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Nachbars Gäste zahlen besser

Die Dauerpräsenz von US-Soldaten in zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion irritiert Moskau

Von Stefan Koch (Taschkent)

In Moskau wächst das Unbehagen über die militärische Präsenz der Amerikaner in Zentralasien. Vier Monate nach den Terroranschlägen in New York will der Kreml zwar weiterhin den Kampf der Vereinigten Staaten gegen den internationalen Terrorismus unterstützen. Die Stationierung weiterer US-Soldaten in den Ländern rund um Afghanistan bereitet Politikern und Militärstrategen allerdings zunehmend Sorgen.

Der russische Parlamentspräsident Gennadi Selesnjow hat in diesen Tagen offen ausgesprochen, was auch andere führende russische Politiker denken: "Die Amerikaner sind in dieser Beziehung ein gieriges Volk. Sie sind fähig, jeden beliebigen Punkt der Welt zu ihrem geopolitischen Interesse zu erklären", sagte Selesnjow während eines Kurzbesuchs in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe zu westlichen Journalisten.

Im persönlichen Gespräch mit dem tadschikischen Präsidenten Emomali Rachmonow wurde der russische Vertreter noch deutlicher: "Wir wollen nicht, dass Militärstützpunkte der USA und der Nato auf lange Sicht in dieser Region bleiben." Tadschikistan gehöre ebenso wie Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan zur geopolitischen Einflusszone Russlands, und daran habe auch der 11. September 2001 nichts geändert.

Die Sorge Selesnjows scheint nicht unbegründet: Kurz vor den Angriffen auf die Taliban in Afghanistan richtete das US-Militär ein großes Feldlager auf dem Luftwaffenstützpunkt Chanabad bei Karschi im Süden Usbekistans ein. Mehr als 1500 Elitesoldaten stehen dort noch immer auf Posten, obwohl es entlang der usbekisch-afghanischen Grenze schon seit Wochen keine militärische Bedrohung mehr gibt.

Spezialisten der US-Armee sollen nun damit beschäftigt sein, Lande- und Startpisten, Licht- und Kommunikationsanlagen sowie Unterkünfte und Lagerräume zu modernisieren - ein weiterer Hinweis darauf, dass die schwer bewaffneten Gäste vorerst nicht daran denken, sich aus Usbekistan zu verabschieden.

Ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt, nutzen die US-amerikanische und die französische Luftwaffe seit Wochen auch den internationalen Flughafen von Duschanbe in Tadschikistan. Und vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Washington einen weiteren Luftwaffenstützpunkt nahe der kirgisischen Hauptstadt Bischkek einrichten will. Nicht weit vom Flughafen "Manas" sind bereits 200 US-Marines dabei, eine Zeltstadt für mehr als 3000 Kameraden zu errichten. Sie sollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass von Kirgistan aus Transport- und Kampfflugzeuge der US-Luftwaffe in ganz Zentralasien eingesetzt werden können.

Dass es den Amerikanern so leicht fällt, in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion immer neue Militärbasen aufzubauen, verwundert die Russen nicht: Auch wenn es an offiziellen Bestätigungen mangelt, gehen sie davon aus, dass sich die zentralasiatischen Präsidenten ihre Hilfe gut bezahlen lassen. So sollen die Amerikaner dem Zwergstaat Kirgistan an die 200 Millionen US-Dollar an Investitionen in Aussicht gestellt haben, wenn sie das US-Militär schnell und unbürokratisch ins Land lassen. Noch höhere Summen sollen in die Nachbarrepublik Usbekistan geflossen sein, die zu Beginn des Anti-Terror-Kampfes gleich drei Stützpunkte zur Verfügung gestellt hatte.

Vor diesem Hintergrund blieb Russlands Außenminister Igor Iwanow bei seinen jüngsten Besuchen in Zentralasien nichts anderes übrig, als an den GUS-Vertrag über kollektive Sicherheit zu erinnern. Darin haben sich die ehemaligen Sowjetrepubliken gegenseitig verpflichtet, keinerlei militärstrategische Entscheidungen zu treffen, ohne zuvor mit den Vertragspartnern, also vor allem Russland, gesprochen zu haben. Zusagen über sofortige Finanzhilfen konnte der russische Emissär im Gegensatz zu seinem US-Kollegen allerdings nicht machen. Dafür ist der Haushaltsplan des Kremls zu klamm.

In Moskau wird befürchtet, dass sich die eigentlichen Ziele der Amerikaner in Afghanistan keineswegs nur auf Taliban- und Al-Qaeda-Kämpfer beschränken. Vielmehr geht der Kreml davon aus, dass die eigentliche Stoßrichtung den immensen Rohstoffen gilt, die in Usbekistan, Turkmenistan und Kasachstan lagern. Nach den jüngsten Erdöl- und Erdgasfunden am Kaspischen Meer wird Kasachstan von vielen Beobachtern sogar als "Kuwait des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. Und von Bedeutung dürften beim Energiehandel nicht nur die eigentlichen Lagerstätten sein, sondern auch die künftigen Routen der Pipelines.

Sollte es den USA gelingen, ihre Truppen auf Dauer im Süden der ehemaligen Sowjetunion zu halten, könnten sie ihre Energieversorgung in Zukunft ganz neu organisieren. Vor allem würde ihre Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Persischen Golf weiter sinken.

In dem großen Spiel um Macht und Einfluss sieht sich die ehemalige Supermacht Russland wieder einmal zurückgedrängt: Im vergangenen Jahr gab es für den Kreml die bittere Erkenntnis, dass die Nato-Osterweiterung auf Dauer nicht verhindert werden kann. Und im neuen Jahr müssen sich die Moskauer Strategen an den Gedanken gewöhnen, dass auch der einstige Hinterhof im Süden immer mehr verloren geht.

Präsident Wladimir Putin hat sich offenbar auf dieses Szenario schon eingestellt: Bei seinen jüngsten Begegnungen mit den Konzernchefs von Gasprom und Lukoil forderte er die Unternehmen mit Nachdruck auf, im so genannten nahen Ausland kräftig zu investieren. Ebenso wie in Weißrussland und in der Ukraine müsse Russland auch in Zentralasien zum größten Investor werden: Nur mit geballter wirtschaftlicher Macht ließe sich auch der politische Einfluss in diesen Ländern zurückgewinnen.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 24.01.2002 um 21:05:21 Uhr
Erscheinungsdatum 25.01.2002

 

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