Vortragsmanuskript / Nur für den Seminargebrauch


H.J.Krysmanski
Geldmacht - Strukturen und Akteure des Reichtums in Europa


Vorbemerkung

Das britische Verteidigungsministerium stellte seinem strategischen Militärinstitut vor kurzem - unter dem Titel ‚Future Strategic Context' - die Frage, welche Kriege und Konflikte die Welt in dreißig Jahren bedrohen würden.

Ein überraschendes Ergebnis war, schreibt der ‚Guardian', dass die Militärs sich vor Neomarxisten in der globalen Mittelklasse fürchten. In einer düsteren Vision warnen die Autoren der Studie davor, dass sich im Jahre 2037 mehr als 60 Prozent der Menschen weltweit in verslumten Städten zusammendrängen würden und dass diese Zusammenballung von Not, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit einen gewaltigen sozialen Sprengsatz darstelle.

Während die fortschreitende internationale Integration Kriege zwischen Staaten völlig zum Erliegen bringt, würden an deren Stelle Konflikte innerhalb der Gesellschaften treten - Bürger-, Sippen- und Klassenkriege. Kurz: der Krieg der Staaten geht, der Konflikt der Klassen kommt.

In dieser Situation, schreiben die britischen Militärstrategen, "könnten die Mittelklassen eine revolutionäre Klasse werden, und jene Rolle übernehmen, die Marx für das Proletariat vorgesehen hatte". Aufgerieben zwischen "wachsender sozialer Verelendung einerseits und dem schamlosen Leben der Superreichen andererseits" könnten sich die "Leistungs- und Wissenseliten, die früher einmal Bildungsbürger und Facharbeiter genannt wurden", zu einem schlagkräftigen Interessenverbund zusammentun. Diese ‚neue Klasse' würde dann politisch für ihre eigenen grenzüberschreitenden Interessen gegen den Kapitalismus der Superreichen kämpfen.

Wenn ich nun im folgenden über Strukturen und Akteure des Reichtums, insbesondere in Europa, spreche, sollte man dieses ‚Rette-sich-wer-kann'-Szenario, von wahrlich kompetenter Seite entwickelt, im Hinterkopf behalten.

Wie lässt sich - ‚schamloser' - Reichtum ermessen?

Die Frage, was Reichtum ist, kann und muss auf verschiedenen Ebenen beantwortet werden. Zunächst einmal geht es um die Frage der Vermögenskonzentrationen. Die Reichen sind immer reicher geworden, auch und gerade in Europa. Dafür gibt es eine Fülle von empirischen und statistischen Indizes, auch wenn sie bislang in keiner Weise zureichend systematisch erschlossen und analysiert worden sind. Und selbst hinsichtlich der Frage, was Eigentum - und sogar Geld - unter den heutigen Bedingungen ist, steht Klärung aus.

Zweitens geht es um ein klassentheoretisches Problem, also um die Frage, ob sich eine (neue) herrschende Klasse auf der Grundlage dieser Akkumulationsprozesse herausbildet. Hier gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, aber noch bei weitem keinen Konsensus unter den kapitalismuskritischen Beobachtern.

Drittens schließlich geht es um eine epochenspezifische Bestimmung dieses historisch einmaligen Akkumulationsprozesses. Ich werde am Ende versuchsweise von einer kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung Europas sprechen.

Im Zentrum meines Interesses aber steht die zweite Ebene, die klassentheoretische Frage, die Frage nach dem ‚Wer' bzw. nach dem ‚Wer wen'. Nach meiner Auffassung ist die Postulierung beispielsweise einer europäischen ‚herrschenden Klasse' verfrüht bzw. auch nach anderthalb Jahrhunderten marxistischer und nicht-marxistischer Klassenanalyse noch den Gefahren der Vereinfachung und Mythologisierung ausgesetzt. Ich versuche deshalb zunächst einmal, die Akteure und Profiteure einer kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung Europas als ein komplexes Netzwerk teils kooperierender, teils konkurrierender Eliten darzustellen. Und um dieses Netzwerk vorurteilsfrei zu erkunden, verwende ich einen neuen Begriff: den Begriff des Geldmachtapparats.

In diesem ‚Geldmachtapparat' genannten Netzwerk beginnen sich - und bleiben wir in Europa - verschiedene, per se höchst interessante Gruppen heimisch zu machen: 1) über Generationen vererbter, dynastischer Reichtum; 2) der immer noch potente europäische Adel; 3) mittels technischer, finanzieller und konsumstrategischer Innovationen zusammengeraffter Neureichtum; 4) durch korrupte Privatisierungspraktiken hochgekommene Oligarchen; 5) Mafia-Milliardäre.

