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Superreiche als Forschungsobjekt
Anwalt der Millionäre

VON JOHANNES GERNERT

Es fing an mit einer simplen Idee. 150 Milliarden Dollar, hatten die Vereinten Nationen berechnet, würden jährlich gebraucht, um die schlimmste Armut zu lindern. Wenn die 2000 reichsten Familien der Welt zusammenlegen würden, müsste jede von ihnen weniger als 10 Prozent ihres Vermögens spenden, dachte Thomas Druyen. Warum nicht mal fragen, ob sich einige von ihnen vorstellen könnten, das zu tun?

Druyen hatte für viele Stiftungen und Banken gearbeitet, er kannte ein paar Leute mit Geld, denen er von seinem Einfall erzählte. Aber die reagierten sehr skeptisch. Das Projekt scheiterte schließlich an einer ganz anderen Schwierigkeit: Wer waren überhaupt die 2000 reichsten Familien der Welt? Sie standen natürlich in keinem Telefonbuch. Je mehr der Soziologe sich mit der Sache beschäftigte, desto bewusster wurde ihm, wie wenig über die Wohlhabenden bekannt ist. Die aktuellsten Fotos der beiden reichsten Deutschen sind mehrere Jahrzehnte alt. 37 Milliarden Euro besitzen die Aldi-Brüder. Wie hat der Reichtum ihr Leben verändert? Fast noch wichtiger: Wie könnten sie mit ihrem Geld das Leben anderer verändern?

Vor allem diese Frage hat Thomas Druyen nicht losgelassen. Deshalb gründete er an der Universität Münster ein Forum für Vermögensforschung. Seit März ist er auch Professor für Vermögenskultur an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien - der einzige Europas. Zurzeit erkundet er dort das Leben der Superreichen. Er beschäftigt sich mit Menschen, die über 100 Millionen Euro besitzen. Bis zu 500 von ihnen möchte er für seinen Vermögensbericht interviewen.

Eigentlich reden seine Forschungsobjekte äußerst ungern - weder mit Journalisten noch mit Wissenschaftlern. Der 50 Jahre alte Druyen allerdings war Direktor der Privatbank der Fürstenfamilie von Liechtenstein, bevor er Professor wurde. Er hat jahrelang für verschiedene Stiftungen gearbeitet, es ging um Aids-Vorsorge oder Hilfe für Tschernobyl-Opfer. Sein Schwiegervater ist außerdem der deutsche Sänger Udo Jürgens. Solche beruflichen und privaten Verbindungen öffnen ihm nun die elektrischen Tore zu den videoüberwachten Villen.

Die Menschen, die er dort trifft, unterteilt er in zwei Kategorien: Reiche und Vermögende. Reiche horten ihre Besitztümer, Vermögende aber lassen die Gesellschaft daran teilhaben - über ihre Stiftungen. Auch wenn er das selbst nicht so ausdrückt, im Grunde unterscheidet er zwischen den guten und den nicht-ganz-so-guten Reichen. So ist seine Ursprungsidee in die Forschung eingegangen. Gut sind die, die helfen.

Er selbst musste sein Geld immer erarbeiten und wahrscheinlich hilft ihm das, eine gedankliche Distanz zu halten. Druyen stammt aus einer Mittelschichtfamilie, der Vater war Kaufmann. Er hat nie aufgehört, kritisch zu beobachten, obwohl er mit seiner Frau, der Schauspielerin Jenny Jürgens, auch immer wieder in den Klatschspalten der People-Magazine erscheint. Er sei immer zuerst Soziologe gewesen, sagt Druyen. Dafür nimmt er auch Gehaltseinbußen hin. Als Bankdirektor bei der Liechtensteiner Fürstenfamilie hat er natürlich mehr verdient als jetzt, da er Soziologie-Professor ist.

Druyen möchte das Bild, das die Öffentlichkeit von den Reichen hat, korrigieren. "Wir machen zwischen dem Promi, dem Hedge-Fonds-Manager, dem Vorstandsvorsitzenden, dem Großunternehmer, dem Konzernchef, dem Großaktionär kaum Unterschiede. Das führt dazu, dass alle Welt meint, Paris Hilton sei reich- gerade die jungen Leute", sagt Druyen. "Das ist natürlich ein Witz." Richtig viel Geld hätten ganz andere, Prominenz sei nicht gleich Reichtum. Die Reaktion auf Reiche, beobachtet er, sei häufig Neid. "Dabei geht es sehr ungerecht zu. Das ist teilweise aberwitzig. Großunternehmern, die viele Arbeitsplätze schaffen, denen wird eher etwas Negatives unterstellt. Irgendeinem Entertainer, der wahnsinnig viel verdient, gönnt die Bevölkerung das." Auch wenn er das Geld nur für sich selbst nutzt.

Druyen hat festgestellt, dass sich selbst die Superreichen nicht immer reich fühlen, weil viele hohe Beträge gebunden sind. Das Geld steckt in Unternehmen, Aktien, Arbeitsplätzen und stapelt sich nicht in Form von Scheinen und Münzen in einem Geldspeicher. "Die Leute können nicht einfach eine Million auf den Tisch legen", sagt er.

Manchmal wirkt er mit seinem Gerechtigkeitsanspruch ein bisschen wie der Anwalt seines Forschungsgegenstands. Jemanden pauschal zu verurteilen, weil er viel Geld hat, kommt ihm einfach unfair vor. An der Universität in Münster hat er deshalb zum Forum für Vermögensforschung Reiche eingeladen, als reale Anschauungsobjekte gewissermaßen. Ein 24 Jahre alter Adeliger erzählte den Studenten davon, wie er die riesigen Waldflächen, die seine Familie besitzt, verwaltet. Harte Arbeit, kein Millionärsmüßiggang. Reichtum ist nicht immer gleich Luxus, hat sich dabei gezeigt. Und schon gar nicht sind Reiche glücklicher als andere Menschen. "Die Verbindung mit Glück ist aberwitzig", hat Druyen beobachtet. "Wir alle, die wir arbeiten müssen, sind durch den Broterwerb gebunden. Das ist der rote Faden unserer Existenz." Der fehle den Superreichen. Er selbst ist fest davon überzeugt, dass die wirklichen Werte im Immateriellen liegen. Seine Bücher schreibt Druyen in einem Kloster in der Eifel, wohin er sich alle sechs Wochen zurückzieht.

In seinem Zimmer gibt es dort nur Tisch, Bett, Bücherregal und den Blick auf den Hof. Vor allem eines, sagt er, habe er von den wirklich erfolgreichen Reichen gelernt. Sie alle riefen auf zum Verzicht - auf Überheblichkeit. Im kommenden Herbst will Druyen die ersten Ergebnisse seiner Forschung vorstellen.

Und auch wenn sein Weltrettungseinfall nicht funktioniert hat, ganz von ihm losgekommen ist er noch nicht. Er setzt sich dafür ein, dass das deutsche Stiftungswesen professioneller und effizienter wird.

Druyen erklärt es an einem Beispiel: "Zehn Familien möchten etwas gegen eine bestimmte Krankheit unternehmen, aber keine weiß von der anderen. Dann wäre doch schon einiges gewonnen, wenn man sie vernetzte."


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Erscheinungsdatum 15.08.2007