Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.01, S. 10

Großes Spiel?


Immer wieder wird darüber spekuliert, ob wirtschaftliche Interessen, "Ölinteressen" gar, dem amerikanischen Militärschlag gegen Afghanistan entscheidenden Nachdruck verliehen hätten. Der Verdacht ist nicht aus der Luft gegriffen. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist ein Mythos entstanden, der auf das ausgehende 19. Jahrhundert zurückgeht, als Afghanistan zur Pufferzone zwischen der imperialen britischen Seemacht und der russischen Landmacht wurde. Es ging damals nicht so sehr um die schon bekannten Ölvorkommen am Kaspischen Meer. Doch Rudyard Kiplings Roman über das "Great Game", der dieses Ringen um Einflußsphären im 19. Jahrhundert beschrieb, lieferte nach der Auflösung der Sowjetunion ein Schlagwort zur Beschreibung des Interessengeflechts beim Zugang zu den Energieressourcen am Kaspischen Meer. Selbst James Bond bot diese faszinierende Mischung aus orientalischem Bazar, Großmachtinteressen, international agierenden Unternehmen und dem Glauben, daß der die Welt beherrscht, der über den Zugang zu diesen sagenumwobenen Energieressourcen verfügt, Stoff für einen Film.

Die Wirklichkeit ist vergleichsweise ernüchternd. In der islamisch geprägten Region - insbesondere westlich von Afghanistan - gibt es zwei Räume mit Öl- und Erdgaslagerstätten von internationaler Bedeutung: die Regionen um den Persischen Golf und das Kaspische Meer. Die Golf-Region birgt 64 Prozent der bekannten Reserven an Öl. Fünf Anrainerstaaten des Golfes bilden das Herz der Opec. Vier von ihnen, Iran, der Irak, Kuweit und die Vereinigten Arabischen Emirate, verfügen jeder über etwa zehn Prozent der weltweit bekannten Ölreserven, Saudi-Arabien indes alleine über 25 Prozent.

Für Europa wichtiger als für die Vereinigten Staaten

Die gesicherten Ölreserven des Kaspischen Meeres sind gering und betragen etwa zwei Prozent der Weltreserven. Doch wurde die einst führende Produktionsstätte viele Jahrzehnte vernachlässigt, so daß die Vermutung nicht abwegig ist, viele Öllagerstätten könnten noch nicht erkundet worden sein. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß bekannte und mutmaßliche unbekannte Reserven mehr als ein Zehntel der Ölreserven am Golf ausmachen, also etwa sechs Prozent der Weltreserven überschreiten. Trotzdem sind die Ölvorkommen am Kaspischen Meer wichtig, für Europa mehr als für die Vereinigten Staaten.

Beim Erdgas sind die Gewichte der Regionen anders gelagert. Am Persischen Golf und am Kaspischen Meer befinden sich zusammen annähernd 40 Prozent der bekannten Weltreserven. Zählt man Iran, den Staat, der beide Regionen verbindet und der allein über mehr als 17 Prozent der Weltreserven verfügt, zum Golf, so beträgt das Verhältnis der beiden Regionen ungefähr eins zu fünf zugunsten des Golfes. Andere Öl- und Gasvorkommen von internationaler Bedeutung sind in der weiteren Region zwischen Bosporus und Indien beziehungsweise China weder bekannt, noch werden sie vermutet. Das gilt auch für Afghanistan und Tschetschenien.

Die Golf-Region ist seit vielen Jahrzehnten für die westlichen Industrieländer von strategischer Bedeutung, inzwischen aber noch mehr für die Staaten Süd- und Ostasiens und auch für die Entwicklungsländer. Der 1960 gegründeten Opec, dem bedeutendsten Kartell der Erde, gehören zwar auch Länder wie Venezuela, Libyen und Indonesien an. Doch 85 Prozent der Opec-Reserven entfallen auf die fünf Golf-Staaten. 1973 forderten sie durch Begrenzungen der Produktionsmengen die Industriestaaten politisch und wirtschaftlich heraus. Damals flossen zwei Drittel des Golf-Öls nach Nordamerika und Westeuropa. Heute werden zwei Drittel dieses Öls nach Süd- und Ostasien geliefert, jeweils etwa zehn Prozent sind für Europa und Nordamerika bestimmt. Trotz dieser deutlichen Verschiebung sind die Vereinigten Staaten ständig mit Kriegsschiffen im Golf präsent, um gegebenenfalls den Transport durch die Straße von Hormuz zu sichern.

