URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1258056
Interview
"Wir tun alles, um nichts zu tun"
Der Philosoph Klaus Michael Meyer-Abich über Gewinner und Verlierer beim Klimaschutz.

Herr Meyer-Abich, die Welt schaut auf die Klima-Konferenz nach
Bali. Alle sagen, es muss etwas geschehen. Sie sagen, es wird nichts
geschehen. Warum sind Sie so pessimistisch?
Das ist kein
Pessimismus, sondern Realismus. Wir sagen aus Anstand, und weil die
Öffentlichkeit dies auch meint, es müsse etwas geschehen. Und das
stimmt ja auch. Aber wir retten durch die Klimapolitik allenfalls unser
Gewissen, nicht das Klima. Es wird nichts geschehen, weil wir, die
Industrieländer, kein Interesse daran haben und auch unsere
Öffentlichkeit nicht einmal zur Hälfte auf das Autofahren verzichten
wird. Denn wir sind nicht nur die Verursacher, sondern zum großen Teil
auch die Gewinner der Klimaveränderung, und die Entwicklungsländer sind
die Verlierer. Die Frage ist: Was soll uns bewegen, wirklich etwas zu
tun?
Warum sind wir die Gewinner? Auch bei uns wird die Landwirtschaft leiden und die Küsten werden unsicherer.
Zur Person
Klaus Michael Meyer-Abich, 71, ist Physiker und Philosoph. Er war Mitarbeiter von Carl-Friedrich von Weizsäcker. Von 1979 bis 1982 war er Mitglied der Enquete-Kommission
"Zukünftige Kernenergiepolitik" des Deutschen Bundestages und von 1984
bis 1987 Senator für Wissenschaft und Forschung in Hamburg. In
zahlreichen Publikationen entwickelte er sein Konzept vom "Frieden mit
der Natur".
Aber das Klima wird milder, die nördlichen Gebiete Amerikas und Asiens
werden besser bewohnbar, die Landwirtschaft wird einfacher, der Zugang
zu Öl- und Gasreserven im Norden einfacher. Und gegen den steigenden
Meeresspiegel bauen wir Deiche, wir haben Versicherungen. Das ist kein
Vergleich zu dem, was in den Ländern des Südens passiert. Für uns ist
es immer noch billiger, nichts zu tun und die Klimaschäden bei uns
aufzufangen, als jetzt in den Klimaschutz zu investieren.
Wir verdienen Geld, indem wir Windräder verkaufen.
Aber
noch mehr Geld in den alten, klimaschädlichen Industrien. In der Tat
gibt es ein paar gute Gründe, beim Klimaschutz zu handeln: Wenn wir auf
Effizienz setzen, sparen wir bei den weiter steigenden Preisen für Öl
und Gas viel Geld. Wenn wir die ersten sind, die neue Technologien
entwickeln, können wir sie exportieren. Und wenn wir uns international
engagieren, fördert das unseren guten Ruf in der Welt. Beides gilt aber
nur für diejenigen, die vorangehen, und ehe politisch wirklich etwas
passiert, muss auch für die anderen ein strukturelles Interesse daran
bestehen. Und das ist der teure Klimaschutz in den Industrieländern
eben nicht.
Aber auch die Industrieländer haben ein
objektives Interesse daran, dass in den armen Ländern nicht das Chaos
ausbricht. Wir brauchen Rohstoffe, wir brauchen Stabilität, weil
Hunger, Elend und Krieg auch uns bedrohen können.
Das sagt
man so, aber stimmt das eigentlich? Gut, wir haben ein Interesse am
Weltfrieden. Aber de facto bauen wir eher Mauern, als die Ursachen des
Unfriedens abzubauen. Egon Bahr hat das Konzept der "gemeinsamen
Sicherheit" entwickelt: Militärs denken ja, man ist sicher, wenn man
stark ist. Bahr hat gesagt: Nein, man ist sicher, wenn die anderen
keine Angst vor einem haben. Das ist ein sehr avanciertes Denken. So
denkt heute beim Klimaschutz kaum jemand, der Einfluss hat. Im
Gegenteil wird Sicherheit gegen Ressourcenmangel und Migration
militärisch definiert.
In Bali ist ein Satz relativ
unbestritten: Die Industriestaaten haben den Klimawandel verursacht,
also müssen sie auch für seine Bekämpfung geradestehen.
Wenn
es eine Weltregierung gäbe, dann müsste sie handeln und uns haftbar
machen. Denn es ist klar, dass wir schuld sind, die Schäden immer
größer werden und die Vermeidungskosten global jetzt noch relativ
gering sind. Das ist die Essenz der Studie von Nicholas Stern. Aber das
Problem ist, dass wir keine Weltregierung haben und dass die Studie von
Stern keinen Adressaten hat.
Der Stern-Report ist für Sie ein Beispiel dafür, dass "wir alles tun, um nichts zu tun". Warum?
