H. J. Krysmanski 

Fredric Jamesons Kapital [1]

 

In einem Brief an Friedrich Engels vom 31. Juli 1865 schreibt Marx über den Stand seiner Arbeit am Kapital: „Ich kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may have, das ist der Vorzug meiner Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen.“(MEW 31, 132) 

Als 1867 Band 1 herauskommt, wird es der einzige auf diese Weise vervollkommnete Text der Kapital-Trilogie bleiben – und das ist auch der Grund, weshalb Fredric Jameson (der luzide Konfuzius des amerikanischen und chinesischen [2] Marxismus) sich bei dem Versuch, seine ganz besondere Variante einer Darstellung des im Kapital Dargestellten zu leisten, auf Volume One beschränkt. Jameson versucht, diese zwischen zwei Buchdeckel gepresste Repräsentation der Totalität von Kapital und Kapitalismus (der windelweichen politischen Gestalt des ersteren) mit den Denkmitteln unserer Zeit zu entschlüsseln und für ein Verständnis unserer Lage nach Postmoderne und Globalisierung in lebende Bilder umzusetzen. Um diese Absicht und Leistung Jamesons zu verstehen, sollte man neben einer durchaus beliebigen Allgemeinbildung auf jeden Fall eine eigene intensive Lektüreerfahrung mit dem Ersten Band haben und Jamesons zusätzliche Erläuterungen lesen, die er in einem kurzen Aufsatz, ‚A New Reading of Capital', gegeben hat. [3] Außerdem sollte man ein Amerikanisch goutieren können, das sich wie Adornos Deutsch und Sartres Französisch liest, und das deshalb weitgehend übersetzungsresistent ist.  

Viele Voraussetzungen also – aber es handelt sich auch um eines der besten Bücher über Marxens Kapital. Und es passt genau in die derzeitige – im Thema Finanzmärkte unendlich verkürzte - politische Debatte, eine Debatte, der sich Jameson mit diesem Buch andererseits ostentativ entziehen will, weil er im Kapital keine eindeutigen politischen Strategien entdecken kann, wohl aber die Abbildung (representation) der dialektischen Einheit der widersprüchlichen Elemente und Kräfte der allgemeinen Produktionssphäre. Oder so ähnlich. Doch gerade ob seiner Verachtung der immer im Sozialdemokratismus endenden herkömmlichen politischen Kritik am Kapitalismus könnte Jamesons Interpretation des Stellenwerts von Volume One die politische Debatte beflügeln wie kaum eine andere – vor allem, wenn unsere marxistischen politischen Ökonomen dieses nicht sehr umfangreiche Buch zu lesen geruhten. Das aber wird, fürchte ich, noch auf längere Zeit nicht geschehen – und wenn, werden es junge Ökonomen sein, die aus dem Cyberspace kommen. 

Wie nun geht Jameson im Einzelnen an diesen oft noch blauen Band 23 heran? Marx' Text sei unerschöpflich wie Kapital selbst und dennoch unfertig und doch auch wieder vollkommen und kein Buch über Politik und nicht einmal über Arbeit, sondern vor allem ein Buch über ‚unemployment'. So fängt Jameson an. Das Kapital ein Buch über Arbeitslosigkeit? Über Beschäftigungslosigkeit? Über Erwerbslosigkeit? Und nichts habe es mit Philosophie, allenfalls mit Post-Philosophie zu tun. Und es verfolge eine proto-narrative Form der ‚Darstellung von Material' (Marx), in welcher „die auf neue und besser handhabbare Weise erfolgende Transformation oder Re-Codierung eines begrifflichen Dilemmas zugleich in einer Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes resultiert; denn in der sukzessiven Auflösung jener ineinander verschränkten Rätsel oder Dilemmata tritt auch die Architektur einer Gesamtstruktur oder eines Systems zutage, nämlich die des Kapitals als solchem.“ (3) Also noch einmal: es gehe um das System in seiner Totalität. Und da habe – aber das wissen wir ja längst – das doktrinäre Basis-Überbau-Schema viel Schaden angerichtet. Doch wirft Jameson dessen Handlungsspielraum (scope) keineswegs über Bord, sondern verweist nur darauf, dass Überbau durch Kulturarbeit längst auch zum Unterbau geworden ist und dass Kulturarbeiter die Revolution dank ihres Überblicks voranbringen könnten, wenn, ja wenn sie das Grunddilemma der Darstellung lösen würden. „Die heutige Suche nach Wahrheit muss sich um die Frage der Repräsentation drehen, auch die Erkundung von Totalität oder Wirklichkeit. Das Problem der Repräsentation nagt heute an den etablierten Disziplinen wie ein Virus.“ (4) 

