Krysmanski Publikationen

 
 

H.J.Krysmanski

Entwicklung und Stand der klassentheoretischen Diskussion

(vollständiger Text in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hg. Hans-Jörg Sandkühler, Hamburg 1990)

1. Zum Begriff

Der Gebrauch des Begriffs Klassen in der Alltagssprache kann nach allem, was um ihn in der Alltagspolitik vorgefallen ist, nicht unbefangen sein. Noch immer legt er eine Scheidelinie durch die politische Welt. Aber die Lage scheint sich zu entspannen.

Als Klassen begreifen sich größere Menschengruppen im Prozeß des Klassifizierens und des Identifizierens. Der Begriff zielt auf Gruppenbeziehungen, in denen Subjektivität (Handlungen) und objektive Gesetzmäßigkeiten (Strukturen) unauflöslich ineinanderwirken. Im Medium des Klassenbegriffs läßt sich am erfolgreichsten der Frage nachgehen, wie das Werden gesellschaftlicher Sachverhalte aus dem Zusammenwirken und Handeln der Menschen zu erklären ist. Oder anders formuliert: das Verhältnis von Akteur und Geschichtsgesetz, das in philosophischen Grundfragen wie "Mensch und Geschichte", "freier Wille oder Vorbestimmtheit", "Souveränität oder in Ketten geschlagene Kreatur" problematisert wird, ist soziologisch in den Begriffen der "Klasse an sich" und der "Klasse für sich" am genauesten getroffen (Bergner u. Mocek 1986, S.22ff.).

Die Operation des Klassifizierens verbindet alle Wissenschaften und wissenschaftlichen Vorgehensweisen; doch trennt die gesellschaftswissenschaftliche "Klassenbildung" von der naturwissenschaftlichen, daß sie immer auch eine gesellschaftliche Beziehung beinhaltet, in welcher der Beobachter vom Beobachteten beobachtet wird.

Methodologisch ist der Klassenbegriff einer der schwierigsten Begriffe: "Wenn Klasse die Antwort ist, was ist dann die Frage?" (Erik Olin Wright) Die Frage lautet vermutlich: Was tun? "Klasse ist ein Begriff, der sich im Kampf und in der Entwicklung herausbildet." (W.I.Lenin 1961, Bd.30, S.505)

Klassen definieren sich in Relation zu anderen Klassen und nur so. Die Entdeckung der Klassentheorie besteht darin, daß Grundrelationen zwischen "Hauptklassen" antagonistischen Charakter haben, also weder symmetrisch noch reziprok sein können. Die Grundlage dieses antagonistischen Verhältnisses ist die geschichtlich entstandene, sehr persistente Struktur der Ausbeutung. Der Ursprung der Ausbeutung liegt in der gesellschaftlichen Organisation des Produktionssystems (Wright 1985).

Klassen sind gesellschaftliche Akteure, die in einem relationalen System antagonistischer Interessen und Strukturen das historische Problem der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, das in der gesetzmäßigen Entwicklung der materiellen gesellschaftlichen Produktion entstanden ist, mit- und gegeneinander in strukturierten und strukturierenden Kollektivhandlungen austragen.

 

2. Geschichte des Begriffs

Die eigenständige geschichtliche Dimension des Klassenbegriffs erwächst aus der Frage, wie historisch-gesellschaftliche Akteure sich und ihre Kontexte selbst begriffen haben und ob es im theoretischen (Selbst-)Verständnis kollektiver Akteure einen Fortschritt gibt. Es ist schon ein Unterschied, ob Philosophieprofessoren sich als Verkörperung des Weltgeistes verstehen, ob Prediger von Heilslehren, auserwählte Völker, Dynastien, große Einzelne, Verschwörungen und Geheimbünde, Gott und Teufel als subjektive Kräfte des Geschichtsprozesses angesehen werden oder ob die gesamte Sozialstruktur als ein dynamisches Handlungspotential im historischen Prozeß der "Selbstschöpfung des Menschen" begriffen wird.

Während der französischen Revolution drängte sich der Bourgeoisie der Gebrauch des Klassenbegriffs geradezu auf. Versuche (seit Martin Luther), den Begriff Stand auf die Fahne des "vorwälzenden bürgerlichen Heerbaums" (Herrnstadt) zu schreiben, waren an der semantischen Ambivalenz des Standesbegriffs gescheitert: es war nie klar geworden, ob das Bürgertum nur ebenfalls "von Stand" (adlig) sein wollte, oder ob dieser "neue Stand" das Ende jeglicher Standesordnung anstrebte.

Im entstehenden liberalen Klassenbegriff wurden nicht nur die ökonomischen, sondern auch die kulturellen, sozialen und natürlich die politischen Dimensionen berücksichtigt. Manche seiner Momente waren widersprüchlich, wiesen über die Interessen des Bürgertums hinaus. So sprach Henri de Saint-Simon in seinen "Briefen eines Genfer Einwohners an seine Zeitgenossen" von "verschiedenen Abteilungen (fractions) der Menschheit, die ich in drei Klassen teile": "Die erste...marschiert unter dem Banner des Fortschritts des menschlichen Geistes. Sie setzt sich zusammen aus Gelehrten, Künstlern und allen Menschen, die liberale Ideen haben." - "Auf dem Banner der zweiten Klasse steht: keine Neuerungen! Alle Besitzenden, die nicht zur ersten Klasse gehören, gehören der zweiten an." - Die dritte Klasse, die Besitzlosen, forderte Saint-Simon auf: "Meine Freunde! Bis heute haben die Reichen keine andere Beschäftigung gehabt, als Euch zu kommandieren. Zwingt sie, Euch aufzuklären und zu unterrichten. Sie lassen Eure Arme für sich arbeiten. Laßt Ihr ihre Köpfe für Euch arbeiten." (Saint-Simon 1865f., Bd.15, S.26)

Auch Lorenz von Stein sah, daß die industrielle Arbeit eine neue Klassenpersönlichkeit zu prägen begann und daß das Privateigentum an Produktionsmitteln zu Abhängigkeiten, zum "Widerstreit zweier Klassen" (1959, S.253), zu disruptiven sozialen Spannungen führte. Er legte der preußischen Regierung liberale Reformen und eine auf Konfliktregulierung zielende Rolle des Staates nahe. Aber letztlich waren die Liberalen "Realisten": "Das moderne Europa wurde im Kampf der verschiedenen Gesellschaftsklassen geboren...Der Kampf zwischen ihnen (wurde) nicht zum Ausgangspunkt von Stagnation, sondern zu einer Ursache für den Fortschritt." (Guizot 1828, 7.Vorl., S..29)

Mit der klaren (und brutalen) Formulierung der eigenen materiellen Interessen durch das Bürgertum - Guizot: "Schule des Egoismus" und "Bereichert Euch!" - geriet die Moral gewissermaßen auf die Seite der Volksmassen. Die "Klasse der Unglücklichen, die die unverschämten Reichen als Lumpenpack bezeichnen" (Marat), wurde zum sozialen Boden, aus dem der proletarische Klassenbegriff erwachsen konnte. Der vormarxistische Kommunismus sah sich geradezu als Inbegriff einer auf Moral gegründeten Theorie und Ordnung. Das Zusammenwirken von Jakobinern und besitzlosen Massen (Sansculotten) in der französischen Revolution hatte außerdem bereits die gesellschaftliche Erfahrung einer "maximalen Entfesselung der Volksinitiative" (Herrnstadt 1965, S.183f.) in die Geschichte gebracht. Babeufs Insistieren auf der Eigentumsfrage, Fouriers Utopie der solidarischen Produktion ("Anziehung aus Leidenschaft"), Blanquis Orientierung des Arbeiterkommunismus auf den massenhaften, bewaffneten Aufstand des Proletariats fügten sich zu einem ganzen Gebäude des vormarxistischen Sozialismus/Kommunismus (Höppner u.a. 1987).

