manager-magazin.de, 24. September 2007, 08:48 Uhr
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MÜLLERS WELT

Die deutsche Verteilungskrise

Von Henrik Müller

Die Bundesrepublik ist dabei, ihre Seele zu verlieren. Denn die zunehmende Polarisierung der Einkommen bedroht den Kern unseres Selbstverständnisses als Nation. Was hält die Gesellschaft noch zusammen? Diskutieren Sie mit!

"(...) Viele mittelschichtsangehörige Menschen in unserem Land, die engagiert und motiviert ihre Arbeit tun, erleben ganz aktuell die materielle Schlechterstellung. Das macht Angst! Wir benötigen in Deutschland wieder Unternehmer mit Charakter, innovativen Fähigkeiten und sozialer Verantwortung, keine "Aasgeier", die nur ihren eigenen Vorteil im Kopf haben. (...) Wie oft kommt es heute vor, dass Vorgesetzte von ihren Mitarbeitern nicht mehr ernst genommen werden (...)."

Es war eine Reaktion auf den Report "Die große Kluft", der im manager magazin, Heft 8/07 erschien; mein Kollege Christian Rickens und ich befassten uns in dem Stück mit der zunehmenden Polarisierung der Einkommensverteilung in der Welt, gerade aber auch in Deutschland.

Der Leserbrief hat mich wieder mal in der Einschätzung bestärkt, dass Deutschland mit der zunehmenden Ungleichheit, die mit Globalisierung und technischem Fortschritt einhergeht, größere Probleme hat als andere Länder.

Wir laufen Gefahr, uns in einen Konflikt zu verstricken, der nicht nur die Gesellschaft im Großen, sondern auch die Belegschaften in den Betrieben nachhaltig zu schädigen droht. Wo Missgunst und Misstrauen das Vertrauen verätzen, werden letztlich Produktivität und Wohlstand leiden; so ähnlich sieht das sogar Metall-Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser.

Meine These lautet: Die Verteilungskrise geht an den Kern unseres Selbstverständnisses als Nation. Sie wirkt Deutschland-zersetzend.

Auf den ersten Blick mag diese Einschätzung überraschend erscheinen.

Zum einen sind wir immer noch eine relativ gleiche Gesellschaft (gemessen am Gini-Koeffizienten), von amerikanischen Verhältnissen weit entfernt. Und der Sozialstaat mit seinen progressiven Abgabensystemen fängt die derzeit stattfindende Umverteilung durch Marktprozesse auf; die besserverdienenden Kreise in Deutschland müssen sich ihrer Position nicht schämen, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe.

Zum anderen: Ist es nicht ruhig in Deutschland? Zwar gibt es dieses Jahr mal wieder ein paar Streiks, aber im Großen und Ganzen geht es zivil und maßvoll zu. Andere Nationen, Franzosen und Italiener zum Beispiel, tragen Verteilungskämpfe rabiater aus.

Aber von der sanfteren Form der Auseinandersetzung darf man sich nicht täuschen lassen. Die Unzufriedenheit in Deutschland entlädt sich in stilleren Formen des Protests: in der inneren und der äußeren Emigration - in der Leistungsrücknahme vieler frustrierter Beschäftigter und in der Auswanderungswelle, die Deutschland seit einigen Jahren erfasst hat; darüber haben wir ja am Rande auch vorige Woche an dieser Stelle diskutiert.

Die Verteilungskrise geht der Bundesrepublik an die Substanz - ökonomisch und mental -, weil sie die Identität dieser Gesellschaft in Frage stellt.

Wir sind eine Wirtschaftsnation, eine Erwerbs- und Verteilungsgemeinschaft, nicht viel mehr. Deutschland ist auf ökonomischen Erfolg gebaut: Im 19. Jahrhundert entstand der "kleindeutsche" Nationalstaat erst, als es ökonomisch opportun erschien - die "verspätete Nation" sammelte sich unter preußischer Führung auf dem Fundament des Deutschen Zollvereins.

Es ist kein Zufall, dass der Sozialstaat von Bismarcks Deutschem Reich erfunden wurde. Der Nationalstaat musste sich durch die Schaffung und Verteilung von Wohlstand unter den Massen legitimieren. Das Deutschland-Gefühl des späten 19. Jahrhunderts genügte nicht, um die Nation zusammenzuhalten.

Später scheiterten deutsche Staaten, die das Wohlstandsversprechen nicht halten konnten: die Weimarer Republik, die DDR.

Wohlstand für alle - das ist der deutsche Weg. Westdeutschland nach 1948 war auch deshalb so erfolgreich, weil es ein großes Versprechen machte (Ludwig Erhards Formel "Wohlstand für alle") und es hielt. Das "Wirtschaftswunder" und die harte D-Mark wurden so zu Kristallisationspunkten des Deutschseins, das ansonsten schwerst befleckt war durch die Verbrechen des sogenannten "Dritten Reichs".

Wie gesagt: Wir sind in erster Linie Erwerbs- und Verteilungsgemeinschaft, nicht viel mehr. Ohne Wachstum und ohne Teilhabe weiter Teile der Bevölkerung daran, schwinden die Integrationskräfte der Wirtschaftsnation. (Ich habe diese Gedanken ausführlich in meinem Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus" dargelegt.)

Können wir uns vor diesem Hintergrund mehr Ungleichheit leisten? Wir müssen. Dem globalen Trend zur Einkommenspolarisierung können wir uns kaum entziehen, ob wir das gut finden oder nicht. Aber es gefährdet die Substanz dieser Nation, wie die Auswanderungswelle zeigt.

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