|
Biopolitik
kann u.a. verstanden werden als das 'Fine-Tuning'
der biologisch-politischen Struktur einer Bevölkerung
im Interesse der jeweiligen Machteliten, beispielsweise
durch gesundheitspolitische Massnahmen oder
durch die Manipulation des Gesundheitsverhaltens,
wobei differenzierte Bevölkerungsreduktion
und Profite der Gesundheitsindustrie durchaus
Hand in Hand gehen können.
Michel
Foucault benutzt den Begriff der Biomacht,
um einen neuartigen Machtmechanismus zu kennzeichnen.
In traditionellen Machtformen, insbesondere
dem souveränen Nationalstaat, bedeutet
Macht letztlich souveränes Recht über
Leben und Tod der Untertanen. Seit dem 17. Jahrhundert
wird diese alte 'Macht über den Tod' zunehmend
von einer neuen Machtform überlagert, deren
Ziel es ist, das Leben zu verwalten, zu sichern,
zu entwickeln - und letztlich zu bewirtschaften.
Foucault
unterscheidet zwei "Entwicklungsachsen
der politischen Technologie des Lebens":
erstens die
Disziplinierung des Individualkörpers:
hier geht es um die Serie "Körper
- Organismus - Disziplin - Institution"
und folglich um Machtformen, die sich in Institutionen
wie dem Fabriks- oder Militärsystem realisieren;
zweitens die
Regulierung der Bevölkerung: hier
geht es um die Serie "Bevölkerung
- biologische Prozesse - Regulierungsmechanismen
- Staat" und folglich um Machtformen, die
sich als "Bevölkerungspolitik"
realisieren, also die Bevölkerung als "biologisch-politische
Entität" begreifen, die durch Beeinflussung
der Geburts- und Sterblichkeitsraten, des Gesundheitsniveaus
usw. den wirtschaftlichen Interessen gefügig
gemacht wird.
Michael
Hardt und Antonio Negri kritisieren, dass
Foucaults Begriff der Biomacht / Biopolitik
zu statisch sei und den Problemen im Übergang
zur Postmoderne (Souveränitätsverlust
der Nationalstaaten, Privatisierung der Macht,
Rolle transnationaler Konzerne und NGOs) nicht
gerecht werde. Biopolitik im Sinne von Bevölkerungspolitik
dient nicht mehr nur der 'Reproduktion des Lebens',
sondern wird direkt zur Steuerung der Produktion
eingesetzt. Biomacht ist "eine andere Bezeichnung
für die reelle Subsumtion der Gesellschaft
unter das Kapital" und steuert die globale
Ordnung der Produktion bzw. des wichtigsten
Produktionsfaktors, der menschlichen Arbeitskraft.
Susan
George beschreibt in ihrem fiktiven 'Lugano
Report. Ist der Kapitalismus noch zu retten?',
wie eine Expertenkommission den grossen internationalen
Organisationen wie Weltbank und Internationaler
Währungsfond, den G7-Staaten, den Clubs
von London und Paris, dem World Economic Forum
usw. sogenannte „Bevölkerungs-Reduktionsprogramme“
empfiehlt. Mit dieser 'Weltbevölkerungspolitik'
- einer Biopolitik ganz im Foucaultschen Sinne
- soll die Menschheit von heute sechs Milliarden
auf vier Milliarden im Jahr 2020 reduziert werden.
Denn nur so werde der Kapitalismus nicht an
seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen.
Ganz nüchtern setzen die 'Experten' auf
eine Reihe von - möglichst rationalen und
unauffälligen - Strategien zur Weltbevölkerungsreduktion.
Dabei soll sich der überflüssige Teil
der Bevöllkerung, der 'Sozialmüll',
am besten selbst erledigen und seine wahren
Liquidatoren nicht erkennen, und zwar u.a. durch
Kampf
der Kulturen
und Krieg der Identitäten sowie entsprechende
Waffenexporte; durch Hungersnöte - denn
sie treffen selten die wohlhabenden gesellschaftlichen
Eliten; durch Einsatz von Gentechnologie
in der Landwirtschaft mit noch unabsehbaren
tödlichen Folgen; durch Beförderung
von Krankheiten und Seuchen, etwa Tuberkulose,
Malaria und vor allem die Immunschwächekrankheit
AIDS.
|