| Süddeutsche
Zeitung v. 9.10.2004, S. 16
Alexander Kissler
Bloß nicht sein wie Anke
Die Soziologen suchen und finden den Sinn der Ungleichheit
Ausgerechnet Napoleon: Der Korse mit der schlingernden Karriere kommt
Deutschlands Soziologen in den Sinn, wenn sie über alte Eliten, neue
Leitbilder und die Ungleichheit der Menschen nachdenken. Auf dem gestern
zu Ende gegangenen 32. Soziologentag nannte Heinz Bude den Kaiser qua
Selbstkrönung einen "klassischen sozialen Aufsteiger",
und Matthias Machnig, heute Unternehmensberater, einst Bundesgeschäftsführer
und Wahlkampfmanager der SPD, Erfinder der "Kampa", noch früher
aber Soziologe und Jungsozialist in Münster -- auch Machnig deutete
das 21. Jahrhundert als parodistische Reprise spätabsolutistischer
Zeiten: Das "bonapartistische Führungsmodell" sei auf dem
Vormarsch. Die neuen Napoleone hießen Gerhard Schröder, der
die "Agenda 2010" fast im Alleingang durchsetzte, und Angela
Merkel, die bewirkt habe, dass McKinsey das Parteiprogramm der CDU entwickele.
Der erste Soziologentag im Oktober 1910 begann mit einem Vortrag Georg
Simmels über die Geselligkeit. Ein Kritiker schrieb höflich,
das Referat sei ein "bedeutendes Stück Wirklichkeit in geistiger
Erhöhung" gewesen. Bedeutend ist noch immer die Frage, die nun
den 140 Einzelveranstaltungen über "Konsum als Fluchtpunkt von
Distinktion", über "Körperpraxen" und "Megastädte"
das Thema vorgab, jene Frage nach sozialer Ungleichheit und kulturellen
Unterschieden, die schon Simmel beschäftigte. Für ihn war der
Mensch ein "Unterschiedswesen". Alle "praktischen Interessen,
alle Bestimmungen unserer Stellung in der Welt, alle Benutzung anderer
Menschen" basiere auf den Unterschieden zwischen den Menschen.
Lange schien sich die Soziologie von Simmels Forderung verabschiedet zu
haben, "in allem Sein den historischen Prozess seines Werdens zu
erkennen" und, darauf aufbauend, "die Regeln zu finden, nach
denen das Individuum (. . .) und die Gruppen untereinander sich verhalten".
Soziologisch denken bedeutete oft, die Wirklichkeit an der ideologischen
Elle der Soziologen zu messen. Mittlerweile aber hat die Rede von der
Ungleichheit alles Anstößige verloren. Sogar der alte Skandalbegriff
der Elite mutierte vom Feind- zum Leitbild. Problematisch sei nicht die
Existenz von Eliten, sondern höchstens deren aktuelle Zusammensetzung.
Die Soziologen möchten, so scheint es, künftig mitmischen. Sie
möchten selbst Teil einer je nach Standpunkt verschieden definierten
Elite sein, möchten aufschließen zu Jürgen Peters, Harald
Schmidt, vielleicht auch zu Viktor Navorski, keineswegs aber zu Anke Engelke.
Legt man die einleuchtendste aller Definitionen zugrunde, dann sitzt die
Elite immer dort, wo gesellschaftliche Macht angehäuft wird -- in
den Worten Heinz Budes: "an der Spitze der Gesellschaft, wo einflussreiche
Kräfte bestimmte Fäden in der Hand halten." Die Mächtigen,
nicht unbedingt die Reichen oder die Prominenten, rechnen zur Elite. Dem
IG-Metall-Vorsitzenden Peters sei der Sprung in diesen Kreis gelungen,
dem vergleichsweise machtlosen Millionenerben Flick hingegen nicht. Auch
Harald Schmidt müsse -- im Unterschied zu Deutschlands 84 Milliardären
-- genannt werden, habe er doch im Medium der Unterhaltung Politik betrieben.
Franz Münteferings Aufstieg an die Spitze der SPD ist laut Bude undenkbar
ohne die "Harald Schmidt Show". Dort sei die Medienfigur "Münte"
entstanden, die Bodenhaftung verkörpere, gepaart mit Weitsicht. Die
gescheiterte Anke Engelke habe sich ausschließlich im Zirkel der
Prominenz, niemals im Radius der Macht bewegt.
