Leitartikel FR v. 14.4.2000

Marktgängige Universität

Die einzige Öffnung, auf die die Professoren in ihrem Papier Wert gelegt haben, betrifft die der Professoren-Gehälter

Von Jutta Roitsch

Die Schlaglichter dieser Woche: In Berlin überreichten Professoren jenseits der Altersgrenze der Bundesbildungsministerin ein dickes Papier mit Vorschlägen zur Reform des Dienstrechts für diejenigen, die nach ihnen kommen. Am Frankfurter Flughafen flog zum gleichen Zeitpunkt eine Hand voll Kultusminister ein, um sich eine Meinung über Chip-Karten und Studienkonten für Studenten und Studentinnen zu bilden. Die Justizminister schließlich verfolgen hartnäckig ihre Pläne, die Zahl der Jura-Studenten zu halbieren. Gibt der Dreischritt irgendeinen Sinn, folgt er einer inneren Logik? Die einzig erkennbare Logik liegt im Ökonomischen: Die Bundesregierung in Berlin, die Kultus- und Justizminister der Länder sinnen und trachten danach, das System Hochschule billiger zu machen und teure Verantwortlichkeiten loszuwerden. Und doch verstricken sich alle miteinander in Widersprüche und Halbheiten.

Am klarsten sind noch die Interessen der Justizminister. Sie wollen die vielen Frauen und Männer, die in den letzten zehn Jahren mangels anderer Ideen oder schlechter Arbeitsmarktchancen bei den Ingenieuren oder Chemikern ins Jura-Studium geströmt sind, nicht zwei Jahre mit Referendarsgehältern alimentieren. Ohnehin haben nur die wenigsten eine Chance, im Justizdienst unterzukommen. Auf der anderen Seite wollen die Minister aber die Kontrolle über den akademischen Teil der Juristenausbildung nicht verlieren. Also greifen sie zu der nächst besten Idee, nämlich die Zahl der Studienplätze drastisch zu reduzieren: Weniger Jura-Studenten, weniger Referendare, weniger Kosten. So einfach ist die Welt der Minister gestrickt.

Doch der Protest und der Widerstand gegen diese Form der Kahlschlagpolitik bleiben aus. Lahm nur mahnen die Kultusminister an, die eingesparten Gelder müssten in eine bessere Lehre fließen. Das aber ist das Letzte, woran ihre Kollegen aus den Justizressorts denken.

Eingesparte Gelder beflügeln auch die Bundesbildungsministerin und ihre Altherrenriege, die sich Gedanken über den Professoren-Nachwuchs an Universitäten und Fachhochschulen gemacht haben. Eine Revolution nennt die Ministerin doch tatsächlich die Vorschläge, die ihr überreicht worden sind. Welch eine jämmerliche Vorstellung von Revolution haben Politiker da im Kopf. Für diese Neuordnung des Dienstrechts ist nicht einmal der Begriff "Reform" ein taugliches Etikett. Die Vorschläge bluffen mit neuen Verpackungen. Aus dem früheren Assistenzprofessor wird, schick und zeitgeistig, der Juniorprofessor. Aus ihm allein soll der Professor auf Lebenszeit erwachsen: Erst wenn er die zwei mal drei Jahre Probezeit mit dem Gehalt eines Studienrats erfolgreich überstanden hat, winkt ein lebenslanges Grundgehalt. Knapp unter 40 sind dann die endlich erwachsenen Juniorprofs. Was ist daran revolutionär?

Es bleibt beim Beamtenstatus, es bleibt bei den Hierarchien, den mühseligen Karriereleitern, die es Seiteneinsteigern weiterhin schwer machen. Die Öffnung der Universität findet so mit Sicherheit nicht statt. Die einzige Öffnung, auf die die Professoren in ihrem Papier Wert gelegt haben, betrifft die der Professoren-Gehälter: Keine Obergrenzen für die individuelle Besoldung solle es mehr geben. Und dies im Rahmen einer "Reform", die kostenneutral ausfallen soll. Das bedeutet nur eines: Die Juniorprofs, die Wissenschaftler wider den Zeitgeist und sonstige Modetrends, die Tüftler und Querdenker, die Presse und Politik nicht umgarnen, bezahlen die Topgehälter der Institutspäpste und der Gurus, die die Spielregeln des Schacherns und Präsentierens in der Öffentlichkeit perfekt beherrschen. Ach, du lieber Humboldt.

Doch seine Vorstellung von der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, von wissenschaftlicher Neugier und forschendem Blick scheint sich verflüchtigt zu haben. Wie kämen die Kultusminister sonst auf diese absurde Idee mit der Chipkarte und den Studienkonten. Damit wird die Idee der Universität nach Art eines Geldinstituts, einer Berater- oder Kundenbank auf die Spitze getrieben. Die Professoren als die Leitenden Angestellten der Firma liefern ein Angebot an Serviceleistungen, die Studenten buchen sie ab und "zahlen" mit Plastikkärtchen: 200 Stunden spendiert der Staat, danach kostet der Service Geld. Ritsch, ratsch zieht der Professor die Karte durch sein mobiles Abbuchungsgerät. Oder öffnen sich die Türen der Hörsäle oder Seminarräume erst, wenn man, wie bei der Bank, nach Dienstschluss die Türen mit dem Kärtchen entsperrt hat? Ließen die Kultusminister auch nur einige Momente ihrer Fantasie freien Lauf und gingen die Risiken und Nebenwirkungen ihrer Idee durch, müssten sie wissen, dass sie so das leidige Thema Studiengebühren nicht erledigen können.

Aber die handelnden Bildungs- und Hochschulpolitiker in Bund und Ländern lassen Fantasie zurzeit nicht zu. In ihren Köpfen hat sich das ökonomische Denken eingenistet. Und es ist weit und breit niemand zu sehen, der sie daran hindert, dieses Denken in den Universitäten auszuprobieren. Armer Humboldt.

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Dokument erstellt am 13.04.2000 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 14.04.2000