Reich, siegessicher, arrogant: US-Milliardär Donald
Trump
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Sie haben öfter kritisiert, daß die Linke sich relativ wenig
mit dem Thema »Reiche und Superreiche« befaßt, obwohl z. B. die Zahl
der Dollar-Milliardäre gegenwärtig von Jahr zu Jahr in raschem Tempo
steigt. Vor zwanzig Jahren gab es einige Dutzend weltweit, in diesem
Jahr werden es etwa 1000 sein. Diese Leute besitzen Vermögen, die mehr
Wert verkörpern als das Bruttosozialprodukt ganzer Nationen, und dementsprechende
Macht. Kann man sagen, die herrschende Klasse hat wieder ein Gesicht?
Das hatte sie immer. Wer Marx liest, findet vor allem in den Fußnoten
zum Kapital sehr viele konkrete Lesefrüchte. Aus denen wird klar: Die
herrschende Klasse hat viele Gesichter. Da gibt es wirkliche Gauner
und sehr honorige Persönlichkeiten, da gibt es altes und neues Geld,
es gibt die großen Unternehmerfamilien wie Krupp und Einzelgänger –
es gibt immer etwas Besonderes, das schwer zu verallgemeinern ist. Uns,
den Marxisten, ist es gelungen, mit dem Kapitalbegriff das Gemeinsame
der Kapitalistenklasse, sozusagen die Struktur dieser Gruppe deutlich
zu machen. In der Linken ist oft die subjektive Seite vergessen worden.
Die ist aber für politische Aktivitäten wichtig.
Man muß z. B. wissen, daß diese Reichen und Superreichen sich seit dem
19. Jahrhundert immer wieder in allen möglichen Organisationen, in Klubs,
in Unternehmerverbänden oder in informellen, kulturellen Vereinen –
Beispiel Bayreuth und die jährlichen Wagner-Festspiele – zusammengetan
und dort Willensbildung betrieben haben. In den USA dagegen ging es,
mehr als bei uns, immer darum: »Was machen die da oben?« Die Reichen
und Superreichen waren dort immer sichtbarer als bei uns. Unsere herrschenden
Klassen verstanden es ganz gut, sich zu verbergen bzw. ein patriarchalisches,
ein aristokratisches Gesicht, das alle Welt bewundern konnte, hervorzukehren.
In den USA war das völlig anders. Wer in New York viel Geld hatte, der
fuhr eine Kutsche mit acht Pferden, besaß prächtige Landsitze usw. –
alles öffentlich. Daher gibt es auch in den Sozialwissenschaften der
USA eine lange Tradition der Reichen-Beobachtung – neidlos, zunächst
nur interessiert. Einer der ersten und großen Erforscher des Reichtums
in den USA war der Ökonom Thorstein Veblen, der 1899 seine »Theorie
der feinen Leute«, der »Leisure Class«, geschrieben hat. Darin geht
es vor allem um deren Konsumverhalten. Er meinte, diese Leute konsumierten
so auffällig, weil sie zeigen wollten: Das ist der amerikanische Weg
zum Glück. Auch wenn du Tellerwäscher bist, kannst du aufsteigen, das
ist das Ziel, das für alle erreichbar ist. Damit wurden Glücksvorstellungen
propagiert, neben denen andere wie Solidarität, Wissen, Schönheit usw.
keine Chance hatten.
Die heutige Schicht der Superreichen gewinnt ihr Vermögen
nicht mehr vorrangig aus dem industriellen Kapitalismus, sondern aus
anderen Branchen. Wann hat das ungefähr angefangen, und worin besteht
der Unterschied zwischen diesen neuen Superreichen und den feinen
Leuten vor 100 Jahren?
