40/2004
Wo stehen die Reichen? Die Klasse der Wohlhabenden in Deutschland wächst. Obwohl sie
als Arbeitgeber und Stifter in Erscheinung treten, entfernen sie sich vom Rest
der Gesellschaft Teichmanns Problem hat einen wohlklingenden Namen: Aston
Martin. Wenn Teichmann mit seinem wertvollen Wagen durch Österreich oder die
Schweiz kurvt, applaudieren die Leute am Straßenrand. In Deutschland pöbeln sie
ihn an. »Ich kann froh sein, wenn die mir nicht aufs Blech spucken.« Heinrich Teichmann (Name geändert) steht auf ein schnelles Helles an der Bar
im Rauchfang, einem Restaurant für Reiche in Kampen auf Sylt. Hier laufen die
Geschäfte trotz Konjunkturkrise so gut wie nie zuvor. Hier finden
Möbelfabrikanten und Immobilienmagnaten eine Zuflucht, hier können sie über
große Autos und kleine Flugzeuge fachsimpeln. Hier fühlt Teichmann sich wohl. Bauunternehmer ist er, »und kein ganz kleiner«. Vierte Generation. »Ich will
noch an die fünfte übergeben.« Obwohl auch er es nicht leicht hat zurzeit. Zu
wenig Nachfrage. Doch Teichmann macht weiter. »Das sollte man auch mal
honorieren.« Honoriert aber keiner. Stattdessen muss Teichmann Angst haben um den Lack
seines Autos. Unternehmer seien eben nicht mehr beliebt im Land. Überall Neid.
»Sozialneid«, sagt Teichmann. So hat in diesem Hartz-Herbst jeder einen Grund zur Klage. Die einen fühlen sich vom Staat verfolgt, weil der ihnen die Unterstützung
kürzt, die anderen von ihren Landsleuten, weil die ihnen nicht gönnen, dass
ihnen das alles egal sein kann: die Arbeitslosigkeit und der Abschwung Ost und
überhaupt die ganze Trübsal. Deutschland 2004: Die Wirtschaftskrise durchläuft das vierte Jahr, ihre
Spuren werden breiter. Käme heute irgendein Wohltäter auf die Idee, den zwei
Millionen Haushalten am unteren Ende der Vermögensskala zwölf Milliarden Euro zu
schenken, stünden sie trotzdem bei null. So viel brauchten sie allein, um ihre
Schulden zu zahlen. Dafür steigt die Zahl der Millionäre. 1997 verfügten 510000 Bundesbürger über ein Geldvermögen von mindestens einer
Million Euro. Inzwischen sind es 756000, so die Berechnung der Investmentbank
Merril Lynch und des Beratungsunternehmens Capgemini. Offenbar gibt es in der
Krise, die scheinbar alles und jeden im Land erfasst hat, auch Gewinner. Aber wer sind diese Gewinner? Welche Rolle spielen sie in dieser Gesellschaft
– und im gegenwärtigen Gerechtigkeitsstreit? Vor allem aber, wie schafft man es
im Deutschland des niedrigen Wirtschaftswachstums und der hohen Steuern und
Sozialabgaben überhaupt noch, reich zu werden? An manchen Sommertagen verlässt eine glänzende Motorjacht den Hafen von
Nizza, an Bord ein Dutzend Deutsche, alles Männer, alles mehrfache Millionäre,
nur einer nicht: der Gastgeber, ein korpulenter Herr Ende vierzig. Er heißt Maximilian Imhoff und arbeitet für ein Münchner Bankhaus, dort
betreut er Privatkunden. Allerdings nur solche, die so viel Geld haben, dass die
Bank sie gern an die Côte d’Azur einlädt. Imhoff erfährt dann von kleinen
Geschäften und großen Erfolgen und fungiert oft nicht nur als Vermögens-,
sondern auch als Lebensberater. So ist er über die Jahre zu einem Experten in Sachen Reichwerden avanciert.
