Alle politischen, ökonomischen, moralischen und diplomatischen
Kommentare zum Krieg in Irak sind abgegeben und bekannt. Ich möchte mich daher
auf die Vorstellung konzentrieren, die den Horizont dieses Krieges bildet -
dieses Krieges, der in allen möglichen Formen stattfindet, ob die Feldeinsätze
offen in Gang gesetzt werden oder nicht, ob in Irak, in Afghanistan, in
Palästina oder anderswo. Diese Vorstellung ist die eines "Kriegs der
Zivilisationen".
Selbst wenn diese These in Büchern und Artikeln
diskutiert und haargenau untersucht worden ist, bleibt es dabei, dass das Bild,
das die öffentliche Meinung bestimmt, dieser Idee mehr oder weniger entspricht.
Nun ist diese aber zugleich falsch und richtig. Sie ist insofern richtig, als es
fortwährenden Krieg zwischen zwei Zielvorstellungen über die Herrschaft der
westlichen Welt in einem weiten Sinne des Wortes gibt. Dieser fortwährende
Kriegszustand folgt auf denjenigen, den man den Kalten Krieg nannte. Das
bedeutet außerdem, dass ein und dieselbe westliche Welt sich im fortwährenden
Zustand eines inneren Krieges befindet, der seit dem offenen Konflikt im Jahr
1914 nicht mehr der alte Krieg souveräner Staaten ist.
Seit ungefähr
einem Jahrhundert ist die Epoche vorbei, in der diese Welt den wechselseitigen
Beziehungen der "Mächte" unterlag, die sie seit langem geordnet hatten. Es hat
sich ein verallgemeinertes inneres Chaos herausgebildet, das mit einer Auflösung
jeglichen Gleichgewichts einhergeht und zugleich mit einer tendenziellen
Auslöschung ihrer Differenz als Westen im Rahmen des Prozesses ihrer eigenen
Globalisierung.
Dies verbietet es, von einem "Krieg der Zivilisationen"
zu sprechen, als ob die westliche Zivilisation einer anderen,
arabisch-orientalischen, die Stirn böte. Der begonnene Prozess ist ein Prozess
im Inneren der westlichen Zivilisation. Sie selbst zerreißt sich, nachdem sie in
sich selbst eine Situation hervorgerufen hat, die die Teile des alten Europas
destabilisiert. Sie produziert auf der einen Seite die amerikanische Übermacht,
auf der anderen das schwerwiegende Identitätsdefizit Europas, und sie bringt
unübersehbar den Widerspruch ans Licht zwischen ihrem Anspruch auf eine
rational-moralische Universalität (Wissenschaft und Demokratie) und der
schreienden Ungerechtigkeit der Situationen, die durch ihre eigene Herrschaft
geschaffen werden.
Allerdings haben die herrschenden Klassen oder Kasten
der früher kolonisierten Länder oft alles unternommen, um die Kolonialrenten
endgültig zu ihrem Vorteil zu verewigen; zugleich haben sie die neuen Renten
hinzugefügt (speziell die aus dem Öl), die sich aus den technischen und
ökonomischen Veränderungen ergaben. Dies verschärft dadurch die Phänomene der
Ungerechtigkeit und der ökonomischen und kulturellen Unterschiede, dass sich
Oligarchien, Clans und mafiöse Mächten entwickeln, die ihren eigenen Völkern
schaden, indem sie bei ihnen den Glauben an eine mutmaßliche Autonomie
aufrechterhalten, die tatsächlich nur den Autismus dieser Potentaten
verdeckt.
Dieses Phänomen selbst enthüllt aber die Unfähigkeit der
westlichen Zivilisation, anderes zu machen, als zum einen ihre Herrschaft, zum
anderen ihre Ideale oder ihre Normen und dabei zum Dritten eine wachsende
Unfähigkeit auszubreiten, die eine mit den anderen dialektisch zu vermitteln. In
Wahrheit enthüllt diese Zivilisation ihre Unfähigkeit, sich als Zivilisation
auszubreiten. Sie breitet ihre eigene Implosion aus. Ebenso könnte man in einer
weit hergeholten Analogie sagen, dass das Chaos und die inneren Unruhen des
römischen Reiches im Raum der pax romana die Gärstoffe der Auflösung und
des Konfliktes verbreiteten. Nichts ist symptomatischer für diesen Stand der
Dinge als die religiöse Vorstellung. Von einer Seite her taucht eine Karikatur
des Islam auf, in der die seichtesten Züge der beschränktesten und naivsten
Aspekte von dessen Tradition (die sich durch die gesamte Geschichte des
Mittelmeerraumes gezogen hat) in Wundstarrkrampf-Steifheit erstarrt sind, von
der anderen Seite will ihm die Zuversicht eines nicht minder naiven Moralismus
antworten, der "in God we trust" den Rückhalt gibt, der notwendig ist, damit die
Freiheit herrschen kann. Gleiches bietet hier Gleichem die Stirn. Ohne Zweifel
überrascht nicht im Geringsten, dass man den ältesten der drei Götter des
Monotheismus in die Auseinandersetzung verwickelt findet, die im Zusammenhang
Israels alle selbstzerstörerischen Virtualitäten dieses Komplexes
auskristallisiert. Der Monotheismus stellt die Einheit und den inneren
Widerspruch dieser Zivilisation im Krieg gegen sich selbst dar.
