Krysmanski Publikationen

 
 

H.J. Krysmanski

Produktionsweise(n)

(vollständiger Text in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hg. Hans-Jörg Sandkühler, Hamburg 1990)

 

1. Zur Verwendung des Begriffs

Die Verwendung des Begriffs P. ist (wie bei ähnlichen Begriffen) in der marxistischen Wissenschaft und Politik noch immer stark ritualisiert. Auch dort, wo der Begriff in einem fortgeschrittenen Theoriemilieu auftaucht, z.B. in der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus oder in der Vor- und Frühgeschichte (cf.Herrmann), geht von ihm selbst kaum mehr erkenntnisaufschließende Kraft aus; das mit ihm Gemeinte wird vorausgesetzt und nicht in die theoretische Bewegung einbezogen.

Nun ist es sicherlich eine Funktion von Kategorien im theoretischen Prozeß, eine gewisse Sicherheit des Zusammenhangs, eine Hintergrundpräsenz von Totalität zu garantieren. Aber gerade diese Funktion ist nur zu realisieren, wenn in der Entwicklung des theoretischen Zusammenhangs der Status der zentralen Kategorien in der Konkurrenz zu anderen gesellschaftstheoretischen Ansätzen ständig kontrolliert und angereichert wird.

 

2. Lexikalische Definition

P.n sind Formen des regelhaften systemischen Zusammenspiels (der Produktion und des Zusammenwirkens) von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Sie treten nicht rein auf, sondern bilden, insbesondere auf weltgesellschaftlicher Ebene, ein System der P.n, in welchem z.B. Reste älterer und Keime neuer struktureller Lösungen des gesellschaftlichen Grundproblems der optimalen sozialen Entfaltung der Produktivkräfte präsent sind.

Es lassen sich verschiedene Dimensionen des Systems der P.n unterscheiden: die ökologische Dimension bezieht sich auf die Regelung der Rolle der Produktivkräfte im Stoffwechselprozeß Natur-Gesellschaft; die technologische Dimension bezieht sich auf die Regelung der Rolle der Produktivkäfte in der Gestaltung der Produktionsverhältnisse; die ökonomische Dimension bezieht sich auf die Regelung der Rolle der Produktionsverhältnisse bei der Produktivkraftentwicklung; die soziologische Dimension bezieht sich auf die Regelung der Rolle der Produktionsverhältnisse bei der Entfaltung gesellschaftlicher Differenzierung.

Die vier logischen Möglichkeiten des Verhältnisses Produktivkräfte-Produktionsverhältnisse (PK/PK, PK/PV, PV/PK, PV/PV) erlauben eine Sicht auf die historische Entwicklung des Systems der P.n, die auf (sukzessive?) Entwicklungsschwerpunkte achtet: etwa von der Entfaltung des Subsystems der Arbeitsgegenstände (Hervortreten des Planeten als Arbeitsgegenstand, dessen gesellschaftliche Zurechtlegung) über die Entfaltung des Subsystems der Produktionsmittel (Ausgestaltung des Werkzeuggebrauchs bis zur Einbeziehung der menschlichen Arbeitskraft als Werkzeug), die Entfaltung des Subsystems der Produktivkräfte (Organisierung eines Verhältnisses zwischen Produktionsmitteln und freier Arbeitskraft) bis hin zu einer Entfaltung aller Dimensionen in einem globalen System der P.n, welches sich auf eine 'Gesamtlösung' der ökologischen, technologischen, ökonomischen und soziologischen Probleme des Stoffwechselprozesses Natur-Gesellschaft zubewegt.

 

3. Geschichte des Begriffs

Der Begriff der P. wird durch Marx in der Analyse der kapitalistischen P. (Das Kapital) zur prinzipiell leistungsfähigsten theoretischen Kategorie für Periodisierungsversuche und Epochenbestimmungen.