Dieser Mann, der sich täglich in Diskretion und Diplomatie übt, dessen
berufliche Existenz daran hängt, dass sein tatsächlicher Name anhand dieses
Artikels nicht zu erschließen ist, dieser Mann also wird recht deutlich, wenn er
davon spricht, wer im Deutschland des Jahres 2004 wenig Aussicht auf Reichtum
hat. »Wenn Sie fest angestellt sind, können Sie kein großes Vermögen mehr
aufbauen«, sagt Imhoff. »Selbst wenn Sie noch so viel arbeiten und gutes Geld
verdienen.« Angestellte können nicht wirklich reich werden – damit beschreibt der
Bankberater Imhoff eine Tendenz, die von zahlreichen Studien und
Wissenschaftlern bestätigt wird. »Um in absehbarer Zeit allein aus dem
Arbeitseinkommen ein Geldvermögen von mehreren Millionen Euro aufzubauen, muss
ein Angestellter mindestens eine Million brutto im Jahr verdienen«, sagt der
Darmstädter Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann. Außer manchen
Investmentbankern und den Spitzenmanagern großer Aktiengesellschaften gelingt
das wenigen Angestellten. Weit größere Chancen auf Reichtum, sagt Imhoff genauso wie Hartmann, hätten
Unternehmer, Selbstständige und Leute, die schon ein gewisses Vermögen
mitbringen. Die Zahlen geben ihnen Recht. Zwischen 1990 und 2002 konnten Unternehmer und
Vermögende in Deutschland ihr durchschnittliches Bruttoeinkommen preisbereinigt
um rund 40 Prozent steigern. Die Bruttolöhne und -gehälter pro Arbeitnehmer
dagegen stiegen lediglich um sieben Prozent. Betrachtet man die realen
Nettoeinkommen, wächst der Abstand weiter. Dann ergibt sich bei den
Arbeitnehmern sogar ein Minus von 0,7 Prozent, bei den Beziehern von Gewinn- und
Vermögenseinkommen dagegen ein Zuwachs von fast 50 Prozent. Den Unterschied zwischen brutto und netto macht die Steuer- und
Abgabenpolitik des Staates. 1960 mussten Arbeitnehmer nach Berechnung des
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in Düsseldorf im Schnitt
knapp 16 Prozent ihres Einkommens an Finanzamt und Sozialkassen abführen.
Gewinn- und Vermögenseinkommen wurden mit 23 Prozent belastet. Danach begann, was der Gießener Politologe Dieter Eißel den »Marsch in den
Lohnsteuerstaat« nennt. Egal wie der Kanzler hieß, eine Bundesregierung nach der
anderen erhöhte die Abgabenlast auf abhängige Arbeit. Lohnsteuer, Sozialabgaben,
Solidaritätszuschlag – heute liegt die durchschnittliche Abgabenlast eines
Arbeiters oder Angestellten bei 35 Prozent. Gutverdiener müssen sogar weit mehr
als die Hälfte ihres Einkommens an den Staat abführen. Unternehmer,
Selbstständige und Vermögende dagegen verlieren im Schnitt nur noch knapp elf
Prozent. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Kein Wunder, dass sich auf den von Imhoff an der Côte d’Azur gecharterten
Jachten fast nur Besitzer gut laufender Unternehmen und Erben großer Vermögen
befinden. Also Leute, die nicht von Löhnen, sondern von steuerbegünstigten
Gewinnen leben und von dem, was ihre Aktien, Anleihen und Immobilien an Rendite
abwerfen. »Meine Kunden zahlen trotz ihres Reichtums kaum Abgaben«, sagt Imhoff.
»Und zwar ganz legal im Einklang mit den Steuergesetzen.« Ist dann doch einmal ein abhängig Beschäftigter unter den lukrativen
Bankkunden, dann hat entweder auch er geerbt, oder er hat von seinem Gehalt
Wertpapiere gekauft – und nach ein paar Jahren des Wartens zum richtigen
Zeitpunkt verkauft. Solche Kursgewinne an der Börse sind steuerfrei. Die Arbeitseinkommen allein aber machen die Bundesbürger nicht mehr reich.
