Zur ARD-Dokumentation 'Das Schweigen der Quandts' (30.9.07, 23:30)
Am Donnerstag, 22. November, wird ab 21.00 Uhr eine 90-minütige Langfassung der Dokumentation im NDR Fernsehen zu sehen sein.

Das Vermögen der Quandts, eine der reichsten Unternehmerfamilien in Deutschland, soll auch aus fragwürdiger Zusammenarbeit mit den Nazis stammen. Dass in Fabriken Zwangsarbeiter beschäftigt wurden, so die NDR-Dokumentation “Das Schweigen der Quandts”, möchte die Familie weder kommentieren noch aufarbeiten.

Sonntag, 23:30 Uhr. Nicht Inge Meysel kommt im Ersten, wie es die Programmzeitschriften eigentlich voraussagen. Stattdessen läuft die Dokumentation “Das Schweigen der Quandts”. In der NDR-Produktion, die am Nachmittag auf dem Hamburger Filmfest uraufgeführt wurde, wird die Rolle der Akkumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA) und anderer Unternehmen Günther Quandts im Dritten Reich kritisch beleuchtet - und wie die Familie mit dem schweren Erbe heute umgeht: Schweigen.

Fünf Jahre haben Autor Eric Friedler und Barbara Siebert recherchiert. Puzzleartig fügten sich dabei die Informationen aus verschiedenen Archiven zusammen, verdichteten sich viele kleine Hinweise zu einer erdrückenden Faktenlage. Neben Historikern kommen in der Dokumentation auch Zeitzeugen zu Wort: Ehemalige Zwangsarbeiter, die für Quandts Unternehmen arbeiten mussten.

Nach der Aufführung auf dem Hamburger Filmfest bekamen Thomas Schreiber, ARD-Koordinator Fiktion und Unterhaltung, und Eric Friedler viel Applaus. Sie haben eine packende Dokumentation präsentiert, aufwendig und gut produziert. Ein Film, der viele der Anwesenden sprachlos macht - und in den kommenden Tagen sicher einiges an medialer Aufmerksamkeit erhalten wird. Auf die einstündige Fassung soll eine um 30 Minuten erweiterte Version folgen, zu der es dann auch Pressearbeit geben soll.

Jetzt aber ist der Film erst mal draußen - ein echter Coup für die ARD. Viel bekannt gegeben wurde im Vorfeld nicht. Im Programm des Filmfestes fehlten Angaben zu Autoren und zum Namen der Unternehmerfamilie, die im Mittelpunkt der Doku stehen, völlig. Ähnlich gut getarnt versteckt sich die Sendung im ARD-Programm hinter Inge Meysel. Angst haben die Macher trotzdem nicht: Der Film sei schließlich sauber recherchiert. Friedler wünscht sich für die ehemaligen Zwangsarbeiter und Geschädigten, dass die Familie Quandt die Geschichte ihrer Unternehmen anerkennen und hofft auf unabhängige Aufarbeitung.

http://medienlese.com/2007/09/30/das-schweigen-der-quandts/


Presseschau

1) Süddeutsche Zeitung v. 1.10.07
2) FAZ v. 1.10.07
3) Nachtrag 1.10.07
4) Spiegel online 5.10.07
5) Der Spiegel 8.10.07

1) Süddeutsche Zeitung

a)

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/836/135573/
ARD: Vorwürfe gegen Quandt (BMW)
Eine deutsche Dynastie, die Nazis und das KZ
Wie kam es zum Vermögen der BMW-Dynastie Quandt? Durch Hilfen der Nazis und Ausbeutung von KZ-Häftlingen, findet ein ARD-Film. Er kam klandestin ins Programm.
Von Hans-Jürgen Jakobs
01.10.2007

Die verstorbene Schauspielerin Inge Meysel hat noch einige Fans. Doch wer am Sonntag einen halbe Stunde vor Mitternacht ins erste Programm schaltete, sah statt des angekündigten TV-Films über die Norddeutsche etwas anderes: eine brisante Dokumentation aus dem Genre Zeitgeschehen.

Der NDR hatte sich statt Inge Meysel eine der wichtigsten deutschen Unternehmerfamilien zum Thema gemacht: die Quandts. Es ging nicht um die Art, wie die Dynastie von Bad Homburg den Münchner Autokonzern BMW dirigiert - sondern um Verstrickungen in die Nazi-Diktatur, um Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, um Tod und Leid, um Schuld und Sühne.

Die Vorwürfe gegenüber der Unternehmerin Johanna Quandt und ihre Kinder Stefan Quandt und Susanne Klatten hat die ARD offenbar für so schwerwiegend erachtet, dass sie ihr anklagendes Stück unter geradezu konspirativen Umständen ins Programm hob.

Viel Publikum wird sie nicht erreicht haben, was angesichts einer fünfjährigen Recherchearbeit schade ist. Am Nachmittag bereits war das dichte, spannende Werk, das die Quandt-Spitze partout nicht kommentieren wollte, auf dem Hamburger Filmfest uraufgeführt worden.

Im Mittelpunkt von "Das Schweigen der Quandts“ steht der alte, 1982 verstorbene Patron Herbert Quandt, der Mann der heutigen Familienführerin Johanna. Er war unter den Nazis Vorstand in der Akkumulatorenfabrik AG Afa (Varta) des mächtigen Vaters Günter. Als Großhersteller von Batterien waren die Quandts damit entscheidende Figuren für die Rüstungs- und Kriegswirtschaft des NS-Systems.

