SPIEGEL ONLINE - 07. November 2007, 16:59
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,515937,00.html

VERMÖGENSSTUDIE

Wie reich die Deutschen wirklich sind

Von Stefan Schultz

Westdeutsche haben doppelt so viel Vermögen wie Ostdeutsche, Einheimische doppelt so viel wie Zuwanderer, Männer deutlich mehr als Frauen: Eine neue Studie illustriert erstmals aktuell und detailliert das Wohlstandsgefälle in der Bundesrepublik. SPIEGEL ONLINE zeigt die Ergebnisse.

Berlin - Das reichste Zehntel der Deutschen verfügt über mehr als zwei Drittel des Vermögens - und umgekehrt: Zwei Drittel der Bevölkerung besitzen zusammen nur gut zehn Prozent des Vermögens. Diese drastischen Zahlen hat jetzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer neuen Studie veröffentlicht.

Luxusauto mit Champagner auf Messe: Die Kluft zwischen Arm und Reich geht auseinander
DDP

Luxusauto mit Champagner auf Messe: Die Kluft zwischen Arm und Reich geht auseinander

Insgesamt haben die Deutschen laut Studie ein Nettogesamtvermögen im Wert von 5,4 Billionen Euro angehäuft - das ergibt 80.722 Euro pro Person, wobei die Summe keineswegs gleichverteilt ist: Jeder zweite hat kaum Vermögen.

Wie steht Deutschland im Vergleich da? Die Luxemburger Wohlstandsstudie von 2006, die jüngste Untersuchung zur Konzentration des Reichtums in verschiedenen Ländern, misst die Ungleichverteilung des Vermögens anhand des sogenannten Gini-Koeffizienten. Ein Wert von 0 bedeutet völlig gleichmäßige Verteilung - der Wert 1 dagegen, dass ein Einzelner alles besitzt. Deutschlands liegt im Mittelfeld bei 0,79 - und damit unter anderem hinter den USA (0,84) oder Spitzenreiter Schweden (0,89), allerdings vor Finnland (0,68) oder Großbritannien (0,66).

Ist die Kluft zwischen Arm und Reich auseinander gegangen? Ja. Seit 1962 erhebt das Statistische Bundesamt alle fünf Jahre die Vermögenskonzentration durch den Gini-Koeffizienten. 1993 lag er bei rund 0,62, stieg 1998 auf 0,64 und liegt seit dem Mauerfall kontinuierlich über 0,7, aktuell eben 0,79. Die neue DIW-Studie zeigt: Der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinnahmen ist im Verhältnis zum gesamten Bevölkerungseinkommen zwischen 1996 und 2006 um knapp vier Prozentpunkte auf 33,8 Prozent gestiegen. Sprich: Vermögen wächst schneller als die Einkommen.

Wer hat besonders wenig Vermögen? Dazu liefert die DIW-Studie erstmals aktuelle Erkenntnisse. Sie hebt die großen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland hervor: Westdeutsche besäßen durchschnittlich doppelt so viel Vermögen wie Ostdeutsche, vor allem wegen der niedrigen Eigentumsquote und des geringe Verkehrswerts vieler Immobilien. Auch zwischen Zuwanderern und gebürtigen Deutschen gibt es große Unterschiede - und zwischen Männern und Frauen. Wie genau, zeigen die detaillierten Tabellen und Grafiken der Studie, die SPIEGEL ONLINE dokumentiert:

Individuelles Nettovermögen in Deutschland 2002
West Ost gesamt
Mittelwert 91.486 Euro 34.290 Euro 80.722 Euro
Median 18.326 Euro 7554 Euro 15.000 Euro
Menschen mit negativem Vermögen 5,3 % 5,8 % 5,4 %
Menschen mit null Vermögen* 24,3 % 24,3 % 24,3 %
* Anteil der Personen ohne Vermögen überschätzt, da für drei Komponenten (Geldvermögen, private Versicherungen und Konsumentenkredite) 2500 Euro Schwellenwert vorausgesetzt. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Jeder Deutsche hat im Durchschnitt 80.722 Euro Vermögen - im Osten weniger als im Westen. Insgesamt gut 30 Prozent der Bevölkerung haben kein Vermögen oder Schulden. Der Median beschreibt, ab welchem Geldbetrag die obere Hälfte beginnt - konkret: Wer mehr 15.000 Euro besitzt, gehört zur oberen Hälfte der Vermögenden in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE

Die Grafik zeigt: Das oberste Zehntel der deutschen Bevölkerung verfügt über knapp 60 Prozent des Vermögens.

