperationsfähigkeit und Argumentation lassen sich nicht auf Distanz vermitteln."

HILMAR SCHMUNDT


© UniSPIEGEL 2/2000
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