brand eins 7/2007
Die großen Unbekannten

Über die Reichen wird gern und häufig gesprochen. Dabei ist über sie nur wenig bekannt.
Nicht einmal der Begriff Reichtum ist sauber definiert.

Thomas Druyen möchte diese Wissenslücke schließen. Der Soziologe an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien erforscht sie seit Jahren: Menschen mit zu viel Geld.
Text: Interview: Thomas Ramge

brand eins: Herr Druyen, wie fühlt man sich als armer Professor, der ständig mit Leuten zu tun hat, die über zwei- oder dreistellige Millionenbeträge verfügen oder gar auf der Milliardärsliste stehen?
Thomas Druyen: Gut fühlt man sich. Die Orte, an denen ich Interviews führe, sind oft sehr schön. (Lacht) Aber im Ernst: Ein Reichtumsforscher darf keinen Neid gegenüber seinen "Forschungsobjekten" spüren. Zum Glück habe ich diesen Wesenszug von meinem Elternhaus nicht mitbekommen.

Nehmen die Reichen und Superreichen, mit denen Sie reden, Sie eigentlich ernst? Über Geld reden Menschen dieser Vermögensklasse vermutlich eher mit ihresgleichen.
Das ist in der Tat ein Problem. Reiche und Superreiche trauen Menschen mit normalen Einkommen oft nicht zu, ihre Probleme auch nur annähernd zu verstehen. Mir hilft, dass ich jahrelang als Berater im Private-Banking-Bereich tätig war. Das gibt mir aus Sicht meiner Gesprächspartner Glaubwürdigkeit: Der sollte fähig sein, zumindest ein wenig in unseren Dimensionen zu denken und vielleicht zu einer realistischen Einschätzung von Handlungsmöglichkeiten oder -zwängen zu kommen.

Woher rührt diese Zurückhaltung von Reichen, über Geld und die Rolle des Geldes in ihrem Leben zu sprechen?
Reiche sind ihr Leben lang Stereotypen und Vorurteilen ausgesetzt. Sie haben eine große Skepsis entwickelt. Diese Klientel fühlt sich immer auch moralisch zur Disposition gestellt. Sie fürchtet, dass ihr Reichtum als soziale Ungerechtigkeit wahrgenommen wird. Platt gesagt: Sie warten nur auf den Vorwurf, dass sie reich wurden, weil sie anderen etwas weggenommen haben. In vielen Milieus steht Reichtum unter Generalverdacht. Es fehlt die Differenzierung: Welche Reiche haben viel geleistet? Und wer hat sich systematisch auf unredliche Weise bereichert?

Was heißt überhaupt "reich"? Und was "superreich"?
Es gibt nach wie vor keine schlüssige und akzeptierte Definition. Umgangssprachlich ist der Begriff Reichtum eng mit dem Begriff Millionär verbunden. Das trägt heute sicher kaum noch. Die Million ist keine Million mehr wert. Staatliche Einrichtungen neigen dazu, Reichtum relativ zum Durchschnittseinkommen zu definieren. Dabei setzen sie oft recht weit unten an. Die Fachgremien der EU halten Menschen bereits für reich, die über mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Brutto-Verdienstes verfügen in Deutschland wären das rund 60 000 Euro Jahreseinkommen. Wie setze ich einen solchen Betrag in Relation zum Reichtum von Bill Gates? So kommen wir kaum weiter.

Wir haben bei unseren Forschungen einen anderen Ansatz gewählt. Wir definieren jemanden als reich, der von Zinsen luxuriös leben kann, ohne sein Eigentum antasten zu müssen. Diese Grenze liegt zurzeit bei rund drei Millionen Euro. Bei Privatbanken gibt es den Begriff "Ultra High Net Worth Individuals". Das sind Personen mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar, selbst bewohnte Immobilien nicht eingerechnet. Superreichtum beginnt für mich ab zirka 300 Millionen Dollar.

Worin unterscheidet sich das Leben eines 30-fachen Millionärs von jenem eines 300-fachen?
In der Fähigkeit, anspruchsvolle humanitäre, unternehmerische oder visionäre Projekte realisieren zu können. Wie viele Milliardäre gibt es zurzeit in Deutschland?