Die wissenschaftsgeschichtlich Weichen stellende Lösung dieser Problematik, diese Figurationsleistung aber, die fände sich schon in beispielhafter Form gerade in jenem partikularen Text aus dem 19. Jahrhundert. Kapital sei eines der wichtigsten Beispiele für eine gelungene Operation jener Repräsentationsmethode, die bei Jameson als cognitive mapping figuriert. Er hat dieses Konzept an anderer Stelle als einen Prozess beschrieben, in welchem das erkennende Subjekt sich innerhalb einer immensen, praktisch nicht repräsentierbaren Totalität zu situieren versucht, ein Prozess der Exploration und des Experimentierens also, der die verschiedenen, einander überlappenden Realitätsebenen kartiert. Eine solche – im positiven Sinne – ideologische Konstruktion vor allem sei Kapital und das erst mache seine Wucht und Wirkung aus: ein freies ‚play of categories', ein interplay der Dialektiken des Einen und der Vielen, des Subjekts und des Objekts, der Kreislinie, deren Zentrum überall ist und des ens sui causa. Insofern sei das Marxsche Modell der systemischen und historischen Totalität des Kapitalismus bis dato unerreicht, ein supremes Beispiel für die Expression des Inexpressiblen. 

Solche dialektischen Lockerungsübungen würden nicht viel bedeuten, wenn sie sich nicht zugleich an spezifischen im Kapital-Text entwickelten zentralen dialektischen Dilemmata bewähren würden, die auch die heutige politische Debatte mitbestimmen: zum Beispiel dem Problem der Technologie und dem Problem der Mediatisierung sozialer und ökonomischer Prozesse durch das Medium Geld. Ist technologischer Fortschritt gut oder schlecht, ermöglicht Geld in einer komplexen Gesellschaft erst Beziehungen oder zerstört es sie? Die gegensätzlichen Seiten beider Probleme lassen sich, wenn überhaupt, erst auf höchsten gedanklichen und historischen Stufenleitern vermitteln. Und auch die ambivalente Bedeutung, die sowohl Technik als auch Geld in Marx' Leben und Schreiben hatten, kommt ins Spiel. Marx war fasziniert von den neuen technischen Erfindungen und er hätte über Geld nicht so nachdenken können, hätte er welches angehäuft. Auch aus solchen Lagen entfaltete sich seine Arbeitswerttheorie. Und die ‚labor theory of value' muss sich heute mit einer noch weitaus dramatischeren Zuspitzung der Widersprüche in der technologischen Entwicklung und in der monetären Mediatisierung auseinandersetzen: mit globaler sozioökonomischer Polarisierung, mit global explodierender Arbeitslosigkeit, mit der zerstörerischen Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten und neuen Märkten, kurz: mit der finanzkapitalistischen Implosion. 

Wenn Jameson auf diese Weise eine neue Runde der kreativen Kapital-Lektüre einläuten will, so schwingt darin auch – und das ist ein entscheidender Punkt – die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit einer digitalen und in diesem Sinne dialektisch-kybernetischen Repräsentation der Rätselschichten des Kapitals mit. Es ist nicht müßig zu imaginieren, wie das Schreiben von Volume One vor sich gegangen wäre, hätten Marx die (entkommodifizierten) Ressourcen des Internet, von Google, Wikipedia etc. zur Verfügung gestanden. Die Marxsche Methodologie mit ihrem Spiel der Kategorien erlaubt es, sich etwa bezüglich des Problemkomplexes ‚Ware und Geld' (und damit der Arbeitswerttheorie) heute ganz andere Formen der Darstellung vorzustellen. Da gab es zum Beispiel jüngst – u.a. gesendet auf 3sat - einige durchaus hinreißende, wenn auch noch unterkomplexe Online-Animationen zu den wichtigsten Kategorien aus Kapital: ‚Meschugge mit Marx'. [4]  