Entscheidend war auch, daß die Saint-Simonisten und Owenisten durch ihre optimistische Beurteilung moderner Großproduktion den Kommunisten einen Begriff von den progressiven ökonomischen Potenzen der maschinellen Industrialisierung verschafften. Die negativen Erfahrungen der arbeitenden Menschen mit der neuen Produktionsweise (Massenruin kleiner Existenzen, Arbeitslosigkeit und verschärfte Ausbeutung) wurden allmählich durch die Hoffnung auf die sprengende Wirkung der neuen Produktivkräfte ergänzt (Höppner u.a. 1987, S.306).

1842, in der öffentlichen europäischen Debatte um die ersten Arbeiteraufstände in Frankreich und die erste gesamtnationale Arbeiterbewegung, den Chartismus in England, beginnt sich auch Karl Marx als Redakteur der "Rheinischen Zeitung" eingehender mit dem Sozialismus und Kommunismus zu befassen. Neben französischer Literatur stehen ihm u.a. Wilhelm Weitlings Hauptwerk "Garantien der Harmonie und Freiheit" (1842) und Lorenz von Steins Bericht "Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreich" (1842) zur Verfügung. Später wird Marx schreiben: "Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet." (MEW, Bd. 28, S.508)

Nach Marx bestimmt die ökonomische Basis einer Gesellschaft ihre gesamte Sozialstruktur und das Bewußtsein der Menschen, die in ihr leben - "letztinstanzlich". Die Dynamik des sozio-historischen Wandels entfaltet sich aus dem Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Eigentum bzw. Nichteigentum an den Produktionsmitteln ist das wichtigste Kriterium für Klassenzugehörigkeit. "Die Bourgeoisie selbst entwickelt sich erst mit ihren Bedingungen allmählich, spaltet sich nach der Teilung der Arbeit wieder in verschiedene Fraktionen und absorbiert endlich alle vorgefundenen besitzenden Klassen in sich (während sie die Majorität der vorgefundenen besitzlosen und einen Teil der bisher besitzenden zu einer neuen Klasse, dem Proletariat, entwickelt) in dem Maße, als alles vorgefundene Eigentum in industrielles oder kommerzielles Kapital umgewandelt wird." (Marx u. Engels 1953, S.394) Der Klassenantagonimus ist die normale und unausweichliche Situation der kapitalistischen Gesellschaft. Aber: "Die einzelnen Individuen bilden nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andere Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber." (Ebenda, S.395) Ausbeutung (Abschöpfung des Mehrwerts) ist der zentrale Bezugsprozeß für Klassenbildungen, auch für den Übergang von "Klassen an sich" zu "Klassen für sich", wie ihn etwa das Proletariat durch die Bildung von Gewerkschaften und Massenparteien vollzieht. Das allgemeine Klima der kapitalistischen Gesellschaft wird dadurch bestimmt, daß mit der "Verwertung der Sachenwelt" die "Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis" zunimmt (Marx 1966, S.52). Klassenkampf mündet in einen revolutionären Prozeß, wenn die objektiven Bedingungen und die subjektive Bereitschaft zusammenfallen. Sowohl an der Basis - durch die funktionale Unabdingbarkeit der Lohnarbeit - als auch im Überbau - durch den Übergang der Klassenauseinandersetzungen auf die staatliche Ebene - reifen diese Bedingungen heran. Vor allem aber die inneren Widersprüche des kapitalistischen Ausbeutungs- bzw. Verwertungsprozesses - Gegenstand einer epochemachenden Analyse in "Das Kapital" - führen zur Krise des Kapitalismus. Wann und wie die "Endkrise" eintrifft, ist offen. Vielleicht hat Friedrich Engels nur hundert Jahre zu früh geschrieben, daß "zum ersten Mal, seit die Arbeiterbewegung besteht, ...der Kampf nach seinen drei Seiten hin - nach der theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen (Widerstand gegen den Kapitalisten) - im Einklang und Zusammenhang und planmäßig geführt" wird (Engels 1974, S.23).

Im übrigen ist diese Klassentheorie nicht verständlich ohne ihre Utopie: Die Entwicklung zum Kommunismus ist im Wesen Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (was Aufhebung der Arbeitsspezialisierung und Absterben des Staates - aber auch den Abbau psychosozialer Abhängigkeiten - impliziert): "Damit bricht die auf Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht." (Marx 1959, S.593)

Die Entwicklung der Arbeitszeit, der Arbeitsteilung und schließlich der Prozeß der sozialen Differenzierung insgesamt (bis hin zu Individualisierungen unter hochvergesellschafteten Bedingungen) sind ein höchst widersprüchlicher Vorgang, und es nimmt nicht wunder, daß in ihm die Soziologie ihren zentralen Gegenstand gefunden hat. Emile Durkheim vor allem sieht die disruptive Seite der (demographischen) Bevölkerungsentwicklung unter industriekapitalistischen Bedingungen: steigende Konkurrenz um Lebenschancen, Gefahr der Zerstörung des solidarischen Zusammenhangs der Gesellschaft. Für ihn steckt in zunehmender Arbeitsteilung aber auch die Chance, über vertragsmäßige Beziehungen ("Vertrauen in das Spezialistentum des anderen") neue Formen der Solidarität zu entwickeln. Darüber hinaus wendet er sich der "sozialen Tatsache" eines über das Individuelle hinauswirkenden "Kollektivbewußtseins" zu. Diese Fragen, die bei Durkheim auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang (auf dessen funktionale "Normalität" bzw. "Pathologie") zugeschnitten sind, werden auch bezüglich der Probleme von "Klasseneinheit" und "Klassenbewußtsein" relevant.

Die Marxisten der II.Internationale (1889-1914) waren mit den gleichen gesellschaftlichen Prozessen, welche die Entwicklung der Soziologie beflügelten, konfrontiert: durch Staatsaktivitäten und monopolistische Zusammenschlüsse rapide beschleunigtes Wachstum der kapitalistischen Industriegesellschaft (Imperialismus), durch eine lange Friedensperiode in Europa ausreifende, komplizierter werdende Formen der Klassenauseinandersetzung (Verbindung des ökonomischen mit dem politischen, des demokratisch-parlamentarischen mit dem sozialistisch-außerparlamentarischen Kampf; Abwehr anarchistischer Gewaltkonzepte, aber auch des Opportunismus in vielfältiger Form). In direkter Auseinandersetzung mit dem Ökonomismus führender Theoretiker der II.Internationale, die Ergebnisse der entstehenden Soziologie kritisch rezipierend und die kulturell-moralischen Aspekte des Klassenkampfes hervorhebend, arbeiteten Lenin und die Bolschewiki ihre Klassen-(und Partei-)Strategie für ein rückständiges Land aus - und ihre Erfahrungen an der "Peripherie" wurden fruchtbar für die Imperialismustheorie.

Unter dem deprimierenden Eindruck des Auseinanderbrechens der internationalen Solidarität der Arbeiterbewegung bei Kriegsausbruch 1914 ("Burgfrieden") und der dabei zutage tretenden Integrationskraft der nationalen Bourgeoisien wurde es nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch zu einer ungeheuren Herausforderung, am Postulat des prinzipiellen Klassenantagonismus festzuhalten. Nur wenige der "deutschen Linken" (nicht mehr Karl Kautsky, wohl aber Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg) haben, in einer kontinuierlichen Debatte mit Lenin, aus dieser Spannung noch revolutionäre Lehren ziehen können.