Die industrielle Produktion auf der einen Seite und die Finanzwelt auf der anderen gab es auch schon im 19. Jahrhundert. Die erste Welle des Superreichtums, sowohl in den USA als auch in Europa, resultierte aus der Verbindung von technologischen Innovationen, vornehmlich in der Stahlindustrie und den Eisenbahnen, und dem Bankwesen. In den 1920er Jahren kamen Innovationen in Chemie, Elektrotechnik und Automobilbau hinzu. Es gab dann in Europa Gegenbewegungen gegen die extreme Ungleichheit – der Faschismus gehörte seiner Propaganda nach dazu –, aber auch in den USA unter Präsident Franklin D. Roosevelt. Im New Deal der 30er Jahre und in der Kriegswirtschaft der 40er Jahre wurden die Profite auf größere Teile der Gesellschaft verteilt. Das Militär entwickelte sich sehr stark, ebenso der Beamtenapparat. Erst unter US-Präsident Ronald Reagan gab es in den 80er Jahren einen neuen push mit der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien bis hin zum Internet, von dem vor allem die Finanzwelt profitierte. Heute haben wir einerseits eine – wie manche sagen – »reale Wirtschaft«, in der produziert wird und in der das Wertgesetz gilt; und auf der anderen Seite die Finanzwelt, in der fiktives Kapital, Phantasiekapital bewegt wird wie in einem riesigen Schneeballsystem. Dort wird auf für Außenstehende fast undurchschaubare Weise allein durch finanzielle Transaktionen Geld erzeugt, d. h. letztlich durch Enteignung. Denn natürlich ist da auch eine reale Seite. Im Grunde handelt es sich um eine Form von ursprünglicher Akkumulation auf hohem technologischen Niveau. Daran ist nicht Ronald Reagan schuld, sondern wir haben mit den auf der Welle der neuen Technologien schwimmenden konservativ-neoliberalen Aktivitäten eine Explosion des Superreichtums. Daher kann man in der Tat sagen: Das ist eine neue Phase in der Geschichte des Kapitalismus.
Sie sprechen von einer »kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung«...
Mit ihm ist nach meinem Verständnis der Hinweis darauf
verbunden, daß eine bestimmte Phase liberaler Herrschaftsausübung zu
Ende geht. Es gibt neue Techniken von Herrschaftsausübung. Wie sehen
die aus, und was ist aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Dazu muß ich etwas ausholen. Als Soziologen haben mich zwei Traditionen sehr
beeinflußt. Die eine ist mit dem Namen Charles Wright Mills verbunden,
der 1956 ein Buch unter dem Titel »The Power Elite«, also »Die Machtelite«,
veröffentlicht hat. Auf deutsch erschien es unter dem Titel »Die amerikanische
Elite«, aber es ging wirklich um eine Machtelite. Das Buch hatte damals
einen riesigen Erfolg, vor allem die jungen Wissenschaftler haben es
gelesen und verarbeitet, speziell außerhalb Westdeutschlands. Denn in
der Bundesrepublik war das Problem etwas heikel: Die ökonomische Elite
hatte den Nationalsozialismus fast unbeschädigt überdauert, alle anderen
Eliten waren ein bißchen abgemeiert, obgleich es im Beamtenapparat und
im Militär Kontinuität gab. Mills verstand nun unter Machtelite ein
Bündnis von Reichen, von Politikern, von Beamten und von Militär, eine
Art Vierergespann. Unter dem Eindruck des Buches »Behemoth« von Franz
Neumann aus dem Jahr 1942 war C. Wright Mills fasziniert davon, daß
eine Machtelite, wie sie sich in Deutschland bis 1939, bis zum Kriegsbeginn
entwickelt hatte, in Ansätzen auch in der US-Gesellschaft nach dem Kriege
existierte. Mills nannte Macht und Herrschaft beim Namen, da wurden
die Strukturen, aber auch die Figuren dargestellt. Das war sehr eindrucksvoll
und hat mich in meinem wissenschaftlichen Leben seither begleitet. Es
hat mich immer geärgert, daß die deutsche Mainstream-Soziologie Mills
links liegenließ. Aus diesem Ärger heraus und aus den Erfahrungen, die
ich in den 60er Jahren in Lateinamerika gemacht habe, bin ich zum Marxismus
gekommen.
Die andere Quelle ist: Ich war Schüler des Soziologen Helmut Schelsky
und erlebte über ihn Philosophen wie Arnold Gehlen und Hans Freyer,
der eben auch ein guter Marx-Kenner war. Bei allen dreien, insbesondere
bei Gehlen, hat man gemerkt, daß sie sehr genau wissen, wie Herrschaft
und Macht wirklich ausgeübt werden, ob in Deutschland oder in den USA.