Wenn auch die fünfte amerikanische Flotte im Golf die Seewege sichern mag, so garantiert sie nicht die politische Stabilität der Ölproduzenten. Saudi-Arabien ist dabei von besonderem Gewicht, nicht nur weil das Land über die größten Ölreserven verfügt, sondern weil es seit den siebziger Jahren die Funktion des "swing suppliers" übernommen hat. Indem es seine Produktion flexibel hält, gleicht Saudi-Arabien stärker als die übrigen Opec-Staaten zusammen die Schwankungen zwischen weltweitem Angebot und Nachfrage aus. Dafür kann sich das herrschende Regime der al-Saud auf den Schutz der Vereinigten Staaten verlassen. Doch diese Einflußmöglichkeiten der Amerikaner sind nicht unbegrenzt. Ein Sturz des Königshauses durch islamistische Kräfte wäre eine Katastrophe für die Weltwirtschaft von Kalifornien bis Ostasien, aber auch für die Länder des Südens. So ist es notwendig, die Interessen nicht nur der Vereinigten Staaten und Europas, sondern auch Chinas, Japans, Indiens, vieler Entwicklungsländer, der Opec und der Einwohner der Golf-Staaten in den Blick zu nehmen, bevor ein schnelles Urteil über "gute" und "böse" Akteure in der Region getroffen wird.

Als die Autonomie der Sowjetrepubliken in der ausgehenden Gorbatschow-Ära wuchs, bemühten sich viele internationale Firmen am Kaspischen Meer wie an vielen Orten der Welt um die Erschließung von Ölreserven. Im Jahr 1993 unterzeichnete Chevron nach fünfjährigen Verhandlungen als erstes Unternehmen mit dem inzwischen unabhängigen Kasachstan einen Vertrag zur Erschließung des Tengiz-Feldes am Nordostrand des Kaspischen Meeres. Ein noch bedeutsamerer Vertrag wurde 1994 zwischen Aserbaidschan und einem internationalen Konsortium aus elf Ölfirmen geschlossen. Erst zu dieser Zeit mischte sich die amerikanische Regierung in den Verteilungswettbewerb ein. Zuvor hatte die Clinton-Regierung das Vorrecht Rußlands in seinem "nahen Ausland" respektiert. Hervorgerufen wurde das vehemente Engagement der Vereinigten Staaten nicht durch den Wunsch nach Zugriff auf das dort erschlossene Öl. Ausschlaggebend war die Befürchtung, Iran könnte von den veränderten politischen Konstellationen profitieren und sich in einen dynamisch entwickelnden Raum integrieren. Der schiitische Gottesstaat sollte im Vorgriff auf den 1996 formalisierten und 2001 erneuerten "Iran-Libya Sanction Act" vom Transport des kaspischen Öls ferngehalten werden.

Das erste Opfer dieser Politik war die amerikanische Firma Chevron, die ihr Öl über eine bereits vereinbarte Pipeline vom Tengiz-Feld durch Iran zum Persischen Golf leiten wollte. Zwei "russische" Varianten boten sich an: der Bau einer ebenfalls vereinbarten Pipeline zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossisk oder der Transport des Tengiz-Öls durch das bestehende, ehemals sowjetische Leitungssystem. Letztere Option behandelte Rußland äußerst restriktiv, bei der ersten legte Rußland aufgrund seiner neugewonnenen Monopolstellung keine Eile an den Tag. Auf diesem Feld wie auch im Streit über den Rechtsstatus des Kaspischen Meeres, sektorale Aufteilung oder Kondominium aller fünf Anrainer des Binnengewässers, hat sich die russische Politik in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre gewandelt. Die Blockadehaltung wurde zugunsten einer wettbewerbsorientierten Politik nach den Regeln der Globalisierung aufgegeben.

