H.J. Krysmanski

 

Über die Befreiung aller Planungsdaten aus den kapitalistischen Computernetzen
mit Hilfe der historisch-materialistischen Entwicklungstheorie

 

I

Vielleicht denken wir alle noch zu sehr wie die Bolschewiken und noch zu wenig wie die Googler, schreibt Chrystia Freeland, ‚global editor at large' von Reuters in einem Artikel mit dem Titel ‚Remaking Government in a Wiki Age'. [1] Für Lenin und die russischen Revolutionäre war das große Thema die machtpolitische Frage nach dem ‚Wer Wen?'. Aber eine wachsende Zahl von Autoren, Aktivisten und sogar Politikern betrachte die gegenwärtige Krise des westlichen Staatensystems durch ein anderes Prisma. Man könne es den ‚Government 2.0-Ansatz' nennen, dessen Grundfrage nicht sei, wieviel die Staaten ausgeben und wie hoch die Steuern sein sollten, sondern wie Regierungen im Informationszeitalter agieren müssen.

Der amerikanische Publizist Don Tapscott (‚Macrowikinomics') beispielsweise verweist seit Jahren auf den immer schärferen Widerspruch zwischen dem Druck, die Staatskosten zu senken, und den Erwartungen der Öffentlichkeit, die staatlichen Leistungen zu optimieren. Er sagt, ein bloßes Herumdoktern an den Symptomen werde nicht funktionieren: „Wenn man über die Einsparung von mehreren Billionen Dollar spricht, ist das nicht bloß eine Diät zur Gewichtsreduzierung, sondern da sollen ganze Organe herausgerissen werden. Wenn wir das aber nicht wollen, müssen wir ganz grundlegend darüber nachdenken, wie Regierungs- und Verwaltungsfunktionen künftig orchestriert und realisiert werden.“

Eine der Lösungen, die Tapscott vorschlägt, ist die Freigabe von Regierungs-(also Planungs- und Entscheidungs-)daten. Diese Informationen könnten dann “auf einer Plattform zur Verfügung gestellt werden, auf der Privatunternehmen, zivilgesellschaftliche Kräfte, andere Regierungsstellen und vor allem die Bürger, die Individuen selbst sich organisieren, um die erforderlichen Dienstleistungen zu produzieren.“ [2]

Die Non-Profit-Organisation ‚Code for America' [3] glaubt, dass die aufstrebende Generation der digital versierten Zwanzigjährigen durchaus in der Lage sein wird, sowohl den Bedarf als auch die Mittel für eine digitale Transformation der Regierungsarbeit zu schaffen. “Diese Generation“, schreibt Chrystia Freeland, „hat gelernt, mit all den Systemen, mit denen sie aufgewachsen ist, kreativ umzugehen und sie neuen Funktionen anzupassen. Und so hat auch ihr Verhältnis zum Regierungs- und Planungshandeln eine neue Qualität auf der Basis neuer Prämissen. ‚We can fix it', dieser Satz signalisiert eine neue Qualität zwischen Regierung und Technikergemeinde (technology community) und deutet auf den Weg, auf welchem Regierungshandeln künftig im Alltag von Nutzen sein und die Individuen selbst in diesen Prozess involvieren kann.“ Die Stipendiaten von ‚Code for America' (letztes Jahr gab es fast 400 Bewerber für 20 Plätze) bringen, so Freeland, nutzer-zentrierte Konzepte und lebendige technische Methoden in eine Regierungs- bzw. Verwaltungspraxis, die bislang von einer Top-down-Bürokratie bestimmt wurde.

Ein ‚2.0-Regierungshandeln' auf der Basis offener Datenplattformen, heißt es weiter, würde die Beziehungen zwischen Bürgern und staatlicher Verwaltung so verändern, wie es manchen Technologieunternehmen schon im Verhältnis zu ihren Kunden gelungen ist. Man habe eben bislang versäumt, ein ‚Bürger-Internet' auszubauen. Dadurch aber könnten die Bürger mit den Verwaltungs- und Planungsfunktionen lokaler und nationaler Regierungen vertraut gemacht werden und dies wiederum würde die Bereitschaft erhöhen, angemessene Steuern zu zahlen.