Marx hat den Begriff der P. vermutlich von Buret und Schulz übernommen. Die Einsicht, daß die 'Organisation des industriellen Mechanismus' der Angelpunkt gesellschaftlicher Entwicklung ist, war auch von Fourier, Saint-Simon und Condorcet schon formuliert worden, ohne daß die Schlußfolgerung, dies müsse als das 'Wesen' des geschichtlichen Menschen betrachtet werden, schon gezogen wurde. Der Gedanke einer stufenmäßigen Entwicklung der P. war ebenfalls schon präsent (Schulz...).

Die entscheidende Erkenntnis von Marx "bestand darin, daß die Individuen nicht nur ihre Subsistenzmittel, sondern gleichzeitig die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Produktion erzeugten und reproduzierten. Die Produktion der gesellschaftlichen Verhältnisse war Resultat und zugleich Bedingung der von ihm als 'Modus der Herstellung der Produkte', 'Art, den Lebensunterhalt' zu gewinnen gefaßten 'P.'." (Jaeck, In: Engelberg/Küttler 1978, 65; vgl. auch MEW 4, 104f., 130) Die 'angewandte Energie der Menschen', so Marx, ist allein begrenzt "durch die Umstände, in welche die Menschen sich versetzt fiinden, durch die bereits erworbenen Produktivkräfte, durch die Gesellschaftsform, die vor ihnen da ist, die sie nicht schaffen, die das Produkt der vorgehenden Generation ist". (MEW 27, 452)

Der vieldeutige Begriff des 'Verkehrs', mit dem Marx und Engels in der 'Deutschen Ideologie' die soziale Seite der P. und Produktionsverhältnisse überhaupt umschreiben, wird in den Begriffen der allgemeinen und besonderen Verkehrsformen auf die Kategorie der P. zugeschnitten. Im allgemeinen Sinne ist danach 'Gesellschaft', gegenüber dem Staat, "die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhandenen Produktivkräfte bedingte und sie wiederum bedingende Verkehrsform"; sie ist "der wahre Herd und Schauplatz aller Geschichte". (MEW 3, 36) P., als 'allgemeine Verkehrsform', ist hier identisch mit Basis, "Basis des Staats und der sonstigen idealistischen Superstruktur". (ebenda)

"Als besondere Verkehrsformen lassen sich im Sinne von Marx und Engels sowohl die historischen Stufen der Gesellschaft als auch die 'Verkehrsverhältnisse' bestimmen, auf deren Gesamtheit diese historischen Stufen jeweils beruhten (Organisationsformen der Arbeit, Formen des Eigentums, Formen der Konsumtion und Distribution, soziale Organisationsformen wie Familie, Stamm, Stand, Klasse, Nation), ferner, in Anknüpfung an Saint-Simon, die Formen des Erwerbs der Subsistenzmittel überhaupt (Krieg, Ausbeutung, Arbeit)." (Jaeck, In: Engelberg/Küttler 1978, 66) Seit 1847 findet sich bei Marx und Engels, als 'terminologische Reduktion'(Jaeck) des Begriffs der Verkehrsformen, die neue Kategorie der P., die alle Verhältnisse bezeichnen soll, "in denen die Produktivkräfte sich entwickeln". (MEW 4, 140) Mit dieser Formulierung ist auch die wesentliche Differenz zum Begriff der Produktionsverhältnisse (der terminologischen Reduzierung von 'Verkehrsverhältnisse') bezeichnet: während diese sich auf das zentrale Verhältnis von Produktionsmitteln und Arbeitskraft beziehen, bezieht sich die Kategorie der P. auf das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, also auf die gesellschaftliche Basisstruktur insgesamt.