Die Vereinigten Staaten betrieben unter dem Einfluß von "elder statesmen", die in den siebziger und achtziger Jahren Politik gestaltet hatten und sich später als "Berater" verdingten, eine Politik voller Widersprüche. Zu dem Ziel, Iran zu isolieren, kam der Wunsch hinzu, die Türkei als Regionalmacht aufzubauen. So mußte eine Rohrleitung durch die Türkei geplant werden (Baku-Ceyhan) - wider alle wirtschaftliche Vernunft und entgegen den deklaratorisch vertretenen Prinzipien eines Multi-Pipeline-Systems für die Region. Möglichst alles Öl der Region sollte in diese eine Rohrleitung eingespeist werden, um sie rentabel zu machen. So wurde, um auch noch ostkaspisches Öl zuzuführen, die Idee einer transkaspischen Rohrleitung geboren, obwohl auch diese Pipeline wirtschaftlich als abwegig und ökologisch als höchst bedenklich gilt. Trotz vieler medienwirksamer Vertragsabschlüsse ist mangels Investoren der erste Spatenstich bis heute nicht getan. Dagegen wurde eine in ihrer Kapazität größere Pipeline als die von den Vereinigten Staaten geplante, nämlich die von Tengiz nach Noworossisk, im Sommer 2001 in Betrieb genommen: ein Sieg des wirtschaftlichen Überlegungen folgenden Rußlands über die politisch unglücklich taktierenden Vereinigten Staaten.

Auch auf dem Erdgassektor operierten die Vereinigten Staaten glücklos. Turkmenistan, das in der kaspischen Region über die größten Reserven verfügt und zu Zeiten der Sowjetunion immerhin 15 Prozent der Produktion beisteuerte, bemühte sich um Transitrouten südlich von Rußland, um sich der alten Abhängigkeit zu entziehen. Der wirtschaftlichste Weg zum Markt wäre eine Pipeline durch Iran in die Türkei gewesen. Hierüber erzielten die drei Staaten 1996 Einvernehmen, zumal die Nachfrage in der Türkei schnell stieg und die Gefahr der Abhängigkeit von Rußland wuchs. Doch die Vereinigten Staaten drängten die Türkei, auf diese Streckenführung zu verzichten. Zwei abenteuerliche Projekte sollten statt dessen turkmenisches Erdgas zu Abnehmern führen.

Das erste Projekt galt der Erschließung des südasiatischen Marktes, in erster Linie Pakistans. Es sollte als Test für die Kooperationsfähigkeit zwischen den verfeindeten Nachbarn auch dem Transport nach Indien dienen. Da Iran als Transitland ausgeschlossen werden sollte, kam nur Afghanistan dafür in Frage. Mit Unterstützung der amerikanischen Regierung kam es am 23. Juli 1997 in Islamabad zur Unterzeichnung eines Vertrages über den Bau einer 1500 Kilometer langen Erdgasleitung von Dauletabad (Turkmenistan) über Kandahar (Afghanistan) nach Quetta und Multan (Pakistan). Der Weiterbau bis Neu-Delhi wurde als Option formuliert. Vertragspartner waren die Regierungen Pakistans und Turkmenistans sowie die amerikanische Ölfirma Unocal und die saudiarabische Delta Corp. Ein Vertreter des Transitlandes Afghanistan war an der Unterzeichnung nicht beteiligt. Die Vertragsparteien hofften, daß bis zum Baubeginn Ende 1998 Stabilität in Afghanistan einkehren würde. Als diese Hoffnung fehlschlug, zogen sich die Investoren aus dem Vertrag zurück. Auch in den Vereinigten Staaten gab es Widerstand gegen den Bau der Erdgasleitung. Vor allem Frauenverbände protestierten gegen das Abkommen mit dem frauenfeindlichen Taliban-Regime. Nach dem Ende der Herrschaft der Koranschüler und einer Stabilisierung Afghanistans könnte an diesen Vertrag angeknüpft werden. Ausgeschlossen ist allerdings, daß dieses für die strategischen und wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten drittrangige Projekt einen nennenswerten Einfluß auf den Militärschlag gegen das Taliban-Regime ausgeübt hat.