Der revolutionäre Erfolg aber stellte sich am Rande, in Rußland ein. Klassentheoretisch bleibt die Oktoberrevolution ein Grundproblem, das nur in Richtung auf eine Analyse des "Weltklassensystems" gelöst werden kann (vgl. Wallerstein). Eine entsprechende Theorie des Gesamtsystems der Klassen ist außerordentlich kompliziert: zu den innerkapitalistischen Klassenverhältnissen traten das internationale Klassenverhältnis zwischen Kapitalismus und Sozialismus und die innersozialistische Entwicklung sowie schließlich die spezifischen Klassenverhältnisse in der "Dritten Welt". Die theoretische Strategie der Vereinfachung lag nahe. So beharrte N.I.Bucharin (1922, S.325f.) bezüglich des Kapitalismus auf dem Zweiklassenmodell - nicht ohne, auch mit dem Blick auf die eigene Gesellschaft, gleichzeitig noch Zwischenklassen (Geistesarbeiter), Übergangsklassen (Handwerker, Bauern), gemischte Klassen (Arbeiter mit etwas Land) und deklassierte Klassen (Lumpenproletariat) zu unterscheiden.

Auch Lenins berühmte Definition von 1919 muß als Abstraktionsversuch verstanden werden, um in der Komplexität des Geschehens den roten Faden nicht zu vergessen: er definierte Klassen bekanntlich als "große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils von Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen", und als "Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft" (Lenin 1961, Bd.29, S.410).

Die gesellschaftliche Entwicklung verlangte seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein gründliches Überdenken aller Fragen der Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung und vor allem des Problems einer revolutionären proletarischen Partei. Massenparteien mußten Abstriche bei den theoretischen und organisatorischen Fähigkeiten ihrer Mitglieder machen. Lenins "revolutionäre Partei neuen Typs" sollte die bewußtesten Vertreter der Arbeiterklasse als "Vortrupp" organisieren und mittels der Organisationsprinzipien des demokratischen Zentralismus (und der innerparteilichen Demokratie) besonders schlagkräftig, überzeugend und auch für die Bewältigung der internationalen Aufgaben der Arbeiterbewegung geeignet machen. Heute zeigt sich, daß eine Weiterentwicklung dieses Organisationskonzepts notwendig - und nur durch die Einbeziehung der Gedanken Antonio Gramscis zu leisten - ist.

Die Bedeutung der Aktivitäten des Überbaus - von der Mode bis zur Ideologie und Moral - für die Erhaltung, Entwicklung und Überwindung (Revolution) von Klassenherrschaft ist das zentrale Thema Antonio Gramscis (Gramsci 1971, 1980, 1983; Buci-Glucksmann 1981). "Man muß das Terrain kennen" (Gramsci), auf dem nicht nur durch Zwang, sondern zunehmend durch Konsensbildung (Konsens- bzw. Hegemonieapparate) um die Massen gerungen wird. In der Weiterentwicklung des Leninismus übt Gramsci scharfe Kritik am Ökonomismus der II.Internationale. Er entfaltet eine Theorie der Parteien und insbesondere der Partei der Arbeiterklasse, deren Kern die Auffassung ist, Parteien seien "kollektive Intellektuelle". In der politischen und kulturellen "Hegemonie-Krise" (Lenin: revolutionäre Krise) sind es die (organischen) Intellektuellen (der Hauptklassen), die den Klassen organisatorische Kohärenz und Klassenbewußtsein verschaffen. Staats- und Revolutionstheorie entwickeln sich bei Gramsci aus der präzisen Verarbeitung der Erfahrungen mit der Oktoberrevolution und mit dem Faschismus. Im Westen ist der Klassenkampf vom "Bewegungskrieg" zum "Stellungskrieg" geworden - mit wachsender Bedeutung von Bündnissen, Kompromissen, intellektuell-moralischen Momenten. Im Anschluß an Lenin breitet sich die Einsicht aus, daß die Revolution im Osten (in Rußland) leicht zu beginnen, aber schwer zu vollenden, im Westen hingegen schwer zu beginnen, aber leicht zu vollenden ist. So gilt es, nach Gramsci, für den Weltzusammenhang des Klassenhandelns eine komplexe Einheit von politischem und wissenschaftlichem Kampf herzustellen (Massenaktionen plus theoretische Arbeit), die eigenständige materielle Struktur des Überbaus (der Hegemonieapparate) zu erforschen und, wegen der Bedeutung des Alltagsverstandes in den Konsensbildungsprozessen, von voreiligen Vorstellungen über die "Einheit von Theorie und Praxis" Abstand zu nehmen.

Eugen Varga hat, von der politökonomischen Analyse der labilen kapitalistischen Basis herkommend, schon in den zwanziger Jahren den Blick auf die Zunahme der staatlichen Regulierung, auf "eine bis ins einzelne gehende Einmischung des Staates in die Wirtschaft zugunsten der herrschenden Klassen im allgemeinen, des Monopolkapitals und der Großagrarier im besonderen" gelenkt (Varga 1934, S.85). Die klassenpolitischen Folgen ähneln sich in beiden historischen Formen der verstärkten staatlichen Wirtschaftsregulierung: sowohl die "Reform von oben" des Rooseveltschen "New Deal" als auch die staatskapitalistische, mit einem umfangreichen Militarisierungsprozeß verbundene faschistische "Befehlswirtschaft" (Deutschland, Italien, Japan) führten zu einer Erweiterung der Kapitalistenklasse um führende Angehörige der Staats-(und Militär-)Bürokratie, zu militärisch-industriellen Herrschaftskomplexen.

Die Arbeiterklasse, unter dem ungeheuren Druck dieser Entwicklung stehend und durch den Zweiten Weltkrieg dezimiert, wird seitdem von vielen Sozialwissenschaftlern/Intellektuellen mit ohnmächtigem Mitleid begleitet (Frankfurter Schule etc.). Dies umso mehr, als mit dem Stalinismus, der sozialistischen Reaktion auf der ganzen Linie, Perspektiven dem Überleben geopfert wurden.

Stalin reagierte - auch in seinen Beiträgen zur Theorie (Stalin 1954) - auf die Tatsache, daß es im Westen nicht zu revolutionären Situationen gekommen war. Folglich mußte die Sowjetunion, auf sich selbst gestellt, mit allen politischen (und militärischen) Mitteln die ökonomische Basis für den Sozialismus allein schaffen. Alle staatlichen, sozialen, kulturellen und intellektuellen Aktivitäten wurden auf diese Ziele der Schwerindustrialisierung und rapiden Modernisierung ausgerichtet. Hinzu kam die Notwendigkeit, die Sowjetunion gegen die äußeren Feinde zu verteidigen. Stalins "Weiterentwicklung" des Leninismus führte auf allen Ebenen und in vieler Hinsicht zu Formen eines administrativen Systems und einer Zentralverwaltung, welche unter den spezifischen Bedingungen der Sowjetunion den "national security state" vorwegnahmen, wie er, in weniger leicht durchschaubarer Ausprägung, nach dem Kriege auch in den Vereinigten Staaten entstand. In beiden Fällen bedeutete dies: Einbetonierung der Klassenbeziehungen durch eine breite Bürokratenschicht.

Das Weltsystem der Klassen ist hinsichtlich der beiden "klassischen" Lager des Kapitalismus und des Sozialismus - ganz im Unterschied zu den dramatischen Klassenbewegungen in der "Dritten Welt" - erst in jüngster Zeit (und in einem tieferen Sinne ausgehend von der Sowjetunion) wieder in Bewegung gekommen. Dort sieht man nach den "revolutionären Erschütterungen infolge der Oktoberrevolution" und nach der "grundsätzlich neuen internationalen Atmosphäre" im Gefolge der Zerschlagung des Faschismus eine nicht mehr national begrenzte, sondern "weltweite Notwendigkeit zu neuem politischem Denken". (IMSF (Hg.), Perestroika, 1988) Zur Begründung für die Bemühungen um ein neues politisches System wird unumwunden zugegeben, daß es zu einer Vorkrisensituation im Bereich des administrativen Systems und der Zentralverwaltung gekommen war. Dies aber gilt (Symptom sind die neuen sozialen Bewegungen) auch für die westlichen admininistrativ-industriell-militärischen Komplexe.

