SPIEGEL ONLINE - 10. April 2007
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MILITÄRPROGNOSE FÜR 2037

Briten fürchten Strahlen, Chips und Neomarxismus

Welche Kriege und Konflikte bedrohen die Welt in dreißig Jahren? Diese Frage stellte der britische Verteidigungsminister seinen Strategen. Überraschendes Ergebnis: Die Militärs fürchten sich vor Neomarxisten in der globalen Mittelklasse.

"Opfer und Schäden durch Terrorismus werden auch weiterhin niedrig bleiben, wenn man sie mit anderen Formen von Nötigung und Konflikt vergleicht", verrät ein Blick in die Kristallkugel des britischen Verteidigungsministers. Doch die schlechte Nachricht ist: Der Terrorismus bleibt nur deshalb ein Zwerg im Bedrohungszoo, weil er von drastischen neuen Konflikten überschattet wird, die der Welt im Jahr 2037 Kopfzerbrechen bereiten wird.

Ein 50-köpfiges Team um den Konteradmiral Chris Parry hat dem Londoner Ministry of Defense (MoD) eine Analyse der Schlüsselrisiken für die kommenden 30 Jahre vorgelegt. "Eher Wahrscheinlichkeits-basiert als vorhersagend", sei das, was seine Mannen da auf 90 Seiten eingedampft hätten, sagte Parry der Zeitung "Guardian". Er leitet das Development, Concepts and Doctrine Center des Ministeriums.

Weil die am Ostermontag veröffentlichte Studie mit dem Titel "Künftiger strategischer Zusammenhang" ("Future Strategic Context") in erster Linie dazu dienen soll, Großbritanniens Streitkräfte auf die Konfliktszenarien von Morgen vorzubereiten, überraschen viele der - nach Ansicht Parrys - wahrscheinlichen Entwicklungen: Stoff für Zoff, auch bewaffneten, kommt künftig aus immer unterschiedlicheren Ecken.

Zu den eher klassischen Szenarien in "Future Strategic Context" gehören:

  • Neue Waffen, die mit elektromagnetischen Pulsen Elektronik außer Kraft setzen und so ganze Städte - und damit Wirtschaftszentren, Börsen, Versorgungsleitstände - lähmen könnten, werden wahrscheinlich um das Jahr 2035 herum einsatzbereit sein.
  • Alte Waffen, speziell die Neutronenbombe, könnten in einer immer dichter bevölkerten und von ethnischen Konflikten geplagten Welt zum Einsatz kommen. Die Fähigkeit dieser Massenvernichtungswaffen, viele Menschen zu töten und gleichzeitig teure Infrastruktur zu verschonen, könnte allerlei Fanatiker verlocken.
  • Der technologische Trend zu unbemannten Waffensystemen könnte die Hemmschwelle zur Aggression nach MoD-Ansicht weiter senken.
  • Terroristen unterschiedlicher Couleur könnten sich zu einer "Koalition", bestehend aus "Ultranationalisten, religiösen Gruppierungen und sogar extremen Umweltschützern" zusammenschließen - und medial sowie psychologisch noch wirksamer als bisher Gewalt inszenieren.

Doch viel Platz räumen Parry und sein Team anderen Bedrohungslagen ein, indem sie weniger die Werkzeuge und Akteure von militärischer Gewalt betrachten, als vielmehr deren Nährboden.

Slums, Arbeitslosigkeit - und Antikapitalismus

"Eine düstere Vision der Zukunft", überschrieb der "Guardian" diesen Rundumschlag über ökonomische und politische, aber auch demografische und ökologische Trends. Die Autoren warnen: Im Jahr 2010 wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben, viele Menschen in Slums. 2035 könnten es bereits 60 Prozent sein, zusammen mit Not, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit ein Treibsatz für soziale Unzufriedenheit.

Besonders in Afrika und dem Nahen Osten werde der Kampf der Menschen um immer knappere Ressourcen weiter zunehmen, fürchten die MoD-Forscher. Die geschätzte Weltbevölkerung von 8,5 Milliarden Menschen im Jahr 2035 würde zu 98 Prozent aus Bewohnern von Entwicklungsländern bestehen - bis dahin würde die Zahl der Menschen im subsaharischen Afrika um 80 Prozent, jene im Nahen Osten gar um über 130 Prozent wachsen. Am Beispiel Saudi Arabiens, dem größten Rüstungskunden britischer Hersteller, orakeln die Autoren düster: "Die Erwartungen einer wachsenden Zahl junger Menschen, viele von ihnen mit heimischer Arbeitslosigkeit konfrontiert, werden nur sehr unwahrscheinlich befriedigt werden" - und das schaffe Zündstoff.

Wer wisse schon, was sich aus einem wachsenden globalen Widerstand gegen den Kapitalismus und das vorherrschende Wirtschaftssystem entwickeln könne? Die Autoren sprechen explizit vom Gedanken der "Umma", der weltweiten islamischen Gemeinschaft. Aber nicht bloß von bärtigen Mullahs und ihrer Gefolgschaft könnte der Widerstand ausgehen.