Den Staat allerdings auch nicht. »Würde die Regierung die Unternehmensgewinne
und großen Vermögen heute im gleichen Umfang besteuern wie 1990, dann hätte sie
Mehreinnahmen von 81 Milliarden Euro«, hat der Politologe Eißel ausgerechnet.
Das Loch im Staatshaushalt würde sich schließen, und Hans Eichel würde nicht als
Schuldenmacher in die Geschichte eingehen, sondern als vorbildlicher Kassenwart.
Die Regierung muss also einen Grund haben, auf so viel Geld zu verzichten.
Dieser Grund hat viel mit Macht zu tun. Und mit der Globalisierung. Hoch über dem Zürichsee, wo der Blick unverstellt bis weit
hinunter zum Wasser reicht, steht im Örtchen Schindellegi zwischen Bahnhof,
Kirche und kauenden Kühen ein großes Haus aus Glas und Stahl: die Weltzentrale
des Logistikkonzerns Kühne + Nagel. Niederlassungen: 600 in 96 Ländern.
Mitarbeiter: 20000 rund um den Globus. Jährlicher Umsatz: 9,5 Milliarden
Schweizer Franken. Eigentlich ein urdeutsches Unternehmen, gegründet 1890 in Bremen. Mitte der siebziger Jahre verlegte der damalige Vorstandschef und
Haupteigentümer Alfred Kühne den Firmensitz in die Schweiz. »Hauptgrund war die
unternehmensfeindliche Haltung der Regierung Brandt.« Der das sagt, heißt
Klaus-Michael Kühne, ist 1937 geboren und Alfred Kühnes Sohn und Nachfolger. Auf
der vom Manager Magazin erstellten Liste der hundert reichsten
Deutschen belegt er Platz 88, geschätztes Vermögen: 800 Millionen Euro. Alfred Kühne wollte Geld sparen. Klaus-Michael Kühne ebenfalls, deshalb ist
er vor 14 Jahren auch privat nach Schindellegi umgezogen. Jetzt wohnt er 15
Gehminuten von der Konzernzentrale in einer 300-Quadratmeter-Villa mit
Schwimmbad und Tennisplatz. Und sagt: »In Deutschland würde ich deutlich mehr
Steuern zahlen.« Weil in der Schweiz die Sätze noch niedriger sind. Trotz
rot-grüner Steuerreform, trotz aller Steuersenkungen der vergangenen Jahre. Kühne war einer der Vorreiter, aber inzwischen trifft man reiche Deutsche an
allen möglichen Orten, aber zunehmend seltener in Deutschland. Einige sorgen für
Schlagzeilen, so wie der Milchunternehmer Theo Müller (neuer Wohnsitz: Schweiz)
oder der Erbe Gert-Rudolf Flick (neuer Wohnsitz: England), aber der Großteil
schweigt. Und spart. In Liechtenstein, Österreich, den Londoner Villenvierteln
von Kensington bis Hampstead. Oder eben am Zürichsee. »Hier haben sich in den
vergangenen Jahren viele wohlhabende Leute niedergelassen«, sagt Kühne. Hätte die Regierung nicht über die Jahre die Steuern auf Gewinn- und
Vermögenseinkommen immer weiter gesenkt, wären vermutlich noch mehr
ausgewandert. Die Steuereinnahmen wären noch niedriger, die Arbeitslosigkeit
wäre noch höher. Denn hinter der finanziellen Entlastung von Unternehmern und
Vermögenden verbergen sich zwei simple ökonomische Zusammenhänge. Erstens:
Kapital ist mobil, weshalb es sich nur in ein Land locken, aber nicht zwingen
lässt. Zweitens: Kapital schafft Arbeitsplätze. Und kein Luxusgut, weder Diamantringe noch Platinuhren, hat in den
vergangenen Jahrzehnten derart an Wert gewonnen wie Arbeitsplätze. Vielleicht macht es sich daher ein wenig zu leicht, wer eine stärkere
Belastung der Reichen fordert. Vielleicht stellt sich in Zeiten der
Globalisierung eine neue Gerechtigkeitsfrage: Wenn in Deutschland mehr als vier
Millionen Menschen nach Arbeit suchen, ist es dann nicht gerecht, jene
steuerlich zu entlasten, die diesen Leuten Arbeit bieten? Haben sie sich dann
nicht auch ihren Reichtum verdient? Ganz im Sinne des Ökonomen August von Hayek,
der schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts, ebenfalls unter dem Eindruck von
Massenarbeitslosigkeit, formulierte: Ein Unternehmer verhält sich schon dadurch
sozial, dass er sein Unternehmen aufbaut und Arbeitsplätze schafft. Klaus-Michael Kühne zum Beispiel hat seinen Konzern erfolgreich geführt.