Die ARD-Dokumentation lässt kein Indiz aus, um den Eindruck zu mehren, am heutigen Vermögen der Quandts klebe das Blut anderer. Unterstützt vom Biografen Rüdiger Jungbluth ("Die Quandts: Ihr Aufstieg zur mächtigsten Wirtschaftsdynastie") verbindet Autor Eric Friedler die Fundstücke aus den Archiven und die Aussagen noch lebender Zeitzeugen zu einer Generalanklage – die offenbar bei den Nürnberger Kriegsverberecherprozessen fehlte. Er empört sich, dass Günter Quandt nach dem Krieg als verfolgt und unbelastet gelten konnte.

Skrupellose Expansion

Schon die Hochzeit von Günter Quandts früherer Frau Magda mit dem NS-Propagandisten Joseph Goebbels – auf einem Quandtschen Anwesen – hatte dem Unternehmer gute Kontakte zur Elite der Nazis gebracht. Sohn Harald Quandt war von Goebbels angenommen worden. Der Clanchef, 1933 in die Partei eingetreten, nutzte das Netzwerk offenbar skrupellos zur Expansion.

Da ist zum Beispiel das Batteriewerk in Hannover. Zwangsarbeit und Häftlinge aus dem KZ Neuengamme müssen hier unter lebensbedrohlichen Umständen schuften. Die SS bewacht das Lager. Viele sterben. In einem internen Papier berechnet Quandt einmal eine "Fluktuation“ von 80 Personen – das war wohl die geplante Todesrate.

Ein Überlebender aus Dänemark tritt auf dem alten Produktionsgelände vor die Kamera und weint. Er erzählt von den Schikanen und der zerstörten Gesundheit. Und wie er und andere 1972 nach Deutschland gekommen waren, um von den Quandts Unterstützung zu erbitten – ohne Erfolg. "Varta hat uns krank gemacht", sagt er. Und: "Wir wollen nicht noch einmal zerstört werden."

Auch macht das TV-Team aufgrund einer Zeichnung einen früheren KZ-Häftling in Griechenland ausfindig. Er berichtet von Peitschenhieben und Quälereien. Das Denkmal für das KZ Stöcken habe wegen des fehlenden Einverständnisses der Quandts nicht auf dem belasteten Areal – einer heutigen Industriebrache – errichtet werden dürfen, berichtet Autor Friedler.

Da ist aber auch das Außenlager Pertrix in Berlin-Niederschöneweide, in der Wehrwirtschaftsführer Günter Quandt seine Batterien bauen ließ. Hier wurden ebenfalls KZ-Häftlinge eingesetzt. Unternehmer-Sohn Herbert war als Direktor registriert.

Und dann gibt es den Fall des Luxemburger Unternehmers Leon Laval, dessen Unternehmen Tudor Günter Quandt nach Eroberung des Landes durch die Deutschen gerne nutzt. Nur seine Aktien will Laval nicht verkaufen, auch nicht nach Verhören durch die Gestapo, mit der Quandt zusammenarbeitet.

Der Luxemburger überlebt wie durch ein Wunder das KZ. Nach dem Krieg macht ein mutiger Münchner Staatsanwalt dem Unternehmer Quandt wegen der Causa Laval den Prozess – doch er scheitert und wird schließlich wegen angeblicher Homosexualität des Amts enthoben. In dieser Zeit war Quandt schon wieder ganz in der Wirtschaft angekommen.

Benjamin Ferencz, einer der Ankläger in den Nürnberger Prozessen, bedauert in dem sorgfältig erarbeiteten ARD-Film, dass die Briten nach dem Krieg wichtige Unterlagen nicht schickten, die die Quandts belasten. Das Werk der deutschen Unternehmerfamilie in Hagen war weitgehend erhalten geblieben und konnte von den englischen Alliierten gut genutzt werden.

"Quandt entkam der Gerechtigkeit"

Herbert Quandt half ihnen. Sein Vater hatte sich nach dem Krieg ein Jahr am Starnberger See versteckt, ehe die Amerikaner ihn fanden und festnahmen. Dann wurde er – Beweise fehlten – wieder freigelassen. "Quandt entkam der Gerechtigkeit – wie so viele Kriminelle", sagt Ferencz.

Als Fernsehautor Friedler nun den Nürnberger Ankläger mit seinen Belegen zum KZ Stöcken und zu Laval konfrontierte, die er in Archiven gefunden hat, sagt Ferencz: Hätte das Gericht damals das alles gekannt, wäre Quandt genau wie Krupp und Flick verurteilt worden.

Johanna Quandt und ihre Kinder haben die Vergangenheit der Firma nicht durch einen Historiker aufarbeiten lassen. Zu Quellen gewährten sie keinen Zugang; auch bei der jährlichen Verleihung des Herbert-Quandt-Medienpreises durfte das NDR-Team nicht zugegen sein. Dafür sprach der Erbe Sven Quandt, der seine Aktien an der Batteriefirma Varta vor einigen Jahren verkauft hat und nun findet, man solle die alte Zeit endlich ruhen lassen.