Es gibt sehr viele Studien und sehr viel guten Willen. Aber es gibt
subjektive und strukturelle Interessen. Subjektiv sehe ich sehr viel
guten Willen und ein politisches Interesse, nicht als die Bösewichte
dazustehen, von Michael Müller bis hin zur Kanzlerin. Aber sind die
objektiven Verhältnisse so, dass sie uns veranlassen, zig Milliarden
für den Klimaschutz auszugeben? Um die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten,
müsste der Energieumsatz relativ zu 1990 global - das heißt
einschließlich in China und in Indien - bis 2050 um fast zwei Drittel
reduziert werden, derjenige Europas also um ca. 80 Prozent, in Worten:
ACHTZIG Prozent Reduktion! Technisch ist es möglich, mit etwa 20
Prozent unseres Energieumsatzes so gut zu leben wie jetzt. Aber glauben
Sie, dass wir das tun werden?
Aber es wird viel Geld investiert und es werden Gesetze erlassen. Machen wir Klimaschutz wirklich nur für unser gutes Gewissen?
Wir
machen Klimaabkommen und Gesetze für unser gutes Gewissen. Ich glaube
aber nicht, dass wir ernsthaft etwas tun werden. In 20 Jahren, wenn die
Schecks eingelöst werden, weiß auch bei uns niemand mehr, wer Frau
Merkel war. Und in den USA rechnen die Mainstream-Ökonomen immer noch
vor, dass es viel billiger ist, alles geschehen zu lassen und sogar
Katastrophen wie "Katrina" zu akzeptieren, als etwas dagegen zu tun.
Das Grunddilemma ist, dass die Verursacher auch die Gewinner sind.
Sie
sprechen von einer dritten Kolonisierung. Aber die Schäden in den
Ländern des Südens werden vom Norden nicht bewusst angerichtet.
Aber
es ist ein Umgang mit diesen Ländern zu unserem Vorteil. Wir behaupten,
alle sitzen in einem Boot, nachdem wir uns auf die besten Plätze
gesetzt haben, wo auch die Schwimmwesten sind und den Anderen
bestenfalls die Bordkante bleibt.
Was erwarten Sie von der Bali-Konferenz?
Selbst
wenn die Konferenz im politischen Sinn erfolgreich ist, wird sie nichts
für den Klimaschutz bringen, weil sich niemand an die Vereinbarungen
hält. Was ist mit dem Kyoto-Protokoll passiert? Die Industrieländer
haben versprochen, ihre Treibhausgase um fünf Prozent zu reduzieren.
Dass sie das schaffen, ist sehr unwahrscheinlich. Und schon die
Kyoto-Versprechungen waren viel zu niedrig.
Wo gibt es dann Hoffnung? Oder politisch gefragt: Wo muss man den Hebel ansetzen?
Lassen
Sie uns Hoffnung und Optimismus unterscheiden. Hoffen kann man auch auf
das ganz Unwahrscheinliche. Ein wirklicher Fortschritt wäre es, wenn
die Länder des Südens einiger wären und den Norden auf die Anklagebank
setzten. Aber das sehe ich nicht.
Aber ganz so hoffnungslos sind Sie nicht. Immerhin trauen Sie uns offenen Zynismus nicht zu.
Ohne
Hoffnung würde ich nicht einmal ein Interview geben. Sehen Sie, es gibt
bei uns einen unbewussten Zynismus. Wir tun nichts und hoffen im
Stillen: Es wird schon nicht so schlimm kommen. Dann gibt es noch einen
bewussten Zynismus: Der sagt, na gut, wir sind die Verursacher, aber
auch die Gewinner, dann soll der Süden sehen, wo er bleibt. Ich glaube,
dazu sind wir dann doch nicht in der Lage, die Leute eiskalt über die
Klinge springen zu lassen. Wer möchte sonst noch in einen Spiegel
blicken? Aber damit wir uns da nicht weiter etwas vormachen, brauchen
wir eine öffentliche Debatte darüber, wie wir uns versündigen an der
ganzen Welt und besonders an den Ländern der Dritten Welt, weil unsere
Art, im Wohlstand zu leben, auf Kosten der anderen geht: auf Kosten der
Natur, der Dritten Welt, der Zukunft. Aber das hieße dann, wir müssten
anfangen, mal die Autos stehen zu lassen. Glauben Sie daran?
Das wäre eine Umkehrung unseres Wirtschaftens, wie wir es seit 500 Jahren praktizieren.
In
der Tat, aber wir sind ja reich genug dadurch geworden. Jetzt müssten
wir sagen: Wir wollen nicht zynisch sein und bewusst auf Kosten anderer
leben. Dazu müssen dann aber auch ganz reale Interessen kommen. Wir
haben das erlebt beim Atomausstieg. Die Argumente der Umweltbewegung
haben nicht gereicht, es waren außerdem die steigenden Preise und die
Risiken, die zum Ausstieg geführt haben. Und da muss man sagen, es ist
ein glücklicher Zufall, dass das Zeitalter von billigem Öl und Gas just
zu dem Zeitpunkt zu Ende geht, wo wir über den Klimawandel sprechen.
Die immer rasanter steigenden Preise könnten uns hier so viel Angst
machen, dass wir uns endlich bewegen. Und der Vorteil dessen, der
vorangeht, könnte dann auch einen Sog für die anderen auslösen.
Interview: Bernhard Pötter
[ document info ]
Copyright © FR-online.de 2007
Dokument erstellt am 13.12.2007 um 17:00:06 Uhr
Letzte Änderung am 13.12.2007 um 17:25:57 Uhr
Erscheinungsdatum 14.12.2007
