Power Structure Research

Power Structure Research (PSR) ist eine US-amerikanische, aber importierbare Forschungsrichtung. Hauptvertreter sind u.a. William Domhoff, http://sociology.ucsc.edu/whorulesamerica/index.html, Val Burris, http://uoregon.edu/~vburris/whorules/index.htm; vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Power_Structure_Research und German Power Structure Research.

PSR beschäftigt sich mit der Tatsache der ungleichen Verteilung jener Ressourcen, die Macht verleihen (Reichtum, politische Ämter, Kontrolle der Massenmedien) und mit der Rolle formeller und informeller Netzwerke, durch die Macht konzentriert und institutionalisiert wird.

PSR basiert auf den Theorien von Karl Marx und Max Weber. Für Marx ist Reichtum die typische Quelle von Macht, für Weber ist Macht in bürokratischen Organisationen institutionalisiert und wird durch die soziale Abschottung hoher sozialer Statusgruppen (Oberschichten) verstärkt.

Beispiel: Die Durchsetzung zentraler politischer Entscheidungen und Strategien wird in den Forschungen von William Domhoff nicht als ein Ergebnis parlamentarisch-demokratischer Prozesse gesehen, die letztlich vom Wähler ausgehen. Domhoffs Untersuchungen deuten vielmehr darauf hin, dass die 'Richtlinien der Politik' (policy formation process) von einem ganz anderen 'Souverän' bestimmt werden, denjenigen Gruppen oder networks nämlich, die über Geldmacht verfügen. Insofern stehen dann am Anfang des Gesetzgebungsprozesses erstens der alte und neue 'Superreichtum' (die upper class des private wealth); zweitens die Wirtschaftskraft der größten Konzerne (corporations). Durch den Einsatz von Fördermitteln, miteinander verknüpfte Direktorate, Forschungsaufträge, durch Personalpolitik usw. bestimmen diese beiden Gruppen die politische Willensbildung. Vermittelt wird das Ganze über ein System von formellen und informellen Institutionen. So spielen die Universitäten ( abhängig von privaten Zuwendungen) und die privaten Denkfabriken (think tanks) sowie die großen Stiftungen (foundations) die zentrale Rolle. Durch einen klugen Einsatz von Geld und Personal kann schon hier die Richtung der Analysen beeinflusst werden. Die so entstehende 'Definition von Wirklichkeit' ist dann die Grundlage für die 'wirklichen' Entscheidungen im Rahmen von 'Planungsgruppen'. Aus diesen Stiftungen und Denkfabriken und den von ihnen beschickten blue ribbon commissions, den informellen Kronräten der Macht, wo die eigentlichen Entscheidungen reifen, werden die Orientierungen dann in die staatlichen und öffentlichen Bereiche hinuntergefiltert, einmal in die Domänen des Kongresses, zum anderen in die Massenmedien. Hier müssen Konsens organisiert und die öffentliche Meinung formiert werden. Und damit hat dieser ganze Prozess dann die Gesetzgebungsmaschinerie, die Legislative und Exekutive und Judikative so weit vorbereitet und vorgeprägt, dass relativ sichergestellt ist, dass nur Regelungen und Gesetze der ursprünglichen 'Auftraggeber' realisiert werden.

PSR geht empirisch vor und benutzt eine Kombination verschiedener Forschungsmethoden: Netzwerkanalysen, Interviews mit kenntnisreichen ‘Insidern’, Archiv-Recherchen und andere Formen der Dokumentenanalyse sowie Fallstudien des politischen Entscheidungsprozesses.

Untersuchungsgegenstände des PSR sind: Konzerne; Nonprofit-Organisationen (Stiftungen, Think Tanks, ‘policy discussion groups’); politische Parteien, Kandidaten, Wahlen; die Rolle der staatlichen Bürokratie; die soziale Oberschicht; kommunale Machtstrukturen; globale Machtstrukturen; die ‚Machtelite’.

Forschungen über Parteien, Wahlen und die Rolle des Staates beziehen sich auf: politische Spenden von Konzernen, Konzerneliten und anderen Mitgliedern der Oberschicht; Parteizugehörigkeit, Einigkeit und Divergenzen in der Oberschicht; soziale Herkunft und Verbindungen zur Konzernwelt bei ernannten (nicht gewählten) Staatsfunktionären; Einfluss politischer Initiativen aus der Konzernwelt (‘policy groups’) auf den Staat; Beratungsgremien als Mittel der Partizipation von Konzernen an staatlicher Politik. Vgl. Power Structure Research und Klassen.

Forschungen über die soziale Oberschicht betreffen: soziale Bindungen durch Heirat, Elite-Clubs, gemeinsame Freizeitaktivitäten; Sozialisationseffekte der Eliteschulen (‘private boarding schools’), soziale Kohäsion, Klassenidentität, Klassenbewusstsein; Unterschiede der sozialen und politischen Auffassungen zwischen den Oberschichten des ‘alten Geldes’ und den ‘Neureichen’; Rolle von informellen Strukturen, insbesondere von Elite-Clubs, bei der Entwicklung von politischem Konsens.

Forschungen über globale Machtstrukturen betreffen zum Beispiel: Formierung von ‘interlocking corporate directorates’ auf globaler Ebene; die mobilisierende Rolle von Konzernen bei der Unterstützung neoliberaler Politikkonzepte; Beteiligung von Konzernen in transnationalen Planungs- und Diskussionsgremien; Entstehung einer transnationalen kapitalistischen Klasse; globale Medienmacht.

PSR wird nicht nur von Sozialwissenschaftlern betrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen Parteien und Kandidaten, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und sogar Künstlern.