Der Mythos der Meritokratie, also der Leistungsgesellschaft, ist verblasst, schreibt Claus Leggewie. "Superreichtum wird zu einer Gefahr für die Demokratie." Schon zu Clintons Zeiten konstatierte William Pfaff, der bekannte Leitartikler des International Herald Tribune, für die USA: "Der wichtigste Wandel unserer Zeit ist die Aufwertung der Rolle des Geldes bei der Bestimmung der Frage, wie Amerika regiert wird. Diese Rolle war niemals gering, aber sie gewann eine neue Dimension, als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Geld, welches für die Wahl von Kandidaten und für die Förderung von privaten und kommerziellen Interessen in Washington ausgegeben wird, eine Form der verfassungsmäßig geschützten Meinungsäußerung darstellt. Dadurch wurde eine repräsentative Republik umgewandelt in eine Plutokratie".

Das gegenwärtige Anwachsen des privaten Reichtums, schreibt der amerikanische Autor Kevin Phillips, einst Berater der Republikanischen Partei, sei nur mit dem Goldenen Zeitalter der Jahrhundertwende und den Zwanzigern zu vergleichen. In jeder dieser Perioden hätten die großen Vermögen die demokratischen Werte und Institutionen unterminiert und schließlich die Wirtschaft ruiniert.

Seit den 90er Jahren hat das Ausmaß privaten Reichtums auch in Europa schwindelerregende Dimensionen angenommen. Waren 1982 die 100 reichsten Europäer im Durchschnitt noch jeweils 230 Millionen Dollar wert, so betrug ihr durchschnittliches Vermögen im Jahre 2005 das 10fache, nämlich 2,6 Milliarden Dollar.

Nach dem Weltreichtumsbericht 2006 von Merrill Lynch stieg im Jahre 2005 das Gesamtvermögen der sogenannten High Net Worth Individuals (HNWIs) auf 33 tausend Milliarden Dollar. HNWIs sind Personen mit einem jeweils frei verfügbaren Netto-Geldvermögen von mindestens 1 Million Dollar. Im Jahr 2005 betrug die Zahl der HNWIs 8,7 Millionen Personen weltweit. Aber es gibt ja auch noch die Ultra High Net Worth Individuals (UHWNIs), die über Netto-Geldvermögen von mehr als 30 Millionen Dollar verfügen. Von ihnen gab es in der gleichen Zeit 85 400 Personen weltweit.

Die Frage, auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen sind, ist ebenso komplex wie die Antwortmöglichkeiten. Meine zusammenfassende These aber ist einfach: unter dem Banner des Neoliberalismus ist ein Geldmachtapparat entstanden, welcher unternehmerische Eigentumsoperationen, die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten), die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten, netzwerkartigen Zusammenhang bringt. In ihm wird vor allem auch das klassische Betriebsvermögen, in Gestalt von kleinen und großen Unternehmen, immer ‚flexibler' gehandhabt, hin und her geschoben, kurzfristig veräußert, zusammengelegt, ‚filetiert' usw., so dass es heute in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen (und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind, welche die großen Revenuen erbringen.

Die strukturelle Basis dieser Geldvermögen und verflüssigten Betriebsvermögen muss gesichert werden. Deshalb wächst heute für die Schicht der Superreichen unter anderem die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im Luxussegment. Luxuskonsum dient der Sicherung des sozio-kulturellen Status. Der hier fällige Begriff der conspicuous consumption wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Ökonomen und Soziologen Thorstein Veblen eingeführt, um die Macht- und Herrschaftsfunktion eines aufwändigen, durchaus auch ‚müßigen' Lebensstils zu erfassen. Indem die Geldelite materielle und immaterielle Güter, Dienstleistungen usw. des Luxusmarktes in auffälliger Weise konsumiert, demonstriert sie nicht nur ihre abgehobene Stellung, sondern fixiert auch alle übrigen Schichten auf ganz bestimmte Vorstellungen von ‚Glück'.

In diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden ein zentraler Raum für conspicuous consumption, vom Feudalismus bis heute. Gerade auch für Europa lässt sich die Agglomeration von Luxusimmobilien in bestimmten Stadtteilen, in bestimmten Landstrichen (Küsten, Inseln, Kleinstaaten wie Monaco usw.) gut und über historisch lange Strecken illustrieren. Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen Konsums - von Kutschen zu Maybachs und Privatjets. Zur Illustration: neben den zahllosen Gulfstreams usw. gibt es auf der Welt ungefähr 50 private Boeing 747er und sogar 777er (Flugzeuge, die normalerweise 400 Passagiere befördern) mit Interieurs, entworfen für das Pläsier von höchstens einem Dutzend exklusiver Fluggäste.

Megamotoryachten erleben einen nie gekannten Bauboom, ihre Größe steigt rapide, Anschaffungskosten, Verbrauch und Liegegebühren gehen ins Astronomische, ebenso aber auch der Prestigeeffekt und die Möglichkeit der Erzeugung von Netzwerk- und Abhängigkeitseffekten an Bord.