Heute beschäftigt Kühne + Nagel in Deutschland 5000 Mitarbeiter, demnächst wohl
noch mehr. Würde jeder, der in diesen Tagen auf die Privilegien der Reichen
schimpft, so viele Arbeitsplätze schaffen, gäbe es längst Vollbeschäftigung im
Land. Geld gegen Jobs – ist das also die Gerechtigkeit in Zeiten der
Globalisierung? »Wer heute unternehmerisches Risiko eingeht und Arbeitsplätze
schafft, sollte auch entsprechend belohnt werden können«, sagt Friedrich von
Bohlen, Nachkomme der Krupp-Dynastie und Mitgründer des Bio-Tech-Unternehmens
Lion Bioscience. »Wenn Unternehmer gut verdienen, kommt es letztlich der gesamten Bevölkerung
zugute«, sagt Arend Oetker, Urenkel des Backpulverfabrikanten August Oetker und
Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Reichtum als Entgelt für harte Arbeit, das alte meritokratische Ideal, wonach
auf große Leistung großer Lohn folgen sollte, könnte durchaus plausibel klingen
in einer Zeit, in der halb Deutschland in Apathie zu erstarren droht. Könnte.
Denn auch die Apologeten der neuen Leistungsgesellschaft machen es sich ein
wenig zu einfach. Dreißig Kilometer nordöstlich von Berlin stehen im Gewerbegebiet Eberswalde
die Produktionshallen der Hanke-Gesellschaft für Gießerei-Kooperation, und vor
der Tür, sagt Siegfried Hanke, da werde er mitten in dem von Arbeitslosigkeit
geplagten Land womöglich bald ein Schild aufstellen, mit der Aufschrift »Wir
stellen ein!«. Denn Hanke sucht Mitarbeiter. Ziemlich genau zwölf Jahre ist es her, da hat Hanke, damals Anfang 40,
geboren und aufgewachsen in der DDR, ein Unternehmen gegründet. Ausgerechnet
eines, das nichts mit Computern oder Telekommunikation oder mit sonst etwas zu
tun hatte, das nach Zukunft klingt. Sondern eine Druckgießerei. Heute beschäftigt er 40 Mitarbeiter, bildet Lehrlinge aus und liefert
Aluminiumgussteile für 2,5 Millionen Autos pro Jahr, seine Kunden sind
DaimlerChrysler, Toyota, Ford, Jaguar, Peugeot, »praktisch alle Autohersteller
weltweit«. Der Unternehmensgründer Siegfried Hanke, der am Tag 14 bis 16 Stunden
arbeitet, oft auch am Wochenende, hat also Erfolg. Hat Leistung gebracht.