Vermögenskomponenten 2002 – Anteil der jeweiligen Besitzer an der Bevölkerung*
West Ost gesamt
selbstgenutzter Immobilienbesitz 38,1 % 28,8 % 36,4 %
sonstiger Immobilienbesitz 10,9 % 6,3 % 10,0 %
Geldvermögen* 43,1 % 42,9 % 43,1 %
private Versicherungen** 46,7 % 49,8 % 47,3 %
Betriebsvermögen 4,3 % 3,5 % 4,1 %
Sachvermögen 9,7 % 3,2 % 8,5 %
Schulden** 29,6 % 24,1 % 28,5 %
* Personen in Privathaushalten ab 17 Jahren, ** die Erhebung erfasst lediglich Beträge ab 2500 Euro. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt, wie viele Menschen in Deutschland welches Vermögen besitzen. So haben 36,4 Prozent selbst genutzte Immobilien, 43,1 Prozent Geldvermögen - aber nur 4,1 Prozent Betriebsvermögen. 28,5 Prozent haben Schulden.

Portfoliostruktur des individuellen Netto-Vermögens in Deutschland 2002 – in Anteilen
West Ost gesamt
selbstgenutzter Immobilienbesitz 62,0 % 73,4 % 62,9 %
sonstiger Immobilienbesitz 21,1 % 9,9 % 20,2 %
Geldvermögen* 11,5 % 17,5 % 12,0 %
private Versicherungen* 10,7 % 14,2 % 11,0 %
Betriebsvermögen 12,4 % 9,6 % 12,2 %
Sachvermögen 1,7 % 1,3 % 1,7 %
Schulden* –19,4 % –26,0 % –19,9 %
* die Erhebung erfasst lediglich Beträge ab 2500 Euro. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt, woraus das Vermögen des Durchschnittsdeutschen besteht - unter anderem zu 62,9 Prozent aus selbst genutzten Immobilien und zu 12 Prozent aus Geldvermögen.

Portfoliostruktur des individuellen Netto-Vermögens in Deutschland 2002 – in Euro
West Ost gesamt
selbstgenutzter Immobilienbesitz 56.695 Euro 25.169 Euro 50.762 Euro
sonstiger Immobilienbesitz 19.303 Euro 3410 Euro 16.312 Euro
Geldvermögen* 10.553 Euro 6008 Euro 9697 Euro
private Versicherungen* 9789 Euro 4864 Euro 8862 Euro
Betriebsvermögen 11.365 Euro 3292 Euro 9846 Euro
Sachvermögen 1543 Euro 448 Euro 1337 Euro
Schulden* –17.763 Euro –8902 Euro –16.095 Euro
insgesamt 91.486 Euro 34.290 Euro 80.722 Euro
* die Erhebung erfasst lediglich Beträge ab 2500 Euro. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt die gleiche Vermögensverteilung in konkreten Geldbeträgen - der Durchschnittsdeutsche hat demnach selbst genutzte Immobilien im Wert von 50.762 Euro.

Individuelles Vermögen nach Höhe des verfügbaren Haushaltseinkommens*
Median Mittelwert
unterstes Zehntel der Einkommen 0 Euro 19.316 Euro
zweites Zehntel 340 Euro 23.996 Euro
drittes Zehntel 5000 Euro 38.739 Euro
viertes Zehntel 9554 Euro 43.878 Euro
fünftes Zehntel 10.000 Euro 48.689 Euro
sechstes Zehntel 22.930 Euro 63.542 Euro
siebtes Zehntel 27.749 Euro 90.610 Euro
achtes Zehntel 35.999 Euro 93.338 Euro
neuntes Zehntel 70.062 Euro 121.904 Euro
oberstes Zehntel der Einkommen 132.682 Euro 269.998 Euro
* äquivalenzgewichtete Haushaltsnettoeinkommen unter Verwendung der modifizierten OECD-Äquivalenzskala. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt, wie viel Vermögen Deutschlands Spitzenverdiener (oberstes Zehntel der Einkommen) und Geringverdiener (unterstes Zehntel) besitzen. Der Median beschreibt, ab welchem Geldbetrag innerhalb dieser Gruppen die obere Hälfte beginnt.