Die einschlägigen Reichtums-Ranglisten gehen von rund hundert Milliardären aus. Aber wenn man ehrlich ist, haben diese Listen eine sehr dünne Datenbasis. Aktienpakete lassen sich noch am ehesten beziffern. Bei Immobilienbewertungen ist man bereits im Bereich der Spekulation. Und bei nicht an der Börse notierten Unternehmen ist es noch schwieriger. Wenn Sie Reiche nach ihrem Vermögen fragen, haben sie oft selbst keine Antwort. Wir gehen nach dem jetzigen Stand unserer Forschungen davon aus, dass der Kreis der Milliardäre größer ist als angenommen. Vermutlich sind es eher 120 oder 130. Fest steht allerdings: Die Zahl der Superreichen wächst, und zwar rapide.

Fühlen sich diese Menschen untereinander verbunden?
Die meisten kennen sich. Nicht unbedingt von Partys, wie man als Leser der "Bunten" vielleicht meinen könnte, sondern eher von offiziellen Anlässen wie Empfängen des Bundespräsidenten oder von großen Stiftungen. Die wirtschaftlich Aktiven kennen sich natürlich auch aus Aufsichtsräten. In meinen Interviews habe ich die Frage nach der Zusammengehörigkeit auch gestellt. Oft wurde sie verneint. Es war aber immer wieder zu spüren, dass es so etwas wie einen Vertrauensvorschuss untereinander gibt.

Was wissen die Nicht-Reichen über die Reichen?
Wir haben mal eine Befragung quer durch die Schichten und Altersgruppen gemacht. Da kam heraus: Den Boulevard-Medien ist es gelungen, ein vollkommen verzerrtes Bild von Reichtum in Deutschland zu vermitteln. Für reich werden gehalten: Schauspieler, Sportler und andere Prominente. Michael Schumacher gilt sehr vielen als einer der reichsten Deutschen. Das ist Blödsinn. Der schafft es gerade mal unter die Top 500, ist aber von der Milliardärsliste weit entfernt. Echter Reichtum ist für die breite Masse fast immer unsichtbar. Auch wenn die Namen der großen Unternehmerdynastien natürlich bekannt sind.

Worin unterscheidet sich altes von neuem Geld?
Dynastisch Vermögende bleiben nach wie vor weitgehend unter sich. Und sie stützen sich weiter in Netzwerken, die durchaus mächtig sind. Dieses Milieu ist Neureichen fast verschlossen. Es sei denn, es taucht jemand auf, der glaubwürdig und nachhaltig ein sehr hohes Maß an Erfolg hat. Die Haffas oder Samwas haben mit ihrem schnellen Geld keine Chance, in solche Kreise vorzustoßen. Ein SAP-Gründer wie Hasso Plattner, der sich zudem gesellschaftlich engagiert, hingegen schon.

Sie sind auch Psychologe. Was bedeutet Reichtum für das Individuum?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Wie Reiche agieren, das hat sehr viel mit dem kulturellen Kontext zu tun, in dem die Menschen leben. Reiche in den USA, in Japan oder Deutschland haben einen ganz unterschiedlichen Blick auf ihr materielles Vermögen. Zweitens hängt die Beziehung zum eigenen Geld auch sehr stark davon ab, wie es erworben wurde und in welcher Form es vorhanden ist. Der Gründer aus kleinen Verhältnissen hat ein grundsätzlich anderes Verhältnis zu seinem Reichtum als ein Kunst sammelnder Erbe oder ein Hedgefonds-Manager mit einem Jahreseinkommen von 800 Millionen Dollar. Eines verbindet sie freilich: die Distanz zur Notwendigkeit. Sie alle wissen, dass sie nicht arbeiten müssen, wenn sie nicht wollen.

Mit Reichtum geht ein für Normalverdiener unbekanntes Maß von Entscheidungsfreiheit einher. Reichtum heißt Verfügungsgewalt. Damit meine ich, über Lebensoptionen verfügen zu können. Reiche sind mobil. Sie können Immobilien kaufen, wo sie wollen. Sie können mit ihren Beziehungen in Unternehmen leichter Karriere machen oder selbst neue Unternehmen gründen, wenn sie Lust dazu haben. Das heißt allerdings auch, dass sie sich viel öfter die Frage stellen müssen, was sie mit ihrem Leben eigentlich anfangen wollen. Der Mensch ist auf eine solche Entscheidungsfreiheit nicht gut vorbereitet. Wir sind kulturell und als Wesen reaktiv angelegt. Aus einigen Optionen auswählen, das bekommen wir in der Regel ganz gut hin. Bei völliger Wahlfreiheit muss der Mensch eine besondere Kompetenz entwickeln, mit dieser Freiheit sinnvoll umzugehen. Wenn Reichen diese Kompetenz fehlt, haben sie ein Problem.