Agenturen des Geldmachtapparats

Think Tanks, Stiftungen, Business Councils, Elite-Universitäten und andere Elite-Institutionen, Clubs und Mikronetzwerke der Machteliten können unter den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet werden. Ihre ideologieproduzierende Funktion bedarf erheblicher finanzieller Mittel aus dem Geldmachtapparat. Diese Agenturen sortieren, binden und belohnen die intellektuellen Hilfseliten. Außerdem sind sie der Ort, an dem sich die strategisch interessierten Angehörigen der Geldelite direkt und diskret ihre Orientierungen besorgen können. Insofern handelt es sich hier um das Flussnetz des kulturellen und sozialen Kapitals.

Die Université Tangente (neue Website: http://ut.yt.t0.or.at/site/index.html), eine kleine Gruppe von ‚Graswurzelforschern’ oder watchdogs, produziert und vertreibt hochkomplexe Grafiken und Karten über globale Herrschafts- und Machtverflechtungen und hat einen spezifischen Blick auf die europäischen Eliten-Netzwerke und ihr Personal entwickelt. Wir haben aus dem abgebildeten Schaubild die von UT für wichtig erachteten Agenturen herausgefiltert und zu einer Liste zusammengestellt. Es handelt sich um Areas of Free Trade (AFT), Clubs/Brotherhoods (CB) Stiftungen (St), Lobbygruppen (Lo), Mafia (Ma), Research Centers (RC) und Think Tanks (TT). Außerdem sind nach Auffassung von UT Banken, Konzerne, Hochschulen und Geheimdienste zu berücksichtigen.

Herrschaftsrelevante europäische Organisationen (Université Tangente)
  • Black Sea Economics Co-operation council, BSEC) – Area of Free Trade (AFT)
  • Zentraleuropäische Initiative (Central European Initiative, CEI) - AFT
  • Europäischer Wirtschaftsraum (European Economic Aera, EEA) - AFT
  • Ostseerat (Council of Baltic States, CBSS) - AFT
  • Opus Dei – Club/Brotherhood (CB)
  • Malteserorden (Order of Malta) - CB
  • Legionäre Christi (Legionaries of Christ) - CB
  • Nobelpreis - CB
  • Club Le Siècle - CB
  • Stefan Batory Foundation – Stiftung (St)
  • Samuel H. Kress Foundation - St
  • Open Russia Foundation - St
  • WWF - St
  • MEDEF (Mouvement des Entreprises de France) – Lobby (Lo)
  • Institut de l’enterprise - Lo
  • Association Française des Entreprises Privées (AFEP) - Lo
  • Conseil des Investisseurs Francaise en Afrique (CIAN) - Lo
  • Comité LOTIS “Liberalization of Trade in Services” - Lo
  • US-Russian Business Council - Lo
  • World Economic Forum, Davos - Lo
  • Trilaterale Commission - Lo
  • Transatlantic Business Dialogue (TABD) - Lo
  • Bilderberg Group - L
  • Table Ronde des Industriels Européens (ERT) - Lo
  • Union des confédérations de l’industrie et des employeurs d’Europe (UNICE) - Lo
  • Royal Commonwealth Society (RCS) - Lo
  • Solsnetskaya Organization – Mafia (Ma)
  • Max-Planck-Gesellschaft – Research Center (RC)
  • Commissariat à l'énergie atomique (CEA) - RC
  • Russian Academy of Sciences - RC
  • Institute Euro 92 – Think Tank (TT)
  • French-American Foundation (FAF) - TT
  • Mont Pelerin Society - TT
  • Adam Smith Institute - TT
  • Royal Institute of International Affairs (RIIA) - TT
  • International Institute of Strategic Studies (IISS) - TT
  • British American Project for the Successor Generation (BAP) - TT

 

Außerdem:

  • Zentralbanken
  • Große Industriefirmen und Konglomerate
  • Clearing Häuser
  • Investmentfirmen/Banken
  • Privatbanken
  • Rating Agencies
  • Hochschulen und Universitäten
  • Geheimdienste
Für alle Organisationen können hier kurze Dossiers abgerufen werden:
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wemgehoertdieeu/ut-agenturen.htm

 

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll weitere Recherchen anregen. Einige der Posten sind überraschend; und es gibt gravierende Lücken. Auch liegt über dieser Liste ein verschwörungstheoretischer Hauch, wenn Gruppierungen wie Opus Dei, der Malteserorden oder der Bilderberg-Club aufgeführt werden. Aber wer sich mit solchen Organisationen unbefangen befasst hat, weiß, dass sie auf die Angehörigen der Geldelite eine erstaunliche Anziehungskraft ausüben. Und in diesen und allen anderen Organisationen wird ja auch eine große Breite von Themen bearbeitet: Monetarismus, Goldstandard, Fiskal- und Steuerpolitik; Gesundheit, Rente, Privatisierung; liberale Tradition, freie Gesellschaft, Moralfragen, Religion, Unternehmerbild; Landwirtschaft, europäische Integration und EU, Migration, Entwicklungspolitik; Rule of Law, Recht und Wirtschaft, liberale Ordnung usw.

Für eine Erkundung der Zusammenhänge zwischen diesen Agenturen ist eine Netzwerkanalyse unerlässlich. Erstaunlicherweise bietet ausgerechnet die Research Unit der EU (JCR) ein interessantes tool an, den ‚European Media Monitor’ (EMM), mit dessen Hilfe in Realzeit sämliche relevanten Online-Medien (große europäische Zeitungen, TV Websites usw. in 11 Sprachen) automatisch ausgewertet und die dort genannten Personen, Institutionen, Konzerne usw. unter anderem in Netzwerkdiagrammen, wie im abgebildeten Beispiel, dargestellt werden können. Dieses – noch in der Probephase befindliche – Werkzeug hat durchaus Herrschaftsrelevanz und sollte genau beobachtet werden.