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"Politisch nichts zu lernen"

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty im Interview

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty von der Stanford University wird am 3. Dezember den zum ersten Mal durch die Identity Foundation, Düsseldorf, verliehenen Meister-Eckhart-Preis überreicht bekommen. Die Laudatio dazu wird Jürgen Habermas halten. Anlässlich der Kriegssituation in Afghanistan und der Problematik des politischen Terrorismus sprach Thomas Schäfer mit dem politisch engagierten Philosophen über das Verhältnis seiner pragmatistischen Philosophie zur gegenwärtigen Außenpolitik der USA sowie zum politischen Fundamentalismus und Multikulturalismus.

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FR: Ihre Philosophie versteht sich unter anderem als Ausdruck eines "Amerikanismus" und eines philosophischen Pragmatismus. In Ihrem Buch "Achieving Our Country" (dt. Ausgabe: "Stolz auf unser Land"), scheinen Sie dafür zu werben, die Kultur Amerikas möglichst weit in der Welt zu verbreiten. Wenn Sie nun die gegenwärtige amerikanische Außenpolitik betrachten: Ist das in Ihrem Sinne? Sind Sie gar "stolz auf Ihr Land"?

Richard Rorty: Ich betrachte mich nicht als jemanden, der für die Verbreitung der amerikanischen Kultur eintritt. Für die westliche Kultur schon, aber nicht speziell für die amerikanische. Ich denke jedenfalls, dass die Verbreitung der Idee der Menschenrechte und die der konstitutionellen Demokratie eine Verbreitung westlicher Ideen bedeutet. Ich meine also, dass mein Buch nichts spezifisch Amerikanisches vertritt. Ich sage darin, dass die pragmatistische Philosophie, die Wahrheit in Bezug auf ihren Nutzen betrachtet, gut mit der amerikanischen Art und Weise, experimentell an die Politik und das nationale Leben heranzugehen, zusammenpasst. Dieser experimentelle Ansatz ist aber zum Beispiel genauso charakteristisch für Skandinavien wie für die Vereinigten Staaten.

Das heißt also, es gibt eine Art Wahlverwandtschaft zwischen Ihrem Pragmatismus und dem westlichen Verständnis von Politik?

Ja, aber ich sehe nicht, dass die amerikanische Außenpolitik in besonderer Weise etwas mit den Ideen meines Buches zu tun hat. Ich würde es zwar wahrscheinlich als Präsident der USA auch für notwendig halten, Afghanistan zu bombardieren, um die Taliban loszuwerden oder um die Möglichkeit neuer terroristischer Anschläge zu verringern. Aber das ist keine Entscheidung zur Ausbreitung der amerikanischen oder westlichen Kultur, sondern eine Entscheidung zur Verhinderung weiterer Angriffe.

Was würde es für Sie denn dann bedeuten, die westliche Kultur zu verbreiten?

Es bedeutet nur, westliches Gedankengut über Politik zu verbreiten. Ich denke, der große Beitrag des Westens besteht in der Idee der konstitutionellen Demokratie, in der die Menschenrechte respektiert werden. Und das ist, wie ich schon sagte, nicht spezifisch amerikanisch. Im Übrigen glaube ich, dass niemand wirklich interessiert ist an der Ausbreitung der amerikanischen Kultur.

Nichtsdestoweniger beklagte ein Kommentator kürzlich, dass ausgerechnet Sie, Richard Rorty, der doch die Selbstkritik bzw. die Selbstrelativierung unserer eigenen Kultur philosophisch unterstütze, "einen militärisch eskortierten Export westlicher Werte als Allheilmittel für eine bessere Welt propagiere". Hat er damit recht?

Ich sehe die Demokratie und die Menschenrechte durchaus nicht als Allheilmittel an. Aber ich denke, dass es notwendig ist, dass sie zu den Werten einer globalen Gesellschaft werden, wenn wir die Zivilisation bewahren wollen. Alles, was also dazu beiträgt, diese Werte zu exportieren, begrüße ich. Ich glaube aber, sie können nicht militärisch exportiert werden, denn wenn man ein Land bombardiert oder in es einmarschiert, dann ist das sicher kein geeigneter Weg, die Leute dazu zu bringen, die eigenen Werte anzunehmen.

Sie hoffen in Zukunft auf eine "weltumspannende demokratische Gesellschaft", die in allen nicht-politischen Fragen durch Verschiedenheit und Pluralität - kurz: Multikulturalität - gekennzeichnet wäre; zugleich sollten diese diversen kulturellen Traditionen aber keinen Einfluss mehr auf politische Entscheidungen haben. Wie ist das genau zu verstehen?