Aber zurück zum Ernst des Lebens. Ich hatte schon angedeutet, dass man kaum um Jamesons eigene Rezension seines Buchs herumkommt, will man die springenden Punkte ohne unmittelbare Nacharbeit am Volume One in den Blick bekommen. Man muss z.B. wissen - denn in seinem Buch steht es so nicht -, dass Jameson „wenig Interesse an den von Marx präsentierten Fakten oder an der Relevanz der Gesetzmäßigkeiten“ hat, die er aus ihnen deduziert. [5] Jameson will sich auf die Darstellung des Kapitalismus als einer Höllenmaschine, die sich nur dialektisch beschreiben lässt, konzentrieren. Er will nachzeichnen, wie man aus individuellen Elementen, historischen Prozessen und allen möglichen Perspektiven eine Totalität konstruiert. Dazu aber brauche man die einzigartigen Potenziale des dialektischen Denkens, ja einen neuen Denktypus, der die Darstellungsdilemmata überwindet, welche diese einzigartige und seltsame Totalität des Kapitalismus nun einmal produziere. 

Der Erste Abschnitt des Ersten Bandes (den z.B. Althusser und Korsch als nur verwirrend ganz streichen wollten) hat es Jameson besonders angetan. Er sieht darin eine einzige Attacke auf die Idee des Tauschs, auf die Illusion, dass Tausch eine Gleichung zwischen gleichen Größen sein könne. Mit dieser Illusion platzt auch die Fiktion vom gerechten Preis; damit verlören sozialdemokratische und ähnliche kapitalismusreformerische Projekte den Boden unter den Füßen. Dieses Ergebnis sei zwar politisch relevant, führe aber letztlich nur zurück zur methodologischen Frage: ‚Wie lässt sich Kapitalismus darstellen, repräsentieren?'. Doch auch mit der nun ins Zentrum tretenden Kategorie des Geldes kommt man bei der Lösung des Gleichungsproblems des Warentauschs nicht weiter. Der Doppelcharakter des Geldes als Ware und Medium verschleiert lediglich das Verhältnis, das es ausdrücken soll; es vermittelt, aber löst nicht auf. Auch die Abschaffung des Geldes würde nicht aus dieser Zwickmühle hinausführen. Also bleibt nur die Frage: Wie zeugt Geld denn nun wirklich (mehr) Geld? Sicher nicht nur durch Betrug und Raub (Proudhon) oder bloßen Handel. Geld kann nur Geld zeugen, indem es in etwas ganz anderes verwandelt wird, nämlich in Kapital. 

Jameson rekapituliert das alles für uns so sorgfältig, weil er auf ziemlich radikale Schlussfolgerungen zusteuert. Dann kommt der nächste, von Marx methodologisch, ja dramaturgisch gut vorbereitete Schritt: Da Profit und Mehrwert nicht aus der Warenzirkulation erklärt werden können, lockt uns der Meister „in die verborgene Stätte der Produktion, an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business.“ (MEW 23, S.189) Und dort gelingt Marx mit der Skizze der Arbeitswerttheorie ein gewaltiger Problemlösungserfolg. Jameson fragt denn auch: Warum beendet Marx sein Buch nicht an dieser Stelle? 

Aber aus der Lösung sind neue Probleme erwachsen, vor allem das Problem der Zeit, das sich in der Arbeitswerttheorie noch auf eine rein quantitative, statische, nicht-dialektische Weise stellt. Marx lasse die Arbeitswerttheorie sich in alle möglichen Kalkulationen über Profitraten, Zahl der Arbeitsstunden, alle möglichen Kombinationen von Variablen verrennen, die allenfalls seinem Nebenhobby, der Mathematik und dem Kalkulus, entgegenkommen. Doch zugleich stoßen alle diese Erkundungen an eine Mauer: die Begrenztheit des Arbeitstags. Und so müssen die Überlegungen nun auf einer komplexeren Problemlösungsebene fortgesetzt werden. Das führt zu zwei vorläufigen, aber weiterführenden Antworten, die geradezu Enthüllungscharakter haben.  

