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Ein Imperium?

Die USA im Griff einer heiklen Metapher / Von Joseph S. Nye, Jr.


Zu Zeiten des Vietnam-Krieges benutzte die radikale Linke den Begriff „Amerikanischer Imperialismus“ als Epitheton. Laut Andrew Bacevic wird die Vorstellung von einem amerikanischen Imperium allmählich akzeptiert: Das amerikanische Imperium, sagt er, sei ein informelles, das direkte Machtausübung vermeide und mit keinem anderen in der Geschichte vergleichbar sei.

Die Idee des amerikanischen „Imperiums“ als neue weltpolitische Größe nimmt in den Köpfen der politischen und intellektuellen Elite Washingtons Gestalt an. Wir dokumentieren Stimmen amerikanischer Prominenter, die dieser Idee Ausdruck verleihen oder ihr Widerspruch entgegensetzen (siehe SZ vom 30. 7. und 12. 8.). Heute äußert sich Joseph S. Nye Jr., Dekan der Kennedy School of Government an der Harvard University. Nye warnt davor, die Metapher des amerikanischen Imperiums allzu sehr zu strapazieren.

In „Alice im Wunderland“ erklärt die Rote Königin Alice, dass sie den Wörtern jede beliebige Bedeutung geben könne. Das kann auch Andrew Bacevic, aber wenn wir klar mit anderen kommunizieren wollen, müssen wir darauf achten, was wir unseren Worten als Bedeutung mitgeben. Wenn Amerika wie kein anderes Imperium in der Geschichte ist, in welchem Sinne ist es dann ein Imperium? Wenn auch die Verwendung des Begriffes einige Ähnlichkeiten unterstreichen mag, kann sie uns in die Irre führen, da sie zugleich die viel wichtigeren Unterschiede verschleiert.

Die Versuchung, solche Vergleiche zu ziehen, ist überwältigend, und ich bekenne mich selbst schuldig. In meinem neuen Buch „The Paradox of American Power“ behaupte ich, dass seit Rom kein Land im Vergleich zu andern Nationen so riesig gewesen ist, wie die Vereinigten Staaten es heute sind. Amerikas Verteidigungsetat ist so groß wie der nächsten acht Länder zusammen, unsere Wirtschaftskraft ist so groß wie die der nächsten drei und unsere Kultur – von Hollywood bis Harvard – hat eine größere globale Reichweite als jede andere. Ich behaupte außerdem, dass Amerika, wie Rom, wahrscheinlich nicht einem anderen Imperium im Kampf unterliegen wird, sondern eher mit Tausenden von Nadelstichen durch Horden neuer Barbaren gefällt werden kann.

Aber Vergleiche haben ihre Grenzen. Vorherrschaft sollte nicht mit einem Imperium verwechselt werden. Die meisten Leute konsultieren eher ein Lexikon als die Rote Königin, wenn sie verstehen wollen, was Wörter bedeuten. Dort steht, dass „Imperium“ eine Staatsform meint, an deren Spitze einem Imperator steht, oder eine Regierung, die eine unangefochtene Kontrolle über andere Völker ausübt. Die Vereinigten Staaten sind mächtiger, als Großbritannien es in seiner imperialen Blütezeit war, aber die USA haben weniger Kontrolle darüber, was in anderen Ländern geschieht, als Großbritannien sie hatte.

Anhänger des neuen Imperialismus sagen, man solle den Begriff nicht so wörtlich nehmen. „Imperium“ sei lediglich eine Metapher. Bacevic zitiert die praktische Phrase vom „Imperium nach Einladung“, um den freiwilligen Charakter des amerikanischen Einflusses auf andere zu betonen. Aber das ist nicht ganz neu. Abgesehen von der Expansion auf unserem eigenen Kontinent, haben die Amerikaner direkte Herrschaft im Ausland stets vermieden.