Marx wehrt zwar ausdrücklich ab, daß seine "historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa" den Rang einer "geschichtsphilosophische(n) Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges" beanspruchen könne, "der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden, um schließlich zu jener ökonomischen Formation zu gelangen, die mit dem größten Aufschwung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit die allseitigste Entwicklung des Menschen sichert." (MEW 19, 111) Doch hat Marx mit dem Kapitalismus sozusagen die Produktionsweise aller Produktionsweisen analysiert, das Plateau für alle künftigen (welt)gesellschaftlichen Entwicklungen. Die bürgerliche Gesellschaft "ist die entwickeltste und mannigfachste historische Organisation der Produktion. Die Kategorien, die ihre Verhältnisse ausdrücken, das Verständnis ihrer Gliederung, gewährt daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktionsverhältnisse aller der untergegangenen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut, von denen teils noch überwundne Reste sich in ihr fortschleppen, bloße Andeutungen sich zu ausgebildeten Bedeutungen entwickelt haben usw." (MEW 13, S.636) Die Kategorie der P. und ihre Entwicklungsvorstellungen enthalten also auch die Möglichkeit einer künftigen assoziierten P. (MEW 25, 456), einer gesellschaftlichen Organisation der wirklichen Ökonomie: "Die Ersparung von Arbeitszeit gleich Vermehren der freien Zeit, d.h. Zeit für die volle Entwicklung des Individuums, die selbst wieder als die größte Produktivkraft zurückwirkt auf die Produktivkraft der Arbeit." (Grundrisse o.J., S.599)

So der Ausdruck P. "eine wissenschaftliche Abstraktion, Hervorhebung und Summierung der entscheidenden Merkmale der gesellschaftlichen Produktion." (Varga 1982, S...) P.n sind nicht unveränderlich. "Hauptursache ist die Entwicklung der Produktivkräfte, die auf einer bestimmten Stufe die Grundlagen der bestehenden Produktionsverhältnisse untergräbt und in ihrem Schoße die Keime der kommenden P. entstehen läßt, welche letzten Endes zur herrschenden wird. Gerade diesen steten Veränderungen stellte Marx die - natürlich nicht absolute - Beständigkeit der asiatischen, insbesondere der indischen Wirtschaftsform gegenüber." (Varga, ebenda) - P.n haben disktinkte soziale Dimensionen, vor allem Gewaltverhältnisse haben historisch immer eine Rolle gespielt. "Der Einfall der germanischen Stämme in das Römische Reich beschleunigte den Übergang von der Sklavenhalter- zur Feudalordnung; die europäischen Kolonisatoren schufen in Amerika eine neue, auf Sklavenarbeit beruhende kapitalistische Wirtschaft; die Eroberung Indiens durch England zerstörte die Wirtschaftsordnung Indiens oder beschleunigte deren Zerfall usw." (Varga, ebenda)

Für die historische Untersuchung der Abfolge von P.n sind deshalb griechische Polisdemokratie und Römisches Reich 'Axialzeiten'. Für die Saint-Simonisten etwa bildete das Gewaltverhältnis der Sklaverei die erste Stufe der auf 'Ausbeutung des Menschen durch den Menschen' gegründeten 'Zivilisation', die erste Stufe der Gesellschaftsbildung (Jaeck, a.a.O., 85; Doctrine des Saint-Simon, 215, 225) Nicht zuletzt "in der Ablösung der antiken durch die feudale Produktionsweise sahen Marx und Engels ihre Revolutionstheorie, ihre Theorie der durch den Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erzwungenen Veränderung der Eigentumsformen in einer Periode vielgestaltiger sozialer, politischer und ideologischer Kollisionen bestätigt." (Jaeck, a.a.O.) Neben dem Wissen um Vorgeschichte und Verlauf der Revolution von 1789 ging gerade auch das Wissen um die "Totalität von Kollisionen, als Kollisionen verschiedener Klassen, als Kollision des Bewußtseins, Gedankenkampf etc., politischer Kampf etc." (MEW 3, 64f.) im Entstehungsprozeß der Feudalgesellschaft in ihre Revolutionstheorie ein.

Schon in seiner Untersuchung des russischen Kapitalismus hat Lenin auf den revolutionstheoretischen Implikationen des Begriffs der P. bestanden. Plechanow hatte die Termini 'kapitalistische Produktionsverhältnisse' und 'kapitalistische P.' synonym gebraucht. Lenin insistiert, daß man 'für Programmzwecke' konsequent den letzten Begriff verwenden müsse, weil nur dieser auf etwas "Abgeschlossenes und Ganzes" hinweise LW 6, 30). Umwälzung oder Revolutionierung kann nur den Gesamtzusammenhang von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die Basis in diesem Sinne betreffen; alles andere wäre Reform.

