Die Schlachten sind geschlagen, jetzt gibt es erste Versuche, das Porzellan zu kitten. Wie eine Vorübung auf dem Weg zu neuer Annäherung wirkte eine österliche Konferenz auf Schloss Elmau, auf der sich politiknahe Experten aus den Vereinigten Staaten und Deutschland trafen, um Gegensätze klarzustellen und mögliche Zonen des Konsenses auszuloten. Während draußen die Ostersonne den letzten Schnee im alpinen Hochtal zum Schmelzen brachte, zeichneten sich drinnen Umrisse eines neuen transatlantischen Diskurses ab.
Zunächst einmal ging es um die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit. Ronald D. Asmus (German Marshall Fund, Washington) bemängelte fehlendes Verständnis für amerikanische Befindlichkeiten. Die Europäer wollten einfach nicht einsehen, dass die Transformation des Mittleren und Nahen Ostens oberste weltpolitische Priorität haben müsse, angesichts der Bedrohung, die von dieser Region ausgehe, wie der 11. September gezeigt habe. Falsch, entgegnete Reinhard Hesse, Nahostexperte und Redenschreiber des deutschen Kanzlers, der transatlantische Konsens ist nicht von europäischer Seite aufgekündigt worden. Die Terrorismusbekämpfung habe man sehr wohl mitgetragen, aber an der darüber hinaus gehenden "Unterjochung" des Mittleren Ostens beteilige man sich nicht.
So what? Wozu die ganze Aufregung, fragte Walter Russel Mead (Council on Foreign Relations, Washington), der sich in der Rolle des advocatus imperii sichtlich wohl fühlte. Europa sei, erläuterte er die neue Washingtoner Linie, schlichtweg nicht relevant für amerikanische Außenpolitik. Wenn ihr mitmacht, schön, wenn nicht, auch gut. Nur: "Mit welchem Recht wollt ihr uns kontrollieren?" Wenn Europa wirklich ein Veto in Sachen US-Außenpolitik wolle, müsse es in letzter Konsequenz auch bereit sein, Krieg gegen die USA zu führen. Und was den Vorwurf der außenpolitischen Unerfahrenheit betrifft: "Niemand hat es besser gemacht." Pfuscht uns bitte nicht ins Handwerk, lautete Meads Botschaft. Wir machen das schon. Und was hat Europa denn überhaupt zu bieten?
Reduzierter Multilateralismus
Auch wenn Ronald D. Asmus, in der Clinton-Administration mit der Nato-Osterweiterung beschäftigt, Mead widersprach, so beschränkte sich sein Plädoyer für Multilateralismus doch letzten Endes nur auf Verfahrensfragen. Die Bush-Administration habe "dumme Fehler" gemacht, es wäre besser, wenn die Europäer dabei gewesen wären. In einem Boot, das freilich von den Amerikanern gesteuert wird. Auch Asmus konnte der europäischen Kritik am Irak-Krieg nicht viel abgewinnen. Dieser Krieg sei völkerrechtlich besser abgestützt als der Kosovo-Krieg, und überhaupt hätten die Europäer angesichts der irakischen Bedrohung dreizehn Jahre lang geschlafen.Das Angebot von Asmus, im Schlepptau der Amerikaner mitzufahren, lockte keinen der anwesenden Alteuropäer. Multilateralismus zu amerikanischen Bedingungen? Die Amerikaner richten an und bestellen die Europäer zum Abwasch? Herfried Münkler (Berlin) fand diese Perspektive "nicht sehr appetitlich". Die Alternative dazu besteht für ihn darin, dass Europa einen eigenen weltpolitischen Gestaltungswillen entwickelt, bis hin zur "Aufteilung der Interessensphären" zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Sozusagen eine einvernehmliche Scheidung, mit Gütertrennung. Statt einem Imperium hätte man dann eben zwei.
Ob der "Weckruf für Europa", den Reinhard Hesse ebenfalls vernommen hatte, dauerhafte Folgen haben wird, ist freilich zweifelhaft. Europa habe schließlich "sehr wenig konkrete Alternativen" anzubieten, merkte der Wirtschaftstoriker Harold James (Princeton) an. Worin bestehe denn überhaupt das von Chirac so sehr betonte "gemeinsame Ziel" der Europäer?
Der Schnee taute zwar in Elmau, aber der Boden war noch gefroren. Es knirschte vernehmlich. Doch die österliche Luft war frisch und klar. Dass die im Kalten Krieg geborene "Einheit des Westens" an ein Ende gelangt ist, über diese Diagnose gab es keinen Dissens. Welche Art von Beziehung aber in einer seit den Jahren 1989/90 unipolaren Welt an deren Stelle treten würde, vermochte auch die transatlantische Runde in Elmau nicht auszudeuten. Klar wurde, dass nach der "Entfesslung des amerikanischen Riesen" (Münkler) Europa am Zuge ist, klar wurde aber auch, dass europäische Politik nach wie vor die große Unbekannte im weltpolitischen Spiel darstellt.
Die amerikanische National Security Strategy steht für jedermann abrufbereit im Internet. Was aber die Europäer wollen, ist selbst so manchem der europäischen Hauptakteure wohl noch unklar. Vor allem Deutschland ist nach Jahrzehnten der außenpolitischen Entwöhnung noch weit davon entfernt, eigene Interessen zu formulieren, wie Herfried Münkler kritisch anmerkte. Wenn man aber Multilateralismus mit Harold James als Ausgleich von Interessen begreift, dann müssen diese Interessen - ideelle wie materielle - erst einmal definiert und in praktische Politik umgesetzt werden. Das Gefühl moralischer Überlegenheit - Europa kann es besser - mag ein gutes Ruhekissen sein. Doch wieviel davon übrig bleibt, wenn es ernst ist, wird man erst sehen, wenn Europa erwacht. Falls es erwacht.