Nicht zuletzt aus der Sowjetunion kommen, unter einer neuen Symbiose von Sozialwissenschaft und Politik, Anstöße zu einer anwendungsorientierten Klassenanalyse. So wird an die letzten Äußerungen Lenins aus den Jahren 1922 und 1923 erinnert, daß Sozialismus eigentlich das Wirtschaften von zivilisierten Genossenschaftlern bedeute (ebenda, S.78). Damit ist die Notwendigkeit der weltweiten Diskussion von Eigentumsformen impliziert; damit wird auch auf die Notwendigkeit der Kultivierung von Lebensstilen bis in die Arbeits- und Produktionsweisen hinein hingewiesen. Und es ist keine Frage, daß die Zivilisierung des Wirtschaftsprozesses den Abbau der monopolistischen und vor allem staatlichen Regulierung ermöglichen und daß überhaupt ein Progreß der Zivilisation bestimmte Staatsfunktionen überflüssig machen könnte.

 

3. Nicht-marxistischer Forschungsstand

Marxistische Klassentheorie und erfahrungswissenschaftliche Sozialstrukturanalyse sind durchaus, wie etwa Theodor Geiger Anfang der dreißiger Jahre demonstrierte, miteinander zu verbinden. Er sprach von einer "genetisch der kapitalistischen Wirtschaft zuzuschreibenden Bevölkerungsschichtung", welche "über den Bereich der Wirtschaft hinaus auch dem gesamten 'öffentlichen' Leben überhaupt, ja den Vergesellschaftungen intimster Natur bis zu Geselligkeitsverein und Familie hin nach Lebensform und Zusammensetzung das Gesicht gibt." (Geiger 1930, S.380) Er führte diesen Ansatz der Untersuchung des Zusammenhangs von Klassenlage und handlungsbezogener subjektiv-psychischer Verfassung bis zur methodischen Reife, allerdings, im Zuge der Zeit, schließlich unter Aufgabe des Konzepts der Klassengesellschaft, die er im "Schmelztiegel" (doch wohl der Integrationskraft des staatsmonopolistischen Kapitalismus) versinken sah (Geiger 1949).

Antworten auf den marxistischen Klassenbegriff durchziehen die Entwicklung der Soziologie als sichere Nebenerwerbsquelle. Durkheim hatte mit der funktionalen Betrachtung der sozialen Differenzierung einen ersten Akzent gesetzt. Max Weber folgte mit der Spiritualisierung des Klassenhandelns. Talcott Parsons versuchte in seinem umfangreichen Werk, das er als Antwort auf den Marxismus insgesamt verstand (Gouldner 1974, Jensen 1980) jene frühen Ansätze zu integrieren und zugleich einen theoretischen Rahmen für die seit den dreißiger Jahren verstärkt einsetzende Schichtungs- bzw. Stratifikationsforschung zu liefern. Diese war notwendig geworden, um die sozialen Differenzierungsprozesse funktional zu halten und um Planungswissen für das "New Deal" und vor allem für die Nachkriegsordnung zu produzieren (Gordon 1963, S.10f.). Auch wurde an einem "Mythos der Mittelklassen" (Gouldner 1974, S.162; Parker 1973), an Ideologemen einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Schelsky) gewoben, um mögliche Klassenspannungen schon auf ihrem ersten Spannungsfeld, dem "middle ground", strategisch in den Griff zu bekommen.

Auch in der Bundesrepublik inspirierte die amerikanische Stratifikationsforschung etliche Untersuchungen (Janowitz 1958, Mayntz 1958, Moore u. Kleining 1960, Bolte 1963). Mit einer heute kaum mehr verständlichen Begeisterung aber wurde der erste nachkriegsdeutsche Beitrag zur allgemeinen soziologischen Theorie begrüßt, Ralf Dahrendorfs "Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft" (1957). Der Titel versprach das lange Verdrängte und der Anspruch, das 52. (Klassen-)Kapitel des 3. Kapital-Bandes vollenden zu wollen, hörte sich gut an. Im Ergebnis allerdings variierte Dahrendorf lediglich die "Schmelztiegel"-These in Richtung auf das Herrschaftsproblem: der Klassenantagonismus sei aus dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang in eine beliebige Vielzahl von kleinen Herrschaftsverbänden in allen Lebensbereichen ausgewandert; zwar interessiere weiter "jene besondere Form des strukturverändernden Konflikts, die getragen wird von Herrschaftsverbänden entspringenden Aggregaten oder Gruppen" (i.e. Klassen), doch wird Strukturwandel immer deutlicher nicht mehr als Umwälzung, sondern als in vielen Rinnsalen verlaufende allgemeine Bewegung von "Interessengruppen" begriffen. Es bleibt also bei der funktionalistischen Betrachtungsweise.

Der gesteigerte Planungsbedarf in allen westlichen Industriegesellschaften führte zu einer Flut von sozialstrukturellen Bestandsaufnahmen. Angeregt durch den "Planning-Programming-Budgeting"(PPB)-Ansatz der amerikanischen Regierung und durch die Notwendigkeit, sich in der "postindustriellen" Gesellschaft sozialpolitisch nicht so leicht quantifizierbarer (etwa weil nicht im Erwerbsleben stehender) Personengruppen anzunehmen, kommen beispielsweise (auch klassenanalytisch nicht uninteressante) Sozialindikatoren-Forschungsprogramme (SPES, Lebensqualität) in Gang. Die zunehmende politische und sozialpolitische Relevanz soziologischer Sozialstrukturanalysen führt über sozialstatistisch fundierte Schichtungs- und Mobilitätsforschungen zeitweise zurück zu einem allgemeinen Interesse am marxistischen Klassenkonzept, vor allem am Begriff der Arbeiterklasse (Klima 1979, S.243ff.).

Wahltaktische und konsenspolitische Kalküle regen eine breite und intensive Gramsci-Rezeption von Links bis Rechts an (Glotz 1986; die Gruppe G.R.E.C.E. in Frankreich). Als sich allerdings - nicht zuletzt wissenschaftsorganisatorisch - das Programm "Marx ohne Marxisten (und vor allem ohne Kommunisten)" nicht durchhalten läßt, verschwindet auch recht schnell der Begriff der Klasse wieder aus dem Arsenal der Sozialstrukturanalyse - die sich eben auch über Moden reguliert. Doch hat sich, mit Fragestellungen, welche die entwickeltsten Problemstellungen der marxistischen Klassenanalyse widerspiegeln, eine umfassende sozialhistorische Sozialstrukturforschung, die zudem auf eine beachtliche (oft vergessene) Tradition zurückblicken kann, herausgebildet (Mommsen 1966, Kocka 1979, Conze u. Lepsius (Hg.) 1983, Mooser 1983).

Moderne Sozialstrukturanalysen halten überdies fast durchweg am Prinzip der Mehrdimensionalität fest, beziehen also ökonomische, politische, kognitive und psychologische Faktoren in die Analyse ein. Sie versuchen sich zumindest indirekt an einer Synthese von Marx und Weber. Auch ist eine Abkehr von der wertneutralen, klassifizierenden Betrachtungsweise hin zu sozialreformerischen, an der Bearbeitung sozialer Ungleichheit interessierten Ansätzen zu beobachten (Parkin 1971, Mayer u. Buckley 1976, Hörning 1976, Handl u. Meyer u. Müller 1977, Hradil 1977, Bornschier 1981, Kreckel (Hg.) 1983, Herz 1983, Florian 1985).