Besonders viel Geld hat er nicht. Sein Besitz ist die Firma, für ihn selbst
bleibt kaum Luxus. Mit seiner Familie wohnt Hanke zur Miete am Rande Berlins,
wenn er mit dem Auto zu Kunden fährt, steuert er selbst, ein Multimillionär
hätte das nicht nötig, aber Hanke hat sich bis vor kurzem weniger Gehalt
ausgezahlt als seinen Ingenieuren. Den überschüssigen Gewinn hat er
reinvestiert. Richtig reich ist Siegfried Hanke also nicht geworden, vielleicht wird er es
noch, irgendwann. Wahrscheinlicher ist, dass von seiner Leistung erst seine
Erben profitieren. So wie meistens in Deutschland. Reiche sind hierzulande noch immer unbekannte Wesen – »Wir wissen, wie viele
Obstbäume in Deutschland wachsen, aber kaum etwas über Reichtum«, spottet etwa
der Bochumer Sozialforscher Ernst-Ulrich Huster. Aber einige Studien existieren
doch, und die sind eindeutig: Der reiche Unternehmer, der sein Imperium durch
eigene Leistung selbst erschaffen hat, ist eine Rarität. Die meisten Vermögenden haben schon groß angefangen. Sie hatten wohlhabende
Eltern. Sie haben geerbt. Das ist das Ergebnis einer Studie des Ökonomen Dierk
Hirschel, der an der Uni Lüneburg den familiären Hintergrund von 12000 reichen
und weniger reichen Personen untersuchte. Selfmademenschen dagegen bringen es selten zu Reichtum. Schon gar nicht
heute. »Die Chance aufzusteigen ist deutlich niedriger als vor dreißig, vierzig
Jahren«, sagt der Elitenforscher Hartmann. Der Erfolg des Fernsehfabrikanten Max
Grundig oder des Medienunternehmers Reinhard Mohn ist heute schwer zu
wiederholen. Die Wirtschaft stagniert, das verhindert den Erfolg der Kleinen.
Einer wie Heiner Kamps, der es vom Bäckergesellen zum Inhaber eines Brotkonzerns
mit Tausenden Filialen brachte, ist in Zeiten schrumpfender Märkte eine
Ausnahme. Nicht eigene Arbeit ist heute in Deutschland der erste Schritt zum Reichtum,
sondern geerbtes Grundkapital: ein gesundes, zumindest mittelgroßes Unternehmen,
ein paar Immobilien, ein gut gefülltes Wertpapierdepot. Das kleine Vermögen wird
dann schnell zum großen. Regierung und Opposition verkennen also die Realität, wenn sie betonen, es
könne in Deutschland nicht mehr um Ergebnisgleichheit gehen, wichtig sei die
Chancengleichheit. »Wo das Ergebnis, also Einkommen und Vermögen, sehr ungleich
verteilt ist, ist Chancengleichheit unmöglich«, sagt Hartmann. Künftig wird sie wohl noch schwieriger herzustellen sein. Bis zum Jahr 2010
wird in Deutschland ein Vermögen von zwei Billionen Euro vererbt, schätzen
Finanzexperten. Am meisten werden diejenigen erhalten, die jetzt schon
wohlhabend sind. Insofern ist gar nicht so abwegig, was radikal-liberale Ökonomen seit langem
fordern: einerseits die Abschaffung der Einkommensteuer, aber andererseits eine
Erbschaftsteuer von 100 Prozent. Jeder, so der Gedanke, soll behalten dürfen,
was er erarbeitet. Aber er soll es selbst erarbeiten müssen. So weit will der Hamburger Reeder Peter Krämer dann doch nicht gehen. Aber
wenigstens um ein paar Prozentpunkte, zumindest auf amerikanisches Niveau solle
man die im internationalen Vergleich sehr niedrige Erbschaftsteuer in
Deutschland erhöhen. Ausgerechnet Krämer sagt das. Der Erbe. Wenn Peter Krämer aus seinem Büro auf die Straße tritt, hat
er nur ein paar Schritte zum Hamburger Hafen. Zwei-, dreimal im Jahr liegt dort
eines seiner eigenen Schiffe, die übrige Zeit sind sie irgendwo auf den Meeren
unterwegs. Mehr als dreißig sind es inzwischen, fast alles Tanker, vor zwei Jahren waren
es nur 13, dann begann die chinesische Wirtschaft in einem Maße zu wachsen, wie
keiner es für möglich hielt. Jetzt braucht sie Energie aus aller Welt. An deren
Lieferanten verleiht der Reeder Krämer seine Schiffe. Er sagt: »Wir hatten das
beste Jahr in der Geschichte.« Es ist nicht dieser Erfolg allein, der den mehrfachen Millionär Peter Krämer,
der die Reederei einst von seinem Vater übernahm, so ungewöhnlich macht. Sondern
dass er von einem griechischen Klassenkameraden erzählt, der damals, vor
Jahrzehnten, trotz guter Noten die Schule verlassen musste, weil sein Vater es
sich nicht leisten konnte, einen Helfer für seinen Getränkeladen einzustellen.
