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IMPERIUM Der Schriftsteller Gore Vidal über das "unbestreitbare
Schicksal" Amerikas und Parallelen zwischen den Anschlägen von
Oklahoma-City 1995 und New York 2001
Gore Vidal ... ... ist scharfer Kritiker einer globalen
Militärpräsenz der USA. In seinem soeben erschienenen Buch Ewiger Krieg
für Ewigen Frieden charakterisiert er Bushs "Krieg gegen den Terrorismus"
als willkommenen Vorwand, um den Abbau der Bürgerrechte zu forcieren und
dem Land ein horrendes Militärbudget zu verordnen. In seinen Romanen und
Essays hat sich Vidal seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer
wieder mit Gefahren für die Kultur und politische Moral Amerikas
beschäftigt.
FREITAG: Das Vertrauen in die
Selbstheilungskräfte der amerikanischen Demokratie ist weit verbreitet,
trotz politischer Fehlleistungen und imperialer Übergriffe. Für die
meisten ist die Herrschaft der USA deshalb gutmütig - ein Garant für
Frieden und Sicherheit in einer Welt voller Gefahren. Das kontrastiert
scharf mit dem Bild eines Imperiums, wie Sie es zeichnen. Haben sich die
USA in den vergangenen 50 Jahren tatsächlich so verändert? Und warum haben
die Europäer große Schwierigkeiten diese Veränderungen
wahrzunehmen? GORE VIDAL: Sie zeichnen da ein sehr positives Bild
eines Teilaspekts Amerikas, der für Deutschland sicher wichtig war. Ich
möchte eine Maxime Montesquieus aus dem 18. Jahrhundert dagegen stellen:
"Eine Republik ist unvereinbar mit einem Imperium! Man kann nicht beides
haben!" Amerika aber hat ganz bewusst ein Imperium aufgebaut und damit
bereits 1898 im spanisch-amerikanischen Krieg begonnen, der uns die
Philippinen einbrachte und zur asiatischen Großmacht erhob. In den
vergangenen 50 Jahren allerdings ist dieser imperiale Prozess in eine
entscheidende Phase getreten. Präsident Roosevelt - unser Augustus - hatte
einen Modus Vivendi mit Stalin gefunden, der durchaus hätte funktionieren
können. Selbst Churchill hat das zugegeben. Doch mit dem Nachfolger
Truman begann eine völlig andere Politik. Was wenige in Deutschland
wissen, weil ihnen die Propaganda etwas völlig anderes erzählt hat -
Truman ist der eigentlich Verantwortliche für die deutsche Teilung. Mit
seiner Präsidentschaft wurde für die amerikanische Außenpolitik
bestimmend, was ich "Ewigen Krieg für Ewigen Frieden" nenne. Damit begann
der Kalte Krieg. Ökonomisch hat sich das übrigens wie ein keynesianisches
Investitionsprogramm ausgewirkt. Vor 1940 befanden sich die USA in einer
tiefen ökonomischen Depression. Erst massive Investitionen in die
Rüstungsmaschinerie nach dem Kriegseintritt haben das Blatt gewendet.
1945 war die Gefahr groß, dass die Kriegskonjunktur in eine Rezession
mündete. Und so widerrief Truman alle Zusagen, die Roosevelt Stalin in
Jalta gemacht hatte. Inzwischen verfügten die USA über die Atombombe und
Russland wurde nicht mehr gebraucht, um die Japaner zu besiegen. Langsam
reifte der Entschluss, die Rüstung nicht zurückzuführen, sondern von nun
an die Rolle eines Weltpolizisten zu beanspruchen. Das kostete eine
unglaubliche Menge Geld. Um die Steuerzahler zu bewegen, diesen großen
Kreuzzug auch zu finanzieren, wurden der Kommunismus und Stalin zu
Erzfeinden Amerikas erklärt. Deutschland war dabei nur eine Figur auf dem
großen Schachbrett, Westdeutschland wurde zur loyalsten östlichen Provinz
des amerikanischen Imperiums. Die Deutschen erwiesen sich schließlich als
bessere Amerikaner als wir selbst. Es war ein Schock für Stalin, wie rasch
die USA aus den Teilen Deutschlands, die von den Westmächten besetzt
waren, einen unabhängigen Staat gründeten.
