SPIEGEL ONLINE - 14. November 2007, 13:05
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ENGAGIERTE UNTERNEHMER

Ein Bill Gates ist nicht genug

Von Hannes Koch

Sie kämpfen für neue Arzneien, gegen Armut: Unter Unternehmern gilt es zunehmend als schick, sich zu engagieren. Doch die Wohltäter sind in der Minderheit, und oft ist viel Eigen-PR mit im Spiel. Eine wirklich nachhaltige Wirtschaft gibt es nur, wenn die Politik Regeln bestimmt.

Im Juni 2006 gibt der US-Unternehmer Warren Buffet bekannt, dass er sich von 85 Prozent seines Privatvermögens trennen wolle. Da er mit seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway in den vergangenen Jahrzehnten sehr erfolgreich war, handelt es sich um einen nennenswerten Betrag: rund 37 Milliarden Dollar. Der damals 76-jährige Buffet tut, was das unter wohlhabenden Menschen beliebte Motto rät: Wer reich stirbt, stirbt in Schande.

Stifter Gates, Buffet: Mischung aus privater Wohltätigkeit und öffentlicher Politik
REUTERS

Stifter Gates, Buffet: Mischung aus privater Wohltätigkeit und öffentlicher Politik

30 der 37 Milliarden wird Buffet in den kommenden Jahren nach und nach an die "Bill & Melinda Gates Foundation" überweisen. Microsoft-Gründer Bill Gates steckt mittels dieser Stiftung riesige Summen in die Entwicklung neuer Arzneimittel und Therapien, um die Menschheit von Krankheiten wie Aids zu befreien. Verstärkt durch Buffets Finanzspritze kann die Gates-Foundation künftig pro Jahr mit rund drei Milliarden Dollar den mehrfachen Betrag dessen einsetzen, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Verfügung hat.

Sowohl Buffets Spende als auch Gates' private Weltsozialpolitik sind Versuche, die Gerechtigkeits- und Legitimitätslücke zu schließen, die die Globalisierung seit Mitte der achtziger Jahre gerissen hat.

Indem die Milliardäre Not lindern, wollen sie die Spaltung zwischen Arm und Reich vermindern. Sie setzen sich ein für den sozialen Zusammenhalt der Weltgesellschaft. Ihre Sozial- und Entwicklungspolitik deckt auf globaler Ebene einen Teil dessen ab, was im nationalen Rahmen der Wohlfahrtsstaat leistet. Da im Weltmaßstab keine Institutionen existieren, die die Funktionen des nationalen Sozialstaates übernehmen könnten, betreiben Organisationen wie die Gates-Stiftung eine Mischung aus privater Wohltätigkeit und öffentlicher Politik.

BUCH-NEUERSCHEINUNG

Hannes Koch:
Soziale Kapitalisten.
Vorbilder für eine gerechte Gesellschaft.

Rotbuch Verlag, erste Auflage, 200 Seiten. 19,90 Euro.
Dieser Beitrag ist dem Buch entnommen.
Hier entwickelt sich eine Weltsozialpolitik - eine "Global Public Policy", wie der Globalisierungsberater Wolfgang H. Reinicke schreibt. Einerseits kooperieren die privaten Unternehmen und Stiftungen mit supranationalen Institutionen wie der WHO und auch mit Bürgerrechtsorganisationen, andererseits machen sie beiden Konkurrenz.

Als das "manager magazin" sein "Good Company Ranking 2007" veröffentlicht, werden Unternehmen gelobt, die sich über das Gewinnstreben hinaus für soziale und ökologische Ziele einsetzen. "Verantwortungsbewusstes Management ist heute eine Frage des Überlebens", begründet die Jury ihre Auswahl - des Überlebens der Unternehmen selbst. Eggert Voscherau, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des weltgrößten Chemiekonzerns BASF, dem Spitzenreiter des "Good Company Rankings", warnt vor "massiven wirtschaftlichen Problemen", sollten die Unternehmen ihre ökologische und soziale Verantwortung ignorieren.

Interpretationsschwierigkeiten und Schlupflöcher

Globale Risiken wie Armut und Klimawandel sind nur zwei von mehreren Phänomenen, die die Reaktion einer viel größeren Zahl von Unternehmen herausfordern, als dies früher der Fall war. Die Ausnahme unternehmerischen Engagements für die Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert wird im 21. Jahrhundert zum Trend. Damit sie zur Regel werden kann, bedarf sie allerdings der politischen Unterstützung.