Im übrigen spielt auch der Kunstmarkt eine besondere - und besonders subtile - Rolle im Bereich des demonstrativen Konsums. Wenn, wie jüngst geschehen, ein unscheinbarer, bislang in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein Russe) auf einer Sotheby-Auktion Picassos ‚Dora Maar mit Katze' für 95,2 Mill. Dollar, einen Monet für 5 Mill. und noch schnell einen Chagall für 2,5 Mill. Dollar ersteigert und wenn derartiges immer häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht, so steckt dahinter eine ‚Vermögenskultur' im Umfeld des Geldmachtapparats, die noch kaum erforscht ist.

Auch kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus, vor allem Bildungsprivilegien und -titel, wird für den Ausbau des Geldmachtapparats funktionalisiert. Eliteuniversitäten bleiben den Kindern der Reichen vorbehalten - und den sorgfältig ausgelesenen Best and Brightest aus den übrigen Schichten, welche eines der dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen einnehmen dürfen. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden. Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 19 000 Dollar. Ähnliches gilt für Großbritannien, wo Politiker die Sorge äußern, "dass das Schuldengespenst die jungen Leute veranlassen könnte, höhere Bildung als ein Luxusgut zu betrachten und aufzugeben - mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes."

Letztlich jedoch drückt sich die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals für die Geldelite nicht in individuellen Bildungskarrieren aus. Wirklich großer Reichtum schafft sich Netzwerke der Kultur und Bildung, welche an die höfische Gesellschaft erinnern. Kulturelles Kapital erscheint heute wieder in Gestalt von ganzen Entouragen gebildeter, kultivierter, wissenschaftlich spezialisierter Berater, Hofschranzen usw. Denn formelle und informelle Bildungsgüter werden letztlich erst vermögenswirksam, wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats insgesamt führen, zu einer ‚Vermögenskultur', die sich in Stiftungen, Think Tanks u. dgl. institutionalisiert.

Ähnliches gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. Zweifellos spielt der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle, ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals. "Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft", schreibt Michael Hartmann, "ist nicht, wie von ihren Repräsentanten immer wieder betont wird, die Leistung ausschlaggebend, sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten ... Es handelt sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten, die für ‚Eingeweihte' den entscheidenden Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen, die nur dazugehören wollen, markiert." Andererseits aber muss ‚Sozialkompetenz' nicht unbedingt direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. Sie ist ein Klassenmerkmal. Wer sich ‚Sozialtrainer', Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann, verfügt über kollektives soziales Kapital, selbst wenn er als Person ein stotternder Autist ist.

Sprechen wir von den Akteuren der Geldmacht, der Geldelite und ihren Entouragen

Wir leben gegenwärtig, konstatiert der amerikanische Politökonom Giovanni Arrighi, in einer USA-dominierten Phase globaler finanzieller Expansion, in der "sich eine ausgedehnte Menge von Geldkapital aus seiner Warenform" befreit und Akkumulation sich vornehmlich "in Gestalt von Geldgeschäften‚ financial deals" vollzieht. Diese Phase finanzieller Expansion des Kapitalismus wird durch eine Verwissenschaftlichung bzw. Informatisierung von Macht- und Herrschaftstechniken abgestützt, wie man sie bislang nicht kannte. Extrem billige Rechnerkapazitäten und darauf basierende statistische Techniken erlauben die Verarbeitung großer Mengen ökonomischer und sozialer Daten und damit eine Durchleuchtung der Gesellschaft durch wirtschaftliche Interessen. Dies gibt der alten Rede von der Herrschaft der Technokraten neuen Inhalt. Die technisch bedingte Zentralisierung von Macht und die ‚extreme Verkürzung von Zeithorizonten im Unternehmensmanagement'(Sennett) führt zwar zu einem Anwachsen von Zahl und Bedeutung der Experten, nicht aber aber, wie Daniel Bell einst meinte, zu ihrer Herrschaft. Im Gegenteil: die Kommunikations- und Informationsexperten sind zu einer neuen Dienstklasse der Geldelite geworden.

Theoretisch gesprochen verkörpert die Geldelite im gegenwärtigen Zyklus finanzieller Expansion also die Befreiung großer Geldmengen aus der Warenform und die direkte Umwandlung von Reichtum in die Machtform. Nicht nur wird Politik, Herrschaft, Macht monetarisiert, sondern die Geldelite ist in der Lage, Geldwerte auf vielfältigste Weise zu vermachten. Das ist im Grunde ein uralter Prozess auf der Grundlage der Tatsache, dass man mit Geld nicht nur mehr Geld, sondern eben ‚alles' machen kann.