"Es ist ein Riesenproblem, dass man in Deutschland nie vergessen kann. Das hilft Deutschland nicht." Auch andere Länder hätten Probleme mit der Vergangenheit, ohne dass diese immer breit getreten würden, so der Rallyefahrer Quandt: Hier aber habe alles so einen negativen Touch. Eine Nichte von Günter Quandt fragt, was man denn damals anderes hätte tun können?

Lautes Schweigen

Sogar die Schwester von Magda Goebbels, früher Quandt, spricht aus dem Altersheim übr die Vorgänge von einst. Sie mokiert sich beispielsweise darüber, dass Günter Quandt nach 1945 erst einmal als Verfolgter galt. "Ich habe jetzt nur noch ein Vermögen von 78 Millionen Dollar", habe er ihr gesagt. Die Führerverehrung, die Rolle der Quandts unter Hitler, das Naziwesen - alles kehrt in den Erzählungen der Greisin zurück.

Ab und an blendet der Film über das Schweigen der Quandts auf die Zylindertürme von BMW in München. Sie werden von oben gezeigt, sie sind Symbole der Macht. Dann sind die Fernsehautoren wieder in der Gegenwart angekommen, bei einer der einflussreichsten Familien. Und dann wird das Schweigen auf einmal sehr laut.

b)

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/926/135662/
ARD: Brisantes über Quandt
Der Justiziar schaut fern
Heimlich, still und leise hob die ARD die brisante Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" ins Programm - und überrumpelte die für ihre Verschwiegenheit bekannte Dynastie.
Von Melanie Ahlemeier
1.10.07

Eigentlich ist auf die Programmplaner des Ersten Deutschen Fernsehens Verlass. Das, was in der TV-Zeitschrift angekündigt wird, wird auch gezeigt. Ausnahmen erlauben nur Katastrophen und spektakuläre oder brisante Großereignisse.

Die Tatsache, dass die ARD die 60-minütige Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" ohne große Ankündigung und nahezu spontan ins Programm hievte, zeigt, für wie brisant die ARD-Programmverantwortlichen die Generalanklage der Autoren Eric Friedler und Barbara Siebert einstufen: als sehr brisanten Stoff. Aus "Angst vor einer einstweiligen Verfügung" sei der in fünfjähriger Recherche-Arbeit entstandene Film am Sonntagabend ins Programm genommen worden, hieß es am Montag in ARD-Kreisen.

Der Film traf die Familie Quandt ohne Vorankündigung. "Wir sind von dem Film überrascht worden", sagte der Sprecher der Familie Quandt, Jörg Appelhans, zu sueddeutsche.de.

Die einzelnen Familienmitglieder müssten sich den Film zunächst ansehen, erst danach werde es eine Stellungnahme geben. "Die entsprechenden inhaltlichen Darstellungen und die Vorwürfe in diesem Film müssen erst einmal überprüft werden", sagte Appelhans weiter.

Beobachter schließen eine Klage der wohl reichsten und einflussreichsten Unternehmerfamilie Deutschlands nicht aus. Mit einer Stellungnahme wird erst in ein paar Tagen gerechnet.

Da die Dokumentation am Sonntag beim Hamburger Filmfest gezeigt wurde, sollte der Beitrag "am selben Abend auch im Ersten laufen", heißt es in einer Mitteilung, die der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am Montagmittag veröffentlichte. Mehr Details gab es nicht zur Begründung.

Trotz der relativ späten Sendezeit um 23.30 Uhr verfolgten 1,29 Millionen Zuschauer (13,5 Prozent) die filmische Abrechnung mit der Geschichte der Unternehmerfamilie Quandt, deren Milliardenvermögen auf die Ausbeutung von Zwangsarbeitern während der Nazi-Diktatur fußen soll.

Am 22. November wird die Dokumentation ein weiteres Mal ausgestrahlt. Dann zeigt der NDR das lange Schweigen der Quandts - als 90-Minutenfilm.

 

2) Frankfurter Allgemeine Zeitung
1.10.07, Fernsehkritik

Aus der Wehrwirtschaft
Von Michael Hanfeld

Die ARD hat am Sonntagabend einen Dokumentarfilm gezeigt, der eine historische Leerstelle füllt. Wenn man ins Archiv schaut, findet man über das Thema, zu dem die Autoren Eric Friedler und Barbara Siebert fünf Jahre lang recherchiert haben, so gut wie nichts. Es geht um die unerzählte Geschichte einer der reichsten und mächtigsten Industriellendynastien dieses Landes während der Zeit des Nationalsozialismus. Es geht um die Geschichte der Familie Quandt und vor allem um die Rolle der Gründerfigur Günther Quandt, der im Dritten Reich „Wehrwirtschaftsführer“ war und nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Liste des Kriegsverbrechertribunals in Nürnberg stand, aber nicht angeklagt werden konnte und später von einer deutschen Spruchkammer nach den Nürnberger Prozessen erstaunlicherweise als „Mitläufer“ eingestuft wurde.

Wie kam es dazu? Wo Quandts Afa, die „Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft Berlin-Hagen“, aus der später die Firma Varta hervorging, kriegswichtige Batterien hergestellt hatte, die, wie es im Film heißt, unabdingbar für die deutsche U-Boote-Flotte gewesen seien und auch in der Fernlenkwunderwaffe V 2 steckten? Und man auf dem Firmengelände der Afa in Hannover-Stöcken von einem, wie es ein Experte nennt, „firmeneigenen Konzentrationslager“ sprechen könnte? In dem einzigartigen Film „Das Schweigen der Quandts“ haben sich die Autoren der Aufgabe gestellt, eine Antwort darauf zu finden und das Schweigen zu brechen.