Ein Beispiel aus der Stadt Calgary, die zu den konservativsten Metropolen Kanadas gehört, zeigt, wie so etwas gehen könnte. Dort wurde vor kurzem mit Hilfe von Internet-Initiativen ein politischer Außenseiter zum Oberbürgermeister gewählt. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, die Haushaltsplanung der Stadt dadurch vom Kopf auf die Füße zu stellen, dass er die Bürger direkt befragte, wie und wofür die öffentlichen Gelder bevorzugt ausgegeben werden sollten. Die Antwort der großen Mehrheit lautete: ‘Maintain my taxes, or increase them, but keep my services.' Daraufhin machte der Bürgermeister alle relevanten Planungsdaten des Haushalts über das Internet öffentlich, legte also die Grundlagen für eine völlig neue Form datengesteuerter kommunaler Entscheidungsprozesse.

Chrystia Freeland schließt ihren Bericht allerdings mit einer Kautele: Eingedenk der Debatte zwischen ‚Leninisten' und Googlern sollte man darauf achten, dass die Begeisterung der Digerati nicht übers Ziel hinausschießt. Auch in einer Epoche des ‚crowd-sourcing' und gigantischer digitaler Datennetze gäbe es noch Interessengruppen und ideologische Gegensätze. Aber schon wenn es gelänge, Regierungshandeln so effektiv und planvoll zu organisieren wie Google seine eigenen Aktivitäten, wäre viel gewonnen.

Die Dinge sind selbstverständlich noch viel komplizierter, als es sich unsere globale Reuters-Redakteurin vorstellen kann. Planung (und gar demokratische Planung) trägt auch im Internet-Zeitalter die ganze Last historischer und gesellschaftlicher Folgen und Nebenfolgen, beabsichtigter und unbeabsichtigter. Deshalb nehme ich den Hinweis auf die Bolschewiki und auf Lenin und damit letztlich auf Geschichte und Gegenwart von Klassenkämpfen ernst, hole tief Luft und im folgenden Abschnitt zunächst einmal weit aus.

 

II

Das Problem hinter aller Diskussion über Planung ist das Problem der Totalität. Wir wissen, dass jeder Eingriff in die Abläufe der Natur weltgesellschaftliche und jeder Eingriff in die Abläufe der Gesellschaft biosphärische Folgen hat. Jeder Schritt gesellschaftlicher Planung erzeugt zudem gesamtgesellschaftliche Erschütterungen, denn Planung bringt Herrschende und Beherrschte zugleich zusammen und gegeneinander auf – so lange jedenfalls, bis Planung zu ihrer wirklichen Form, der Herrschaftsfreiheit, gefunden hat. Planung kann also nicht ohne Rekurs auf Herrschaftsstrukturen und -handlungen diskutiert werden.

Durch Globalisierung und Informatisierung, schreibt Fredric Jameson, werden wir alle - die Linke, die Rechte, die Wirtschaft, die Kultur - mit der Tatsache konfrontiert, dass kein nationales, regionales oder lokales Gebiet oder Gebilde den Zustand der Autonomie oder gar der Subsistenz erreichen oder sich sonstwie vom Weltmarkt abkoppeln kann. Auch die Rettung der Utopie der Herrschaftsfreiheit hat nur eine Chance, wenn die Marxisten „den Gedanken einer globalen Totalität festhalten oder – wie Hegel gesagt hätte – ‘dem Negativen folgen' und so jenen Ort lebendig erhalten, von dem das – unverhoffte – Entstehen des Neuen erwartet werden kann.“ [4] Wobei gesellschaftliche Planung nicht auf das Unverhoffte, sondern auf das Erhoffte setzt.

