BerlinOnline-Schnellsuche
Suchbegriff eingeben:      
Berlin-Stadtplan

Aktuelles Wirtschaft Markt Service Kultur Wissen Reisen Spass Sport Hilfe
                 
Homepage

Universität 
Wissenschaft 
Wissenschaftsarchiv 
Urania Berlin 
 
Nachrichtenticker 
Archiv Berliner Zeitung 
Zeitungs-Hyperlinks 
Live-Chat 
Internetzugang 
Newsletter: Surftips 
 
Computer++ 
Computerladen 
 
TIP Berlinkalender 
Stadtplan 
Fahrplan Nahverkehr 
Freikarten 
Kinoprogramm 
Sergej 


[zurück] [index]

Weitere Artikel:


Das untergehende Schiff setzt die Segel

Dieter Simon, Präsident der Wissenschaftsakademie, über Studenten, Professoren und das Dilemma der Massenuniversität

Berliner Zeitung: Die Bundesregierung will aus den Universitäten "moderne Dienstleistungsunternehmen" machen. Sie selbst sprachen kürzlich über die Universität als "untergehendes Schiff". Geben Sie Reformen gar keine Chance?

Dieter Simon: Wenn man sagt, daß die Universität untergeht oder nicht mehr das ist, was sie mal war, dann denkt man an die alte Humboldtsche Universität mit ihren Hauptprinzipien Forschung und Lehre, Einsamkeit und Freiheit. Meine These lautet, daß diese Universität eben nicht mehr besteht, sondern daß sie ersetzt worden ist durch eine Universität, die man in der Regel unfreundlich als Massenuniversität bezeichnet. Sie ist dadurch gekennzeichnet, daß sie die Ausbildung für eine große Menge von Studenten liefern muß, schon unter dem Gesichtspunkt, daß sie eben Arbeitsmarktersatz ist.


Wenn die Universität auch nur die Kultivierung der Massen leistet, ist das schon viel, sagt Dieter Simon. Etwa 1,8 Millionen Studierende teilen sich in Deutschlands Hochschulen 970 000 Plätze. (Ullstein)

Die Universität als "Parkplatz vor der Arbeitslosigkeit". Ist das nicht ein kläglicher Ansatz?

Das ist kläglich. Darin steckt ein tiefer Widerspruch. Die Ansprüche, die Wissenschaftspolitiker und Universitätspräsidenten erheben, zielen natürlich auf die Verbesserung der Qualität von Forschung und Lehre. Ich denke, sie hätten im Augenblick auch eine Chance, jedenfalls im Hinblick auf das Schärfen des Messers, mit dem sie die Qualitätsscheiben vom großen Schinken abschneiden wollen. Sie haben alle mehr oder minder überzeugende Konzepte für die interne Umorganisation ihrer Fachbereiche, für die Stärkung der Positionen der Rektoren, Präsidenten und Dekane. Sie haben durchaus gute Konzepte für die Budgetfragen, die zu lösen sind. Ich fürchte nur, daß sie diese Ansprüche hinterher nicht einlösen können, weil keiner der Universitätspräsidenten bisher ein Konzept vorlegen kann, wie er mit den Studentenzahlen fertig wird. Das einzige zentrale Konzept ist eine Selbstauswahl der Studenten durch die Universitäten. Doch zwanzig Prozent, das ist einfach lächerlich.

Hier offenbart sich ein typischer Zielkonflikt. Das Ziel, das den Universitäten von der Gesellschaft vorgegeben wird, nämlich diese potentielle Arbeitslosigkeitsverwaltung, ist im Grunde genommen nichts. Aber es wird sich meiner Befürchtung nach durchsetzen gegenüber dem Ziel, das die Universitäten verfolgen.

Also wird es trotz aller Reformrufe die unbefriedigende Massenuniversität weiterhin geben?