Es helfe „Deutschland wenig weiter“

Nur ein Mitglied der Familie hat sich den Fragen gestellt: Günther Quandts Enkel Sven, geboren 1956, der als Rallye-Fahrer bei der Paris-Dakar Erfolge feiert, mit der Geschichte seiner Familie aber, wie der Film bezeugt, wenig anzufangen weiß. So hören wir ihn mit der Einschätzung, es helfe „Deutschland wenig weiter“, sich mit einem solchen Thema zu beschäftigen, und man solle „endlich mal versuchen, das zu vergessen“. „Wie kann ich dafür verantwortlich sein? Habe ich da gelebt? Nein.“

Vergessen? Verschweigen? Nicht nur für die ehemaligen KZ-Häftlinge, die im Film zu Wort kommen, ist eine solche Haltung unerträglich. Benjamin Ferencz, der für die amerikanischen Ankläger beim Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg gearbeitet hat, ist der Überzeugung, dass es ein Fehler war, Günther Quandt als Mitläufer gehen zu lassen. Die Ankläger hatten in Quandts Fall keinen Zugang zu dem entscheidenden Material zu dessen Wirken im Dritten Reich und dem seines Sohnes Herbert, das in der britischen Besatzungszone lag. Die Briten hatten erkannt, welche Bedeutung die Batterienproduktion der Afa auch nach dem Krieg hätte.

BMW zum Weltkonzern ausgebaut

Günther Quandt war bei den Amerikanern in Haft und kam frei. Sein Sohn Herbert, der bei der Afa Personalchef war, baute als Mehrheitsaktionär unter anderem das Automobilunternehmen BMW zum Weltkonzern aus. Auf das Material, das dem Ankläger Ferencz 1948 fehlte, stießen die ARD-Autoren knapp sechzig Jahre später, unter anderem im Staatsarchiv Hannover. Sie fanden Dokumente, die auf eine enge Kooperation der Afa mit der SS hindeuten, die etwa zeigen, wie rund 1500 KZ-Häftlinge aus dem Lager Neuengamme bei Hamburg nach Hannover-Stöcken in die Afa-Produktion geschickt wurden. Man rechnete, legt der Dokumentarfilm dar, mit einer „Fluktuation“ von achtzig Häftlingen pro Monat. Will heißen: Man glaubte, dass monatlich achtzig Häftlinge im Lager Stöcken aufgrund der dort herrschenden Arbeitsverhältnisse sterben würden. „Wir hatten das kleine Auschwitz vor Ort“, sagt Uschi Kiessling von der „Arbeitsgemeinschaft KZ Stöcken“.

Heute erinnert nur ein kleines Denkmal an dieses Lager, irgendwo an einer vielbefahrenen Kreuzung steht es, finanziert habe es die Stadt Hannover. Ansonsten wächst Gras auf dem ehemaligen Lagergelände. Auch bei der Afa-Tochterfirma Pertrix in Berlin-Niederschönweide waren seit 1944 hunderte weibliche KZ-Häftlinge gezwungen, unter lebensgefährlichen Bedingungen zu schuften.

Trauzeuge war 1931 Adolf Hitler

Wie eng die Verbindungen Günther Quandts zum nationalsozialistischen Regime waren, zeigt der Film auch an der privaten Geschichte der Familie auf: Magda Ritschel, die zweite Frau Günther Quandts, ließ sich nach acht Jahren Ehe im Jahr 1929 scheiden. Zwei Jahre später heiratete sie Joseph Goebbels, den späteren Propagandaminister der Nazis, dem sie sechs Kinder gebar, die sie bekanntlich vor dem gemeinsamen Selbstmord mit ihrem Mann im April 1945 im Führerbunker vergiftete. Trauzeuge war 1931 Adolf Hitler. Ihren Sohn Harald, aus der Ehe mit Günther Quandt, hatte Magda mit in die neue Familie gebracht. Er sei über die Ermordung seiner Stiefgeschwister an der Mutter verzweifelt. Magdas Eheschließung mit Goebbels wiederum fand auf Quandts Gut Severin bei Parchim in Mecklenburg-Vorpommern statt. Vor der Kamera erinnert sich die überlebende Schwester der späteren Magda Goebbels daran.

Günther Quandt starb im Dezember 1954 bei einem Urlaub in Ägypten, sein Sohn Harald kam 1967 bei einem Flugzeugunglück ums Leben, Herbert starb 1982; inzwischen ist die weitverzweigte Generation der Enkel damit betraut, das milliardenschwere Erbe des Firmenimperiums zu verwalten. Sie zu belasten ist nicht das Ansinnen dieses Films. Er macht vielmehr eindringlich darauf aufmerksam, dass man Gegenwart und Zukunft nur bewältigen kann, indem man sich der Vergangenheit stellt. Und eben nicht schweigt. „Die Überlebenden“, lautet das Fazit des Films, „wollen nicht noch einmal Opfer werden durch das Schweigen der Quandts.“ Man muss sich diesen Film gegen das Vergessen für diverse Preisverleihungen unbedingt vormerken.