Die erste gipfelt in der feierlichen Verkündung der Kollektivität oder Kooperativität von Arbeit. Kooperative Arbeit, so Marx, multipliziert auf dialektische Weise zugleich Wert und Produktion: ‚Ein Gratisgeschenk ans Kapital'. [6] Aber die zweite Offenbarung folgt auf dem Fuße, denn mit der Einführung der großen Maschinerie verwandelt sich Kooperation – vermittelt nun durch Machinenverhältnisse, ‚Maschinenzeit' – in ein Frankenstein-Monster. Aus dem ‚Allgemeinen Gesetz der kapitalistischen Akkumulation' schält sich als ‚absolutes' Gesetz heraus, dass mit dem Anwachsen des gesellschaftlichen Reichtums, mit der Funktionserweiterung, dem Ausmaß und der Energie des Wachstums des Kapitals und damit verbunden der absoluten Masse des Proletariats auch die industrielle Reservearmee wächst. Das heißt aber schlichtweg: Das absolute Gesetz des Kapitalismus ist das simultane Wachstum von Reichtum und Produktivität auf der einen und von Arbeits-, Erwerbs-, Beschäftigungslosigkeit auf der anderen Seite. 

Und das, sagt Jameson in seiner Selbstrezension, sei seine Botschaft: Kapital als Gesamtwerk ist ein Buch „about unemployment: its conceptual climax is reached with this proposition that industrial capitalism generates an overwhelming mass of potentially uninvestible capital on one hand, and an ever-increasing mass of unemployed people on the other: a situation we see fully corroborated today in the current crisis of third-stage or finance capital. [7] Doch deshalb sei Kapital noch kein politisches Buch, auch wenn es unüberlesbar den Arbeiterinnen und Arbeitern ans Herz legt, sich zu organisieren. Immerhin aber enthalte es zwei Zielpunkte, auf die alles hinsteuere: einen heroischen und einen eher komischen. Erstens klingt dem kapitalistischen Eigentum längst die Totenglocke: Die Expropriateure werden expropriiert werden. Zweitens aber (wie in einem Buch oder Film mit doppeltem Schluss) könnte es sein, dass der Kapitalismus sich einfach still auflöst, so, als ginge keiner mehr hin oder mit. 

Jameson zieht aus alledem folgende Schlüsse:

  • „Both globalization and postmodernity are the result of universal decolonization, of an immense transformation of the world into a multitude of subjects equal at least in their capacity to speak if not to resist oppression and domination of new post-colonial types.“

  • „Marxism is not a political philosophy but rather an economic one. It is not a political radicalism but an economic radicalism. It incites us, not to contest or transform political power, but rather to change and transform capitalism as such, to change our whole economic system.“

  • „Socialism is capitalism's dream of a perfected system. Communism is that unimaginable fulfillment of a radical alternative that cannot even be dreamt.“ 

Das Schöne an Jamesons Neu-Lektüre ist schließlich, das er mit ihr die dialektische Methode weiterentwickelt. So können die Leserinnen und Leser seines wichtigen Buchs künftig aus der Kapital-Lektüre, aber nicht nur aus ihr, eigene Schlüsse besser ziehen. 

Eine verkürzte Version ist erschienen in: Das Argument 297/2012


[1] Fredric Jameson, Representing Capital. A Reading of Volume One, London/New York: Verso, 2011
[2] „Jameson has had an enormous influence, perhaps greater than that of any other single figure of any nationality, on the theorization of the postmodern in China.“ (Wikipedia)
[3] Mediations. Journal of the Marxist Literary Group, Vol. 25, No. 1 - auch online
[4] http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=23684 – man erinnere sich auch an ‚Nörgel und Söhne' aus der DDR oder gebe bei Google ein ‚Wie funktioniert Geld?', ‚The Story of Stuff' usw.
[5] Jameson, ‚A New Reading of Capital', a.a.O., 5
[6] : „… the socially productive power of labor develops as a free gift to capital …“ (Karl Marx, Capital, Volume One, London: New Left Review, 1976, 451); „Die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit entwickelt sich unentgeltlich …“ (MEW 23, 353).
[7] dieses und die folgenden kursiv gesetzten Zitate aus: Jameson, ‚A New Reading of Capital', a.a.O., passim