Anders gesagt: Es ist inzwischen klar, dass wir heute beim Versuch einer Krisenlösung im kapitalistischen Systemchaos die Interkonnektivität aller ökonomischen, politischen, sozialen, kulturellen, ökologischen usw. Probleme – und zwar gleichzeitig, in real time - berücksichtigen müssen. Die Totalität der Probleme ist das eigentliche Problem und die Totalität der Problemlösungen das eigentliche Aufgabenfeld. Es genügt also keineswegs, sich in der linken Planungsdebatte auf Inseln partizipatorischer Wellness zurückzuziehen. Zumal mithilfe der universalen Maschine des Systems der vernetzten Computer es tendenziell tatsächlich möglich wird, Totalität zu imaginieren – und zu bearbeiten. "Heute ist es die Geschwindigkeit der elektronischen Informationen, die es zum ersten Mal in der Geschichte auf leichte Weise erlaubt, die Muster und formalen Konturen von Wandel und Entwicklung zu erkennen. Die ganze Welt, Vergangenheit und Gegenwart, bietet sich dar wie das Wachstum einer Pflanze, gefilmt mit einem enorm beschleunigten Zeitraffer. Die elektronische Geschwindigkeit entspricht der des Lichtes und wird es möglich machen, Ursachen zu verstehen." [5]  

Diese Perspektive computerbasierter Totalsimulation wird heute ansatzweise realisiert durch die Planungsstäbe des Industrie- und Finanzkapitals, des Staates, des Militärs usw. und in den Einrichtungen der Wissenschaft.  Planung und Wissenschaft sind ohne hochgradige interne und externe Computervernetzungen gar nicht mehr denkbar. Die Interkonnektivität in und zwischen diesen Bereichen allerdings ist - wegen Profitkonkurrenz - völlig unzureichend ausgebildet. Im Gegenteil, die Netze sind ein Feld, auf dem ein Kampf um Kontrolle tobt, in den die Funktionseliten eingebunden sind. Darüber hinaus sind Massenkultur und Massenkommunikation komplett abhängig geworden von einem Symbolsystem nomadisierender Sinngebungen, das virtuell alles mit allem auf vollkommen beliebige Weise verknüpft. Jameson (1992) nennt dies die kulturelle Logik des Spätkapitalismus, the geopolitical aesthetic. Und man muss wohl noch deutlicher werden: „Der visionäre Cyberkapitalist ist ein hybrides Monster aus Sozialdarwinismus und techno-populistischem Individualismus. Der Kapitalismus ist zum ersten Mal in der Geschichte auf sich selbst angewiesen und sieht sich allein mit seinem mörderischen Double konfrontiert: dem Faschismus. Kapitalismus ist nicht mehr ein Modell der Produktion und Konsumtion, sondern etwas ganz anderes: Nintendo-Kapitalismus, angesichts dessen unsere Körper sich weigern müssen, als von der virtuellen Klasse weggeworfenes Fleisch übrigzubleiben." [6]

Wenn wir als Linke unter dem Eindruck der Computerisierung die Diskussion um gesellschaftliche Planung wieder aufnehmen, können wir also nicht so tun, als seien Cyberspace, Virtualität, Simulationskultur und Internet nicht Teil des 'Schweinesystems'. Dennoch manifestiert sich in seinen Tiefen, hinter unserem Rücken und an den überraschendsten Orten schon verwissenschaftlichte Planung im Sinne des historischen Materialismus. So gilt es also auch, den Dschungel des ‚Nintendo-Kapitalismus' in seiner Drei- oder auch Vierdimensionalität nach den dort lebenden Orchideen, Heilpflanzen und Wundertieren zu durchforschen. Selbstverständlich ist so etwas nicht möglich, ohne in Kenntnis der heutigen Rechnerkapazitäten Lehren aus den bisherigen Versuchen einer sozialistischen Planwirtschaft zu ziehen. [7] Aber das Feld der Reflexion muss sich auf die ganze Kultur einer bestimmten Epoche beziehen: „Marx ist weder aktuell noch veraltet: er ist klassisch, und die gesamte marxistische und kommunistische Tradition, die ungefähr den gleichen Zeitraum umfasst wie das goldenen Zeitalter Athens, stellt in einem ganz präzisen Sinne jenes goldene Zeitalter der europäischen Linken dar, dem es sich wieder und wieder zuzuwenden lohnt - mit verblüffenden, fanatischen, produktiven und widersprüchlichen Resultaten.“ [8]

