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Wenn Politik zur Soap Opera wird, wird Theater Politik

"Der Mann muss weg, der ist gefährlich!": Al Pacino spielt in New York "Arturo Ui", Hitler und George W. Bush

Von Falk Richter

"Der Mann muss weg, der ist gefährlich!" Endlich! Eine Inszenierung, die sich mit George W. Bush beschäftigt. Die Lähmung, in die Künstler und Intellektuelle gefallen sind, scheint vorbei. Bislang schützte sich das System Bush weltweit gegen Kritik, wer Bushs Politik kritisierte, wurde als antiamerikanisch beschimpft und war ein Freund der Terroristen. Nun hat das National Actors Theater in der Pace University, nicht unweit von Ground Zero in Downtown Manhattan gelegen, eine beeindruckende Gruppe Starschauspieler zusammengebracht, um Brechts Parabel von 1941 auf den allmählichen Aufstieg des Gangsterbosses Ui alias Adolf Hitler auf die Bühne zu bringen. Im Amerika von heute, kurz vor dem zu erwartenden Ausbruch des Irakkrieges.

Brecht ist nicht immer ein Erfolg in den USA, hier, wo das Publikum nicht allzu sehr belehrt werden will, schon gar nicht in politischen Angelegenheiten, wo eine Theaterinszenierung oft aussieht wie eine Vorabendserie, wenn man einmal von den wenigen Stars wie Sellars, Wilson und Lepage absieht, und wo sich das Theater meist aus dem aktuellen Weltgeschehen heraushält. Und nun also Brechts Geschichte von Ui Hitler, Roma Röhm, Giri Göring, Givola Goebbels, die Brecht im finnischen Exil schrieb, als Hitler auf dem Weg war, die Welt in Brand zu stecken. Al Pacino, John Goodman, Steve Buscemi, Chazz Palminteri, Charles Durning. Wer seine Eintrittskarte auf irgendwie halb legalem Wege für über hundert Dollar erstanden hat (alle Aufführungen sind Tage vorher restlos ausverkauft), schaut auf die Besetzungsliste und staunt: All die "Weirdos", all die Gangsterbosse, die man aus seinen Lieblingsfilmen kennt, haben sich hier versammelt.

Allesamt so sehr Publikumslieblinge, dass der Applaus minutenlang nicht enden will, und das, noch bevor einer von ihnen den ersten Satz gesprochen hat. "Der Pate" Al Pacino schlurft in viel zu großem Anzug mehr spuckend als sprechend über eine düstere B-Movie-Bühne, kein Mann, dem man Weltpolitik zutraut. Ein Kretin, ein Unwesen, ein Richard III., mit ihm seine brutale Chicago-Gang. Sie machen ihre korrupten Geschäfte, und es gibt viel zu lachen, denn die Schauspieler geben alles, um hier als brüllend komische Comicganoven über die Bühne zu fegen. Da will sich keiner lumpen lassen, während der britische Regisseur Simon McBurney den Blick der Zuschauer ganz allmählich in eine andere Richtung lenkt: Wir sind im Berlin der 30er Jahre, alte Wochenschauen auf einer Videoleinwand hinter unseren Gangstern. Was passiert denn eigentlich, wenn solche Al Capones sich nicht mehr mit den kleinen Geschäften zufrieden geben, sondern ein Parlament erobern und Kriege führen, um dann gleich ganz groß einzusteigen und die ganze Welt unter sich aufzuteilen. Wir erleben, wie Pacino meisterhaft das Genre wechselt. Aus Al Capone wird Adolf Hitler. Und Pacino hält sich präzise an seine historische Vorlage, die riesengroß hinter ihm über die Leinwand spukt. Jetzt wird einem allmählich mulmig im Zuschauerraum, und die Inszenierung legt an Pathos und Düsterheit zu. Tiefe drohende Orchesterbässe: Furtwängler dirigiert auf der Videoleinwand den langsamen Aufstieg der Nazis, den McBurney hier als einen bösen, perfekt choreografierten Totentanz zeigt.