Ein noch kaum ausgewertetes Reservoir für klassentheoretische Anregungen stellt im übrigen die US-amerikanische Elitenforschung dar (R.Rilling, unveröff.Mskr.). 1953 erschien Floyd Hunters "Community Power Structure", 1956 C.Wright Mills' "Power Elite". Die Sozialstrukturforschung war zu jener Zeit in Anhänger einer Theorie der "Klassenkonvergenz" (D.Riesman, William W.Whyte, J.K.Galbraith, etwas später D.Bell, R.Nisbet, Kurt Mayer, Raymond Aron, Harold Wilensky) und Anhänger einer Theorie der "Klassenstabilität" (Suzanne Miller, Frank Riessman, Herbert Gans, Richard Hamilton, Maurice Zeitlin) gespalten. Die gesamte Soziologen-Gemeinde war irritiert, als Mills behauptete, daß die amerikanischen Institutionen-Eliten eng untereinander verknüpft, auf nationaler Ebene vernetzt und damit zu einer schlagkräftigen, unangreifbaren Machtelite geworden seien. Diese Kohäsionsthese des "power structure research" (Hunter) wurde zum Ärgernis der konkurrierenden pluralismustheoretischen Positionen, ohne daß eine überzeugende Widerlegung gelang.

Nicht-marxistische Versuche, den historischen Atem des Klassenbegriffs zu bewahren und die von der Klassentheorie aufgeworfenen allgemeinen Entwicklungsfragen neu und anders zu stellen, sind selten. Anthony Giddens (1979) nutzt, auf dessen frühbürgerliche Wurzeln zurückgreifend, den Klassenbegriff, um die "heutige Konfrontation zwischen kapitalistischen und staatssozialistischen Gesellschaften" - und damit die Epoche - besser zu verstehen. Beide Gesellschaftsformen hätten, entgegen allen Konvergenzvorstellungen, eigenständige (nicht allein auf ökonomische oder technologische Komplexität zurückführbare) "Klassenstrukturierungen" entwickelt. Der Kapitalismus sei seinem Wesen nach eine Klassengesellschaft - die Klassenstrukturierung sei aber beispielsweise in den USA nur gering ausgeprägt. Die Fähigkeit der Arbeiterklasse, "an der Spitze des revolutionären Umsturzes zu stehen", gebe es wohl kaum noch. Vielmehr sei die kapitalistische Gesellschaft erst überall dort voll entwickelt, wo die Legimität allgemeiner Tarifverhandlungen anerkannt und das Wahlrecht (und Mitbestimmungsrecht) der Arbeiterklasse garantiert ist. Demgegenüber litten die "staatssozialistischen" Gesellschaften unter dem "Paradox des Sozialismus": "dem Zusammenprall zwischen dem Prinzip der Regulierung der Produktion gemäß den menschlichen Bedürfnissen und dem Prinzip der Aufhebung bzw. Reduktion der ausbeuterischen Herrschaft des Menschen über den Menschen" (Giddens 1979 S.24). Giddens' Prognose für die Überwindung des Dilemmas zwischen Rationalisierung der Gleichheit und Rationalisierung der Freiheit verschwimmt in wohlwollender Ratlosigkeit.

Radikaler geht Ulrich Beck dem Konzept der Klassengesellschaft zu Leibe (1986, zur Kritik vgl. Dörre 1988). Für ihn hat ein "kollektives Mehr" an Einkommen, Freizeit und sozialer Sicherheit in den reichsten Industriestaaten zum "Umbruch im Verhältnis von Arbeit und Leben" geführt und die lebensweltliche Evidenz von Klassen und Schichten wesentlich gemindert. Zwar werde Lohnarbeit zur immer allgemeineren (risikoreichen) Lebensgrundlage, aber gerade deshalb könne sie nicht mehr kollektive Erfahrungen oder gar die Ausbildung von Klassenidentität ermöglichen. Grundtrend sei vielmehr die "Individualisierung", in der gewissermaßen jeder einzelne sein eigenes "Planungsbüro" zur Wahrnehmung von Lebenschancen werden müsse. Die neue "Unmittelbarkeit zwischen Individuum und Gesellschaft" könne nicht mehr zu Klassenhandeln, sondern allenfalls zum Protest und Widerstand "neuer Suchbewegungen" führen. Auch bei Beck ist das Epochensiegel - mit den USA als Prototyp - ein "Kapitalismus ohne Klassen". Vergesellschaftung als "marktvermittelte" gleichzeitige Individualisierung und Standardisierung habe unter den Bedingungen des Wohlfahrtsstaats die beiden Triebkräfte der Klassenbildung - Verelendung und "ständische Vergemeinschaftung" (Weber) - bis zur Bedeutungslosigkeit abgeschwächt. Der "fordistische" Vergesellschaftungsschub der Nachkriegszeit (Hirsch/Roth 1986) habe systemtransformierendes Klassenhandeln entmutigt, die Arbeiterbewegung passivisiert. Arbeitslosigkeit, neue Armut und andere Krisenfolgen würden weitgehend individuell erfahren und verarbeitet. Die epochalen Herausforderungen lägen eher in einer aus den Risiken der modernen Produktivkraftentwicklung herrührenden universellen "Zivilisationsverelendung".

Was Theoretiker wie Giddens oder Beck anbieten, sind im Grunde Theorien der erweiterten Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft, die aus den in der Entwicklung auftretenden Zusatzbedingungen (ob veränderte revolutionäre Situation oder Gefahren der Technikentwicklung) auf die Veränderung des Grundcharakters des Kapitalismus schließen. Pierre Bourdieu macht diesen Fehler nicht, sondern versucht sich an einer historisierenden, subtilen Neufassung des Grundantagonismus von Klassengesellschaften. "Herrschende" Klassen trennt von "beherrschten" Klassen ihre Distanz zur Notwendigkeit; das heißt, sie haben im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung Chancen zur Sicherung ihrer Lebensgrundlagen akkumuliert, die sie von der Notwendigkeit des eigenen Handanlegens befreien. Die Akkumulation von Chancen (des Sich-Distanzierens) kulminiert in der gesellschaftlichen Erscheinung des Kapitals, zunächst und vor allem des ökonomischen Kapitals, schließlich aber auch verschiedener anderer (kultureller, sozialer usw.) Kapitalsorten. Mit diesem Ansatz kann beispielsweise die Tatsache ausgedrückt werden, daß auch im Bildungssystem, zuständig für die Akkumulation von "Bildungskapital", Klassengesellschaft immer präsent ist. Konkurrierende Strategien des Erwerbs der verschiedenen Kapitale bestimmen den gesellschaftlichen Differenzierungsprozeß. Sie verdichten sich auf der Handlungsebene zu individuellen und klassenmäßigen Habitus: d.h. zu Handlungsdispositionen, "strukturierenden Strukturen", die es den Handelnden ermöglichen, "Institutionen zu bewohnen (habiter), sie sich praktisch anzueignen und sie damit in Funktion, am Leben, in Kraft zu halten". (Bourdieu 1987, S.107) Hinzu kommt bei Bourdieu ein Begriff des Verhältnisses zwischen "Logik der Praxis" und "Logik der Logik" (Theorie), der auf der relativen Eigenständigkeit des mythischen, rituellen usw. Alltagswissens gegenüber dem theoretischen Wissen beharrt.