Sie wußten: Hinter diesem demokratischen Parteienstaat stehen noch ganz
andere Mächte, die schweigen – das war der Begriff von Gehlen:
»Die schweigen.« Es gibt das berühmte Zitat von Carl Schmitt: »Elite
sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt.« Das ist
exakt das, was ich als Soziologe erlebt habe. Es gibt in der Bundesrepublik
zwischen Mainstream-Soziologie und herrschender Klasse einen Nichtangriffspakt.
Das ist absurd, aber so ist es.
Das bedeutet, die Soziologie war eine Mittelschichtenveranstaltung.
Man beobachtete die Unterschichten, man guckte, ob es da Unruhe gibt,
ob da Konflikte entstehen. Man bot Rezepte an, beobachtete die eigene
soziale Gruppe, die Mittelschichten, aber man schaute nicht nach oben.
Denn von dort kamen die Aufträge, wenn auch nicht das Geld. Nachdem
aber die sozialwissenschaftlichen Einrichtungen in viele Parzellen zerfallen
sind, erhält heute jeder Forscher immer weniger Geld vom Staat und ist
immer mehr auf sogenannte Drittmittel, also privates Geld, angewiesen.
Insofern ist es schlimmer als damals.
Sie sprechen von einem »Geldmachtapparat«, der heute die Herrschaft ausübt. Wie geschieht das?
Mills gilt als Begründer der Herrschaftsstruktur-Forschung in den USA. Sie
untersucht genau dies: Wie funktioniert das Zusammenspiel dieser Eliten,
also von Geld, Politik, Bürokratie, Managern und Militär? Sie hat einige
Mechanismen entdeckt, mit deren Hilfe jenseits aller demokratischen
Prozesse das Ganze gesteuert wird. Das fängt an mit Seilschaften, geht
weiter über Klubs, die feste Regeln haben, z. B. darüber, wer Mitglied
werden darf und wer nicht. Viele solche aus den 80er und 90er Jahren
des 19. Jahrhunderts stammenden geheimbündlerischen Traditionen haben
in den USA immer eine Rolle gespielt. Das alles ist dort ziemlich gut
erforscht worden, bis hin zu Schemata, die noch heute ihre Gültigkeit
haben, z. B. wie das Geld reicher Familien oder reicher Unternehmen
in Stiftungen, in Stiftungsuniversitäten oder in Denkfabriken geleitet
wird. Dort werden Personen zu »Fachleuten« ausgebildet, die über Regierungs-
und Parlamentskommissionen Entwürfe umsetzen. Dort werden Vorlagen und
Gesetze entworfen, dort werden konkrete politische und militärische
Strategien z. B. für den Nahen Osten oder andere Regionen entwickelt.
Das alles ist in den USA relativ genau erforscht. Bei uns sind wir diesen
Geflechten vor allem in der Bertelsmann-Kritik auf die Spur gekommen.
Das heißt: Es handelt sich um einen Machtapparat. Ich habe dafür den
Begriff »Geldmachtapparat« experimentell eingeführt. ATTAC hat diese
Vorstellung jetzt übernommen, sagt aber »Geldmachtkomplex«. Ist mir
auch recht. Die Grundidee ist, daß die Superreichen und die Verwertungseliten,
also Manager und Finanzfachleute, ein Zentrum der Macht bilden, das
über mehrere Stufen »nach außen« – u. a. über Politik, Showbusiness,
Medien und Wissenschaft wirkt. Es ist ein Apparat, in dem sehr viel
Widersprüchliches passiert, der nicht mechanisch funktioniert, in dem
es aber dieses Gravitationszentrum gibt. Er funktioniert über Denkfabriken,
Universitäten oder Elite-Universitäten, die wir nun auch bekommen, Stiftungen,
Kommissionen aller Art bis hin zu informellen Zusammenhängen. Man kann
nicht genug Phantasie entwickeln, um sich vorzustellen, wie mächtig
z. B. der Aufsichtsrat der Metropolitan-Opera von New York ist. Da sitzen
die Superreichen drin und machen nicht nur Kulturpolitik bezogen auf
die Oper, sondern für den gesamten Kulturbetrieb der USA, beeinflussen
politische Entscheidungen und natürlich auch globale Vorgänge. Es geht
also bei diesem Begriff nicht nur um die Aufsichtsräte von Banken, das
ist ein eigenes Forschungsgebiet, sondern um die »verflochtenen Direktorate«.