Und wenn Ui und Gang in Rage geraten, dann reißen sie die roten Theatervorhänge herunter, und der Ort, an dem sie herrschen, wird mit jedem Wutausbruch nackter und brutaler: Was übrig bleibt, ist ein kahler Gefängnisraum. Hinter den Gittern diejenigen, die nicht eindeutig für die Gang sind, welche immer perfekter ihre Brutalität mit vaterländischen Reden und furios inszeniertem Kitsch rechtfertigt. Allmählich mischen sich bekannte Töne in Pacinos Spiel.

America under Attack

Irgendwie kennt man den Tonfall. "Ein moderner Medienpolitiker", wie die amerikanischen Kritiker schreiben, die das B-Wort meiden. Wenn Ui (hier in der klaren schlanken Übersetzung von George Tabori) sagt: "Halbherziges Zustimmen ist mir widerlich. Was ich verlange, ist ein freudiges Ja", dann klingt das wie Bushs "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Und wenn der "Speicherprozess", also der Reichstagsbrand, im Stück verhandelt wird, so weist eine Textprojektion die Zuschauer darauf hin, dass auch schon andere Regierungen vor Bush die Angst vor Terror geschürt und genutzt haben, um Opposition im Lande auszuschalten. "Hitler uses fear of terror to crush opposition."

Hier wird der Regisseur so deutlich, dass er nicht mehr missverstanden werden kann, und nun versteht man, warum es dieser geballten Ladung schauspielerischer Kraft und Starautorität bedarf, um sich in eben diesem "America under attack" so weit vorzuwagen und so weit einzumischen ins politische Geschehen: McBurney blendet Auszüge aus der amerikanischen Verfassung ein, die von Bushs Regierung missachtet wird, indem sie nun des Terrors Verdächtige ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit und ohne Angaben von Gründen einsperren lassen kann. "Jedem Bürger des Staates steht ein fairer Prozess zu, von einer unabhängigen Justiz", steht da riesig projiziert. Eine schwarze Frau steht am Bühnenrand und bittet die Zuschauer, nicht einfach zuzusehen bei diesem aufhaltsamen Aufstieg und endlich einzugreifen - sie spricht zwar Brechts Sätze, aber diese klingen nicht mehr wie Text in einem Theaterstück - Pacino reißt die letzten Vorhänge ab, führt Bushs Fernsehansprachengesten vor, und von der Tonspur erklingt die amerikanische Nationalhymne. Jetzt sind wir im Hier und Jetzt, und der Zuschauer, der wie die anderen mittlerweile sehr still gewordenen 600 Zuschauer in diese Vorstellung gekommen ist, um seine Leinwandstars einmal live zu sehen, setzt die Ereignisse der letzten Monate in seinem Kopf plötzlich anders zusammen, als CNN das für ihn bislang erledigt hat.

Die Welt, so wie sie momentan funktioniert, könnte besser für Bush und seine Leute nicht sein: Es gibt faktisch keine parlamentarische Opposition mehr, der Trick liegt in dem Verschmieren von Weltpolitik und Soap Opera. "Das Böse", "das Gute", "wer nicht für mich ist, ist gegen mich" etc.

Der B-Schauspieler

Man kann als liberaler Amerikaner über George W. Bush lachen, weil er einfach so ein schlechter Schauspieler ist, und immer wieder hört man von Intellektuellen, angesprochen auf die momentane Regierung, Sätze wie "Makes me wanna take the next plane and leave the country" oder "Well nobody voted for him anyway", eine zynische Anspielung auf die Unstimmigkeiten bei der Wahl in Florida. Aber bislang hatte sich niemand ernsthaft getraut, über George Bushs Politik öffentlich zu sprechen. Vor allem im abgeklärten New York belächelt man eher den "etwas stumpfsinnigen Texaner", wenn er seine Kreuzzüge gegen die Achse des Bösen auf CNN vermarktet - und so lachen wir Zuschauer auch, wenn Pacino als Bush in einer der herausragendsten Szenen des Abends seinen Schauspielunterricht von dem über achtzigjährigen Komiker Tony Randall erhält und sich TV-Duell-mäßige Medientauglichkeit antrainiert. In Berlin brachte Bernhard Minetti einst in Heiner Müllers Arturo Ui-Inszenierung am Berliner Ensemble Martin Wuttke das Redenhalten bei. In New York also Tony Randall als versoffener, abgehalfterter B-Schauspieler, der aus Hollywood noch die Cowboyphrasen ("We want bin Laden dead or alive") draufhat, die er mit Medien- und Imageberatung vermischt.