Bourdieus theoretisch-methodologische Grundüberlegungen entstammen empirischen Untersuchungen sozialer Differenzierung und sind vor allem in einer großangelegten Analyse der französischen Klassengesellschaft fruchtbar geworden (Bourdieu 1982). Die Chance der revolutionären Unterbrechung der erweiterten Reproduktion einer Konkurrenzgesellschaft, in der alles um die Akkumulation ökonomischer, kultureller, sozialer usw. Kapitale geht, wird allerdings nur mit dem Hinweis angedeutet, "daß eine abrupte Abkoppelung der objektiven Chancenlage von den unter einem früheren Stand derselben entwickelten subjektiven Erwartungen das Verhaftetsein der beherrschten Klassen, die sich plötzlich objektiv wie subjektiv vom Rennen ausgeschlossen sehen, an den bislang stillschweigend akzeptierten Zielsetzungen der Herrschenden tiefgreifend unterminiert und damit eine wirkliche "Umwertung der Werte" ermöglicht." (Bourdieu 1982, S.276)

 

4. Gegenwärtiger marxistischer Forschungsstand

Die marxistische Klassentheorie ebenso wie der Marxismus insgesamt entwickeln sich in einem Haupt- und mehreren Nebenströmen. Im Hauptstrom - Marx, Lenin, Gramsci - wirkt die "Mission", den Sozialismus aktiv zu realisieren und das heißt, in Verbindung mit der Entwicklung des realen Sozialismus und mit kommunistischen und sozialistischen Parteien zu bleiben. Dort, wo solche Verbindungen nicht möglich sind, bilden sich Nebenströme heraus, die notwendig akademischen Charakter haben. Dazu gehören Dritte-Welt- und Imperialismus-Analysen (P.A.Baran, P.M.Sweezy usw.), historische Analysen entwickelter kapitalistischer Gesellschaften (W.A.Williams, G.Kolko, J.Weinstein, E.P.Thompson), die Frankfurter Schule (H.Marcuse, M.Horkheimer, Th.W.Adorno, J.Habermas, C.Offe) und der französische strukturalistische Marxismus (L.Althusser, N.Poulantzas, M.Godelier, E.Balibar). Im folgenden können nur einige Schwerpunkte hervorgehoben werden.

Das Wertgesetz, das sich im antagonistischen Verhältnis von lohnabhängiger Arbeitskraftverausgabung und kapitalverwertendem Produktionsmitteleigentum entfaltet, wird über den steigenden Vergesellschaftungsgrad der Eigentumsformen (Monopoleigentum, Staatseigentum) und Ausbeutungsformen selbst weiterentwickelt. Hieraus erwachsen schwierige, aber weiterführende Fragen für die Klassentheorie, in denen sie auf die politökonomische Forschung angewiesen ist. Zweifellos wird das "Weltsystem der Klassen" durch die Entwicklung des internationalen Wirtschaftssystems, die Rolle der multi- und transnationalen Konzerne, die Funktion des internationalen Finanz- und Bankenkapitals (z.B. Schuldenproblematik) beeinflußt.

Zugleich ist klassentheoretisch - und das gilt auch für die internationale Seite der Klassenentwicklung - heute ein Übergang von der objektiven zur subjektiven Ebene geboten. "Die marxistische Klassenanalyse konnte ihren Anspruch, die Intensität der Klassenbewegungen zu fördern und politische Orientierungen zu vermitteln, nicht einlösen. Stattdessen dominierten neue Konflikte und Akteure den Bewegungssektor, die sich nur schwerlich in das Klassenkampfszenario einfügen ließen." (Hirsch u. Roth 1986, S.183) Zum entscheidenden Problem wird, daß die Identität der Arbeiterklasse "heute immer weniger durch kollektive Arbeitserfahrungen und immer mehr durch Überzeugungsarbeit" entsteht (Voets u. Stürmann 1987).

Internationale Aggressivität (Vietnamkrieg, Chile) und innere Konflikte (Bürgerrechtsbewegungen, Umstellung auf intensive Reproduktion, "Dienstleistungsgesellschaft") in der kapitalistischen Welt haben seit Ende der sechziger Jahre den Marxismus für viele der betroffenen Gruppen - auch im akademischen Bereich - wieder interessanter werden lassen. Die marxistische Klassentheorie reagiert mit mehr Aufmerksamkeit für sekundäre Klassenmerkmale (Integration des Schichtenmodells in das Klassenmodell) und mit Differenzierungsversuchen innerhalb der Hauptklassen; die Rolle des Staates und anderer politischer Mechanismen bei der Klassenbildung wird stärker beachtet (Hofmann 1969, Semjenow 1973, Jung 1973, IMSF (Hg.) 1973, Projekt Klassenanalyse 1973 Tjaden-Steinhauer u. Tjaden 1973, Herkommer 1975, Krämer 1983).

Ein sicherer Bezugspunkt für klassentheoretische Differenzierungen bleibt die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Sie hat vor allem Folgen für die Bestimmung der Bourgeoisie: hier muß zwischen nichtmonopolistischer und monopolistischer Bourgeoisie unterschieden werden. "An die Stelle der herrschenden Klasse tritt eine herrschende Schicht dieser Klasse, oder noch exakter: eine herrschende Gruppe." (IMSF (Hg.) 1973, S.112) Die Bestimmung der Arbeiterklasse folgt zwar dem klassischen Schema ("jene Erwerbstätigen und ihre Angehörigen, die keine Produktionsmittel besitzen und deren ausschließliche oder vorwiegende Einkommensquelle der Verkauf ihrer Arbeitskraft gegen Lohn oder Gehalt ist" - ebenda S.133), doch verlangen die Erfahrungen der Klassenpraxis nach einer Vermittlung der "objektiven Klassenstruktur" mit der "Heterogenität des Klassenbewußtseins" (Jung 1973). So wird mehr auf die Feingliederung, das neben und zwischen den Klassen entstandene Schichtengefüge (Hofmann 1969, S.35) geachtet, auf "Mittelschichten" wie die Intelligenz, die Bauern, die kleinen und mittleren Selbständigen, die oberen und mittleren Angestellten und Beamten sowie auf deklassierte Schichten und Randgruppen. Außerdem wird die sozialstrukturelle Bedeutung bestimmter Beschäftigtengruppen, sozialer Gruppen bzw. Bevölkerungsgruppen hervorgehoben: Staatsbeschäftigte, Schüler/Studenten, Rentner, ausländische Beschäftigte, weibliche Beschäftigte.

Die Problematik vieler Klassifizierungsversuche besteht darin, daß trotz phänomenologischer Genauigkeit der Systemzusammenhang der Klassenverhältnisse verfehlt wird. Kurzfristige politische Bündnisinteressen können zusätzlich zur theoretischen Unschärfe beitragen. Im Zentrum der Analyse müßte auf der objektiv-strukturellen Ebene aber der immer höhere Vergesellschaftungsgrad der Ausbeutungsverhältnisse stehen, d.h. die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen hinsichtlich ihres Beitrags zur Optimierung der Kapitalverwertung (Krysmanski 1982, S.168-228). In diesem Zusammenhang wird außerdem das Ausmaß der Einbeziehung kultureller und subjektiver (wissenschaftlicher, ästhetischer, emotionaler) Überbauaspekte in die Strategien der Effektivierung der Ausbeutung (z.B. Corporate Culture-Konzept, vgl. Kilmann u.a. 1985) immer wichtiger.

Die (Wieder)Entdeckung des "subjektiven Faktors" durch die marxistische Klassenanalyse ist seit langem von der Frage begleitet, ob Handlungstheorien nicht das schwächste Glied in der Kette des Marxismus seien (Lockwood 1985). Schon die Arbeiten von Lucien Séve und die daran anschließende handlungs- bzw. tätigkeits-theoretische Diskussion, allerdings eher in der Psychologie, haben den Gegenbeweis angetreten. Auch zur handlungs- bzw. tätigkeitstheoretischen Relevanz des Arbeitsbegriffs liegen bedeutsame Untersuchungen vor (Sve 1972, Volpert 1974, Hacker 1976, Autorenkollektiv 1977, Autorenkollektiv 1978).

Soziologisch kann der subjektive Faktor am überzeugendsten aus der Untersuchung des Alltagshandelns und dessen historischer Entwicklung und aus der Analyse realer politischer Handlungen ermittelt werden. Marxistischen Sozialhistorikern wie E.J.Hobsbawn und E.P.Thompson sind durch die minutiöse Rekonstruktion der Klassenentstehung und des Klassenalltags (und der Alltagsökonomie) Einblicke in die Kraft und in das Wirken des subjektiven (der Logik der Praxis verhafteten) Handlungspotentials gelungen, die alle klassenstrategischen Schematismen verblassen machen. Frank Deppes Untersuchungen über den Prozeß der politischen Klassenbildung (Einheit und Spaltung der Arbeiterbewegung) deuten in die gleiche Richtung (Deppe 1981). Auch Untersuchungen der Freizeit-Lebensweise von Arbeitern, über persönliches Kommunikationsverhalten, soziale Verkehrskreise, Wertorientierungen usw. rühren an das (weitgehend "unbewußte") Handlungsreservoir der Klassen (Maase 1984).