 

4. Zur gegenwärtigen Diskussion des Begriffs

Es ist kein Wunder, daß der Begriff der P. insbesondere bei den strukturalistischen Marxisten Interesse gefunden hat. Als Struktur von Strukturen, für die Althusser den Begriff der Matrix prägt, als determinierte und determinierende Struktur fasziniert die widersprüchliche Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, weil sich hieraus gewissermaßen automatisch eine Vorstellung gesellschaftlicher Totalität zu ergeben scheint. Nach Althusser und Balibar etwa lassen sich "alle weiteren Grundbegriffe des historischen Materialismus, die zunächst einmal die historisch unspezifische Triefenstruktur von Geschichte erfassen sollen, im theoretischen Verweisungszusammenhang der zentralen Kategorie der 'P.' als Unterstrukturen oder Funktionsgrößen einführen". Im Anschluß hieran entwickelt Balibar die Begriffe der gesellschaftlichen Reproduktion und des Übergangs zwischen P.n: Reproduktion als ein aus geschichtsinvarianten Elementen (Unterhaltsfonds der Arbeit, Teilung der Produktion in Produktions- und Konsumtionsmittel) zusammengesetztes Beziehungssystem, dessen historisch spezifische Struktur jeweils durch die P. festgelegt ist; Übergangsform zwischen zwei P.n als der besondere Typ einer P., in der die ökonomische Achse der Produktivkäfte anders strukturiert ist als die der Produktionsverhältnisse. (Honneth 1977, S.429)

Die Schwierigkeit, ausgerechnet den Begriff der P. für eine strukturalistische oder auch systemtheoretische Rekonstruktion des Historischen Materialismus zu reklamieren besteht u.E. darin, daß anders als etwa die Begriffe Produktionsmittel, Arbeitskraft, Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse der Begriff der P. bereits in einem außerordentlichen Maße mit "sozialen Qualitäten", mit den Aktivitäten der Subjekte identifiziert werden muß. Im Begriff der P. sind gerade nicht mehr die objektiven Produktionsfaktoren das Entscheidende, sondern gewissermaßen die voll entfalteten gesellschaftlichen Handlungspotentiale der Gesamtarbeitskraft und die voll entfalteten Arbeitsverhältnisse als Kern des 'Sozialen'.

Für die Analyse des globalen Systems der P.n ist die Frage nach der Entwicklungs- und Funktionsfähigkeit des Kapitalismus nach wie vor entscheidend. Die Ausbreitung der kapitalistischen P. zu einem Weltsystem muß nicht nur durch die verschiedenen Varianten der Imperialismustheorie verfolgt werden; die Entfaltung antisystemischer Bewegungen auf allen Ebenen hat auch die Klassentheorie herausgefordert (Wallerstein et al); außerdem gilt es die Rolle bestimmter internationaler Erscheinungen wie transnationale Konzerne, internationale Organisationen, aber auch Verbrechenskartelle zu untersuchen.

Als ein weltweites System jedenfalls trägt die kapitalistische P. die widersprüchliche Entwicklungsdynamik zwischen enormen Produktivitätssteigerungen und privater Profitwirtschaft - trotz Sinkens der Durchschnittsprofitrate - nach wie vor so aus, daß die Profite der privaten Monopole steigen. Dieses Kunststück wurde seit der vollen Ausentfaltung der kapitalistischen P. immer wieder - bei Weiterentwicklung des Wertgesetzes und der regulierenden Mechanismen des Marktes - durch gesellschaftliche (trans-ökonomische) Formen der Austragung des Widerspruuchs zwischen der Vergesellschaftung der Produktion und der privaten Aneignung unbezahlter Mehrarbeit zuwege gebracht. Diese gesellschaftlichen Formen und Strukturen - ob es sich dabei um die Monopole, Staatsaktivitäten, den Militär-Industrie-Komplex oder bestimmte Aspekte der Zuarbeit durch die Gewerkschaften handelte - müssen das Interesse der soziologischen Analyse auf sich ziehen, gerade weil sie allesamt eben nicht nur dem Management der Krise der kapitalistischen P. dienen, sondern auch, wenn nicht ökonomisch, so doch gesellschaftlich, Momente des Übergangs in eine neue Gesellschaftsformation enthalten.