Text: F.A.Z., 01.10.2007, Nr. 228 / Seite 44

 

3) Nachtrag

01.10.2007 | 12:41 Uhr, NDR Norddeutscher Rundfunk [Pressemappe]

Hamburg (ots) - Die NDR Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" hat im Ersten einen außerordentlichen Erfolg gefeiert. Der 60-minütige Film, der die bislang unerzählte Geschichte einer der reichsten und mächtigsten deutschen Industriellendynastien in der Zeit des Nationalsozialismus schildert, lief am Sonntag, 30. September, und erreichte 1,29 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer.Dies entspricht einem Marktanteil von 13,5 Prozent. Die Autoren Eric Friedler und Barbara Siebert hatten fünf Jahre lang recherchiert, um die Verstrickungen von Günther Quandt und seiner Familie im Dritten Reich nachzuweisen.

Volker Herres, Programmdirektor Fernsehen des NDR: "Dieser Film arbeitet mit vielen neu recherchierten Fakten und Dokumenten die Historie einer gefeierten deutschen Unternehmerfamilie und damit ein Stück deutscher Geschichte auf. Er ist ein eindrucksvoller Beleg für die journalistische Leistungsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Umso mehr freue ich mich, dass er vom Publikum mit einem tollen Ergebnis honoriert wurde."

"Das Erste" hatte den Film ins Programm genommen, nachdem das Hamburger Filmfest "Das Schweigen der Quandts" am Sonntag eingesetzt hatte. Deshalb sollte die Produktion am selben Abend auch im Ersten laufen.

 

4) Spiegel online

05. Oktober 2007
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,509703,00.html

UNTERNEHMERFAMILIE QUANDT

Vom Fernsehen zur Selbstkritik bewegt

Auch das sind anstößige Bilder: Die ARD-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" bewegt die Unternehmerfamilie zur Revision der eigenen Vergangenheit. Ein Forschungsprojekt soll die Verstrickungen des Clans unter anderem mit den Nazis klären.

Es war keine leichte Kost, die Eric Fiedler und Barbara Siebert in ihrem Film über die Quandts servierten: Die Schilderungen der Verstrickungen der Familie mit dem NS-Regime und vor allem die Berichte von Zeitzeugen über das Schicksal der Zwangsarbeiter im Quandtschen Afa-Werk ließen alles andere als kalt. Offenbar auch die Quandt-Familie nicht, deren Mitglieder sich bis auf Sven Quandt geweigert hatten, den Autoren vor der Kamera Rede und Antwort zu stehen.

Quandt-Erbin Klatten: Bitte um "Sorgfalt" und "Fairness"
In einer gemeinsamen Erklärung von Susanne Klatten, Gabriele Quandt-Langenscheidt, Sven Quandt und Stefan Quandt heißt es jetzt, die Vorwürfe, die in dem ARD-Film erhoben worden seien, hätten die Familie "bewegt". "Wir erkennen, dass die Jahre 1933 bis 1945 in unserer Geschichte als deutsche Unternehmerfamilie noch nicht ausreichend aufgearbeitet sind. Wir sind uns als Familie einig, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen."

Ein eigens beauftragter Zeithistoriker soll jetzt im Rahmen eines "an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichteten" Forschungsprojektes die Vergangenheit der Familie klären. Dies geschehe unabhängig davon, dass familiennahe Unternehmen und einzelne Familienmitglieder privat die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" unterstützt und sich an Zwangsarbeiterfonds beteiligt hätten.

Für das Forschungsprojekt wolle man dem Historiker Akten und Dokumente aus den Familienarchiven zur Verfügung stellen. Die Ergebnisse werde man der Öffentlichkeit vorlegen. Die Familie bat außerdem die "Medien und alle in der Öffentlichkeit stehenden Personen um Sorgfalt und Fairness im Umgang mit unserer Geschichte".

Der NDR sendet den Film "Das Schweigen der Quandts" am 22. November um 21 Uhr noch einmal in einer um 30 auf 90 Minuten verlängerten Fassung.

5) Der Spiegel

DER SPIEGEL 41/2007 - 08. Oktober 2007
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,509837,00.html

NS-VERGANGENHEIT
Ende des Schweigens

Von Julia Bonstein, Dietmar Hawranek und Klaus Wiegrefe

Der ebenso reiche wie zurückgezogen lebende Quandt-Clan ist in die Defensive geraten: Jahrzehntelang hat die Familie ihre Nazi-Vergangenheit tabuisiert. Neue Bilder zu alten Enthüllungen zwingen nun zur Aufklärung. Die Quandts wollen sich der eigenen Geschichte stellen.

Den Erzählungen ehemaliger Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit kann man sich kaum entziehen. Geradezu schmerzhaft werden diese Erinnerungen, wenn sie nicht einmal anklagend, sondern nur nüchtern beschreibend vorgetragen werden. Wenn etwa Menschen wie Carl-Adolf Soerensen erzählen, ein ehemaliger dänischer Widerstandskämpfer, der 1943 ins KZ-Außenlager Hannover-Stöcken deportiert wurde und in der benachbarten Batteriefabrik Afa schuften musste.