Wann wird Geld zur Belastung?
Mehr Geld heißt mehr Unabhängigkeit. Dies bietet grundsätzlich erst einmal einen Wettbewerbsvorteil, um Selbstbewusstsein aufzubauen. Gleichzeitig ergeben sich auf einer anderen Ebene zusätzliche Bedrohungsszenarien. Angst spielt im Seelenleben vieler Reicher und Superreicher eine große Rolle. Angst vor Anfeindungen, Verlustängste, Angst vor körperlicher Bedrohung oder Entführung sind nicht selten. Fast alle Reichen haben Angst, übervorteilt zu werden. Die Skepsis gegenüber Menschen nimmt mit Reichtum sehr stark zu. Die Leichtigkeit im Umgang mit anderen wird schwieriger, und das mindert Lebensqualität. Auch hier muss man natürlich stark differenzieren. Es gibt eine Reihe reicher und sehr reicher Menschen in Deutschland, die bewusst bescheiden leben. Die fahren einen alten 5er BMW, während ihre Angestellten sich in der S-Klasse chauffieren lassen. Menschen, die ihren Reichtum bewusst zur Schau stellen und aus ihrem Geld einen großen Teil ihres Selbstbewusstseins schöpfen, tappen oft in eine andere Falle: Sie vergleichen sich immer nach oben. Und sie finden in ihrer Umgebung immer jemanden, der noch mehr Geld hat. Der persönlichen Zufriedenheit hilft das nicht gerade.

Britische Studien deuten darauf hin, dass es unter Superreichen eine erhöhte Selbstmordrate gibt.
Mit den Studien zu Selbstmord und deren Interpretation ist das so eine Sache. Ich bin da vorsichtig, einen direkten Zusammenhang zu sehen. Offenkundig ist: Auch die Zurückhaltenden unter den Reichen sind immer wieder besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt. Wenn ich mir über meinen Lebensunterhalt keine Gedanken mehr machen muss, muss ich meinem Leben einen neuen Sinn erfinden. Sinnkrisen kennen natürlich auch Normalverdiener, aber bei Reichen kommen sie häufiger vor. Das gilt besonders für Erben großer Vermögen. Die fragen sich: Habe ich das alles überhaupt verdient? Oft stehen sie im Schatten von sehr dominanten Vaterfiguren. Es geht mir nicht um Mitleid mit reichen Erben, aber ihre Ausgangslage ist aus Sicht der Psychologie oft schwierig. Sie stehen häufig in einer Unternehmertradition, und meist wird von ihnen erwartet, diese fortzuführen. Als Unternehmer können sie aber keinen Blumentopf gewinnen. Führen sie ein Unternehmen erfolgreich fort oder gründen sie gar ein eigenes, sagen alle: Das ist ja leicht mit dem vielen Geld im Rücken. Scheitern sie, ist die Schadenfreude groß.

Unter einem großen Baum wachsen nur Pilze.
Na ja, es gibt durchaus auch Nachkommen, die ihr Erbe erfolgreich weiterführen. Doch in meinen Gesprächen merke ich immer wieder, dass Reiche sich große Sorgen machen, dass ihre Kinder nicht zu nutzlosen Drohnen verkommen, wie es Robert Bosch einmal formuliert hat. Aber das war vermutlich schon immer so.

Hat sich für die Reichen letzthin etwas grundsätzlich verändert?
Auch Reiche müssen heute flexibler sein. In der globalisierten Ökonomie hat der Druck stark zugenommen, Unternehmen relativ rasch umzubauen. Diese Anforderung lastet auf den reichen Unternehmern in den westlichen Gesellschaften. Aber selbst die Reichen, die nur ihr Vermögen verwalten, machen dies heute deutlich aktiver als früher. Für sie ist Vermögensverwaltung eine Form der Arbeit. Das Leben der Reichen ist ungemütlicher geworden. In der Diskussion wird sehr oft übersehen: Auch Reichtum kann flüchtig sein. Sehr viele Menschen verlieren ihr Vermögen wieder. Es gibt keine verlässlichen Zahlen für dieses Phänomen, aber für die Selfmade-Reichen halte ich eine Quote von mindestens 50 Prozent für realistisch.

