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Uns selbst mit den Augen anderer sehen

Erstaunlich, wie bereitwillig man demokratische Freiheiten gegen das Versprechen der Sicherheit eintauscht. Ein Brief aus den USA

Von Iris Marion Young

Die Angriffe haben bei vielen Albträume ausgelöst, angstvolle Visionen verfolgen uns, in Flugzeugen zu sitzen, die explodieren, oder vergiftetes Wasser zu trinken. Fluchtfantasien von Katastrophenfilmen, in denen böse Mächte eine Stadt auszulöschen versuchen, haben sich für viele von uns mit der Realität verschränkt, und am verstörendsten ist es, dass solche Ängste vielleicht nicht unbegründet sind. Manche Amerikaner haben diese Ängste in fremdenfeindliche Attacken transformiert gegen arabisch aussehende Nachbarn. Doch fast von Beginn an haben sich glücklicherweise andere zusammengetan, um diese Nachbarn zu schützen, indem sie sich zum Beispiel vor Moscheen stellten.

Die Welle von Einheit und Patriotismus, die nach den Angriffen aufkam, gleicht nichts, an das ich mich erinnern könnte. Die öffentliche Meinung unterstützt den Präsidenten und alles, was die Verwaltung für notwendig hält, um uns zu Hause und im Ausland zu beschützen - eine merkwürdige Wendung, da sie ja zugeben, dass sie uns mit ihrem Krieg weiter gefährden. Daher hat der Kongress ohne größere Diskussionen entschieden, dem Präsidenten die Entscheidungsgewalt über Kriegshandlungen zu übertragen; und der Senat hat ein weiteres Gesetz verabschiedet, das bürgerliche Freiheiten ernsthaft einschränkt, vor allem für die, die als fremd gelten. Kritik zu äußern ist bereits verdächtig, wenngleich noch nicht ungesetzlich. Ich bin überrascht, wie bereitwillig meine Mitbürger sich von der Demokratie verabschieden und sie gegen das Versprechen von Sicherheit eintauschen. Ich fange an zu verstehen, wie sich autoritäre Regierungen etablieren - schleichend, einen Schritt nach dem anderen.

Mir ist das Bild von Larry King noch im Gedächtnis, wie er live auf CNN zu sehen war, mit seinen lächerlichen Hosenträgern vor dem ständigen rot-weiß-blauen Hintergrund seines Senders. Kurz nach den Angriffen interviewte er zwei Pfarrer: Einer hatte gerade George W. Bush geholfen zu beten, und der andere dessen Vater, im Jahre 1990, als er mit dem Krieg gegen den Irak begann. Wie es sei, mit dem Präsidenten zu beten, wollte King wissen. - Man könnte meinen, Amerika würde von christlichen Extremisten regiert.

Mitte September hatte ich wenig Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten und die Welt Mary Robinsons Aufruf folgen würden, die Angriffe als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzusehen und auf internationaler Ebene strafrechtlich zu verfolgen. Ich hatte wenig Hoffnung, dass die Nationen der Welt diese tragische Gelegenheit ergreifen würden, um stärkere transnationale Institutionen zu etablieren, Wege der Kommunikation, der Rechtsvollstreckung, der strafrechtlichen Verfolgung.

Ich war überrascht und erfreut, als wenige Tage nach den Angriffen manche Leute, darunter Journalisten und öffentliche Beamte, vorschlugen, das Geschehen zum Anlass für die Frage zu nehmen, warum viele auf der Welt die ökonomische Vorrangstellung und die Macht der Vereinigten Staaten hassen und über die amerikanische Außenpolitik verärgert sind. Wir hätten uns eine Zeitlang bemühen können, uns selbst mit den Augen anderer zu sehen. Ein Senator allerdings, der sich darin versuchte, kam zu dem Ergebnis, dass manche die Vereinigten Staaten hassen, weil wir versuchen, ihnen unsere Arbeits- und Umweltstandards aufzudrängen! Doch viele andere äußerten Nachdenkenswertes und Beschämendes. Dieser Moment ist jetzt aber vorbei, die herrschende Rhetorik spricht von den Barbaren im Osten.

Ich selbst bin noch nicht einmal damit zu Ende, die Vereinigten Staaten dafür anzuklagen, dass sie die NATO in den Krieg gegen Jugoslawien geführt haben. Und mich widert es an, wie man sich bemüht, Americas's New War einen humanitären Anstrich zu geben: Wir kämpfen nicht gegen das afghanische Volk, wir wollen sie von der Unterdrückung durch die Taliban und Osama bin Laden befreien. Zum Beweis werfen wir ein paar Beutel Nahrung hinunter. Das Werfen von Nahrungsmittelbeuteln hat eine Gemeinsamkeit mit dem Werfen von Bomben: Bei beidem geht man sicher, sich nicht mit den Menschen am Boden beschäftigen zu müssen.

Als Feministin beschämt mich besonders, wie implizit von den Bildern afghanischer Frauen rhetorisch Gebrauch gemacht wird, um die Aggression der Vereinigten Staaten zu rechtfertigen. Die Regierung hat das nicht getan, doch Zeitungen verwenden oft Aufnahmen verschleierter Frauen und Zeugnisse von der Unterdrückung, unter der sie leiden. Wer würde es wagen, an den edlen Motiven einer Armee zu zweifeln, die ausgesandt wurde, um Frauen zu retten?

Doch es gibt auch Widerspruch. Er ist nicht groß, er wird von den Medien kaum bemerkt, doch es gibt ihn. Am ersten Tage der Bombardierung Afghanistans und in den folgenen Tagen protestierten Tausende auf den Straßen Chicagos und vieler anderer Städte. Unzählige Teach-Ins sind in den Universitäten, in Kirchen und Gemeindezentren im ganzen Land abgehalten worden, Nachtwachen, Versammlungen. Die Antikriegsbewegung reagierte meiner Wahrnehmung nach stärker und schneller auf diesen Krieg als auf jeden anderen seit dem gegen Nicaragua.

Was mich vielleicht am meisten ärgert, ist, wie alle anderen Probleme dieser Welt ausgeblendet werden. Jeder - ob er die Vereinigten Staaten hasst oder sie liebt, ob er sich gegen die Gewalt stellt oder ober er sie anwendet - ist auf die Angriffe vom 11. September und ihre diversen Folgen fixiert. Unsere Aufmerksamkeit und unsere Ressourcen wurden von dem Kampf gegen AIDS abgezogen, von der Reform der Einwanderungspolitik, einem besseren Gesundheitssystem, dem Schuldenerlass für die armen Länder oder Maßnahmen gegen den Frauenhandel. Gewalt kann nur zerstören, sie führt nicht zu gemeinsamen Handlungen, um das Leben der Menschen zu verbessern. Dies ist der Zeitpunkt, meine ich, zu dem bescheidenen Geschäft zurückzukehren, über soziale Gerechtigkeit nachzudenken.

Aus dem Amerikanischen von Hilal Sezgin.

Iris Marion Young ist Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Chicago.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 25.10.2001 um 21:33:02 Uhr
Erscheinungsdatum 26.10.2001

 

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