junge welt
06.10.2007 / Feuilleton / Seite 12

Von Aristoteles zu Aldi
Eine Tagung über »Reichtum und Vermögen in Deutschland« in Münster
Arnold Schölzel

Das Handelsblatt berichtete am Donnerstag, daß die Zahl der Reichen und Superreichen erfreulich wächst. Das »verwaltete Finanzvermögen« der weltweit 9,6 Millionen Haushalte mit mehr als einer Million US-Dollar Vermögen (ohne Immobilienbesitz) könne 2007 erstmals die Marke von 100 Billionen US-Dollar übertreffen, denn es sei in einem Jahr um 7,5 Prozent gewachsen. Zur Orientierung: Das sogenannte Bruttosozialprodukt der Welt wurde für 2005 auf etwa 45 Billionen Dollar geschätzt, das deutsche auf 2,8 Billionen.) In Deutschland sei die Zahl dieser Vermögensmillionäre von 330000 im Jahr 2005 auf 350000 im folgenden Jahr gestiegen. Es gibt den Aufschwung, der bei den Menschen ankommt, ganz wie die Kanzlerin und Kurt Beck predigen. Allerdings handelt es sich bei den Millionären um eine soziale Gruppe, die eher mittelständisch zu nennen ist. Was ist ein Josef Ackermann mit seinem Dutzend-Millionen-Jahreseinkommen gegen unsere Milliardäre?

Von einem wie Ackermann wissen alle etwas: Daß er sich vor Gericht nicht immer korrekt benimmt, daß er Bilanzpressekonferenzen gibt, auf denen er Gewinne in Milliardenhöhe und Entlassungen in Tausenderzahlen verkündet. Über Ackermann darf selbst der Feuilletonist viel berichten, über die Milliardäre so gut wie nichts. Höchstens, daß es sie gibt, und über die Listen, in denen sie regelmäßig erfaßt werden. Solch eine Einstufung veröffentlichte z. B. die Londoner Sunday Times in diesem Jahr: die 100 reichsten Europäer. Vorne die Gebrüder Karl und Theo Albrecht (Aldi) mit einem Vermögen von 27 Milliarden Euro, dahinter liegen Ingvar Kamprad (Ikea) mit 21,9 Milliarden, Bernard Arnault (Luxusgüter) mit 18 Milliarden und Johanna Quandt mit Familie (BMW) mit 15,8 Milliarden Euro.

Was der Milliardär, von dem es mittlerweile an die 1000 Exemplare auf der Welt gibt, ansonsten treibt, ist nicht bekannt. Am wenigsten in der Bundesrepublik, sagen Experten. Die Milliardäre anderer Länder lassen schon mal gucken, wenn sie den französischen Staatspräsidenten ein Wochenende auf ihrer Hochseeyacht aufnehmen oder den britischen Premier samt Familie zum Urlaub auf die eigene Bermuda-Insel einfliegen lassen. In der Bundesrepublik ist die Kanzlerin höchstens mal auf einer Wohltätigkeitsgala zwischen Friede Springer und Liz Mohn zu sehen. Die Superreichen hierzulande sind ausschließlich für Mildtätigkeit bekannt. Liegt die Entstehung ihrer Milliarden länger zurück, gilt außerdem für sie und speziell für die 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts Monty Python’s Devise: Don’t mention the war – Erwähnen Sie nicht den Krieg. Und schon gar nicht die Nazis.

Presse und Milliardäre leben in der Bundesrepublik bisher gut miteinander. Die Medien bringen nichts. Und die Wissenschaften auch nicht. Dabei gehören die nicht einmal Milliardären. Das soll sich nun ändern, es soll eine Reichenforschung eingeführt werden. Das war jedenfalls der Einladung zu einer Fachtagung zu entnehmen, die in der vergangenen Woche am Institut für Soziologie der Universität Münster zum Thema »Reichtum und Vermögen in Deutschland« stattfand und etwa 30 Teilnehmer anzog. Mit ihr stellte sich das »Forum für Vermögensforschung« vor, das von den Professoren Wolfgang Lauterbach (Potsdam), Matthias Grundmann (Münster) und Thomas Druyen (Wien) repräsentiert wird. Zusammen mit der Stiftung »Dialog der Generationen« will das Forum »Vermögensforschung als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung international etablieren«, wie es in einem Prospekt ankündigt, und sich dabei an den Thesen von Thomas Druyen, die er in seinem Buch »Goldkinder« (2007) niedergelegt hat, orientieren.

Neuer Gegenstand, internationale Ausrichtung – auf Druyens Vortrag, mit dem er die Tagung in Münster eröffnete, durfte man gespannt sein. Der jetzige Hochschullehrer für Vergleichende Vermögensforschung an der Siegmund- Freud-Privat-Universität Wien kennt die Angelegenheit auch von der anderen, der praktischen Seite: Von 2003 bis 2007 war er Direktor und »Leiter Special Relations« bei der LGT Deutschland, der Privatbank der Fürstenfamilie von Liechtenstein. Um es vorwegzunehmen: Das Ergebnis war hinreißend schlicht, von Vortrag wie Tagung insgesamt. Die Vermögensforschung beschränkt sich nämlich im wesentlichen darauf, zwischen »Reichtum« und »Vermögen« zu unterscheiden: Beim ersten geht es, war in Münster zu lernen, um Mammon und Egoismus, um schmutzig Materielles, um den profanen Teil der Angelegenheit. Bei »Vermögen« aber betritt der Forscher das heilige Reich der Ethik und der Esoterik des 21. Jahrhunderts, wie sie an Hochschulen gepflegt wird. Hier läßt er die Niederungen des Egoismus und der Geldgier hinter sich und widmet sich Gemeinsinn, Philanthropie, Verantwortung und Weitblick, allem, was der vermögende Mensch so drauf hat. Es gilt nicht »Haste was, biste was«, sondern Aristoteles: Vermögen ist das Prinzip von Bewegung und Veränderung und »Gebrauch ist Besitz«. Nämlich nicht zur Geldvermehrung, sondern zur »qualitativen Verwendung des Reichtums«. Die Vermögensforschung überwinde so Neid und Abschottung, was zweifellos ein gesellschaftlich notwendiges Anliegen ist. Darüber wurde in Münster nur in dunklen Andeutungen gesprochen, von »den anderen«, die »entkoppelt« werden und wütend werden könnten, weil sie nichts vermögen.