Die wissenschaftlich-technische Revolution, die Anwendung neuer Technik als kapitalistische Rationalisierung, die Intensität der betrieblichen Ausbeutung, innere Strukturveränderungen des gesellschaftlichen Arbeitskörpers, Segmentierungen im Beschäftigungssystem usw. haben einen "tiefgreifenden Prozeß der sozialen Umstrukturierung und Neuformierung der Arbeiterklasse" in Gang gesetzt (IMSF (Hg.), Wissenschaftlich-technische Revolution, 1988, S.142, S.145; Dähne 1985). Diese Differenzierungs- und Segmentierungsprozesse verhindern, bezogen auf das betriebliche Geschehen (Betriebseliten vs. Randbelegschaften, geschlechtsspezifische Diskriminierung etc.), zweifellos eine auf kollektiven Arbeitserfahrungen gründende Klasseneinheit. Die Sozialkategorie der "wissenschaftlich-technischen Intelligenz" ist gerade deshalb so schwer zu bestimmen, weil sie die Akteure und Exponenten des Differenzierungs- und Segmentierungsprozesses, die Funktionäre der "Entkoppelung und räumlich-zeitlichen Flexibilisierung der Mensch-Maschine-Beziehung" umfaßt. Das Gemeinsame dieser Gruppe besteht nicht mehr in der gleichen Stellung in der Produktion, sondern in der gemeinsamen Intellektualität ihrer Funktionen.

So sind prinzipiell neue Bedingungen entstanden: "Erstens sind die materiellen Verhältnisse sowie die sozialen und beruflichen Merkmale der verschiedenen proletarischen und anderen Gruppen vielfältiger geworden; zweitens hat die herrschende Klasse heute nicht mehr ein so leicht erkennbares Gesicht." (Diligenski 1982, S.739) Wir müssen von einer Mehrdimensionalität des Massenbewußtseins sprechen. Kollektive Erfahrungen - als Voraussetzung für die eigene Einwirkung auf die Bedingungen - sind in ihrer Struktur und ihren Quellen außerordentlich kompliziert und heterogen geworden: Wirtschaftskrisen führen zu Schwankungen in der Zukunftssicherheit vieler Schichten; die allgemeine politische Situation des linken Spektrums wird schwieriger; es gibt "Rückzüge ins Private"; zugleich "ist heute die Zahl der Personen, die aktiven Handlungen aufgeschlossen gegenüberstehen, bedeutend angestiegen"; stereotype Denkformen haben spürbar an Bedeutung verloren: "neue, ungelöste theoretische und praktische Fragen können die Geschlossenheit der Weltanschauung zerstören und das Schwanken zwischen verschiedenen Lösungen und Schlußfolgerungen verstärken." (Diligenski, S.745ff.)

Daß auch "die herrschende Klasse heute ein nicht mehr so leicht erkennbares Gesicht" besitzt (Diligenski), liegt daran, daß die neuen "professionellen und technischen Klassen" (D.Bell) einerseits das "Zusammenspiel zwischen Menschen und Maschinen" und das "Zusammenspiel zwischen Menschen, die einander um der Erhaltung des Systems willen zu Diensten sind", im Auftrag und auf Rechnung der Ausbeuterklassen organisieren und damit deren Interessen repräsentieren, andererseits aber ein eigenes Interesse an der rational-wissenschaftlichen Steuerung der "Dienstleistungsgesellschaft" haben. Hört mit der wachsenden Bedeutung dieser Gruppen also der Klassenantagonismus auf (Bell 1979) oder setzt er sich auf anderer Ebene fort? Theoretiker wie Bell schwanken selbst, ob nun die "Experten", auf der Basis der Verwissenschaftlichung von Entscheidungsprozessen, oder die "politischen Eliten" (=die unmittelbaren Agenten der herrschenden Klasse), auf der Basis des Mangels an sozialem Konsens (=antagonistische Interessengegensätze), das letzte Wort in der "postindustriellen Gesellschaft" haben. Wie sich die Herrschaftslage klärt, wird, bei ambivalenten Interessenlagen, von den intellektuellen Auseinandersetzungen um die richtige Weltsicht abhängen - von Überzeugungsarbeit.

Die allgemeine Entwicklungsrichtung der Klassenstruktur wird von der relativen Stärke zweier Tendenzen bestimmt: der Expansion der Sektoren mit relativ geringem Proletarisierungsgrad (Staat und Dienstleistungen) und der in jedem Sektor vor sich gehenden Herausbildung einer Arbeiterschicht ohne wesentliche Qualifikationen und ohne Autonomie am Arbeitsplatz. Die erste Tendenz stellt klassentheoretisch das Intellektuellenproblem. Die zweite Tendenz (=Zweidrittelgesellschaft) stellt klassentheoretisch das Problem der Verelendung, des Lumpenproletariats, des "letzten Drittels" (Burawoy u. Skocpol 1982). Beide Evolutionsmomente der Klassenstruktur in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften haben nicht nur etwas zu tun mit Veränderungen im Arbeitsprozeß und in den Staatsaktivitäten, sondern mit Veränderungen in der Industriestruktur. Diese Veränderungen können ihrerseits wiederum nur im Kontext einer sich wandelnden internationalen Arbeitsteilung untersucht werden, die von einem System verschiedener ineinander verschachtelter Produktionsweisen zu einem System internationaler politischer Beziehungen fortschreitet.

Hierzu gehört auch folgendes: die Systemgrenze zwischen Kapitalismus und Sozialismus hat zwar eine enorme Bedeutung für die Entwicklung des allgemeinen Klassenkampfes, die Klassenpraxis auf der Basis differenter Klassenstrukturen aber macht an diesen Grenzen nicht Halt. I.Szelenyi (1982) beispielsweise beschäftigt sich mit dem Intellektuellenproblem in sozialistischen Gesellschaften: im Staatssozialimus werde das Mehrprodukt durch zentrale Staatsapparate angeeignet und verteilt - in Namen wissenschaftlich ermittelter kollektiver Interessen. Damit würden, analog zu den Expropriateuren des Surplus im Kapitalismus, die Intellektuellen, auf der Grundlage ihres für die rationale Verteilung der Güter und Dienste notwendigen wissenschaftlichen Wissensmonopols, allmählich zur "herrschenden Klasse". Sie befänden sich dabei im Kampf mit jener politischen Elite, welche die Staatsmacht in der Phase der "primitiven sozialistischen Akkumulation" - bekannt als Stalinismus - eroberte. Szelenyi kommt damit in einen ähnlichen Widerspruch wie etwa Bell: werden die "Funktionäre des Konsens" nun eine neue politische (Ausbeuter)elite oder vermitteln sie, als "organische Intellektuelle", das Interesse der "Weltarbeiterklasse" an der Realisierung einer kommunistischen Gesellschaft? Ist das Herrschaftsgefälle zwischen der "Klasse der Planer" und der "Klasse der unmittelbaren Produzenten" (Braverman) der Anfang eines neuen Klassenantagonismus oder der Beginn seines historischen Endes?