Der 26-jährige Karl Marx hat die Macht des Geldes in seinen ‚Philosophischen und Ökonomischen Manuskripten' von 1844 so umschrieben: "Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst ... Die Eigenschaften des Geldes sind meine - seines Besitzers - Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich ... ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut ... ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche?" usw.

Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine ‚völlig losgelöste und zu allem fähige' soziale Schicht, welcher die Wissens- und Informationsgesellschaft alle Mittel in die Hände legt, um sich als eine neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren. Ihre Machtbasis ist der Geldmachtapparat. Und ihr Wesen ist eine neue Form der Souveränität. Um diese neue gesellschaftliche Mitte lassen sich dann weitere Gruppen und Schichten sozusagen ringförmig anordnen, welche der Geldmacht zuarbeiten bzw. von ihr abhängen.

Der Geldelite am nächsten operieren sicherlich die Konzern- und Finanzeliten, die Spitzenmanager der verschiedenen Wirtschaftsbereiche. Diese Gruppen fungieren als Spezialisten der Kapitalverwertung bzw. der Absicherung und Expansion von Akkumulationsmöglichkeiten. Manche von ihnen - aber erstaunlicherweise gar nicht so viele - steigen selbst in die eigentliche Geldelite auf. Von ihren Vermögensverhältnissen her gehören sie auf jeden Fall zu den HNWIs. Ihr Dienstklassenstatus drückt sich darin aus, dass sie, im Gegensatz zur Geldelite, entlassen werden oder ‚stürzen' können. Je nach Loyalität gegenüber ihren jeweiligen Herren (den großen Investoren und Anteilseignern) kooperieren oder konkurrieren sie untereinander. Sie haben nicht unbedingt ein einheitliches strategisches Bewusstsein (wie man es traditionellerweise etwa der ‚Kapitalistenklasse' zuschrieb). Was sie verbindet, ist die Maxime der kurzfristigen Gewinnsteigerung auf der Basis der neoliberalen Ideologie.

Den nächsten Funktionsring bilden die Spezialisten der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die politischen Eliten. Alle Parlamente, alle Regierungen haben aus der Sicht des Geldmachtapparats die Funktion der Verteilung des Reichtums von ‚unten' nach ‚oben'. Anders ausgedrückt: der Geldmachtapparat wirkt durch Lobbyismus und Korruption in dieses Feld der politischen Eliten hinein, das dadurch hochgradig differenziert und konfliktualisiert wird. Auch viele Spitzenpolitiker und vor allem Ex-Politiker können sich unter die HNWIs rechnen, Aufstiege in die Geldelite aber sind nahezu ausgeschlossen (Ausnahmen wie der Bush-Clan bestätigen die Regel).

Den Außenring schließlich bilden die bereits erwähnten, für die Entstehung und Expansion des Geldmachtapparats unentbehrlichen Technokraten und Experten aller Art, kurz: die Wissenseliten. Entsprechend ihrem Ranking, das sich nach der Nützlichkeit für die ökonomischen, sozialen und kulturellen Interessen des Geldmachtapparats bemisst, können auch sie in die Ränge der HNWIs aufrücken, kaum aber höher (Ausnahmen wie die dot.com-Milliardäre bestätigen die Regel).

Der französische Soziologe Mattei Dogan, der mit einem ähnlichen Ringmodell arbeitet, hat bezüglich der französischen Elitenkonfiguration die Frage gestellt, ob und wie man diese Gruppen zahlenmäßig fixieren könne. So kann die Zahl der Angehörigen etwa der Wissenseliten, je nach Zählperspektive, sowohl in Bezug auf EU-Europa oder auf ein einzelnes Land, jeweils in die Millionen gehen, die Zahl für die politischen Eliten und für die Konzerneliten in die Zehntausende und die Zahl für die Geldelite in die Tausende. Interessant und entscheidend aber ist, dass in einem Winner Takes All-System das Ranking die entscheidende Rolle spielt und man deshalb zunächst einmal, um diese Gruppen zu analysieren, mit den ‚obersten Hundert' aus allen Bereichen ganz gut bedient ist.

Für die gegenwärtige europäische Elitenkonfiguration und das Netzwerk der Geldmacht sind einige weitere Fragen von Belang: Wie steht es um die Vererbung von Machtpositionen? Welche Rolle spielt die Bürokratie? Gibt es tatsächlich einen Eisernen Vorhang zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten? Welche Rolle spielt das Ranking im Geldmachtapparat?

Hinsichtlich der Vererbungsfrage kommen alle Untersuchungen zu dem Schluss, dass zwischen Geldmachtpositionen (Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager, Politiker, Technokraten, Kultureliten) andererseits scharf unterschieden werden muss. Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung ihrer Positionen, letztere nicht. Innerhalb der Geldelite spielt dabei sowohl in den USA als auch in Europa "das Phänomen der Verschwägerung eine große Rolle, während eine Verschwägerung zwischen der ökonomischen und der politischen Elite kaum vorkommt."(Dogan) Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums.