Irgendjemand muss diese schlafende Schönheit Europa
wecken
Gegenstück zur Entscheidung Trumans, diesen
ewigen Krieg zu einem Element der Außenpolitik zu machen, war der
"National Security Act". Was bedeutete er für die amerikanische
Innenpolitik? Er umfasste seinerzeit acht Punkte: das
Kriegsministerium wurde zum Verteidigungsministerium, die Stellung der
Streitkräfte gestärkt, CIA und NATO entstanden. Dies geschah
hauptsächlich, um unsere Alliierten in Westeuropa unter Kontrolle zu
halten. Die NATO hat auch heute noch eine wichtige Rolle für das
amerikanische Imperium. Polen, Ungarn, Tschechien sind bereits Mitglieder,
andere kommen jetzt hinzu. Die Ukraine ist nur eine Zwischenetappe, Ziel
sind Usbekistan, Turkmenistan, Aserbeidschan, die Regionen um das
Kaspische Meer, wo die weltweit drittgrößten Öl- und Gasvorkommen liegen.
Seit Kissingers Zeiten als Außenminister suchen wir nach einer von der
OPEC unabhängigen Versorgung mit Erdöl zu möglichst niedrigen Preisen.
Unsere eigenen Vorräte reichen noch 20 Jahre. Deshalb sind wir auch in
Afghanistan, Osama bin Laden ist eher nebensächlich. Die "Union Oil of
California" hatte schon mit den Taleban über eine Pipeline von
Aserbeidschan nach Pakistan verhandelt, die bis zum Hafen Karatschi
geführt werden sollte. Die Taleban aber waren unberechenbar, und so
haben wir sie eben durch die Nordallianz ersetzt. Man muss sich das
vorstellen, in Zentralasien stehen jetzt 60.000 amerikanische Soldaten,
überall werden Luftwaffenstützpunkte gebaut. Das Imperium ist schon da!
Die Russen können nicht sehr begeistert sein, dass wir sie in Mittelasien
beerben.
Was sind für Sie die wichtigsten Etappen dieses
Abgleitens der amerikanischen Republik hin zu dem, was Sie "Junta"
nennen? Ich bin ein Überbleibsel der amerikanischen Republik und
kann nicht einfach zusehen, wie sie zerstört wird. Der 11. September ist
erst der Anfang, irgendwann wird uns irgendjemand richtig in die Luft
sprengen. Wir jammern immer über die Feinde, die wir überall haben, aber
die haben wir uns selbst geschaffen. Europa schläft unterdessen. Wenn ich
Europa sage, denke ich vor allem an Deutschland, das seit 30 Jahren
schlafwandelt. Plötzlich wird es aufwachen und die Gefahr erkennen, in der
es sich befindet. Deutschland ist Teil der NATO, und die NATO ist Amerikas
starker Arm bei der Eroberung Eurasiens. Unser Hauptquartier wird in Kabul
sein, vom Persischen Golf aus werden wir nach Pakistan ziehen, dann nach
Usbekistan, wo wir bereits Militärbasen bauen. Und die NATO wird uns dabei
helfen, ich kann mir nicht denken, dass das im Interesse irgendeines
Europäers sein kann. Es muss zum Bruch zwischen Europa und den USA kommen.
Damit das überlegt geschieht, sollten die Europäer mehr über die
US-Geschichte wissen, beispielsweise die Geschichte unserer Präsidenten,
die immer mehr vom Geld der Konzerne abhängig sind. Drei Milliarden Dollar
haben die für meinen Cousin Al Gore und für Bush junior ausgegeben. Eine
Menge Geld für zwei Kandidaten, die keiner wirklich wollte. Als dann Gore
vorn lag - der intelligentere von beiden - hat uns der Oberste Gerichtshof
Bush aufs Auge gedrückt und so gut wie jede Regel unserer Verfassung
gebrochen. Mindestens fünf Richtern könnte man dafür ein
Amtsenthebungsverfahren anhängen. Wir sind also in großen Schwierigkeiten,
aber Europa wartet ab, duckt sich, weiß nicht, was es tun soll -
irgendjemand muss diese schlafende Schönheit wecken.