Diese Massenuniversität hat etwas ganz Wichtiges zu leisten. Sie ist nämlich ein Kultivierungsfaktor. Ich sehe keine absehbare Verbesserung in der Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation. In den nächsten zehn Jahren steigt die Schulabgängerzahl um 30 Prozent; die Abiturienten gehen jetzt schon zunehmend auf den Berufsbildungsmarkt und verdrängen die Hauptschüler, die mit aller Vorsicht gesagt die Kriminellen von morgen sind, weil die Arbeitslosigkeit die Leute einfach dahin bringt. Selbst, wenn die Universität nur so etwas leisten kann wie eine Kultivierung der Massen, dann ist das schon viel. Man sollte einfach mal diese Fakten anerkennen und fragen: Wie können wir die Universitäten auf diese Bedingungen einstellen und dem untergehenden Schiff die sanfte Landung ermöglichen?

Was würden Sie denn einem Studenten raten, der heute eine wirklich gute Ausbildung haben will?

Wenn ich Kinder hätte und mir um deren Ausbildung Sorgen machte, dann würde ich ihnen raten, an eine kleinere Universität zu gehen, die es ja auch immer noch gibt - etwa Bayreuth oder Passau, wo man den Massendruck noch nicht so spürt; dort möglichst schnell die Ausbildung zu beenden und sich dann das für das notwendige Bestehen in dieser komplizierten Welt erforderliche Rüstzeug im Ausland zu holen.

"Keiner der Universitätspräsidenten
kann bisher ein Konzept vorlegen,
wie er mit den Studentenzahlen
fertig wird."

Sind die Professoren schuld am schlechten Zustand der Massenuni?

Die Professoren in die Rolle von Prügelknaben zu setzen, das bringt gar nichts. Es ist wie in jeder Profession. Es gibt sehr viele, 60 Prozent etwa, die machen ihre Arbeit gut und ordentlich; die gehen abends pünktlich nach Hause; aber auf der anderen Seite bedienen sie ihre Studenten korrekt und machen sich Gedanken. Dann gibt es eine kleine Schicht von exzellenten Leuten, vielleicht zehn bis zwanzig Prozent, die rasende Pädagogen sind und gute Wissenschaftler. Das ist extrem selten. Wer hat schon die Gabe, wirklich ständig neue Ideen zu produzieren und gleichzeitig ein guter Lehrer zu sein? Das waren an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Frankfurt am Main, wo ich lehrte, von 35 Professoren etwa fünf bis sieben; und das war sehr viel; deshalb galt die ganze Fakultät als besonders gut. Dann hat man auf der anderen Seite diese absoluten Faulenzer, die zum Beispiel das Seminar durch den Assistenten machen lassen und sich selbst irgendwo auf einer angeblichen Exkursion in Spanien aufhalten. Aber das ist nicht die Normalerscheinung.

Würde eine Änderung des Beamtenrechts diese Professoren motivieren, sich mehr für die Lehre einzusetzen?

Ich habe nichts dagegen, das Beamtenrecht zu verändern. Ich sehe darin jedoch keine große Aussicht auf Erfolg. Wenn man sich dabei auf Amerika bezieht, sind es ja immer diese Blicke, wo jemand mal zwei Wochen in Harvard war und dann nach Hause kommt und die Rezepte von dort verkauft. Warum schreiben viele der amerikanischen Professoren denn solche Berge von dröger und uninformierter Literatur? Weil sie in der Öffentlichkeit bekannt werden und möglichst viel publizieren müssen. Und wenn man nun bei uns das Beamtenrecht abschafft und sagt: Jetzt geht"s nach Leistung, dann nützt das weniger der Lehre; denn wer mißt die Leistung? Publish and Perish heißt es dann; und im Effekt wird man keine andere Universität haben.

Was würden Sie denn raten?

Zum Beispiel könnten die Dekane, die am dichtesten am Geschehen dran sind, über Mittel und Zeit - die beiden Dinge, die ein Professor braucht - ihre Aufsichtsfunktion wahrnehmen. Wenn man Faulenzer über Einschränkungen bei Freisemestern oder eine Benachteiligung bei der Mittelvergabe zum Laufen brächte, wäre das schon ein Weg. Aber, daß das Gesamtschiff Universität sich nicht bewegt, liegt nicht nur an den Professoren, sondern auch an den riesigen Verwaltungsapparaten, die natürlich den Teufel tun, sich so zu bewegen, daß ein Arbeitsplatz überflüssig wird.

Also: Reformen durch Spardruck?