Damit ist gemeint: Die gleiche Person sitzt im Aufsichtsrat der Citibank,
der Metropolitan-Opera, in der Trilateralen Kommission und der Guggenheim-Foundation
und trifft auf Personen, die in ähnlichen Netzwerken zu Hause sind.
Wenn zwei solche Leute sich treffen und an der Bar einen trinken, können
in diesen »Direktoraten« auf informelle Weise weitreichende Entscheidungen
fallen und Weichen gestellt werden.
Ist an die Stelle der verfassungsmäßig formal mit
Machtausübung beauftragten Institutionen in Wirklichkeit eine solche
Netzwerk-Herrschaft getreten?
Ja, ganz ohne Frage. Sie ist nur möglich, wenn die traditionellen Formen der Steuerung bürgerlicher Gesellschaften zerbröckeln. Da geht es um Epochenfragen. Die Regulierungen des fordistischen Kapitalismus, in dem z. B. Parteien noch eine ganz wichtige Rolle spielten, funktionieren nicht mehr. Stichwort Privatisierung. Bis in die 70er Jahre hinein war die Privatisierung von allem und jedem auch in einem Land wie der Bundesrepublik undenkbar. Im heutigen Privatisierungskapitalismus oder Desasterkapitalismus, wie er genannt wurde, in dem alles zerplatzt, in diesem auseinanderstiebenden Kapitalismus werden nach wie vor Einfluß und Herrschaft ausgeübt – über Netzwerke, über private Kanäle bis hin zu Privatarmeen. Das passiert heute in den USA, strahlt natürlich auf die ganze Welt aus, selbst in solche Feudalstaaten wie Saudi-Arabien, und wird jetzt in die Bundesrepublik importiert. An einem solchen Modell der »Elitenkommunikation« à la USA wird hier gerade fleißig gestrickt.
Einige Soziologen betrachten das allerdings mit großer
Besorgnis. Der Begriff »sanfter Faschismus« taucht auf, und offizielle
Politik hat aus der Sicht auch liberaler Betrachter immer mehr
Fassadencharakter.
Das ist richtig. Man nehme eine große Firma, die 30 oder 50 Milliarden Dollar oder Euro bewegt und verwertet. Die wissen heute genau, wo jeder Cent angelegt ist.
Bei manchen Kreditanstalten ist das im Moment aber nicht der Fall…
Das hat damit nichts zu tun. Mir geht es darum: Diese Firmen haben einen globalen Informationsapparat. Die brauchen keine langen Referentenberichte, sondern die Entscheidungsträger haben das z. B. von VW Schanghai oder Mexiko im Nu auf dem Bildschirm in Wolfsburg. Solche Möglichkeiten hat keine Regierung – weder die der USA noch sonst eine. Die großen transnationalen Konzerne sind auf diese neue Welt der kommunikationstechnologisch abgestützten Herrschaftsausübung besser als jede Regierung eingerichtet. Staatliche Administrationen sind ihnen hoffnungslos unterlegen. Das gilt dann auch für deren Beziehung etwa zu den Zentralbanken und anderen, auch internationalen Einrichtungen. Das ist eine neue Art von Herrschaftsform, in der eine Handvoll Personen, eine sehr kleine Runde, das, was in der Welt geschieht, beherrscht.
Welche Rolle spielen in diesem Gefüge die Medien?
Einerseits haben wir mit dem Internet, mit der Internetkommunikation, neue Möglichkeiten, uns herrschaftskritisch zu betätigen. Diese Möglichkeiten werden noch viel zu wenig wahrgenommen, das fängt jetzt erst an. Das ist deswegen so wichtig, weil auf der anderen Seite Medien wie das Fernsehen und die Presse in einer Art und Weise gleichgeschaltet sind, wie sie es in der Geschichte der öffentlichen Meinungsbildung noch nie gab. Es gibt fünf Konzerne, die die gesamte Medienwelt und die mediale Kultur der Welt beherrschen. Auf dieser Ebene kommt nichts durch als das, was dort zugelassen wird.
Bietet das Internet wirklich Alternativen oder stellt es nur eine virtuelle Kollektivität her?