Indem die Linke sich so als Akteur im Herrschaftsgeschehen wiederfindet oder neu orientiert, muss sie nicht nur fragen ‚Wer Wen?', sondern auch ‚Wer mit Uns?'. Im cybertechnischen Milieu ist dieses Wer ein Teil der Funktionseliten. Neben den Konzern-, Finanz-, Militär- und politischen Eliten interessieren hier selbstverständlich besonders die IT-Eliten. Es sind Machtkomplexe entstanden mit einer hochgradig computerisierten Binnenorganisation. Erschlossen (oder wenigstens beschrieben) hat diese Welt das US-amerikanische Power Structure Research: von der ‚Power Elite' C. Wright Mills' zum über den Begriff des Militär-Industrie-Komplexes bis zum Konzept eines Geldmachtkomplexes. Unter dem Führungspersonal dieser Organisationen gibt es interessante Bündnispartner, die anfällig für das Erhoffte sind. Schließlich kennen sie die Risse im Beton viel genauer als ‚wir'. Man lese nur, was manche whistleblower über die Wall Street schreiben oder was in den Protokollen mancher Konferenzen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) steht. Vielen dieser durcheinandergerüttelten Funktionseliten aus dem zweiten und dritten Glied ist durchaus zuzutrauen, dass sie über ihre eigene Rolle in den Herrschaftsstrukturen intensiver nachzudenken beginnen und Spaß bekommen am Ziel eines elektronisch abgestützten globalen Netzwerks friedlicher Assoziationen, in denen auf eine ganz praktische Weise „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx/Engels).

Diese ambivalente Rolle der Funktionseliten muss auch in die Debatte um das Konzept der gesellschaftlichen Planung eingebracht werden. Dass dies kaum geschieht, liegt auch daran, dass der ganze Prozess der Informatisierung des Planungsgeschehens nicht zureichend diskutiert wird. Die Digerati spielen fast keine Rolle in der (linken) Diskussion. Spräche man nämlich über die Entwicklung und vor allem über die Entwickler und Anwender planungsrelevanter hardware und software, müsste man nicht behaupten: „Gesellschaftliche Planung ist heutzutage hierzulande out .“ [9] Das stimmt nämlich nicht. Sie ist in wie niemals zuvor, aber sie hat viele seltsame neue Namen. In diesen Milieus der großen industriellen, militärischen und staatlichen Organisationen, insbesondere der transnationalen Großkonzerne, entstand dann eben auch das Internet. Wenn also gesellschaftliche Planung „für den heutigen ‚neoliberalen' Zeitgeist nahezu zu einem unsittlichen Anliegen geworden“ ist (Tjaden), mag das für den Wortgebrauch stimmen, nicht aber für die Praxis.

Ein Verlust aber ist in der Tat zu bedauern: die Verdrängung einer entwickelten Produktivkrafttheorie ... Für diese im Realsozialismus durchaus perfektionierte Theorie war Planung ja nicht nur ganz allgemein die bewusste Festlegung einer Abfolge von Schritten und Mitteleinsätzen, um bestimmte Zielzustände zu erreichen. Produktivkraftheoretisch angeleitete sozialistische Planung basierte vielmehr zumindest dem Versprechen nach auch auf einem historischen Verständnis der Interkonnektivität aller Probleme und Problemlösungen. Dass dieses Versprechen nicht eingelöst wurde, lag vor allem an einem Punkt: Es wurde nicht gesehen, dass die cybertechnische Revolution auch im Kapitalismus bereits eine Umwälzung des Verhältnisses von Produktionsmitteln und Arbeitskräften implizierte; dass tendenziell - in einer objektiven Entwicklung über das Kapitalverhältnis hinaus - die Produktionsmittel zu Anhängseln der Arbeitskräfte zu werden begannen.