Krieg der Staaten geht, Konflikt der Klassen kommt

"Die Mittelklassen könnten eine revolutionäre Klasse werden, und jene Rolle übernehmen, die Marx für das Proletariat vorgesehen hatte", schreiben die MoD-Strategen nach Angaben des "Guardian". Ihr Szenario: Aufgerieben zwischen wachsender sozialer Verelendung einerseits und dem schamlosen Leben der Superreichen andererseits verbünden sich die Leistungs- und Wissenseliten, die früher einmal Bildungsbürger und Facharbeiter genannt wurden, zu einem schlagkräftigen Interessenverbund.

Dieser kämpft dann - politisch - für seine eigenen, grenzüberschreitenden Interessen. Überhaupt könnten die Weltbürger ihr Heil in "rigiden Glaubenssystemen" suchen, "inklusive religiöser Orthodoxie und ideologischer politischer Doktrinen".

Grenzen, Nationalstaaten, Globalisierung - die Wandlungen der Gegenwart könnten nach Ansicht von Parrys Team eine paradoxe Situation im Jahr 2037 zur Folge haben: Die fortschreitende internationale Integration bringe Kriege zwischen Staaten womöglich völlig zum erliegen. An deren Stelle würden dann "Konflikte innerhalb von Gemeinschaften" treten - Bürger-, Sippen- oder Klassenkriege also. Nicht nur an dieser Stelle klingen die Themen der MoD-Studie wie eine Zusammenfassung des Standardwerks "Die Zukunft des Krieges" des niederländisch-israelischen Politologen Martin van Creveld.

Zum Stil solcher künftiger Konflikte trage nicht zuletzt die Informationstechnologie bei: Von mobiler Kommunikation bis hin zu implantierbaren "Informationschips" könnten Aktivisten so binnen kürzester Zeit "Flashmobs" zusammentrommeln, wütende Massen im Dienste irgendeiner Sache.

Goten und Vandalen - oder doch nur Nostradamus?

Zusammenbrüche des Sicherheitssystems könnten Folgen haben "wie sie das Römische Reich des fünften Jahrhunderts angesichts von Goten und Vandalen sah", zitiert der "Daily Telegraph" die Studie. Die Zeitung betrachtet die Szenarien des Development, Concepts and Doctrine Center indes deutlich skeptischer als der "Guardian". "In diesen holprigen Zeiten würde keine Regierungsstelle Geld für etwas herausrücken, das den Titel 'Alles schön beständig' trägt", lästert Kommentator Craig Brown über Parrys "Untergangs-Prognosen".

Außerdem sei es schon komisch, dass der 50-köpfige Think-Tank ausgerechnet für das Jahr 2037 eine düstere Gewaltwelt zeichne, wo doch der Wahrsager Nostradamus bereits im 11. Jahrhundert exakt für 2038 den Weltuntergang vorhergesagt habe, ätzt Brown. Allerdings, so der "Telegraph"-Kommentator, habe sich diese Nostradamus-Vorhersage ja auch schon in den Jahren 1666, 1734, 1886 und 1943 als gegenstandslos erwiesen.

Wenigstens die Strategie-relevanten Auswirkungen des Klimawandels betreffend, die im 30-Jahres-Papier der Londoner Strategen natürlich nicht fehlen dürfen, scheint kritische Distanz angebracht zu sein: Hier referieren die Autoren das hinlänglich bekannte Szenario einer Abschwächung des Golfstroms durch stärkeren Zustrom arktischen Süßwassers in den Nordatlantik. Sie warnen vor einem möglichen Temperatursturz, "der jenen der kleinen Eiszeit im 17. und 18. Jahrhundert übertreffen könnte".

Aus Filmen wie "The Day after Tomorrow" ist dieses Schreckensbild zwar bekannt, doch jüngste Forschungsergebnisse zeigen in eine andere Richtung. Deutsche Ozeanologen meldeten unlängst: Der Golfstrom scheint stabiler zu sein, als bislang gedacht - ob das auch für den Rest der Welt in den kommenden 30 Jahren gilt, ist freilich ungewiss.

Ausgerechnet zum viel geschmähten Iran, der gerade erst festgehaltene britische Marineangehörige freigelassen und sich über Ostern kurzerhand zur Atommacht erklärt hat, fällt den Londoner Strategen viel Optimistisches ein: Zwar werde das strategische und auch das wirtschaftliche Gewicht des Landes weiter zunehmen. Doch spätestens Mitte der Vorhersageperiode - also irgendwann nach 2020 - würde der wachsende Anteil junger Iraner Teilhabe an Globalisierung und Vielfalt fordern. Statt Zerstörung und Verderben wähnen Parry und seine Prognostiker hier geradezu eine Blümchenwiesenversion der Zukunft: "So könnte es sein, dass der Iran sich fortschreitend, wenn auch mit Stolpern in eine lebhafte Demokratie verwandelt."