Mit solchen Erlebnissen hat es wohl zu tun, dass Krämer, inzwischen Anfang
fünfzig, Sachen sagt wie: »Von einem bestimmten Einkommen an sollte man ruhig
fünfzig Prozent Steuern zahlen.« Oder: »Wir Reichen müssen die Taschen öffnen,
sonst werden wir scheitern.« Nun ist es nicht so, dass Deutschlands Vermögende die Taschen allesamt fest
geschlossen halten. Im Gegenteil. Die Republik erlebe einen Stiftungsboom, heißt
es in einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung. 800 Stiftungen entstünden pro
Jahr, gegründet von Wohlhabenden, die meist ungern Steuern zahlen, aber trotzdem
ein wenig abgeben wollen. So wie die Familie Kühne, die schon 1976 die
Kühne-Stiftung ins Leben rief und nicht nur Universitätsinstitute in Hamburg und
Koblenz mitfinanziert, sondern auch ein Waisenhaus in Bosnien und ein
Kinderkrankenhaus in Kenia. Die Frage ist nur, ob es bei der Verantwortung der Wohlhabenden wirklich nur
um Geld geht. Nein, sagt der Bremer Historiker Paul Nolte. Es gehe darum, wieder Teil der
Gesellschaft zu werden: »Wer sitzt denn in den Elternbeiräten der Schulen oder
gründet einen Nachbarschaftsverein, das sind meist Angehörige der Mittelschicht,
selten die wirklich Reichen.« Nolte sieht die Gefahr, dass sich niemand mehr dem
Ganzen zugehörig fühlt. Dass sich nicht nur die soziale Unterschicht aus der
Gesellschaft verabschiedet, sondern auch die Oberschicht. Die eine wählt die
Radikalen, die andere die Côte d’Azur. Oder die Landstraße von Bietingen nach Schaffhausen. Ganz unten im Süden Deutschlands steht an der Fahrbahn ein gelbes Haus, neben
der Tür hängt ein Adler auf goldenem Grund, darunter steht: Zollamt. Ein paar
Meter weiter beginnt die Schweiz. Der Grenzübergang Bietingen ist der Arbeitsplatz des Klaus Graf, von Beruf
Zollbeamter. Schwarze Hose, grünes Hemd, an der Hüfte die Dienstwaffe. Seit ein
paar Jahren, sagt er, suchten sie hier nicht nur nach geschmuggelten Waren, sie
schauen auch aufs Geld. Bis 15000 Euro in bar darf man unangemeldet ausführen,
aber einige der Tausenden, die da täglich über die Grenze fahren, haben mehr
dabei. 50000, 100000 Euro, einmal sogar 700000 Euro. Nachschub für die Konten in
der Schweiz, von denen das Finanzamt nichts wissen soll. Für gründliche Kontrollen fehlt dem Zoll das Personal, aber zwei, drei
Geldschmuggler am Tag bleiben trotzdem hängen. Hoteliers aus Berlin,
Brauereibesitzer aus dem Schwäbischen, gescheitert am Instinkt der Zöllner. Oder
an Voxi, dem Geldhund, einem Deutschen Schäfer, trainiert auf den Geruch von
Euroscheinen. In Butterbroten und Büstenhaltern finden die Beamten manchmal die Scheine.
Wenn dann wieder ein Mann in seinem Mercedes lautstark verkündet, nichts bei
sich zu haben, wenn er wenig später halb nackt dasteht und ihm das Geld aus der
Unterhose quillt, dann kommt Graf, der Zöllner mit dem kleinen Beamtengehalt,
ins Grübeln. Er denkt sich dann: »Der Mann ist doch nicht arm, warum nimmt der
diese entwürdigende Situation auf sich, nur um ein wenig Steuern zu sparen?«
Dann überlegt er kurz und fügt an, ein wenig verständnislos: »Die Gier ist
eben inzwischen stärker als das Schamgefühl.« Mitarbeit: Wolfgang Gehrmann, Dorit Hess