In mehreren europäischen Ländern hat eine bürokratische Elite die Elitenkonfiguration beeinflusst. In Deutschland war sie maßgeblich am Entstehen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems beteiligt, in Frankreich bildet sie in Gestalt der Enarques das Rückgrat der Republik. Dogan spricht sogar von einer ‚Republik der Mandarine', da die durch Elite-Verwaltungsakademien wie die École nationale d'administration (ENA) geschleusten Enarques sich als eine absolute Elite in Macht- und Herrschaftsdingen verstehen. Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass ein solches Selbstverständnis auch in den Brüsseler Beamtenapparat transportiert werden könnte.

Entscheidend für ein Verständnis der europäischen Machtelitenkonfiguration aber ist die praktisch unüberbrückbare Mauer zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten. Weder Spitzenmanager noch Spitzenbürokraten noch Spitzenpolitiker haben wirklich eine Chance, in diese Kreise integriert zu werden. Denn die Geldelite lebt auf einem anderen Planeten. Dogan: "Unter den 100 reichsten Personen Frankreichs gab es 1987 keinen der Großkapitalisten, den eine politische Karriere in Versuchung geführt hätte und nur ganz wenige hatten familiale Bindungen zu Politikern. Unter den wichtigen Politikern der 90er Jahre gibt es einige, die relativ wohlhabend sind, aber keiner gehört zu den 500 reichsten Personen in Frankreich. Und unter den 500 reichsten Unternehmern, die meist auch die reichsten Familien repräsentieren, gibt es nicht mehr als eine Handvoll Absolventen der Ecole Polytechnique. Aus dieser erbarmungslosen Statistik ergibt sich ein tektonischer Bruch, der die kapitalistische Elite von den anderen Elite-Kategorien trennt." Das bedeutet aber nicht, dass diese ‚kapitalistische Elite' nicht ‚herrscht'. Im Gegenteil: der Geldadel verwaltet zwar nicht, er treibt keine Politik und er produziert keine Kultur, aber er lässt verwalten, verteilen, erfinden und denken.

Bleibt noch die Frage nach der Rolle des Ranking innerhalb der verschiedenen Dienstklassen. Zunächst einmal: der Rang innerhalb der Elitenringe drückt sich aus in den jeweiligen Vermögens- und Einkommensverhältnissen. Das heißt, die ranghöchsten Experten, Politiker und Manager sind auch - cum grano salis und tendenziell - die reichsten. Bemessen aber wird der Rang nach den jeweiligen Funktionen für den Geldmachtapparat. Das Denken in kurzen Fristen der Gewinnmaximierung ist kein neues Phänomen in der Konzernwelt, aber es ist unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung ein entscheidendes Systemmerkmal geworden. "Ein kompetitiver Markt", schreibt der Unternehmensberater Eduard García, "erzeugt hinsichtlich der payoffs riesige Unterschiede zwischen 'Gewinnern' und 'Verlierern', ein winner takes all-System entsteht. Wenn so hohe Einsätze vom nächsten Schritt abhängen, werden Unternehmen und Individuen sich schlichtweg auf den Sieg in der nächsten Runde konzentrieren, also kurzfristig denken, was immer an langfristigen Folgen für das Unternehmen dabei herauskommt." Genau dieser Mechanismus aber bewirkt, dass diejenigen Individuen oder Gruppen, die erst einmal in die oberen Ränge gelangt sind, immer höhere payoffs realisieren, während die übrigen unverhältnismäßig stark zurückfallen. So entstehen in allen Bereichen der Gesellschaft Ranking-Listen, die vom Geldmachtapparat sogar eingefordert werden (siehe Exzellenz-Wettbewerb der Hochschulen), denn sie deuten auf jeden Fall jeweils auf das beste ‚Dienstpersonal' in Akkumulationsdingen.

"Man nehme", so die britische Wirtschaftsjournalistin Diane Coyle, "die Filmindustrie als Beispiel. Zu jedem Zeitpunkt wird es nur ganz wenige Schauspieler geben, die Millionen von Dollars für den Auftritt in einem Film verlangen können. Nur wenige haben einen weltweit bekannten Namen. Schon diejenigen auf dem zweiten Rang verdienen erheblich weniger, und der Rest dieses Berufsstandes findet sich beim Kellnern oder in billigen Werbespots wieder. Die Spannweite der Einkommen ist extrem, die Verteilung gleicht einer außerordentlichen Pyramide mit einer ganz kleinen Spitze und einer ganz breiten Basis."