Ich würde sagen: Das Politische und Öffentliche umfasst all die kooperativen Projekte, die Menschen zusammen bewältigen müssen. Alles andere ist eine Angelegenheit des privaten Lebens, das durchaus vielfältig und unterschiedlich sein kann. Und es sollte sogar so vielfältig wie möglich sein. Aber ich würde diese Art von Pluralismus nicht Multikulturalismus nennen. Dieser Begriff bedeutet für mich, dass man sagt: Kulturen sind automatisch zu respektieren, allein weil sie Kulturen sind. Das scheint mir aber falsch.

Viele werden Ihnen zu diesem Säkularismus zustimmen. Aber wie erklären Sie das den Taliban und anderen religiösen oder kulturellen Fundamentalisten? Die ja z. B. sagen würden: Da es Gott gibt, muss sein Wille an der Spitze nicht nur der privaten Lebensführung, sondern auch des Staates insgesamt stehen.

Das ist einer der Fälle, in denen es einfach keinen gemeinsamen Boden gibt, keine wahren Prinzipien, auf die man sich gemeinsam stützen könnte. Also kann man sich mit den Fundamentalisten entweder darauf einigen, dass sie ihre Position im Privaten belassen und keinen Einfluss auf die Politik nehmen, oder man hat sie in irgendeiner Weise von der Gesellschaft auszuschließen. In Amerika ist das die traditionelle Trennung von Staat und Kirche, die aber durch den Fundamentalismus laufend gefährdet ist.

Kürzlich haben Sie sich einigen Unmut zugezogen, als Sie sagten, die amerikanische Kultur habe "nichts von den anderen zu lernen". Wie ist das zu verstehen? Lässt sich wirklich nichts z. B. vom Islam lernen? Woran denken Sie genau?

Ich dachte primär an ein politisch relevantes Lernen oder, noch allgemeiner, an ein Lernen bezüglich der Bildung einer gerechten globalen Gesellschaft. Ich glaube, dass der einzige Weg, diese Gesellschaft zu erreichen, der ist, dass man die westlichen politischen Institutionen globalisiert. Ich denke nicht, dass fundamentalistische Religionen dazu irgendetwas politisch beizutragen haben. Vielleicht gibt es eine Menge vom Islam über nicht-politische Dinge zu lernen. Aber ich finde, man sollte nicht meinen, dass der Islam automatisch etwas zur Bildung einer globalen Gesellschaft beizutragen hat.

Ich denke, die politischen Fundamentalisten haben durchaus eine politische Konzeption und hätten insofern auch etwas beizutragen. Aber wir wollen dieses Angebot eben nicht. Müssten wir es nicht so ethnozentrisch formulieren?

Ich meine nicht, dass sie etwas beizutragen haben. Und zwar, weil sie nicht gewillt sind, ihre Sicht der Dinge von ihren eigenen Leuten diskutieren zu lassen. Sie wollen nicht den Konsens der Bürger der islamischen Nationen. Wir dagegen wollen, dass unsere politischen Werte das Resultat eines freien Konsenses sind, einer freien Diskussion in einer freien Gesellschaft. Das ist ein objektiver Unterschied.

Sie vertreten ja eine Art anti-autoritärer Philosophie. Passt diese zur Autorität der USA in der Weltpolitik, oder gibt es hier einen Widerspruch?

Ich wünschte, Amerika hätte nicht die Art von Autorität in der Weltpolitik, die es tatsächlich hat. Deshalb schreibe ich Artikel, in denen ich sage, ich wünschte, dass die Europäische Union als internationale Macht stärker wäre, dass sie gegen Amerika aufstehen würde, und dass sie aufhören würde, ihre Order von Washington zu empfangen usw. Aber ich sehe keine Beziehung zwischen der amerikanischen Politik und einer, egal ob autoritären oder anti-autoritären Philosophie.

Stimmen Sie mit der von Amerikanern häufig geäußerten Auffassung überein, dass es einen "american way of life" gebe, auf den Amerika gewissermaßen ein Recht habe?

Der "american way of life" ist nicht unterschieden vom westlichen, wenn es um Freiheit geht. Das einzige, was Amerika vom Rest des Westens unterscheidet, ist, dass es gegenwärtig mehr Geld und mehr Macht hat. Und wenn "american way of life" bedeutet, Amerika möge so weitermachen auf dem Weg zu mehr Geld und Macht, dann habe ich kein Interesse daran, dies zu unterstützen. Wenn es aber bedeutet, westliche Werte zu unterstützen, dann - aus den genannten Gründen - sicherlich.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 29.11.2001 um 21:39:57 Uhr
Erscheinungsdatum 30.11.2001

 

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