Das wichtigste dieser Momente ist die Zunahme der Möglichkeit bewußter Steuerung und Planung ökonomischer und gesellschaftlicher Prozesse, die Entstehung gesellschaftlicher Planung als der Möglichkeit der Beteiligung aller Gesellschaftsmitglieder an der zweck- und sinnvollen Gestaltung ihres Lebens. In den Funktionen und Aktivitäten der Monopole, Gewerkschaften, Militär-Industrie-Strukturen und Staatsapparate finden sich dabei zwei wesentliche Tendenzen gesellschaftlicher Planung: die eine richtet sich als Organisationsplanung auf Prozesse in gesellschaftlichen Teilgebilden und Organisationen (Betriebe, Massenorganisationen), die andere als Systemplanung auf den gesamtgesellschaftlichen Systemzusammenhang. (Vgl. Krysmanski 1982, S.14f)

Logisch lassen sich auch innerhalb der kapitalistischen P. einschließlich der in ihr sich bereits entfaltenden sozialistischen P. folgende Dimensionen der Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen unterscheiden: 1. die Perspektive auf die Produktivkräfte im Stoffwechselprozeß Natur-Gesellschaft (Ökologie); 2. die Perspektive von den Produktivkräften her auf die Produktionsverhältnisse; 3. die Perspektive von den Produktionsverhältnissen her auf die Produktivkräfte; 4. die Perspektive auf die Produktionsverhältnisse als den Kern des 'Sozialen' und also auch als den Ausgangspunkt einer sozialen Ökonomie. Alle diese Dimensionen zusammen konstituieren eine 'Produktionsöffentlichkeit' (Negt u. Kluge 1981). Wir konzentrieren uns auf die Dimensionen 2 und 3.

Beziehungen oder Funktionsverhältnisse zwischen den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, in denen steuernde, verändernde, hemmende und revolutionierende Wirkungen vor allem von den Produktivkräften ausgehen, können unter dem Aspekt der Organisations- und Systemplanung als Dimension der Technokratie bezeichnet werden. An der Bewegung des Zusammenhangs Produktivkräfte-Produktionsverhältnisse sind verschiedene gesellschaftliche Kräfte beteiligt, die sich aus der Perspektive des Produktivkraftsystems auf die entwickelten gesellschaftlichen Erscheinungsformen von Produktionsmitteln und Arbeitskräften, also auf Monopole und Gewerkschaften reduzieren lassen. Es stellt sich also die für die Bestimmung des Reifegrades einer P. wie der kapitalistischen entscheidende Frage, inwieweit Monopole und Gewerkschaften aus gegensätzlichen Interessen gegenüber den Kräften der Produktivkraftentwicklung auf die krisenhaften, widersprüchlichen und antagonistischen Prozesse im Kapitalismus Einfluß nehmen. Hier ließe sich mit einem sehr präzisen Begriff der Technokratie operieren, da es um Steuerungs- und Planungseinflüsse geht, die auf der Grundlage der technologischen Struktur, des gesellschaftsstrukturell umgesetzten wissenschaftlich-technischen Fortschritts ausgeübt werden. Dies alles spielt sich im Milieu von Branchenstrukturen (sektoraler, regionaler Wirtschaftsstruktur) und gesamtgesellschaftlich etablierten Strukturen der Produktionsorganisation, also insgesamt in der Industriestruktur, ab. (vgl. Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel!) Die technokratischen Einflüsse auf den strukturellen Zusammenhang des Systems der P.n können, unter den gegebenen Kräfteverhältnissen, auf den Begriff der Mobilmachung des Produktivkraftsystems durch die Monopole gebracht werden. Gesondert davon müssen Einflüsse betrachtet werden, welche aus den Handlungs- und Verhaltensweisen von sozialen Gruppen stammen, die Beziehungen in bezug auf den Produktionsprozeß eingegangen sind - Einflüsse aus der Sozialstruktur. Solche Krisensteuerungs- und Planungsversuche aus der in ökonomischen Beziehungen stehenden Bevölkerung, die man in sinnvoller Analogie zur Technokratie als demokratische Einflüsse auf das System der P.n bezeichnen könnte, sind in der realen Situation des Kapitalismus heute einerseits als Mobilmachung der Produktionsverhältnisse durch die Monopolbourgeoisie, als 'ihre Demokratie', und andererseits als Kampf um die Demokratisierung der Produktionsverhältnisse zu verstehen.