Mit der Geldelite konstituiert sich ein neuer Souverän

Wie lässt sich dieser neue Souverän erkennen? Zunächst einmal: auch bei den Superreichen spielt Ranking eine Rolle. Diesem Bedürfnis fühlt sich beispielsweise das Forbes Magazine mit seinen bekannten Tabellen verpflichtet. 1999 wollte Ted Turner, seinerzeit noch Miteigentümer von CNN und Times Warner, den Vereinten Nationen 1 Milliarde Dollar in Gestalt einer Stiftung zukommen lassen. Aus diesem Anlass wunderte er sich darüber, dass die Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt den Genannten mehr bedeute als den Tennis-Spitzenspielern ihre Computer-Weltrangliste. Dieser Listenplatz-Ehrgeiz mindere doch nur die Bereitschaft, Stiftungen zu gründen oder auf andere Weise zum Gemeinwohl beizutragen. Turner schlug deshalb eine neuartige Rangliste vor, eine Rangliste der freigiebigsten Philanthropen. Gäbe es eine solche Liste, fügte Turner damals hinzu, wäre vielleicht auch Bill Gates schon spendierfreudiger. Heute wissen wir, dass dieser Turnersche Appell zumindest bei Bill Gates gewirkt hat.

Die Zahl der europäischen Ultra-HNWIs mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von mehr als 30 Mill. Euro wird mit etwa 17 000 Personen angegeben. Wie diese Personen zusammenwirken, ist weitgehend unerforscht. Die sozialempirische Annäherung an die Geldelite ist schwierig. Die seriöse Forschung - abhängig, wie sie von ‚Drittmitteln' ist - lässt die Finger davon, so dass es vor allem Journalisten, kleine Teams von Außenseitern oder besessene Einzelne sind, die Licht in diese Schicht zu bringen versuchen.

Besonders einfallsreich und intensiv haben sich Rechercheure der britischen Wochenzeitung Sunday Times bei der Erforschung der Reichen ihres Landes ins Zeug gelegt. Dabei sind eine Fülle von Ranglisten entstanden: The 20 fastest growing fortunes, The top 30 political donors, The richest women, Millionaires in film, TV and Music, Football millionaires, Online millionaires, Goldman Sachs millionaires usw.

Aus ihren Recherchen hat die Sunday Times einige ‚rules of engagement' gezogen, die selbst schon Licht auf ihren Gegenstand werfen. Hier einige Kernsätze: 1) Der tatsächliche Umfang der Vermögen ist vermutlich viel größer als der ermittelte. 2) Identifizierbares Vermögen umfasst Grund und Boden, Immobilien, Aktieneigentum und auch Rennpferde und Kunst; dagegen kommen Rechercheure an die Bankkonten naturgemäß nicht heran. 3) Manche Reiche machen sich unsichtbar. 4) Viele Individuen wurden reich durch den Verkauf ihrer Unternehmen; hier kann der Wert allenfalls ansatzweise mithilfe von Steuerexperten ermittelt werden. 5) Das gleiche gilt bei Erbschaften. 6) Nicht börsennotierte Privatunternehmen sind in ihrem Wert sehr schwer einzuschätzen. 7) Ähnliches gilt für Stiftungen, die für Familienmitglieder eingerichtet werden. 8) Bei der Einschätzung des Vermögens von Pop Stars helfen anonym bleibende Experten. 9) Gleiches gilt bei Kunstschätzen. 10) Viele neue, nicht börsennotierte Privatunternehmen lassen sich durch aufwändige Internetrecherchen, die Analyse von Bilanzen usw. ausfindig machen. 11) Nützlich ist ein Netzwerk lokaler Korrespondenten, zum Beispiel Verkäufer von Luxusautos. 12) Die Leser der Sunday Times sind aufgefordert, Informationen zu liefern.