Also: Auf zum Projekt einer Befreiung aller Planungsdaten aus den kapitalistischen Computernetzen mit Hilfe der historisch-materialistischen Entwicklungstheorie! Was kann das heißen?

 

III

Was die Operationalisierung der historisch-materialistischen Entwicklungstheorie angeht, verweise ich auf mein Buch ‚Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik. Soziologische Skizzen zum Zusammenhang von Produktionsweisen, Produktivkräften und Produktionsverhältnissen', das 1982 (in Zeiten der Planungseuphorie) die damaligen Planungsdaten zu einem Bild der BRD zusammenfügte. Die Kategorien des Historischen Materialismus wurden für diesen Darstellungszweck vom Inhalt her ‚orthodox', in der Form aber innovativ verwendet. Das Innovative daran war die Zurichtung der Kategorien für die Sortierung großer Datenmengen für die soziologische Datenverarbeitung. Die im Zusammenhang der Kategorien des Historischen Materialismus steckenden Potenziale zur Abbildung komplexer weltgesellschaftlicher Zusammenhänge wurden anhand einiger Schemata zumindest angedeutet. Im Mittelpunkt der Überlegungen stand dabei die in einem dialektischen Kontinuum ansiedelbare hierarchische Struktur der Kategorien:

Um in der Abbildung dieses komplexen Gemeinten weiterzukommen, ist es notwendig, den Systemcharakter der mit diesen Begriffen erfassten Wirklichkeiten hervorzuheben und also auch jene Hierarchie der Kategorien als einen Systemzusammenhang, als einen Zusammenhang von Systemen zu begreifen. Wir führen zur Vereinfachung eine entsprechende Notation für diese Systembegriffe ein: für das System der Naturgegenstände steht NG:NG, für das System der Rohmaterialien RM: RM usw. Das System der Produktivkräfte wird also beispielsweise nicht mit der Formel ‚PK', sondern mit der Formel ‚PK:PK' notiert, um zu verdeutlichen, dass nicht irgendeine Aggregation von subjektiven und objektiven Faktoren, sondern die Beziehungen zwischen ihnen das Interessante sind.

 

 

Es dürfte auffallen, dass dieser begriffliche Systemzusammenhang, so notiert, formal höchst unterschiedliche Systemtypen enthält, nämlich einmal Systeme wie NG:NG, AG:AG, PM:PM usw., die gleichsam synthetischen Charakter aufweisen (PK:PK definiert den Zusammenhang von PM:PM und AK:AK), und zum anderen Systeme wie RM:RM, AM:AM, AK:AK usw., die gewissermaßen ‚von außen' hinzukommen, um erst im nächsthöheren System ‚integriert' zu werden - erst PK:PK definiert den Zusammenhang von AK:AK mit PM:PM. Dieser unterschiedliche Status der verschiedenen Systembegriffe führt zu dem Vorschlag, mit dem Typus NG:NG usw. gesellschaftliche Strukturzusammenhänge, mit dem Typus RM:RM usw. gesellschaftliche Handlungszusammenhänge zu erfassen. Handlungen, Handlungs- und Verhaltensweisen, die ihren Ursprung in konkreten Subjekten, in konkreten Situationen haben, kommen eben in einem gewissen Sinne für jede systematische (oder gar systemtheoretische) Analyse ‚von außen'!

Damit wird im Zusammenhang der Kategorien des Historischen Materialismus der gesellschaftstheoretischen Forderung genüge getan, über Strukturen nicht die Handlungen und über Handlungen nicht die Strukturen zu vergessen. Kurz gesagt, soll der eine Systemtypus sich auf die widersprüchliche strukturelle Einheit von (Sub)Systemen, der andere Systemtypus auf widersprüchliche Handlungs- und Verhaltensweisen in bezug auf (Sub)Verhältnisse (zwischen Subsystemen) beziehen. Zu diesem Zweck ist eine gewisse Verkomplizierung der Notation des Begriffszusammenhangs erforderlich.