"Vierzig Kameraden kamen mit mir hierher", sagte der mittlerweile 82-Jährige in die Kamera eines NDR-Teams. In der Fabrik des Industriellen Günther Quandt mussten sie Batterien für deutsche U-Boote bauen. Ohne Schutzkleidung hantierten sie mit giftigen Schwermetallen. Schon in den ersten drei Monaten kamen sechs ums Leben, berichtet Soerensen.

SS-Männer hätten gesagt, in Stöcken sei man spätestens nach einem halben Jahr tot. Bleivergiftung. Der Zuschauer sieht den alten Mann ganz klein auf einer Wiese, auf der einst das Lager stand.

Fünf Jahre hatten zwei NDR-Autoren für die Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" recherchiert. Es ist ein eindrucksvoller Film, auf den die ARD stolz sein könnte. Aber die Anstalt versteckte ihn wie ein Gemüsehändler sein angeschimmeltes Obst. Sie kündigte den Film in den Programmzeitschriften nicht an und sendete ihn am vorvergangenen Sonntag erst nachts um 23.30 Uhr.

Nur ausgewählte Journalisten bekamen kurz vor dem Termin Bänder oder wurden raunend aufgefordert, sich mal das Inge-Meysel-Porträt anzuschauen, das eigentlich für den Termin angekündigt war. Und so sorgten erst die Berichte über den TV-Bericht dafür, dass das Thema im Laufe der vergangenen Woche an Fahrt aufnahm.

Tatsächlich hatte der NDR offenbar Angst vor der Macht der Milliardärsfamilie Quandt, die heute an BMW, Altana und vielen anderen Unternehmen beteiligt ist. Der Clan hätte versuchen können, die Ausstrahlung mit einer einstweiligen Verfügung zu verhindern, so die Befürchtung.

Die Geheimniskrämerei führte indes dazu, dass auch die weitverzweigte Sippe (siehe Grafik) des einstigen "Wehrwirtschaftsführers" Günther Quandt den Film zunächst verpasste. Erst nachträglich haben sich Günthers Schwiegertochter Johanna Quandt, deren Kinder Susanne Klatten und Stefan Quandt sowie weitere Nachkommen eine Aufzeichnung angesehen.

Für viele von ihnen war das, wie ein Vertrauter sagt, beklemmend. An eine Klage dachte denn auch niemand, eher daran, wie sich der Imageschaden für die Familie in Grenzen halten ließe.

Dabei erzählte die Dokumentation ihnen nicht einmal wirklich Neues. Schon seit Jahren tauchen ihre Unternehmen in diversen Studien zum Holocaust und zum Dritten Reich auf. Einen großen Teil dieser Ergebnisse hat zuletzt der Journalist Rüdiger Jungbluth in seiner Biografie über die Quandts zusammengetragen.

Das Sachbuch erschien bereits vor fünf Jahren. Das Echo hielt sich in Grenzen. Ein Buch kann man weglegen. Bilder dagegen bleiben haften. Die vom einstigen Zwangsarbeiter Theophilos Mylopoulos etwa, der erzählt, wie man die Gefangenen in der Quandtschen Batteriefabrik auspeitschte, ihnen kein Wasser gab und die Malträtierten aus den Toiletten trinken mussten.

Fassungslos machte einige aber vor allem der Auftritt eines Mitglieds der eigenen Familie im Film. Sven Quandt sagte: "Wir müssen endlich mal versuchen, das zu vergessen." Als vorgezogene Erbschaft hat er einst ein Vermögen übertragen bekommen, das vor allem aus Aktien der Firma Varta bestand, jenes Unternehmens, das aus dem Batteriehersteller Afa hervorging. An dessen Geschichte aber wollte Sven Quandt nicht erinnert werden. Der Rennstallbetreiber, der mehrmals die Rallye Paris-Dakar mitgefahren ist, fügte hinzu: "Dunkle Seiten gibt es in jeder Familie."

Man kann nachempfinden, dass einige seiner Verwandten da am liebsten im Boden versunken wären. Aber sie sind selbst nicht ganz unschuldig an dem Bild einer geschichts- und skrupellosen Erbengeneration.

Vor allem Johanna und Stefan Quandt sowie Susanne Klatten, die zusammen über 46,6 Prozent der BMW-Aktien verfügen, haben ihr Schweigen wahrhaft kultiviert und seit Jahrzehnten jede Anfrage für ein Interview abgelehnt - wohl auch aus Angst, von der düsteren Vergangenheit der eigenen Ahnen eingeholt zu werden.

Selbst Stefan Quandt, ein studierter Wirtschaftsingenieur und eher nachdenklicher Mensch, hat die Geschichte der Familie lange Zeit verdrängt und verharmlost. Bei einem seiner höchst seltenen öffentlichen Auftritte schilderte er seinen Großvater Günther als innovativen Unternehmer.

Der habe, so der Enkel in einem Vortrag an der Technischen Universität Karlsruhe 2001, "das unternehmerische Denken und Handeln unserer Familie durch Unternehmensbeteiligungen erweitert: Seine Strategie lautete Diversifikation". Hässliche Worte wie Rüstungsproduktion oder Zwangsarbeit kamen in dem Vortrag nicht vor.