Dass Firmen vor allem in den USA und Großbritannien schon früh ihre soziale Verantwortung thematisierten, hat einen einfachen Grund. Im angelsächsischen Raum ist die Wirtschaftsgesetzgebung traditionell liberaler als in Kontinentaleuropa. Den Unternehmen bleibt stärker selbst überlassen, wie sie sich verhalten und auf die Wünsche der Öffentlichkeit reagieren. In Deutschland dagegen nahm das Interesse erst im Gefolge der großen Debatte über die Globalisierung spürbar zu. Auf der politischen Tagesordnung steht das Thema, seit die Europäische Kommission 2001 ihr Konzept "Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen", das sogenannte Grünbuch, veröffentlichte.

DER AUTOR

Hannes Koch, 45, ist Parlamentskorrespondent der Tageszeitung "taz" in Berlin. Seine Schwerpunkte sind Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie Unternehmensverantwortung. 2003 gründete er das European Institute for Globalisation Research, e4globe, das er seitdem leitet.
Der Kern der Debatte über die Unternehmensverantwortung liegt darin, dass Firmen einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Weltgesellschaft leisten sollen - und, wenn ja, wie sie es tun. Nachhaltigkeit hat dabei zwei Facetten - die ökologische und die soziale.

Für die Wirtschaft durchdekliniert haben diesen Normenkatalog unter anderem die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Global Compact, das Firmennetzwerk der Vereinten Nationen. Zentral ist dabei das Verbot der Zwangs- und Kinderarbeit sowie der Diskriminierung jeglicher Art. Die Unternehmen sollen ihren Beschäftigten die Möglichkeit bieten, sich in Gewerkschaften oder anderen Organisationen zusammenzuschließen und mit der Firmenleitung über ihre Bezahlung und Arbeitsbedingungen zu verhandeln (Koalitionsfreiheit).

Das klingt klar und unmissverständlich, doch im praktischen Leben tun sich große Interpretationsschwierigkeiten und Schlupflöcher auf. Müssen sich die Unternehmen an diese Grundsätze halten, sollen sie es oder darf man schon zufrieden sein, wenn die Betriebe die Prinzipien nur manchmal beachten? Eine heikle, höchst umstrittene Frage. Geklärt ist eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit: Die Unternehmen müssen die Gesetze der Länder einhalten, in denen sie arbeiten. Oberhalb dieser Untergrenze beginnt die politische Debatte.

"Meistens etikettieren die Verantwortlichen nur um"

Dass zwischen Theorie und Praxis ein oft erstaunlicher Unterschied besteht, wird mittlerweile auch in Wirtschaftskreisen deutlich zur Sprache gebracht. "Das heute unter den Führungskräften vorherrschende Verständnis von 'Corporate Social Responsibility' (CSR; Unternehmensverantwortung) ist völlig unzureichend", beklagt Bolko von Oetinger im Januar 2007 im "Harvard Business-Manager".

Unter der Überschrift "Größe verpflichtet" schreibt der Seniorpartner und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Boston Consulting Group: "Meistens etikettieren die Verantwortlichen nur Aktivitäten um, für die sich die Unternehmen schon seit Jahren engagiert haben. (...) Im Verhältnis der Firmen zur Gesellschaft geht es aber um mehr als Kindergärten, Handel mit Emissionszertifikaten, Sportvereine und Kunstmuseen."

Um das Schwinden der Ressource "Vertrauen" zu illustrieren, zitiert Oetinger in seinem Artikel eine Umfrage unter der Bevölkerung von 14 Staaten. Die Umfrage sollte in Erfahrung bringen, welche Organisationen das höchste Vertrauen genießen. Für die Wirtschaft war das Ergebnis ernüchternd: Bürgerrechtsgruppen, Umweltverbände und globalisierungskritische Organisationen erzielten hohe Vertrauenswerte. Demgegenüber brachte die Bevölkerung globalen Konzernen vor allem Misstrauen entgegen.

Stellt sich die Frage, warum nur so wenige Unternehmen eine ernsthafte Nachhaltigkeitspolitik betreiben - angeblich rechnen sich solche Maßnahmen doch, und die Vorstände würden vielen Stakeholdern eine große Freude machen. Eine erste, einfache Antwort lautet: Das Thema ist noch relativ neu.

1998 veröffentlichte John Elkington sein Buch über die "Triple Bottom Line", ein Standardwerk der Nachhaltigkeitsökonomie. Die Rendite als Leitstern wollte Elkington ersetzen durch ein Dreigestirn: "People, Planet, Profit" - sozialer Ausgleich, Ökologie und Gewinn. Bis 70.000 transnationale Unternehmen, die Schätzungen zufolge auf dem Globus agieren, oder wenigstens die wichtigsten Konzerne der alten Industriestaaten, einen solchen Schwenk verstehen, unterstützen und nachvollziehen, müssen zwangsläufig einige Jahrzehnte ins Land gehen.