Das heißt, es lassen sich jetzt ‚Struktursysteme', ‚Handlungssysteme' und ‚Systeme des Zusammenhangs' (also sozusagen Systeme der Vorbereitung der Einheit) unterscheiden. Außerdem verlangt der spezifische Zugriff der ‚Handlungssysteme' auf die Systeme der Subebene eine weitere Notationsform, welche ‚behandelbare' Verhältnisse zwischen diesen Systemen ausdrückt: hier erscheinen also beispielsweise PM:PM als PM/PM, PM:AK als PM/AK usw. Diese Notationen sind natürlich ebenfalls arbiträr, vereinfachen aber die Darstellung des kategorialen Gesamtzusammenhangs und ermöglichen bereits ein Bild von der Komplexität des abzubildenden realen gesellschaftlichen Zusammenhangs.

Dieses Schema braucht (zwecks Vermittlung eines Eindrucks von der Leistungsfähigkeit der Kategorien des Historischen Materialismus) für die soziologische Datensortierung schließlich hier nur noch um eine Dimension erweitert zu werden: den Kontext, in welchem die jeweilige System-Stelle des Systemzusammenhangs steht. Es ist beispielsweise ein großer Unterschied, ob man das System der Produktionsmittel (PM:PM) als solches, oder im Kontext des Systems der Produktivkräfte, oder darüber hinaus im Kontext des Systems der Produktionsweisen diskutiert; im ersten Fall stehen technologische, im zweiten Fall etwa produktionsorganisatorische, im dritten Fall schon monopoltheoretische Fragen im Vordergrund. Um diese unterschiedlichen Kontexte notieren zu können, lassen sich einfache Ketten bilden. So bedeutet beispielsweise PW:PW-PK:PK-PM:PM: Das System der Produktionsmittel im Kontext des Systems der Produktivkräfte im Kontext des Systems der Produktionsweisen. ‚Abkürzungen' wie PW:PW-PM:PM (das System der Produktionsmittel im Kontext des Systems der Produktionsweisen) sind zwar möglich, verschleiern aber die Systematik des Begriffszusammenhangs und die Komplexität des Gesellschaftszusammenhangs. Notationen wie PW:PW-PV:PV-PM/PM, in denen also kein ‚System', sondern ein ‚Verhältnis' im Kontext steht, können so gelesen werden: das System der Produktionsverhältnisse (widersprüchliche Handlungs- und Verhaltensweisen) in bezug auf Verhältnisse zwischen Produktionsmitteln im Kontext des Systems der Produktionsweisen usw.

Auf diese Weise entsteht ein relativ komplexes Schema relevanter ‚Systemplätze' oder ‚Speicherplätze', das sich in keiner Hinsicht von den Inhalten der Kategorien des Historischen Materialismus entfernt, sondern im Gegenteil ihren Reichtum für die moderne Forschung erschließt, und zugleich der Kategorie des Zusammenhangs folgt, ohne ihr Gewalt anzutun.

Der Link illustriert, wie oben angedeutet, mit den Mitteln des heutigen Internet einen Versuch aus dem Jahre 1982, etliche dieser System- bzw. Speicherplätze mit Informationen über den damaligen Planungsstand in der Bundesrepublik auszufüllen.

 

IV

Aber: Der Entwurf eines Speicherystems und das Spiel mit einem dialektischen Zettelkasten sind eine Sache, die heutigen Krisen- und Problemkonstellationen eine andere. Die Fortsetzung dieses Textes würde also zum Beispiel verlangen, sich mit Fragen wie den folgenden auseinanderzusetzen:

  • Wie viele kapitalistische Waren- und Konsum-Ökonomien der amerikanischen Sorte kann unser Planet noch vertragen? Müssten die zwei neu entstehenden ‘economic power houses', China und Indien, nicht auf jeden Fall Alternativen gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklung im Sinne eines ‘Weniger ist Mehr' und eines rationalen Ressourcen-Managements entwickeln?