Es gibt keine Korporation in dieser Welt, die bereit wäre, sich reformerisch zu bewegen, wenn nicht irgendeine Form des Außendrucks kommt, in diesem Fall leider durch den Knüppel der Finanzminister. Die Frage ist jetzt: Wie weit geht der Druck? Ich meine, er muß so weit gehen, daß wirklich einschneidende Dinge passieren. Meines Erachtens muß die Gruppenuniversität zum Beispiel, als sehr verdienstvolle, aber nunmehr nach 30 Jahren in einer schnellerlebigen Zeit überholte Form, aufgegeben werden gegenüber einer mehr mit Managementstrukturen und wie ein wirtschaftliches Großunternehmen geführten Universität. Die Gruppenuniversität ist in einem gewissen Umfang notwendig politisiert; und die Frage, wer in einer solchen Universität Präsident, wer Vizepräsident, wer Dekan ist, darf nicht von politischen Überlegungen abhängig sein; dann ist es immer nur ein Zufall, wenn ein guter Mann an die Stelle kommt. Vielmehr muß das von Qualitätskriterien abhängig gemacht werden; da müssen Leute hin, die das Geschäft wirklich gelernt haben. Jetzt sind nach wie vor fast alle Präsidenten, die ich kenne, mehr oder weniger Laienschauspieler. Viele von ihnen haben durchaus Managementfähigkeiten, sind aber keine gelernten Manager.

Sie kritisierten einst an den Ost-Hochschulen, daß dort nach der Wende die Zweitrangigen des Westens und die Seilschaften des Ostens triumphierten. Was würden Sie heute über die Universitäten im Osten sagen?

Ich will mir nur ein Urteil über Brandenburg erlauben. Der Unterschied der dortigen Universitäten zu den West-Universitäten liegt heute nicht so sehr im Ost-West-Gegensatz, sondern vor allem darin, daß sie eben dabei sind, spezifische Profile auszuprägen. Brandenburg ist meiner Meinung nach am schlimmsten dran von allen Bundesländern. Es hat drei Universitäten gegründet, kann sich eigentlich nur eine leisten und dennoch auf keine verzichten, zum Beispiel auf die Viadrina in Frankfurt (Oder) nicht, weil dort sehr viele Polen studieren. Das Modell der Viadrina mit ihrer grenzüberschreitenden Funktion kann man durchaus den Universitäten des Westens empfehlen, zum Beispiel der Universität Saarbrücken. Die Universität Potsdam muß aus Hauptstadtgründen erhalten werden. Jetzt hat man den schrecklichen Zustand, daß man sie am ausgestreckten Arm verhungern läßt, weil kein Geld mehr da ist.

Dabei gab es mal große Pläne für das Zusammengehen mit Berlin.

Aber nachdem die Brandenburger so unverfroren waren, nicht mit den Berlinern vereinigt werden zu wollen, mauern natürlich die Verwaltungen. Es sind selbstverständlich die Administrationen, die das verhindern. Das sind ja nicht die Einsichtigen an den Universitäten. Daß die Freie Universität mit Potsdam in irgendeiner Weise zusammengelegt, eine Universität mit zwei Standorten und neustrukturiert werden muß, drängt sich ja fast jeder Hausfrau auf; dazu muß man nicht Wissenschaftspolitiker sein. Aber sie schaffen es nicht, weil man sagt: Jetzt werden wir den Brandenburgern auch nicht einen Zipfel mehr gönnen.

"Wer hat schon die Gabe,
ständig neue Ideen zu
produzieren und gleichzeitig
ein guter Lehrer zu sein?"

Sie haben als Akademiepräsident eine ganz eigene Sicht auf die Berliner Wissenschaftslandschaft. Was soll hier geschehen? Soll künftig die Universität von der Lehre dominiert werden, während die Forschung an Einzelinstitute und Akademien abwandert?