Wie Ernest May in seinem Buch „American Imperialism“ betont, verursachte die Anomalie des letzten Jahrzehnts im 19.Jahrhundert tiefe Risse in der amerikanischen Politik, als die USA den Spaniern Puerto Rico und die Philippinen abnahmen. Der Gedanke eines Imperiums wurde nach dieser Periode der Verirrungen grundsätzlich verworfen. Das Heikle an der Metapher besteht darin, dass sie die Wahrnehmung derer verzerrt, die heute die amerikanische Außenpolitik bestimmen. Sie impliziert eine Kontrolle seitens Washingtons, die unrealistisch ist, und leistet dem vorherrschenden starken Hang zum Unilateralismus innerhalb der Bush-Regierung und in Teilen des Kongresses Vorschub.

Das Paradox amerikanischer Macht im 21. Jahrhundert besteht darin, dass das stärkste Land seit Rom die meisten seiner Ziele nicht im Alleingang erreichen kann. Finanzielle Stabilität ist wichtig für unseren Wohlstand, aber wir brauchen die Kooperation anderer, um sie zu erlangen. Eine neue Verhandlungsrunde über den internationalen Freihandel kann es nur in Zusammenarbeit mit Europa geben. Die Informations-Revolution und die Globalisierung schaffen Probleme die naturgemäß multilateral sind. Ähnliches gilt für globale Klimaveränderungen und weltweit grassierende Epidemien.

Nehmen wir den Krieg gegen den Terrorismus. Das amerikanische Militär hat die Taliban schnell gestürzt. Aber das Netz der Al Qaida konnte es nicht zerstören. Um im Krieg gegen den Terrorismus erfolgreich zu sein, bedarf es einiger Jahre der geduldigen Kooperation, des geheimdienstlichen Informationsaustausches, der polizeilichen Zusammenarbeit und der Analyse internationaler Finanzströme. Wir können diesen Krieg nicht unilateral vom imperialen Hauptquartier aus gewinnen.

Amerikas unverhältnismäßige Größe hat zur Folge, dass die USA häufig die Führung werden übernehmen müssen. Unsere Machtfülle wird in den Augen anderer Länder akzeptabler werden, wenn wir unsere Politik in einen multilateralen Rahmen einbetten. Wenn wir hingegen unilateral handeln, ist es entscheidend, ob dies aus scheinbar kleinkariertem Eigeninteresse geschieht, oder ob wir uns dem jeweiligen Problem in einer Weise nähern, die die Interessen anderer mit einbezieht.

Im 19. Jahrhundert verfolgte Großbritannien seine Interessen oft in einer Weise, die auch Ländern außerhalb des Imperiums zugute kam. Darunter fielen die Aufrechterhaltung regionaler Gleichgewichte, die Förderung eines offenen internationalen ökonomischen Systems und die Aufrechterhaltung internationaler Gewohnheiten, wie die der offenen Gewässer und der Unterdrückung von Piraterie. Diese drei Elemente lassen sich relativ gut auf die derzeitige amerikanische Situation übertragen. Regionale Stabilität, eine offene internationale Wirtschaft und offene, gemeinschaftlich genutzte Ressourcen nützen vielen anderen ebenso, wie sie uns nützen. Und die Unterdrückung des Terrorismus ist für das 21. Jahrhundert, was die Unterdrückung der Piraterie in früheren Zeiten war.

Amerikas Erfolg wird nicht nur von unserer militärischen und ökonomischen Macht abhängen, sondern auch von der sanften Kraft unserer Kultur und unserer Werte, und davon, dass wir eine Politik betreiben, die anderen das Gefühl gibt, nicht übergangen zu werden. Die neue Versuchung, in imperialen Begriffen zu denken, könnte unsere sanfte Kraft unterminieren und unsere politischen Führer Anführer fehlleiten bezüglich der wirklichen Aufgaben, die vor uns liegen.

Deutsch von Alexander Menden


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