Noch am Nachmittag vor der Aufführung treffe ich mich mit dem Soziologen Richard Sennett, Autor der Bücher Der flexible Mensch und Die Tyrannei der Intimität. Wir treffen uns, um über Wirtschaftsglobalisierung und ihre Darstellbarkeit auf dem Theater zu sprechen. Aber bald schon kommt das Gespräch auf die Inszenierung von Politik und die Dramaturgie und Theatralik der Bush-Administration. Ich frage Sennett, was er über Bush denkt, und er winkt erst ab. "O please . . ., let's not talk about Bush", denn am liebsten will hier keiner darüber sprechen. Man blickt zwar erstaunt auf Deutschland, wo man sich so einiges traut in diesen Tagen, aber selbst berühmte Kritiker Bushs wie Susan Sontag halten sich zurück, der allzu schnelle Vorwurf des Antiamerikanismus gilt hier wie in Deutschland.

Als ich insistiere, beginnt Sennett: Bush hat das Ende der Narration eingeleitet, er hat die Soap Opera zu CNN gebracht. Amerika hat keine Geschichte mehr, im rauschenden Konsens vergessen wir alles, was vor dem 11. September passiert ist, "das Böse" taucht plötzlich auf wie eine Comicfigur und muss von "dem Guten" bekämpft werden. Die Soap Opera ist die Dramaturgie des Stillstandes: Das Gute bleibt das Gute, egal, wie es handelt. Diese Lebenslüge verhindert die Lösung aller jetzt anstehenden Konflikte des neuen Jahrtausends. Und so stehen wir still in unserer Selbstwahrnehmung als die ewig "Guten", die "Opfer", die sich angeblich nur verteidigen, egal wie brutal unsere Kriege und Wirtschaftskämpfe werden, während Bush allmählich alle demokratischen Rechte einschränkt und mit seinem Feuerwehrkitsch und seinem fundamentalistischen Gottesbegriff das Land mobilisiert und die Opposition handlungsunfähig macht. Denn keiner spricht mehr. Die Gefahr ist zu groß, sofort medial abgeschossen zu werden, weil man dann gegen "America" ist, und was "America" ist, definiert Bush selbst.

Nach zweieinhalb Stunden exzessiven Theaters, das alles auffährt: von den großen Gesten Brechtscher Verfremdung, stiller filmischer Momente, großartigem Schauspieltheater, perfekt getimter Bewegungschoreografie, Film-, Dia- und Videoprojektion und einem Soundtrack von Tom Waits-Songs über pathetische Hollywoodstreicher bis zu Dmitri Schostakowitsch, sitzt Al Pacino auf einem ihm viel zu großen Thron, ein wahnsinniger Diktator, einer, dem sich keiner mehr in den Weg zu stellen wagt und den auch niemand mehr stoppen wird. Das 30-köpfige Ensemble (allesamt bis dahin wechselnd in insgesamt über 50 Rollen) steht geschlossen hinter ihm. Nun lacht keiner mehr über den kleinen unbeholfenen Ganoven von einst, nun wird ohnehin nicht mehr allzu viel gelacht. Ein Hitler-Nero in wahnsinnigen Gesten wechselt mit dem Bild eines größenwahnsinnigen Politikers der modernen Mediendemokratie - Al Pacino riesengroß auf der Videoleinwand, das Bild friert ein, der Schauspieler geht an die Rampe: "Wenn wir es nur fertig brächten, zu handeln anstatt zu sprechen", sagt er zum Publikum gewandt, und nun lösen sich die Schauspieler von ihren Kostümen, schauen als die Menschen, die sie sind, zu den Menschen im Zuschauerraum. Pacino zeigt auf das Videobild von Hitler: "Diesen Bastard haben wir damals zur Strecke gebracht . . ., aber die Hündin, die ihn gebar, ist wieder läufig . . ." Es ist klar, wie der Satz weitergedacht werden muss.

Falk Richter ist Theaterregisseur und Autor.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 29.10.2002 um 21:07:24 Uhr
Erscheinungsdatum 30.10.2002

 

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