Die außeruniversitäre Forschung ist in Berlin sehr stark und teilweise auch sehr gut. Das wird sich auch verstärken. Ich bin auch dafür, den Universitäten die Lehre anzuvertrauen und sie mehr oder weniger auch darauf zu beschränken. Man kann aber eine strenge Trennung nicht vorschreiben. Sie können den Universitätsprofessoren das Forschen nicht einfach verbieten. Es ist selbst der Partei in der DDR nicht geglückt, die Forschung nur an der Akademie zu konzentrieren und den Universitäten lediglich die Aufgabe zuzuweisen, die allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit zu erziehen. Daß aber die Zweiteilung im Prinzip etwas ist, das man tendenziell anstreben sollte, daß man auch die Lehrerbildung - vor allem die der Grundschullehrer - wieder aus den Universitäten herausnehmen soll, weil das einfach zu einer Aufblähung geführt hat, an der die Unis heute noch laborieren - das wäre schon eine Gesamtsicht der Dinge, die man haben kann.

Wäre es nicht die große Chance für die Universität, in Lehre und Forschung dem Anspruch nach einem universalen Blick gerecht zu werden? Wie steht es mit der Interdisziplinarität?

Ich glaube nicht, daß die Forschung an der Universität eine allzu große Chance hat, und schon gar nicht interdisziplinäre Forschung. Ich meine, man ist ja in den letzten 50 Jahren auch nicht auf diese Idee gekommen und hieß schon immer Universität. Es fehlt einfach an diesem Gefühl der Verpflichtung zur Kooperation über das gemeinsame Sitzen im Akademischen Senat hinaus.

Aber in der Lehre könnte man durchaus die interdisziplinären Potenzen der Universität nutzen. Stichwort: Studium generale.

Das ist richtig. Die Lehre könnte das. Aber man macht es so, wie es auch die Forschung macht. Es gibt eine Ringvorlesung, und jeder redet über sein Fachgebiet, und das Gesamte ist dann das Interdisziplinäre, das im Kopf des Studenten oder Hörers stattfindet. Es findet aber nicht auf dem Podium statt.

Fördert die Wissenschaftsakademie diese Interdisziplinarität?

Die Verstärkung der Kooperation zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und universitären Lehrstationen, das wäre eine Zukunftsforderung. Zur Zeit lehre ich als Akademiepräsident zum Beispiel an der Humboldt-Universität; das ist natürlich viel zu wenig. Hinzu kommt, es sind von allen Berliner Universitäten Professoren auch Mitglieder der Akademie; und es gibt in der Akademie sogenannte Interdisziplinäre Arbeitsgruppen, in denen wirklich zusammengearbeitet wird. Was ich zum Beispiel über die DDR weiß, das habe ich nicht als Wissenschaftsratsvorsitzender in der Evaluation gelernt, sondern in einer Arbeitsgruppe über Wissenschaft und Wiedervereinigung, in der ich seit drei Jahren Mitglied bin.

Sind Sie noch immer für Studiengebühren?

Ich hatte sie als Vorsitzender des Wissenschaftsrates durchsetzen wollen, und zwar mit den wesentlichen Einschränkungen, daß ihre Einführung sozialverträglich sein muß, also mit großzügigen Stipendien oder Rückzahlungs-Freistellungen verknüpft. Es darf nicht zu einem Numerus clausus aus sozialen Gründen kommen. Der andere Punkt war, daß das Geld tatsächlich den Universitäten zufließt. Unter diesen beiden Voraussetzungen bin ich natürlich nach wie vor ein energischer Vertreter von Studiengebühren.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen

zur person

Prof. Dieter Simon

1935 in Ludwigshafen am Rhein geboren; Rechtshistoriker und Philosoph; 1967 Habilitation über spätantikes Prozeßrecht.

1968 Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Rechtsgeschichte an der Universität Frankfurt.

1989-1993 Vorsitzender des Wissenschaftsrates, des zentralen bundesdeutschen Beratungsorgans in Wissenschaftsfragen. Unter Simons Vorsitz wurden in den neuen Bundesländern sechs Universitäten, 48 Hochschulen und 120 Institute mit etwa 15 500 Wissenschaftlern evaluiert. Simon wurde als scharfzüngiger Kritiker der deutschen Universität bekannt.

Seit 1995 ist er Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
(Foto: Inge Kundel-Saro)

Leserbrief an die Berliner Zeitung


E-MailGästebuchWir über unsSuchenHilfeHome

Ein Service von Berliner Zeitung, TIP BerlinMagazin, Berliner Kurier und Berliner Abendblatt. © 2000 G+J BerlinOnline GmbH