Die Intellektuellen in der Sowjetunion weisen heute unablässig darauf hin, daß "gerade im 'rein menschlichen' Faktor die akutesten Probleme der Ökonomie" wurzeln und daß mit "dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt...die Rolle dieses Faktors in der Wirtschaft entscheidend" wird (Saslawskaja 1986, S. 155). Die Vermutung steht, daß es um die "Entfesselung des subjektiven Faktors" geht, um die Entfaltung aller gesellschaftlichen Kräfte, die "prinzipiell" durch die Umwälzung der Produktionsverhältnisse, der Eigentumsformen befreit worden sind. Bekämpft werden verengte Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Theorie und Praxis: Vorstellungen wie die, daß "die wirtschaftliche Tätigkeit der Menschen sich vollständig planen und leiten" lasse, daß "die Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft unabhängig von der sozialen Struktur der Gesellschaft, von ihrer Teilung in Klassen, Schichten und Gruppen" sei, daß die Leitung der Wirtschaft "gewissermaßen automatisch, ohne Kampf der Interessen von Menschen" erfolgen könne (ebenda S.157). Kann aber auf der Grundlage der Position, daß im gesellschaftlichen wie im wirtschaftlichen Leben "die Triebkräfte des Verhaltens die (selbstverständlich strukturierten, HJK) persönlichen und die Gruppeninteressen" sind (Saslawskaja), eine "Intellektuellenherrschaft" errichtet werden? Wird hier nicht eher mittels intellektueller Einsicht am Wesen von Herrschaft, wie es sich im kapitalistischen Weltsystem herausgebildet hat, operiert?

Denn das bleibt der Rahmen der Entwicklung: die Entfaltung der kapitalistischen Weltwirtschaft - in Gestalt eines räumlich und zeitlich höchst ungleichmäßigen Prozesses - zum heutigen politischen Staatensystem. Die Entwicklung der Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit hat zu einem komplexen Weltsystem der Klassen, zu einem weltweiten Polarisierungseffekt hinsichlich der Verteilungsstrukturen, zu globalen Klassenbildungsprozessen der Proletarisierung und Verbürgerlichung geführt. Eine Gruppe um I.Wallerstein arbeitet seit einigen Jahren gemeinsam mit sowjetischen Wissenschaftlern an einem historisch-materialistischen Entwicklungsmodell (Wallerstein 1983), das die ungleichmäßige und widersprüchliche Entwicklung von Staaten, Völkern, Klassen und Haushalten unter der Ägide der kapitalistischen Produktionsweise in einen systematischen Zusammenhang mit den komplexen Formen antisystemischer (i.S. antikapitalistischer) Bewegungen bringt, insbesondere seit sie im 19. Jahrhundert bürokratische Organisationen und mobilisierende Ideologien hervorgebracht haben. Durch die Tatsache, daß sich antisystemische Bewegungen schließlich auch auf der Ebene des Staats (Oktoberrevolution) organisiert haben, sei ihre Aufgabe sowohl erleichtert als verwischt worden. So müsse heute ein komplexes Muster antisystemischer Mobilisierung, versetzt mit ständigen Kooptierungsversuchen, analysiert werden. Vor allem habe die Erreichung partieller bzw. vollständiger Staatsmacht die globale (antisystemische) Bewegung in die Zwänge des zwischenstaatlichen Systems integriert. Dennoch seien die antisystemischen Bewegungen als kollektives Ganzes (nämlich als "Weltarbeiterbewegung") signifikant stärker geworden. So gerate die kapitalistische Weltwirtschaft, die im Rahmen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten über mehrere Jahrhunderte gut funktionierte, in eine lange systemische Krise, die als weltweiter Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet werden kann.

Das Bemerkenswerte an dieser Position ist, daß hier amerikanische und sowjetische Marxisten die Weite des Blicks, welche ihr jeweiliges Weltmachtmilieu erlaubt, in eine gemeinsame historisch-systematische Klassenanalyse umsetzen, welche der mit der Oktoberrevolution entstandenen komplizierten Lage Rechnung trägt und zugleich ein klassentheoretisches Verständnis der vielfältigen nationalen, ethnischen Befreiungsbewegungen, der verschiedenen Formen der "labor-force formation" im Rahmen der internationalen Lohnarbeitsteilung usw. erlaubt. Selbst Migrationsbewegungen und die zwischen Nationalisierung und Entnationalisierung schwankende Klassenentwicklung in der "Dritten Welt" sowie das Klassenproblem in sozialistischen Gesellschaften können so eine epochenangemessene Analyse erfahren.

 

5. Forschungsprobleme

Der Klassenbegriff steht für den Marxismus "im Mittelpunkt der Erklärung sozialer Konflikte und des Ablaufs gesellschaftlicher Veränderungen globalen Ausmaßes. Er liefert das Instrumentarium, um Aussagen über die mikrosozialen Bedingungen des individuellen Handelns und der Subjektivität mit einer Makrotheorie sozialstruktureller Umwälzungen zu verbinden." (Wright 1985, S.238) Die Klassentheorie ist in diesem Kontext aufgefordert, die theoretischen Bedingungen dafür zu schaffen, daß gleichzeitig mit Aussagen über Grundstrukturen und grundlegende Determinanten jene Mechanismen aufgedeckt werden, über die sich Modifikationen, Brechungen und Überlagerungen - also jene ungeheure (und verwirrende) gesellschaftliche Komplexität - herausbilden.

In die Mikrosoziologie der Soziallagen und Milieus führende Analysen der nicht-marxistischen Soziologie wären kaum zu übertreffen, wenn der Klassentheorie nicht der Blick auf gesetzmäßige historische Entwicklungen und auf das kapitalistische Weltsystem (das System internationaler Ausbeutung) zur Verfügung stünde. Dieses theoretische Potential hat seine gesellschaftspraktische Entsprechung in der inzwischen massenhaft auftretenden intellektuellen Verarbeitung und Perspektivierung der eigenen individuellen Lage im Bezug auf kollektive Kontexte - welche lokale Solidarisierungen, Hilfbereitschaft und Auflehnung gegen globale Ausbeutungserscheinungen begründen. Das, was etwa Ulrich Beck (allenfalls) mit dem Begriff einer "individualisierten Klassenbildung" erfaßt, ist in Wirklichkeit die Ebene des "theoretischen Klassenkampfes" (Engels). Individualisierung als Entwicklungsprinzip auch in politischen Kämpfen (Beck) ist sicherlich eine empirische Tatsache und ein (klassen)theoretisches Problem. Keineswegs aber ist "Individualismus" die Signatur des Kapitalismus und "Kollektivismus" die des Sozialismus (Abercrombie u.a. 1987).

Die weitere Entwicklung der Klassentheorie wird von der Erfassung des komplexen Systemzusammenhangs jener ökonomischen, sozialen, politischen, kulturellen und psychischen Strukturen und Handlungen abhängen, die zur Ausbeutung des Menschen durch den Menschen führen bzw. die helfen, Unterdrückung und Ausbeutung zu überwinden. Konkret heißt dies, daß in der Klassenanalyse eine größere Komplexität von Kriterien berücksichtigt werden muß. Vor allem folgende: 1. die formelle, rechtliche Stellung zum Eigentum an den Produktionsmitteln, 2. die Stellung im System der Verwertungs- und Verteilungsverhältnisse, 3. die Rolle im System der gesellschaftlichen Macht, 4. die Rolle im System der Herrschafts- und Legitimationsprozesse, 5. soziale Lebenslagen und Differenzierungs- und Mobilitätschancen, 6. soziale, kulturelle, psychische und physische, nicht aus einer bestimmten Gesellschaftsformation heraus zu erklärende Kontinuitäten, 7. das reale Verhalten im System der Austragung von Klassenbeziehungen und Klassenkämpfen (Lötsch/Thomas 1987).

Eine noch so differenzierte, einfallsreiche klassentheoretische Diskussion wäre allerdings überflüssig, hätte der Klassenbegriff im politischen Leben nicht weiterhin seine Rolle. Nach ihr zu forschen ist das A und O der Klassentheorie.

 

 
 

Literatur usw. vgl. den entsprechenden Artikel in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hg. Hans-Jörg Sandkühler, Hamburg 1990

 

 
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