  • Auf den Finanzmärkten wird bereits die Parole ausgegeben: ‚For the next ten years buy commodities', also investiert in Rohstoffe, seltene Metalle, Phosphor etc.! Beginnen die Finanzmärkte damit nicht, den Naturhaushalt entscheidend und umfassend zu kontrollieren und damit zu einer realen, nicht nur fiktiven Macht zu werden? Werden die Kapitalisten grün oder wird das Grüne kapitalistisch?

  • Wie entwickelt sich das globale Planungsnetzwerk der transnationalen Konzerne und der dazugehörigen Organisationen, Think Tanks, Stiftungen etc.? Welche Differenzierungen finden innerhalb der beteiligten Konzern-, Finanz- und Wissenseliten statt? Bleibt auf absehbare Zeit die ‚transatlantic connection' das Zentrum? Deuten sich innerhalb der Funktionseliten anti- oder transkapitalistische Tendenzen an?

Das Ziel einer linken, einer sozialistischen Politik jedenfalls wäre es, aus dem in solchen Krisen- und Problemkonstellationen tätigen Geflecht funktionaler Eliten möglichst große Gruppen herauszulösen und ihr wissenschaftliches Potenzial auf die Bedürfnisse der Multitude, der Volksmassen zu lenken. Genau diesem Zweck würde auch ein Projekt dienen, das alle Planungsdaten aus den kapitalistischen Computernetzwerken befreit, um sie einem jeden und einer jeden in einem sinnvollen Modell der Totalität digital zur Verfügung zu stellen. Und das ist ein Spiel, das auch Spaß machen kann.

 

 

 

Literatur

 

Cockshott, Paul / Allin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie, Köln 2006

Dieterich, Heinz, Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie nach dem globalen Kapitalismus , Berlin 2006

Hardt, Michael / Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M 2002 (2000)

Hardt, Michael / Antonio Negri, Common Wealth. Das Ende des Eigentums , Frankfurt am Main/New York 2010

Jameson, Fredric, The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space in the World System, London 1992

Jameson, Fredric, ‚Fünf Thesen zum real existierenden Marxismus', in: Das Argument , 214/1996

Jameson, Fredric, ‚ Marx and Montage', in: New Left Review, July/August 2009

Johnson, Steven, Interface Culture. How New Technology Transforms the Way We Create and Communicate. San Francisco 1997

Kroker, Arthur / Michael A. Weinstein , Datenmüll. Die Theorie der virtuellen Klasse , Wien 1997

Krysmanski, H.J., Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik, Köln 1982

Krysmanski, H.J., Hirten&Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen, 2. erw. Aufl., Münster 2009

Krysmanski, H.J., 'Gesellschaftliche Planung und das System der vernetzten Computer', in: Das Argument, 286/2010

 



[1]               Chrystia Freeland, Remaking Government in a Wiki Age, New York Times August 18, 2011

[2]               vgl. Don Tapscott, mit Anthony D. Williams: Wikinomics: die Revolution im Netz, 1. Aufl., Hanser, München 2007

[3]               http://codeforamerica.org/

[4]               Fredric Jameson 1996, 174ff

[5]               Marshall McLuhan, in Johnson 1997, 4

[6]               Kroker/ Weinstein 1997, 29

[7]               vgl. z.B. Paul Cockshott 2006; Heinz Dieterich 2006

[8]               Jameson 2009, 117

[9]               Karl Hermann Tjaden, ‚Was soll gesellschaftliche Planung?', Forum Wissenschaft , 15.12.2006

 

 

Erschienen (ohne live links und ppts) in:

Gegen den Neoliberalismus andenken / Alex Demirovic ; Christina Kaindl ; Rainer Rilling . .
Hamburg: VSA-Verl., 2012. S. 205-216
978-3-89965-523-0

 

 

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