junge Welt
12.10.2007 / Feuilleton / Seite 12

Mehr Ego
Joseph Fischer ist auch dabei: Zum neugegründeten
Think-Tank »European Council on Foreign Relations«

Von Hans-Jürgen Krysmanski


In den USA sind Think-Tanks inzwischen Bastionen im Kampf zwischen konservativen und liberalen Milliardären um Einfluß auf die Außen- und Innenpolitik. Das berühmte, 1921 gegründete »Council on Foreign Relations« (CFR) in New York macht da keine Ausnahme. Nun soll es einen europäischen Ableger bekommen.

Bislang diente das CFR den superreichen liberalen Laiendenkern des US-amerikanischen Establishments als außenpolitische Bildungsinstitution und Einflußbasis. Personen aus dem Umfeld des CFR wie der Hedgefond-Milliardär George Soros hatten darüber hinaus 1998 eine Lobbygruppe namens »MoveOn« gegründet, die sich heute vor allem gegen den Irak-Krieg engagiert.

Die konservativen Milliardäre betreiben eigene Denk-Supertanker wie das »American Enterprise Institute«. Jetzt ließen sie sich nicht lumpen und schufen als Gegengewicht zu »MoveOn« die Gruppe »Freedom’s Watch«. Deren Ziel ist es, eine harte Linie gegen den Iran zu fahren und die aggressive Außenpolitik der Bush-Regierung fortzusetzen. Bis zum Herbst 2008 will »Freedom’s Watch« 200 Millionen Dollar gesammelt haben – »ein Kinderspiel«, wie einer der beteiligten Krösusse sagt. In den USA sind die Spenden der Ultrareichen längst der Lebenssaft aller politischen Kampagnen, ob es um Wählerstimmen oder um strategische Konzepte geht.

Jetzt also verkünden Joseph Fischer und der frühere finnische Staatspräsident Martti Ahtisaari die Eröffnung von CFR-Filialen in Berlin, London, Madrid, Paris, Rom, Sofia und Warschau. Dieses Franchise-Unternehmen unter dem Namen »European Council on Foreign Relations« (ECFR) wird ebenfalls ausschließlich von superreichen Privatleuten finanziert. Wieder spendet, neben einer spanischen und einer britischen Privatstiftung, George Soros den Löwenanteil.

Der Kalte Krieg verhinderte, daß in Europa wie in den USA ein Szenario miteinander verzahnter Denkfabriken, Eliteuniversitäten und politischer Stiftungen enstehen konnte. Die westdeutschen Führungsgruppen wurden zumindest bis zum DDR-Beitritt von entsprechenden Einrichtungen in Washington mit Rat und Tat versorgt. Man denke an die Rolle der Ford- und Rockefeller-Foundations, an die Ausbildung unserer akademischen Elite in Yale, Harvard, Stanford usw. In der Phase der sogenannten Umgestaltung Osteuropas nach 1989 steigerte sich der Einfluß dieser Organisationen. Da war kein Platz für eine eigenständige Beratungskultur. Zudem war die deutsche und wie die europäische Form der Politikberatung noch immer durch aristokratische Modelle, durch eine höfische Kultur der grauen Eminenzen und Geheimräte geprägt.

In den USA dagegen, nicht zuletzt begünstigt durch den Zustrom eines bedeutenden Teils der europäischen exilierten intellektuellen Elite vor dem Zweiten Weltkrieg, hatte sich eine moderne, immer mit den neuesten Kommunikations- und Informationstechnologien arbeitende Beraterkultur herausgebildet. Entscheidend war, daß man in Washington den globalen Blick pflegte, also das Weltgeschehen insgesamt geopolitisch zu erfassen versuchte. Da konnten die Deutschen und Europäer nur als Abnehmer, nicht als Erzeuger von Beratung fungieren.

Die Frage ist nun, ob sich mit ein paar Elder statesmen wie Fischer in Europa eine eigenständige Beratungskultur entwickeln läßt. Und haben die neuen europäischen »Räuberbarone« (Naomi Klein) ein solches Coaching überhaupt nötig?

Auf der Seite der professionellen »Berater« gibt es natürlich ganze Kohorten von Politikwissenschaftlern, Soziologen usw., die sich nach derartigen privaten Forschungsgeldern sehnen. Aber man kann skeptisch sein hinsichtlich der Chancen eines solchen europäischen Think-Tanks auf dem Weltmarkt der Ideen. Entscheidend ist, ob die Reichen und Superreichen Europas einen Hunger nach eigenständigem politischen und außenpolitischen Wissen verspüren.

Betrachtet man sich die Liste der 50 Gründungsmitglieder des »European Council on Foreign Relations«, so findet man altgediente Transatlantiker (zu denen eben auch Fischer gehört), Vertreter der Popkultur wie den britischen Musiker Brian Eno (der schon in den 90ern in einem amerikanischen Think-Tank, dem »Global Business Network«, aktiv war), einige osteuropäische »Reformer«, dazu Autoren, Architekten usw. – letzten Endes aber nur die üblichen Verdächtigen.

Wichtig sind aber nicht solche Aushängeschilder, sondern entscheidend ist es, ob man Teams von talentierten, hingebungsvollen und jungen Denkprofis zusammenbekommt. Man fragt sich, wie sie sich ausgerechnet unter dem verstaubten Slogan des ECFR – »One Voice for Europe« - zusammenfinden sollen.

Auch der Hauptsponsor George Soros ist ja schon ein bißchen angestaubt. Er hat seine Finger in vielen Stiftungen, vielen politischen, kulturellen, philanthropischen Aktivitäten. Selbst für das neokonservative – oder genauer: reaktionäre – »Project for a New American Century« (PNAC) hat er einst 15 Millionen Dollar gespendet. Dabei gehört Soros sicherlich zu jenen Superreichen auf dieser Welt, die sich um die Diskussion globaler Probleme bemühen. Aber auch die Mittel und Möglichkeiten von Soros werden beispielsweise von den rund 60 Milliarden Dollar in den Schatten gestellt, welche die Melinda & Bill Gates Foundation gemeinsam mit Warren Buffet für solche Aufgaben zur Verfügung hat.

Doch das ist gar nicht der Punkt. Denn wenn man die philanthropischen, mit großem Werbeaufwand hinausposaunten Anstrengungen dieser ­Milliardäre mit den Billionen Dollars vergleicht, die durch vernünftige politische Entscheidungen auf demokratischer Basis als staatliche Hilfe auf den Weg gebracht werden könnten, so ist bei all diesen privaten Stiftungen und Gründungen – und auch dem »European Council on Foreign Relations« – mehr Ego als Substanz, mehr Apologie als Umverteilung, mehr Verschleierung von Problemen als Lösung von Problemen im Spiel.