Sie
beschreiben es als Zeichen der Erosion amerikanischer Demokratie, dass es
unmöglich ist, wirkliche politische Debatten zu führen. Sie nennen das
"puritanische Gewissensprüfung", die Politik auf Charakterfragen von
Politikern reduziert. Ein Beispiel sind die Lewinsky-Affäre und die
Beinahe-Amtsenthebung Clintons. Warum funktioniert amerikanische
Innenpolitik so? Diese Debatten gibt es deshalb nicht, weil die
Bürger ja nicht wirklich informiert sind. Was ich über die Eroberung
Eurasiens durch das amerikanische Imperium gesagt habe, wird der
Durchschnittsamerikaner erst erfahren, wenn es bereits zu spät ist - wenn
der Sieg errungen ist oder wir gescheitert sind wie in Vietnam. Die
wirkliche Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft findet zwischen den
Befürwortern des Imperialismus, die das Geld und die Macht haben, und
jenen statt, die noch das stoische protestantische Ethos hochhalten, die
noch an eine disziplinierte Demokratie im Gleichgewicht zwischen
Mehrheitsregierung und Minderheitenschutz glauben, wie sie dem Geist
unserer Verfassung entspricht. Deshalb werden wir so wütend, wenn wir mit
ansehen müssen, wie die "Bill of Rights" geplündert wird. Amerikaner, die
an ihrem Land hängen, müssen da verrückt werden. Das ist heute der
eigentliche Konflikt: zwischen Imperialisten auf der einen Seite und
Kommunitariern auf der anderen, denen die Gemeinschaft noch etwas
bedeutet, die fragen, was soll an den Schulen gelehrt werden? Wie können
wir die Kinder davon abhalten, Heroin zu spritzen? Wie dazu bringen,
Ersatzdrogen zu nehmen, bis ein Entzug möglich ist? Utilitarismus wäre
eine gute Bezeichnung dafür.
Mit Clinton wurde
der intelligenteste Präsident seit Roosevelt matt gesetzt
Bezogen auf die Aushöhlung der Bürgerrechte war die
Unterzeichung des Gesetzes "Gegen Terrorismus und über Verhängung und
Vollzug der Todesstrafe" durch Präsident Clinton nach dem Bombenattentat
in Oklahoma-City 1995 eine entscheidender Schritt. Läuft das auf die
schleichende Ausbildung eines Polizeistaates hinaus? Ich habe
Clinton nicht persönlich gekannt, aber wir waren politische Verbündete.
Von Freunden weiß ich, dass er wirklich sehr verbittert darüber war, Dinge
tun zu müssen, für die es keinen vernünftigen Grund gab. Gruppierungen am
äußersten rechten Rand des politischen Spektrums war er von Anfang an ein
Dorn im Auge, weil er zu sozialdemokratisch war, weil er die Schwarzen
dazu bringen wollte, zur Wahl zu gehen, nicht zuletzt, weil er ein
öffentliches Gesundheitssystem einführen wollte, gegen das sich die
Versicherungskonzerne stemmten. Man bekämpfte ihn mit allen Mittel und
überzog ihn schließlich wegen der Lewinsky-Affäre mit einem Verfahren zur
Amtsenthebung. Und so musste er einer Reihe rechter Gesetzesinitiativen
zustimmen, um Präsident zu bleiben. So haben sie den intelligentesten
Präsidenten, den wir seit Roosevelt hatten, schachmatt gesetzt. Nach dem
Bombenattentat von Oklahoma-City unterzeichnete er drei
Anti-Terrorgesetze, deren Konsequenzen einem die Haare zu Berge stehen
lassen. Das "Habeas Corpus"-Prinzip wurde beseitigt. Das Prinzip der
Rechtsstaatlichkeit suspendiert, das festlegt, dass Freiheit, Leben und
Eigentum der Bürger nur durch ein ordentliches Gerichtsverfahren
angetastet werden dürfen. Clinton hat das alles außer Kraft gesetzt, als
der Prozess gegen den Attentäter von Oklahoma begann, der ein Teil dieses
Widerstands ist, der sich in der Welt regt.
Ich
korrespondierte mit Timothy McVeigh, als er schon in der Todeszelle
saß
Sie ziehen eine überraschende Parallele zwischen
dem 11. September 2001 und dem 19. April 1995, dem Anschlag auf ein
Regierungsgebäude in Oklahoma-City. In beiden Fällen geht es für Sie um
Widerstand und Rebellion gegen das Imperium USA. Ich glaube, das ist
erklärungsbedürftig. Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma,
gehörte zu einer spontanen Widerstandsbewegung, die im ganzen Land
anzutreffen ist. Manche nennen sich Patrioten, andere sind einfach
verrückt und sehen sich als Angehörige eines "arischen" Volkes, sind
voller Rassismus, Antisemitismus und gegen die katholische Kirche - im
Kern das alte protestantische Rückgrat Amerikas. McVeigh kam aus dem
landwirtschaftlich geprägten Norden des Bundesstaates New York. Sein Vater
arbeitete zwar in einer Automobilfabrik, wäre aber lieber Farmer gewesen.