Kampflos wollte die Minderheit der krawattenlosen Soziologen das Diskursfeld
nicht räumen. Für eine neue "Werte- und Kommunikations-Elite"
plädierte Hermann Schwengel, vorgestellt als "Networker im linksliberalen
Bereich", bebrillt, vollbärtig, violett gewandet, ein Soziologe
wie aus dem Handbuch für den Klassenkampf. Anders als in den USA
mangele es hier an Konfliktfreude und Korpsgeist. Nur so aber könnten
dem "abwägenden Publikum" Alternativen klar vermittelt
werden. Der Freiburger Soziologe schwärmte von den amerikanischen
Denkfabriken wie der Rand Corporation. In der Werte-Elite könnten
sich dann die "Pioniere der Globalisierung" wiederfinden, etwa
Viktor Navorski aus dem fiktiven Balkanstaat Krakozia. Der von Tom Hanks
dargestellte Held aus Stephen Spielbergs neuem Film "Terminal"
strandet auf dem New Yorker Flughafen und fristet dort sein Leben.
Münte und die Trüffelschweine
Zart leuchtet hinter
Schwengers Aufnahmegesuch in den Kreis der neuen Eliten die alte Utopie
von der herrschaftsfreien Diskursgemeinschaft und der Macht des Geistes.
Wie anders nimmt sich doch das Zukunftsbild des Matthias Machnig aus.
Letztlich hält er seinem ehemaligen Dienstherrn im Kanzleramt die
Treue. Machnig erhofft sich "neue soziale Räume", in denen
über die Agenda der nächsten 15 Jahre debattiert werde, und
diese Agenda laute: "Konsolidierung, Konsolidierung." Nur so
könne der "Reformkorridor" weiter geöffnet werden.
Die neuen Räume sind vielleicht also Foren zur politischen Akzeptanzbeschaffung.
Zerklüfteter präsentierte sich die Disziplin nie. Kalte Asche
ruht im Herd der frommen Denkungsart, und wer mannhaft die Folgen sozialer
Kollision, die Gefahren etwa der Verarmung, benennt, der droht beim Lamento
zu landen. So war es ein ehrlicher Abschluss der fünf Tage von München,
als Karl Ulrich Mayer (New Haven) seiner Zunft ins Gewissen redete. Der
Realitätsbezug der Soziologie sei "weithin ungesichert und zweifelhaft",
"empirische Begründungspflichten" empfinde man als lästig,
Soziologen seien "aufgeregt und irrtumsanfällig" wie Trüffelschweine.
Die Frage nach der Zukunft der Soziologie scheint ebenso drängend
wie jene nach der Zukunft der Gesellschaft.
Übrigens wurde die traurige Geschichte von der Rückkehr des
Bonapartismus schon einmal erzählt. Robert Michels tat es, 1911,
in dem Klassiker "Zur Soziologie des Parteiwesens". Glaubt man
Michels, neigen demokratische und sozialistische Organisationen zum "Heroenkult"
-- ins Heutige gewendet: Prominenz überwölbt Kompetenz, Harald
Schmidt kürt den Kanzler. Den Preis verschwieg Michels nicht: Das
Volk entmündigt sich selbst.
___________________________________________________________________________
... und auf diese Veranstaltung des Soziologentags bezog
sich das:
An der Spitze der Gesellschaft: Altes Geld, neue Kräfte und Leute
wie du und ich
Organisation: Heinz Bude, Teilnehmer: Georg Meck (Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung), Matthias Machnig (BBDO Consulting) und Hermann Schwengel
(Universität Freiburg)
Die Fragen von sozialer Ungleichheit und kulturellen Unterschieden sind
im-mer auch nach oben gerichtet: auf die Spitze der Gesellschaft, wo sich
Reichtum, Macht und Prominenz zur Anschauung bringen. Das Begehren der
vielen findet im Bild dieser Wenigen sein Ziel und seine Gestalt. Ach
wenn man in der soziologischen Beobachtung einem Bild der Gesellschaft
ohne Zentrum und ohne Spitze zuneigt, kommt man bei der gesell-schaftlichen
Teilnahme an der Vorstellung der oberen Zehntausend nicht vorbei. Wen
stellen wir uns darunter vor? Wie kommt man dahin? Wer steht an der Spitze
unserer Gesellschaft? Die Abendveranstaltung will diese Fragen unter drei
Hinsichten behandeln: Es soll um das Milieu des "altes Geldes",
die Wege der "neuen Kräfte" und die Inszenierung "unserer
Elite" gehen. So soll ein Bild von der Spitze unserer bundesrepublikani-schen
Gesellschaft gezeichnet werden: mit den reichen Familien im Hintergrund,
dem wechselnden Führungspersonal im Vordergrund und den schillernden
Figuren der Prominenz dazwischen.
|