Und Stefans Vater Herbert, der während des Zweiten Weltkriegs als Personalvorstand des Batterieherstellers Afa für die Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter mitverantwortlich war? Über den trug Stefan Quandt lediglich vor: "Die vielleicht herausragendste unternehmerische Leistung meines Vaters war die Rettung von BMW."

Herbert Quandt übernahm 1960 ein großes Aktienpaket von BMW und bewahrte damit den Autohersteller vor der Übernahme durch Daimler-Benz.

Dieser Teil der Familiengeschichte ist weithin bekannt. Die Quandts haben BMW gerettet. Die Geschichte gerann zum Mythos der wirtschaftswunderlichen Nachkriegszeit. Die Frage, woher das Vermögen stammte, mit dem die Familie so agieren konnte, geriet da in den Hintergrund - bis der ARD-Film sie neu stellte.

Und nachdem die Erben vorige Woche pausenlos konferiert und telefoniert hatten, gaben vier Mitglieder im Namen der gesamten Familie am vergangenen Freitag bekannt: Sie werden ein Forschungsprojekt ausschreiben, in dem ein Historiker die Aktivitäten der Familie in den Jahren der Hitler-Diktatur untersuchen soll. Selbst Sven Quandt will nun nicht mehr vergessen. Auch er hat sich der Initiative der Familie angeschlossen.

Die Quandts sind eine der letzten bedeutenden Unternehmerdynastien des Landes, die sich ihrer Vergangenheit noch nicht gestellt haben. Sie führten eine schlechte Tradition deutscher Konzerne fort, die sich jahrzehntelang vor einer Aufarbeitung ihrer Geschichte drückten. Denn in den Firmenchroniken vieler Unternehmen wurden die Jahre des Nazi-Reichs ausgeblendet, in den Reden der Jubiläumsfeiern wurde die Zeit übersprungen. Die Vergangenheit sollte endlich vergehen.

Erst Ende der neunziger Jahre änderten die meisten Konzerne ihre Einstellung: Allianz, Deutsche Bank, Daimler-Benz, auch der VW-Konzern, Medienriese Bertelsmann und andere ließen von Historikern die Jahre von 1933 bis 1945 aufarbeiten. Die meisten zahlten unter dem Druck drohender Sammelklagen aus den USA viele Millionen in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, die sich seit 2001 an der Entschädigung einstiger Zwangsarbeiter beteiligt. Auch BMW und Altana, an denen die Quandts beteiligt sind, unterstützen das Projekt mit Geld.

Die Familie aber blieb im Hintergrund. Der entscheidenden Frage ihrer eigenen Geschichte wichen die Erben aus: Verdanken sie einen großen Teil ihres Milliardenvermögens der brutalen Ausbeutung von Zwangsarbeitern?

Begonnen hatte der rasante Aufstieg des Clans aus Pritzwalk in Brandenburg noch zu Kaisers Zeiten, nachdem ein Spross der Familie eine Tuchfabrik erworben hatte. Das Reich brauchte Uniformen für seine Soldaten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Quandts als Ausstatter der Armee wohlhabend.

Das vierjährige Gemetzel ließ sie endgültig in die Liga der deutschen Oligarchen aufsteigen. Millionen zerfetzter Uniformen mussten ersetzt werden. Die Quandts verdienten daran ein Vermögen, mit dem der langjährige Familienchef Günther Quandt nach Kriegsende ein Industrieimperium zusammenkaufen konnte.

Den Aufstieg der Nationalsozialisten scheint der rechtskonservative Quandt allenfalls mit zurückhaltender Sympathie verfolgt zu haben. 1931 traf er erstmals Adolf Hitler, der sich damals um Kontakte zur Großindustrie bemühte. Quandt erschien der braune Oppositionspolitiker, wie er später schrieb, "als vollendeter Durchschnitt".

Das klingt plausibel, denn der weitgereiste Industrielle konnte mit der kruden Blut- und-Boden-Ideologie der Nazis wenig anfangen. Die einzige Verbindung zu den Braunen war in der Spätphase der Weimarer Republik privater Natur. Nachdem Millionär Quandt sich von seiner Frau Magda hatte scheiden lassen, suchte diese die Nähe zu Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels. Im Dezember 1931 heiratete das Paar, Hitler diente als Trauzeuge.

Magda brachte Sohn Harald Quandt in die Ehe ein und gebar sechs weitere Kinder, die den Krieg nicht überlebten - Magda tötete 1945 im Führerbunker erst sie und dann sich selbst.

Günther Quandt scheint trotz der verwandtschaftlichen Nähe zunächst Distanz zu den Top-Nazis gehalten zu haben. Erst nach deren Sieg bei den Wahlen im März 1933 unterstützte er die NSDAP mit einer großen Spende. Einige Wochen später trat er auch der Partei bei.

Für den Unternehmer zahlte sich der Opportunismus unmittelbar aus. Überall im Reich drängten Aktivisten vom linken Flügel der NSDAP danach, sich auf Kosten der "Bonzen" zu bereichern. Anfang Mai 1933 wurde auch Quandt unter einem Vorwand verhaftet. Obwohl Goebbels den Ex-Mann seiner Frau nicht mochte, sprach er mit Hitler darüber: "Es ist ungut, dass man die Wirtschaft nicht zur Ruhe kommen lässt." Quandt kam bald frei.