Wie ist das zu erklären?
Wer schnell zu Geld kommt, überschätzt sich leicht. Und er unterschätzt die Kompetenz, die man braucht, um hohe Geldvermögen zu erhalten oder zu mehren. Die Statistiken bei Lottogewinnern sprechen eine klare Sprache. 70 Prozent aller Gewinner von Millionenbeträgen stehen wenige Jahre später finanziell schlechter da als vor dem großen Los.

Familien mit altem Geld sind selbstverständlich deutlich besser abgesichert. Auffällig ist: Die meisten trauen sich die Verwaltung ihrer Vermögen gar nicht selbst zu, sondern verlassen sich auf professionelle Berater und Privatbanken. Aber auch beim alten Geld gibt es Absteiger. Das wird gern übersehen.

Wie hängen Glück und Geld zusammen?
Nur als Mythos, der vom Volksmund sofort enttarnt wird: Geld macht nicht glücklich. Vielmehr gibt es einen Zusammenhang von Glück und der Hoffnung auf Geld. Fast alle Menschen träumen davon, einmal reich zu werden. Und allein dieser Traum kann Glücksgefühle auslösen. Die Glücksforschung weist nach: Armut macht unglücklich, und das liegt auf der Hand, denn sie ist mit Problemen verbunden, die schwer auf Menschen lasten. Sobald ein Mensch seine Grundbedürfnisse gut decken kann - hierzu gehört, seinen Kindern eine gute Ausbildung zu sichern, medizinisch versorgt zu sein -, spielt Materielles eher eine untergeordnete Rolle für die persönliche Zufriedenheit.

Sie unterscheiden zwischen Reichen und Vermögenden. Warum?
Reichtum ist ein rein quantitativer Begriff. Er beschreibt finanzielle Möglichkeiten, aber nicht, wie diese genutzt werden. Der Begriff Vermögen ist mit Werten verbunden. Vermögende sind nach unserer Definition Menschen, die Teile ihres Reichtums der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Diese Unterscheidung ermöglicht es, die amorphe und polemische Diskussion über Reichtum in Deutschland systematischer zu führen. Hierzu ist es notwendig zu quantifizieren, wie viele Vermögende zu gemeinschaftlichen Aufgaben beitragen und wie viele Reiche sich vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung drücken. Bislang wissen wir zu wenig über Reiche, um diese Diskussion sachlich führen zu können.

Mit welchem Ziel betreiben Sie Ihre Forschung?
Wir müssen lernen, Reichtum differenziert wahrzunehmen. Vermögende, die sich einbringen, müssen mehr Anerkennung finden, und das nicht nur bezogen auf ihre Reputation. Die Politik ist hier gefragt. Wer sich mit seinem Reichtum für die Gesellschaft engagiert, muss steuerlich begünstigt werden. Und Reiche, die sich ausschließlich der Egozentrik hingeben, muss der Staat stärker belasten. So einfach ist das. Appelle reichen nicht, in keinem Milieu. Auch nicht bei den Reichen und Vermögenden. Die Novelle des Erbschaftsrechtes bietet eine Chance: Wer Teile seines Erbes in Stiftungen einbringt oder spendet, sollte von der Erbschaftssteuer weitgehend befreit werden. Bei den anderen müssen die Finanzämter angemessen zulangen.

Wann wird Geld eigentlich zu viel?
Aus meiner Sicht gibt es "zu viel" Geld nicht. Es kommt in freien Gesellschaften nur darauf an, was mit dem Überfluss geschieht. Und da gibt es unendlich viele Möglichkeiten, die Gewinne der Gewinner wieder in soziales Kapital zu verwandeln. Wir müssen die Gewinne der Gewinner nutzen, um die Verluste der Verlierer auszugleichen. Nicht die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich ist das Problem, sondern die absolute Armut. Die müssen wir beseitigen. Und ich sehe weltweit keine andere Klientel, die dazu besser in der Lage wäre, als die Reichen. Wenn sie diesen Weg mitgehen, sei ihnen auch die dritte S-Klasse von Herzen gegönnt. -

Literatur: Thomas Druyen: Goldkinder - Die Welt des Vermögens. Murmann Verlag 2007; 240 Seiten; 22,50 Euro