VON BONO BIS GATES: DIE RETTER DER WELT

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Zweitens sind Unternehmen, wie der Wirtschaftsethiker Karl Homann feststellt, "keine private, sondern eine gesellschaftliche Veranstaltung ". Sie besitzen eine grundsätzliche "demokratische Legitimation ". Das aber bedeutet auch: Die verschiedenen Stakeholdergruppen streiten um die Unternehmen und ihre Politik. Es existieren nicht nur die Umweltverbände, das Umweltbundesamt (UBA) und Bürgerrechtsorganisationen, sondern auch Aktionärsvereinigungen, Unternehmerverbände und Kapitalbesitzer. Man muss bedenken: Die Unternehmen sind in Privatbesitz und gewohnt, in erster Linie im Interesse der Eigentümer zu handeln. Wer die Hegemonie behält oder erobert, ist eine Frage der politischen Auseinandersetzung um Macht.

Drittens lassen sich viele Kostenpositionen und Werte in einem Unternehmen berechnen, aber eben nicht alle. Das Vertrauen der Kunden, der Wert der Marke, die Motivation der Mitarbeiter, vermiedene Schäden öffentlicher Protestkampagnen - manche Vorteile, die man als Ergebnis von praktizierter Unternehmensverantwortung preist, sind schwerlich bezifferbar. Dann gilt oft die einfache Regel, dass nicht berücksichtigt wird, was nicht kalkulierbar erscheint.

Daraus folgt das vierte Hindernis. Boston-Consulting-Geschäftsführer von Oetinger verweist auf das "Gefangenendilemma". Die Gedankenfigur: Mehrere Bankräuber sitzen ohne Kontakt zueinander in ihren Zellen. Wer zugibt, am Bankraub beteiligt gewesen zu sein, erhält zwar ein geringeres Strafmaß, muss aber damit rechnen, dass die schweigsamen Komplizen alle Schuld von sich weisen und freigesprochen werden. Deswegen gesteht keiner und alle nehmen eine härtere Strafe in Kauf, als bei einem Geständnis möglich wäre. Unternehmer und Manager, so von Oetinger, verfahren heute ähnlich.

Warum sollten sie die Kosten von eigentlich sinnvollen Maßnahmen einseitig auf sich nehmen, wenn die Konkurrenz einfach weitermacht wie bisher? Nun sind wir beim springenden Punkt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass nachhaltige Unternehmenspolitik im Widerspruch zumindest zu den kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Interessen der Unternehmen stehen kann.

Es gibt aber durchaus ökonomische Argumente, die es rechtfertigen, auf Nachhaltigkeit von Produkten und Produktionsverfahren zu verzichten. Die Manager von Daimler- Chrysler, VW oder BMW überlegen: Lohnt es sich, Milliarden Euro in sparsame Motoren und Fahrzeuge zu investieren, um den Ausstoß von Kohlendioxid stark zu senken? Wollen die Verbraucher solche Produkte kaufen? In welchem Zeitrahmen rentieren sich diese Investitionen? Heute weiß man, dass Toyota mit seiner vergleichsweise umweltfreundlichen Hybridtechnologie ins Schwarze getroffen hat.

Eine maßgebliche Voraussetzung bildet die politische Ordnung. Nachhaltigkeit ist auch eine Frage des gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmens. Würde die Europäische Kommission Grenzwerte für den Kohlendioxidausstoß von Kraftfahrzeugen festsetzen, wären die Automobilkonzerne zum nachhaltigen, verantwortungsvollen Verhalten gezwungen.

Würde die Bundesregierung darauf drängen, die internationalen Freihandelsabkommen durch Sozialstandards zu ergänzen, hätten es Billigproduzenten schwerer. Einer Selbstregulierung der Wirtschaft hinsichtlich Unternehmensverantwortung sei in jedem Fall der Vorzug zu geben, sagt Bolko von Oetinger. "Wenn aber Selbstregulierungen nicht funktionieren, wird es zwangsläufig dazu kommen, dass die Politik die Regulierungen definiert." Die in meinem Buch präsentierten Unternehmen gehören zu einer Minderheit. Sie nehmen Unternehmensverantwortung ernst. Die Mehrheit tut es nicht. Dies ist ein starkes Argument dafür, den politischen Rahmen, in dem sich die Unternehmen bewegen, zu verbessern.




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