Er stellt
diese Schizophrenie gut dar, weil er sie als Vermögen in sich trägt - auch wenn
er zugleich deren Infragestellung hervorrufen können muss. Dieses Vermögen ist
das des Universalitätsanspruchs, der notwendig den Willen zur Herrschaft und zur
Normalisierung nach sich zieht, sofern er nicht auf seine tiefste Wahrheit
zurückgeführt wird. Diese Wahrheit ist keine andere als diese: Das Universelle
kann nicht in Form einer Anwesenheit gegeben werden. Wenn der "eine und einzige
Gott" als anwesender gegeben wird (in einem Namen, einer Doktrin, einer Macht),
so ist er im selben Augenblick weder einer und einziger noch "Gott". Der sehr
bemerkenswerte Umstand ist dabei, dass jedes große Denken dies in den
unterschiedlichen Traditionen innerhalb des Monotheismus gewusst hat. Die großen
Mystiker, die großen Theologen und die großen Philosophen haben alle zumindest
diese Wahrheit geteilt, die die Wahrheit über die Wahrheit ist: dass man sie
weder darstellen noch sich aneignen kann.
Eben dies steht im
Widerspruch zu jedem Anspruch, eine Instanz der Universalität zu identifizieren.
Und eben dies garantiert den Krieg, sobald ein solcher Anspruch erhoben wird.
Nun wird er unvermeidlich erhoben, sobald man versucht, das Universelle zu
identifizieren. Die Ambiguität unserer gesamten Zivilisation hat ihren Platz
zwischen dem Willen zu dieser Identifikation und dem Wissen von deren radikaler
Unmöglichkeit. Der einzige Punkt, an dem sich diese Ambivalenz auflöst, ist der
Punkt, an dem das Universelle sich in der anonymen Form des allgemeinen
Äquivalents darstellt: das heißt in der Geldform des Wertes, um es in den
Begriffen von Marx zu sagen. Der Krieg des Monotheismus ist der Krieg, der dem
"Wert" inhärent ist, insofern er keinen darstellbaren Wert außer seiner eigenen
unendlichen Reproduktion hat. Er findet ziemlich genau an der Stelle statt, wo
dem Denken von Marx zufolge die Revolution, das heißt genau die Umkehrung dieser
Abstraktion des Wertes, möglich, wenn nicht gar notwendig ist.
Man wird mir
sagen, dass ich sehr weit in meiner Spekulation über die drohenden Realitäten
des Krieges gehe. Ich bin aber überzeugt, dass dieser Krieg das Schicksal einer
Zivilisation ist, die ihre eigene Grenze berührt. Er kann nur in einer Änderung
der Zivilisation enden. Diese kann drei Formen haben: entweder die Verschiebung
der Pole der Zivilisation (wenn es möglich ist, dass aus Asien, Afrika oder
Lateinamerika andere Pole auftauchen) oder die Verschärfung der identitären,
nationalistischen oder ethnischen, regionalistischen oder Clan-Erscheinungen in
der gesamten europäisch-mediterranen Welt (dieses zweite Resultat kann das erste
begleiten als seine dunkle Seite und wie der Schiffbruch der Vergangenheit) oder
aber die von dieser selben Welt gemachte Erfindung einer neuen Art des Bezugs
auf den Wert, das Absolute oder die Wahrheit. Einer Art, der es gelänge, die
Erschöpfung aller Vorstellungen des Wertes zur Kenntnis zu nehmen - des
Menschen, der Vernunft, des Rechts, der Wissenschaft, Gottes, der Geschichte
etc. - und auf eine andere Weise das Motiv des Universellen neu zu begreifen.
Damit dasselbe aufhört, demselben die Stirn zu bieten, gibt es nur ein Mittel:
dass es anders als es selbst wird.
Jean-Luc Nancy ist Professor für
Philosophie an der Universität Straßburg. In deutscher Übersetzung ist von ihm
zuletzt erschienen: "Corpus" (diaphanes). Aus dem Französischen von Nikolaus
Müller-Schöll.
Dossier: Krieg gegen Irak?