Doch die großen agroindustriellen Konzerne haben die unabhängigen Farmer
systematisch in die Schuldenfalle getrieben, indem sie ihnen weniger für
ihre Produkte zahlten, als deren Anbau kostete. Einmal enteignet, wussten
die Farmer nicht mehr, wohin. McVeigh ging zur Armee und kam als hoch
dekorierter Soldat aus dem Golfkrieg von 1991 zurück. Ich korrespondierte
mit ihm später, als er schon in der Todeszelle saß. Er war gegen die
Militarisierung der Polizei, weil Soldaten zum Töten ausgebildet werden,
nicht um zu helfen. Und er wusste eine Menge über diese Milizen, die sich
als die "wahren Amerikaner" sehen. Es gibt ungefähr sieben Millionen von
ihnen hauptsächlich in den Bundesstaaten im Landesinneren. Sie sind alle
Waffennarren und hassen die Bundesregierung. Irgendwann werden sie
durchdrehen.
Im Frühjahr haben Sie mit anderen
US-Intellektuellen einen Brief an Ihre europäischen Freunde
unterschrieben. Darin ist von "Selbstbeweihräucherung" als wichtigem
Element der amerikanischen Kultur die Rede. Ist "Selbstbeweihräucherung"
hier eher ein Euphemismus für blanken Nationalismus? Im 19.
Jahrhundert hieß das sehr elegant "unbestreitbares Schicksal" - es war das
"unbestreitbare Schicksal" der Vereinigten Staaten den "niedriger
stehenden Völkern" der Welt Christus, die Zivilisation und die Demokratie
zu bringen. Das klingt natürlich sehr herablassend und rassistisch.
Deshalb glaube ich, dass "Selbstbeweihräucherung" eine sehr vorsichtige
Bezeichnung für das ist, was die Amerikaner sehr gern tun. Aber wir müssen
zwischen dem imperialen Gestus der Politik und den Menschen selbst
unterscheiden. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner im Privaten sehr
stolz auf sich selbst und auf ihre Regierung sind. Eher herrscht tiefe
Sorge. Schließlich haben Millionen alle ihre Ersparnisse verloren, mit
denen sie ihre Renten finanzieren wollten. Wenn man sich mit 60 noch einen
Job suchen muss, um davon zu leben, ist das kein Anlass, auf irgendetwas
stolz zu sein. Ich denke, die Amerikaner sind eher in einer nachdenklichen
Stimmung. "Selbstbeweihräucherung" wird hauptsächlich von den Medien
betrieben, um möglichst viel Unterstützung für Bush zu mobilisieren, "weil
der gegen das Böse kämpft! Und wir alle das Böse so hassen!" - Wir erleben
eine Infantilisierung der ganzen Gesellschaft.
Sie zeichnen
ein düsteres Bild der amerikanischen Demokratie, ein Hauch von Weimar sei
spürbar, schreiben Sie, ein "Fin de Siècle-Imperium", das ständig in
Gefahr stehe, in ein totalitäres System umzuschlagen. Gibt es keine
Hoffnung für die viel beschworenen Werte der alten amerikanischen
Republik?
Entropie ist das Schicksal jedes Individuums, jeder
Gesellschaft, jedes Imperiums. Man verliert an Energie, wenn man nicht
ständig neue Energie zuführt. Man erkaltet! Die heraufziehende Kälte ist
schon spürbar. Keines der üblichen Mittel scheint mir geeignet, unseren
Abstieg zu bremsen. Das heißt natürlich nicht, dass es kein Gegenmittel
gäbe, ich kann mir nur keines vorstellen. Mit Wahlen wird es nicht gehen,
weil die Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. Wer sollte diesen
politischen Wechsel auch finanzieren? Lassen sie mich mit einer Bemerkung
meines alten Freundes Orson Welles abschließen. Oft hörte er: "Das ist ja
sehr schön, Maestro! Der Film, von dem Sie uns erzählen und für den wir
Geld geben sollen, wird er denn auch ein Happy End haben?" Orson pflegte
darauf zu antworten, "ein glückliches oder ein trauriges Ende, das hängt
doch nur davon ab, wann man die Kamera anhält".
Das Gespräch
führte Stefan Fuchs
Das Interviews ist
Teil eines Programmschwerpunktes des Deutschlandfunks, der sich unter dem
Titel Die globale Leitkultur mit der hegemonialen Stellung der USA in der
Weltgesellschaft beschäftigt. |