Das zweite Projekt betrifft die Bemühung um den Bau einer Erdgasleitung von Turkmenistan nach Aserbaidschan und von dort weiter über Georgien in die Türkei. Diese Pipeline hätte aus Sicht der Vereinigten Staaten den Vorzug, daß iranisches und russisches Territorium umgangen würde und die Türkei zufriedengestellt wäre. Freilich gibt es angesichts des ungeklärten Rechtsstatus des Kaspischen Meeres keine Investoren, die den Bau gegen den Einspruch von Iran und Rußland auf eigenes wirtschaftliches Risiko in Angriff nehmen. Außerdem hat Aserbaidschan im Frühjahr 2000 große Offshore-Erdgasfelder entdeckt und deshalb den Verkauf seines Erdgases mit der Genehmigung einer Erdgasleitung durch sein Territorium verknüpft. Schließlich entschloß sich der unberechenbare turkmenische Präsident Nijasow, der Belieferung des ehemals sowjetischen Netzes nun doch Vorrang zu geben. Rußland kommt nämlich mit seiner seit 1990 stetig zurückgehenden Erdgasproduktion den Lieferverpflichtungen nicht mehr nach und sieht in Turkmenistan nicht länger den Konkurrenten, sondern den Vorlieferanten für den europäischen Markt.

Die neue amerikanische Regierung unter Präsident Bush ist offenbar bereit, die verworrene und wenig erfolgreiche Politik Clintons aufzugeben. Der Status des Beauftragten für die kaspische Region wurde gesenkt, das Interesse an den Rohrleitungsprojekten ebenfalls vermindert. Gerade weil Bush der Öl- und Gasindustrie zugetan ist, hat er den Versuch seines Vorgängers beendet, durch politische Auflagen den Investoren Risiken aufzubürden. Nicht gelungen ist es ihm allerdings, die Iran-Sanktionen, gegen die die amerikanischen Energieunternehmen Sturm liefen, im Sommer 2001 auslaufen zu lassen. Eine Machtprobe mit dem Kongreß sucht Bush in dieser Frage nicht. So sind die Vereinigten Staaten offiziell weiterhin bestrebt, Iran zu isolieren und die Türkei zu unterstützen. Der Zugriff auf vorhandene oder vermutete Öl- oder gar Erdgasreserven am Kaspischen Meer und östlich davon genießt indes keine Priorität.

Der Marktanteil der Golf-Region wird steigen

Für ihre Eigenversorgung verlassen sich die Vereinigten Staaten lieber auf Lieferungen aus dem Golf, deren Transport in Großtankern von Hafen zu Hafen militärisch überwacht werden kann. Im Vergleich dazu sind die begrenzten kaspischen Vorkommen, die beim Transport mehrmals von Leitungen auf Tanker umgeladen erfrn und schwierige Meerengen durchfahren müssen, für Amerika uninteressant. Auf Interesse sollten die Energiereserven dieser Region in Europa stoßen. Denn wegen der räumlichen Nähe zu den Öl- und Erdgaslagerstätten ist Europa in einer günstigen Lage. Kaspisches Öl und Gas finden weder nördlich noch südlich der Region einen Absatzmarkt, weil die Staaten dort selbst Öl und Gas exportieren. Ein Transport über das Festland nach Ost- und Südasien wäre mit hohen Investitionen verbunden und gegenüber dem Tankertransport unwirtschaftlich. Nach Europa dagegen kann das Öl und Gas unter Wettbewerbsbedingungen transportiert werden, wenn die entsprechende Infrastruktur bereitgestellt würde. Dies ist bisher nicht der Fall, und Europa zögert, diesem Vorhaben Vorrang einzuräumen. Unterdessen gehen die Ölvorkommen in der Nordsee zur Neige, und mit den Beitrittsländern erhält die EU neue Mitglieder, die nicht über Öl- und Gasvorkommen verfügen.

Alle seriösen Prognosen sagen einen Anstieg des Marktanteils der Golf-Region an der Versorgung der Welt mit Öl voraus. Könnte der Großteil der kaspischen Produktion nach Europa geleitet werden, müßte die Abhängigkeit vom Golf nicht gefährlich steigen. Im Erdgassektor könnte sich ein Wettbewerbsmarkt herausbilden, der Europa einen Vorteil gegenüber Nordamerika verschaffte.

Afghanistan kommt also keine geostrategische Bedeutung bei der Erschließung oder dem Transport von Energie zu. Die Achillesferse der Weltwirtschaft befindet sich am Golf. Dessen Bedeutung wird wachsen, weil andere Ölquellen früher zur Neige gehen und bald die ganze Welt an diesem Tropf hängt, die politischen Regime dieser Region jedoch einen gewaltigen Sprengsatz in sich bergen. Diesen Konflikt zu entschärfen liegt im Interesse unserer Energieversorgungssicherheit. Auf dieser Ebene verbindet sich die Lage am Golf dann doch mit dem Schicksal Afghanistans.

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Der Verfasser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik.