Georg Fülberth

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-Marburg.DE

 

 

  Historischer Materialismus
Eine Autorengruppe um die Soziologen Karl Hermann Tjaden und Margarete Tjaden-Steinhauer in Kassel bemüht sich seit Jahren um eine Reformulierung des Historischen Materialismus nicht gegen den klassischen Marxismus, aber unter Überwindung jener Verengungen, die dieser ihrer Meinung nach unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts, in dem er entstand, von Anfang an aufwies.

Gemeint sind zunächst Friedrich Engels´ „Der Ursprung der Familie, des Eigentums und des Staates" und seine Überlegungen über den Anteil der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen. Jene finde sich auch vorher schon. Beschränke man sich darauf, sei der Mensch zunächst nichts Besonderes gewesen. Sogar die Gesellschaften seien älter als er. Diese werden von Lambrecht/Tjaden/Tjaden-Steinhauer als der Zusammenhang interpretiert, in dem Lebewesen ihren Unterhalt beschaffen, den Nachwuchs aufziehen und ihr räumliches Umfeld sichern. Subsistenz-Organisation, Reproduktion der Bevölkerung und Politik sind für sie bis heute die drei Funktionen von Gesellschaft. Es fällt auf und ist beabsichtigt, daß die bei Marx und Engels zentral stehende Produktion nicht dazu gehört, sondern nur eine Art Unterfall darstellt. Die Bindung von Politik an Klassenherrschaft sei ein zwischenzeitliches historisches Faktum, habe aber nicht allezeit gegolten.

Die Autorengruppe interessiert sich für die Entstehung der solcherart definierten Gesellschaft, bedient sich dabei der Forschungsergebnisse der Prähistoriker und kommt so glatt auf Anfänge vor 1,8 Millionen Jahren. Das ist sogar eher zufällig, da man auf erhalten gebliebene Funde angewiesen ist: die ältesten gibt es in Olduvai im heutigen Tansania. Verläßt man sich auf die anderen für das Thema relevanten Ausgrabungsstätten, so gelangt man erst ganz zum Schluß - nämlich vor ca. 5000 Jahren - dorthin, wo nach überholter Auffassung alles anfing: nach Mesopotamien. Dennoch reicht das Material aus, um den klassischen Kanon des historischen Materialismus zu behandeln, zum Beispiel die Frage nach den Bewußtseinsformen, die der jeweiligen - eben nicht Produktionsweise, sondern: - Subsistenz-, Nachkommensaufzucht- und Territorialgestaltungs-Strategie entsprechen, und nach der Entstehung von Ungleichheit.

Das Büchlein erweckt den Eindruck, unpolitisch zu sein. Nimmt man ihm das nicht ab, eröffnen sich Ausblicke auf eine Kritik des Kapitalismus, für welcher dieser nicht nur deshalb inakzeptabel ist, weil in ihm ausgebeutet wird, sondern weil er Gesellschaft in der Praxis ebenso auf eine Produktionsweise reduziert wie der bisherige Marxismus in der Theorie. Leicht begreift sich, welche Plackerei eine Anwendung des hier vorgestellten Modells auf die schriftlich überlieferte Geschichte bedeuten würde. Insofern kann der hohe Anteil der Kopfarbeit an der Wissenschaft-Werdung des Historischen Materialismus nicht bezweifelt werden.

 

Lars Lambrecht, Karl Hermann Tjaden, Margarete Tjaden-Steinhauer: Gesellschaft von Olduvai bis Uruk. Soziologische Exkursionen. Verlag Jenior und Pressel: Kassel 1998. 280 S., 34,00 DM.

 

In: KONKRET 4/1999, S. 61.