Zur Sunday Times-Liste der hundert reichsten Europäer des Jahres 2006 hier nur so viel. Hier, an der Spitze der 17 000 europäischen UHNWIs, finden sich die folgenden Personen und Familien: 1) Die Gebrüder Karl und Theo Albrecht (Aldi, Deutschland) mit einem Vermögen von 27 Milliarden Euro, 2) Ingvar Kamprad (Ikea, Schweden) mit 23,5 Mrd. Euro, 3) Lakshmi Mittal (Stahl, Großbritannien) mit 21,9 Mrd. Euro, 4) Bernard Arnault (Luxusgüter, Frankreich) 18 Mrd. Euro, 5) Johanna Quandt und Familie (BMW, Deutschland) 17,5 Mrd. Euro, 6) Roman Abramowitsch (Öl, Russland/Großbritannien) 15,8 Mrd. Euro, 7) Liliane Bettencourt (Kosmetika, Frankreich) 13,4 Mrd. Euro, 8) Amancio Ortega (Mode, Spanien) 12,5 Mrd. Euro, 9) die Familie Herz (Kaffee, Deutschland) 10,9 Mrd. Euro, 10) die Familie Brenninkmeyer (Einzelhandel, Niederlande) 10,4 Mrd. Euro. Unter den reichsten hundert Europäern sind mindestens zwanzig russische ‚Oligarchen'. Bei ihnen und Milliardären wie Silvio Berlusconi (Rang 16, 9,3 Mrd. Euro) sind Verbindungen zum organisierten Verbrechen hochwahrscheinlich. Außer dem Duke of Westminster (Rang 14, 9,7 Mrd. Euro) und dem Prinzen Hans-Adam von Liechtenstein (Rang 58, 4,6 Mrd. Euro) finden sich kaum Aristokraten auf der hunderter Liste. Das liegt daran, dass gerade alte, gewachsene Vermögen sozusagen in den Kellern der Geschichte verborgen werden können. (Die britische Regierung ist gerade dabei, den Immobilienbesitz einiger der ältesten und verschwiegensten adligen Familien des Landes unter die Lupe zu nehmen. Angefangen beim Königshaus dürfte es da noch einige Überraschungen geben.) Insgesamt aber ist über viele der aufgezählten Personen und Familien - und das wird noch evidenter, wenn man die nächsten drei- oder vierhundert oder auch tausend hinzunimmt - viel zu wenig bekannt. Sie sind fast unsichtbar, weil das so gewollt wird.

Auf der anderen Seite beginnen sich die Medien mit zunehmender investigativer Energie an die Gruppe der Superreichen heranzuwagen - oft noch vorsichtig, voller vernebelnder Einschätzungen, aber doch wohl in dem Bewusstsein, dass die Öffentlichkeit an einer seriösen Reichendiskussion interessiert ist. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Vermögenden selbst verstärkt an ihrem öffentlichen Image zu basteln beginnen. Ein jetzt erscheinendes Buch des Soziologen Thomas Druyen, bis vor kurzem Direktor der Privatbank des Fürstenhauses von Liechtenstein, dürfte hier einen Meilenstein setzen. Es trägt den schönen Titel ‚Goldkinder. Die Welt des Vermögens'. Immerhin fallen in dieser beginnenden Diskussion auch Tabellen an, die, wie jüngst im Magazin Cicero, Auskunft über die wirklichen Großverdiener unserer Zeit geben. Ihnen gegenüber verblassen die sprichwörtlichen zwei, drei, sieben, acht Millionen Jahreseinkommen unserer Spitzenmanager durchaus. So konnte in Deutschland die Großfamilie Haniel allein im Jahre 2005 eine Dividende von 141 Millionen Euro einstreichen. Susanne Klatten (von der Familie Quandt) kam auf 127 Millionen, Stefan Quandt auf 70 Millionen, Johanna Quandt auf 67 Millionen. Die Familie Merckle erzielte 2005 eine Dividende von 112 Millionen, die Familie Merck 106 Millionen, die Familie Wacker 68 Millionen, die Großfamilie Siemens 66 Millionen Euro.

Doch die Spirale dreht sich weiter. Im letzten Jahr konnte der amerikanische Hedge-Fond Manager James Simons 1,7 Mrd.(!) Dollar mit nach Hause nehmen. Noch zwei andere seiner Kollegen waren über der 1 Mrd.-Grenze. Und 25 weitere Hedge-Fond Manager blieben über 240 Mill. Dollar Jahreseinkomme, ganz oben unter ihnen selbstverständlich George Soros. Demgegenüber wirkt der höchstbezahlte Chief Executive der Wall Street, Lloyd Blankfein von Goldman Sachs, fast bescheiden.

Angesichts solcher enormen auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse interessiert selbstverständlich die neidlose Frage, wie dieses Kapital reinvestiert wird, und zwar nicht nur ‚ökonomisch', sondern eben auch ‚sozial' (nicht unbedingt im Sinne von wohltätig), kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll) und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch).

Daraus folgt eine weitere Frage: wie sind diese superreichen Familiendynastien, nouveaux riches, Oligarchen, Aristokraten, Mafiosi usw. untereinander und mit den Milieus der Verwertung, Verteilung und Informatisierung und auch global vernetzt? Einen möglichen Ansatz bietet die amerikanische Forschungsrichtung des Power Structure Research, auf die ich hier aus Zeitgründen nicht näher eingehen kann.

Lassen Sie mich abschließend die Frage deshalb umformulieren: können wir gegenwärtig eine kapitalismusbasierte High-Tech-Refeudalisierung Europas beobachten?