In nur wenigen Jahren stieg der willige Manager nun zu "einem der bedeutendsten deutschen Rüstungsproduzenten" auf, so der Historiker Ralf Blank. Hitler würdigte ihn 1937 als "Wehrwirtschaftsführer" und belohnte ihn mit fetten Profiten. Quandts Fabriken lieferten Munition, Gewehre, Geschütze und - besonders wichtig - Batterien. Die Afa, Kern der Quandtschen Industriegruppe, stellte sie in einer Qualität her, die erst den U-Boot-Krieg im Atlantik und später den Start von Hitlers "Wunderwaffe", der V-2-Rakete, ermöglichte.

Als sich deutsche Unternehmer im Windschatten von Hitlers Eroberungszügen Fabriken in ganz Europa aneigneten, war auch Quandt an vorderer Front dabei, insbesondere in der damaligen Tschechoslowakei.

Zweimal scheiterte er allerdings, und dennoch belasten ihn diese Fälle aufgrund der Perfidie seines Vorgehens. In Belgien versuchte er, ein Chemieunternehmen zu übernehmen. Er glaubte, der Besitzer sei Jude (was nicht stimmte) und deshalb stünde dessen Eigentum zur Verfügung. Quandt fragte formell bei der zuständigen Behörde an. In Luxemburg wollte er sich 1943 die Gestapo-Haft eines Unternehmers zunutze machen und wandte sich an das Rüstungsministerium, um die Aktienmehrheit zu bekommen.

Doch Albert Speer sah damals keine Veranlassung, sich für Quandt einzusetzen. Der Fall, seit langem bekannt, wird im Film detailliert geschildert.

Ob der Unternehmer schon vor dem Krieg in Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt war, ist indes nicht genau geklärt. Autor Jungbluth weiß von einem arisierten Unternehmen zu berichten, das Teil des Quandtschen Rüstungskonzerns wurde. Nach Angaben von Historikern sind in mindestens einem Quandt-Unternehmen schon 1938 jüdische Zwangsarbeiter eingesetzt worden.

Sicher ist, dass die Familie ab 1941 Tausende Zwangsarbeiter ausgebeutet hat. Nach Recherchen des Historikers Blank setzten sie in mindestens drei Werken - in Hannover, Berlin und Wien - auch KZ-Arbeitssklaven ein. Hunderte starben.

Insbesondere in den Batteriefabriken waren die Arbeitsbedingungen katastrophal. Dafür war die Quandtsche Afa verantwortlich. Auf ihrem Werksgelände in Hannover wurde sogar ein KZ-Außenlager errichtet, mit Exekutionsplatz und Galgen.

Sicher ist allerdings auch, dass sich die Afa - so weit bislang bekannt - nicht um KZ-Zwangsarbeiter riss, sondern vielmehr daran interessiert war, ihre hochqualifizierte deutsche Stammbelegschaft zu behalten, der eine Einziehung durch die Wehrmacht drohte. Versuche der SS, die mit ihren KZ-Häftlingen ein Geschäft machen wollte und sie der Afa aufdrängte, wurden in Stöcken bis 1943 abgewehrt, im Stammwerk in Hagen sogar bis Kriegsende. Gegen den Einsatz von anderen Zwangsarbeitern hatte man dagegen nichts. Auch muss erst noch geklärt werden, in welchem Ausmaß das Nachkriegsvermögen der Quandts tatsächlich auf Zwangsarbeit beruht.

Dass der Clan nicht wusste, was in seinen Werken vor sich ging, wird aber niemand ernsthaft behaupten können. Günther Quandts Sohn Herbert war der Direktor der Pertrix GmbH in Berlin, eines Tochterunternehmens der Afa. Es nutzte Zwangsarbeiterinnen aus dem KZ Ravensbrück, darunter auch Polinnen, die aus Auschwitz überstellt worden waren.

Nach dem Krieg wurde Günther Quandt zur Überraschung vieler nur als "Mitläufer" eingestuft. Der Spruchkammer lagen keine Beweise vor, dass es auf dem Gelände der hannoverschen Batteriefabrik der Afa ein KZ-Außenlager gegeben hatte, dessen Häftlinge in der Fabrik arbeiten mussten.

Einer der Ankläger der Nürnberger Prozesse, Benjamin Ferencz, sagt nun, wenn die heute bekannten Beweise gegen Günther Quandt dem Gericht damals vorgelegen hätten, "wäre Quandt genauso angeklagt worden wie Flick, Krupp und die Direktoren der IG Farben".

Ob er tatsächlich in eine Reihe zu stellen ist, müssen die Historiker klären, die nun die Geschichte der Familie untersuchen sollen. Die Quandts wollen den Forschern Akten und Dokumente, die sich in ihren Archiven befinden, zur Verfügung stellen und die Ergebnisse veröffentlichen.

Die Reaktion der Quandts war überfällig, aber sie kommt dennoch überraschend. Vor allem für die ARD-Verantwortlichen. Trotz des Erfolgs wollen sie die Dokumentation nicht früher als eh geplant wieder ins Programm nehmen.

Der Film soll in einer 30 Minuten längeren Version erst am 22. November wiederholt werden - im Dritten Programm des NDR, aber sicher dann weniger verschämt als bei der Premiere.


Am Donnerstag, 22. November, wird ab 21.00 Uhr eine 90-minütige Langfassung der Dokumentation im NDR Fernsehen zu sehen sein.