Dabei wird es für den Kapitalismus und seine Nutznießer immer wichtiger, die sozial- und gesellschaftsstrukturellen Potentiale, die in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen stecken, für die Verteidigung des Gesamtsystems zu aktivieren. So wird verständlich, weshalb heute im Grunde das ganze Gewicht, die ganze Herrschaftsmacht des Kapitals sich auf die Bemühung richtet, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen als das Natürlichste von der Welt erscheinen zu lassen und die gesamte Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Pflege der Sachkapitalentwicklung, auf die Schaffung günstiger Bedingungen für private Investitionen zu richten. Dagegen steht zunächst einmal die sozialstaatliche Alternative im weitesten Sinne. Im Sozialstaat wird der staatsmonopolistische Kapitalismus den Entfremdungsprozessen in gewisser Weise entfremdet, durch Beplanung und Betreuung von Betroffenen. Diese Alternative ist ein Ergebnis der Kämpfe der Arbeiterbewegung, aber auch ein Resultat des monopolistischen Interesses an befriedeten gesellschaftlichen Zuständen. Die bei der Verfolgung sozialstaatlicher Ziele auftretenden Planungswidersprüche (Mies 1986) motivieren demokratische soziale Bewegungen.

 

5. Forschungsproblem

Neben dem Problem der Reinheit (Varga) von P.n, also der Frage des Nebeneinanderbestehens von Überresten und Keimen oder sogar von dauerhaft konkurrierenden Produktionsmodi ist das Problem des Übergangs von der kapitalistischen zur sozialistischen P. das entscheidende.

Die Marx'sche Formulierung des grundlegenden Entwicklungsgesetzes des Historischen Materialismus ist eindeutig: es sind die Produktivkräfte, es ist die Entfaltung des gesellschaftlichen Handlungspotentials der Arbeitskraft, welche die Formen und Regeln der Produktionsverhältnisse immer wieder sprengen und damit den Übergang zu neuen P.n und schließlich zur 'wirklichen Ökonomie' erzwingen. Ebenso klar ist, daß für die Tatsache der Oktoberrevolution, also für den faktischen politischen Übergang zu sozialistischen Produktionsverhältnissen in einem industriell unterentwickelten Land, theoretische Erklärungen und Entwicklungsstrategien gefunden werden mußten.

Die heute anstehende wichtigste Forschungsfrage ist, ob die 'schöpferische und dialektische' Anwendung des Marxschen Entwicklungsgesetzes bis zur Formulierung eines Ausnahmegesetzes führen mußte: "Eine Ausnahme bildet die sozialistische P.; in der kapitalistischen Ordnung wachsen nur die Voraussetzungen für den Übergang zu sozialistischen Verhältnissen heran, die sozialistische Produktion selbst ist jedoch nicht im Rahmen des Kapitalismus möglich." (Varga 1982, S.49) Diese von Lenin entworfene (LW, Bd.33, S.466) und von Stalin (1952, dt.Ausgabe, S.74) dogmatisch festgeschriebene und seither mit geradezu scholastischer Akribie den verschiedensten politischen Konstellationen angepaßte Aufhebung des Marx'schen Entwicklungsgesetzes erweist sich heute als voreilig, verkürzt und der realen Entwicklung im globalen System der P.n nicht angemessen.

 

 
 

Literatur usw. vgl. den entsprechenden Artikel in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hg. Hans-Jörg Sandkühler, Hamburg 1990

 

 
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