Rein äußerlich betrachtet ist das Besondere am Habitus der europäischen Geldelite und ihres Geldmachtapparats die Renaissance feudaler Muster. Keine andere Region dieser Welt kann in solchem Maße auf derartige patterns zwecks Organisierung elitärer Macht rekurrieren. Es ist beispielsweise der europäische Hochadel, welcher der Geldelite und ihren Entouragen die sozial aufgeladenen Tummelplätze verschafft, die für ein ‚bonding' innerhalb der Oberschicht unerlässlich sind. Schlösser und exklusive Areale sind der Raum für Think Tanks, Stiftungen, Business Councils und andere Elite-Institutionen, Clubs und Bünde geworden.

Andererseits: der Geldmachtapparat mag noch so sehr in feudalen Gewändern einherkommen - letztlich wird er durch die Möglichkeiten der digitalen Revolution getragen und beschleunigt. Aus diesem technischen Reservoir bezieht er seine Gewaltmittel, von der elektronischen Überwachung seiner Hilfseliten und Arbeitskräfte bis zur Hi-Tech-Hypertrophie des Militär-Industrie-Komplexes.

Die Superreichen haben seit den Fünfzigern in den USA und hier gelernt, wie sie in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines zeitweise robusten Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren Einfluss bewahren und mehren können. Sie schufen sich neue Instrumente zur Befriedigung ihrer Aspirationen, zunächst im 'Kampf gegen den Kommunismus', dann im ‚Kampf gegen den Terrorismus'. Und sie hieven Domestiken des globalen Geldmachtapparats wie Horst Köhler in höchste politische Ämter. Ist das schon Refeudalisierung?

Jean Ziegler schreibt: "In den letzten Jahrzehnten sind auf der Erde unglaubliche Reichtümer entstanden, der Welthandel hat sich in den letzten 12 Jahren mehr als verdreifacht, das Welt-Bruttosozialprodukt fast verdoppelt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Und gerade jetzt findet eine brutale, massive Refeudalisierung statt. Die neuen Kolonialherren, die multinationalen Konzerne - ich nenne sie Kosmokraten - eignen sich die Reichtümer der Welt an. Diese neue Feudalherrschaft ist 1000 Mal brutaler als die aristokratische zu Zeiten der Französischen Revolution ... Die Legitimationstheorie der Konzerne ist der Konsensus von Washington. Danach muss weltweit eine vollständige Liberalisierung stattfinden: Alle Güter, alles Kapital und die Dienstleistungsströme in jedem Lebensbereich müssen vollständig privatisiert werden. Nach diesem Konsensus gibt es keine öffentlichen Güter wie Wasser. Auch die Gene der Menschen, der Tiere und Pflanzen werden in Besitz genommen und patentiert. Alles wird dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen. Dabei setzen die Konzerne zwei Massenvernichtungswaffen ein, den Hunger und die Verschuldung. Das Resultat ist absolut fürchterlich ... Diese kannibalische Weltordnung von heute ist das Ende sämtlicher Werte und Institutionen der Aufklärung, unter denen wir bisher gelebt haben, das Ende der Grundwerte, der Menschenrechte. Entweder wird die strukturelle Gewalt der Konzerne gebrochen. Oder die Demokratie, diese Zivilisation, wie sie heute in den 111 Artikeln der UNO-Charta oder im Deutschen Grundgesetz fixiert ist, ist vorbei und der Dschungel kommt."

Auch der in London lebende amerikanische Soziologe Richard Sennett hat vor kurzem in einer grundsätzlichen Kritik gesagt, der moderne Kapitalismus sei in seiner Grundtendenz antidemokratisch. Er führe zu einer weichen Spielart des Faschismus, zu einem soft fascism. In modern organisierten Unternehmen werde die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von Spitzenmanagern ausgeübt. Politische Macht wandere ab in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die sehr genau weiß, wie man mit den neuen Strukturen umgeht und sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert. Sennett: "Diese Netze geben Managern heute die Freiheit, Dinge zu tun, die innerhalb der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären. Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und wird unsichtbar. Die Bürger haben in der politischen Sphäre keinen Platz mehr."

Zugespitzt formuliert: die herkömmlichen politischen Systeme als solche werden immer bedeutungsloser. Und auch für die Leistungs- und Wissenseliten und sogar für die Manager wird die Situation immer prekärer. Die Geldeliten verselbständigen sich, sie beginnen im wahrsten Sinne des Wortes auf eigene Faust, mit Söldnerheeren, zu operieren. Klimawandel und Ressourcenprobleme deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die souveränen, wohlgeschützten Eigner des Besten, was diese Welt zu bieten hat - wie einst die Feudalherren - gut gerüstet.

Uns bleibt - wie den britischen Militärstrategen, von denen ich eingangs berichtete - im Augenblick nur, die Heraufkunft neuer Klassenkonflikte zu konstatieren. Letztlich aber werden wir nicht umhin kommen, an diesen Konflikten teilzunehmen.