Individuelles Nettovermögen in Deutschland 2002 nach Migrationshintergrund
ohne Migrationshintergrund mit Migrationshintergrund
Mittelwert in Westdeutschland 101.265 Euro 48.229 Euro
(Bevölkerungsanteil in Westdeutschland) 66,2 % 15,0 %
Mittelwert in Ostdeutschland 35.102 Euro 14.606 Euro
(Bevölkerungsanteil in Ostdeutschland) 18,1 % 0,7 %
Mittelwert in Gesamtdeutschland 87.078 Euro 46.633 Euro
(Bevölkerungsanteil in Gesamtdeutschland) 84,3 % 15,7 %
Migrationshintergrund bedeutet: Personen, die seit 1949 nach Deutschland zugewandert sind, sowie Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. In Ostdeutschland weniger als 100 Fälle. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund (15,7 Prozent der deutschen Bevölkerung) 46.633 Euro Vermögen haben - die übrige Bevölkerung dagegen fast doppelt so viel, 87.078 Euro.

Individuelles Nettovermögen in Deutschland 2002 nach Geschlecht
Männer Frauen
Mittelwert 95.928 Euro 67.380 Euro
Median 20.000 Euro 10.518 Euro
Menschen mit negativem Vermögen 21,3 % 27,0 %
Menschen mit null Vermögen* 6,4 % 4,5 %
(Bevölkerungsanteil) 46,7 % 53,3 %
* der Anteil der Personen ohne Vermögen ist überschätzt, weil für drei Komponenten (Geldvermögen, private Versicherungen und Konsumentenkredite) ein Schwellenwert von 2500 Euro vorausgesetzt wird. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt, dass Frauen (53,3 Prozent der Bevölkerung) im Schnitt 67.380 Euro Vermögen haben - Männer dagegen 95.928 Euro. Der Median beschreibt, ab welchem Geldbetrag innerhalb dieser Gruppen die obere Hälfte beginnt.

Portfoliostruktur des individuellen Nettovermögens in Deutschland 2002 nach Geschlecht
Männer Frauen
selbstgenutzter Immobilienbesitz 52.947 Euro 48.845 Euro
sonstiger Immobilienbesitz 19.518 Euro 13.500 Euro
Geldvermögen 11.272 Euro 8316 Euro
private Versicherungen* 12.018 Euro 6094 Euro
Betriebsvermögen 17.345 Euro 3266 Euro
Sachvermögen 1504 Euro 1191 Euro
Schulden* –18.675 Euro –13.832 Euro
insgesamt 95.928 Euro 67.380 Euro
(Bevölkerungsanteil) 46,7 % 53,3 %
* die Erhebung erfasst lediglich Beträge ab 2500 Euro. Quellen: Sozioökonomischer Panel (SOEP), individuelle Vermögensinformationen nach multipler Imputation fehlender Werte, inklusive eines 0,1-%-Top-Coding, Berechnungen des DIW Berlin 2007

Die Tabelle zeigt, dass Frauen quer durch alle Vermögensarten weniger Rücklagen haben als Männer.

SPIEGEL ONLINE

Die Grafik zeigt, dass die Westdeutschen zum Rentenalter am meisten Vermögen besitzen - die Ostdeutschen dagegen deutlich früher im Leben.




© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Thema in SPIEGEL ONLINE:

Konjunkturgutachten: Wirtschaftsweise halten Regierung für orientierungslos (07.11.2007)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,515870,00.html
Haushalt: Steuerplus fällt deutlich geringer aus (07.11.2007)
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,515957,00.html
Neuer IG- Metall- Chef: Huber stellt 35- Stunden- Woche in Frage (07.11.2007)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,515927,00.html
Führungsstreit: Merkel kontert Kritik aus der SPD (07.11.2007)
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,515861,00.html
Reichtumstudie: Jeder zweite Deutsche hat kaum Vermögen (06.11.2007)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,515793,00.html