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Die Anti-Globalisierungskonzepte sind gescheitert

Von Rio nach Johannesburg oder: Wie der weltweite Handel sozial und ökologisch gestaltet werden kann / Von Nika Greger und Sascha Müller-Kraenner

Bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio wurden die Leitlinien für eine nachhaltige Entwicklung der Welt festgelegt. Zehn Jahre danach wird sich in Johannesburg entscheiden, wohin der Weg der Globalisierung führen wird. Konkret steht dahinter die Frage: Welche Chancen haben die ärmeren Länder, ihre Interessen und Bedürfnisse zu realisieren? Derzeit werden dafür schon die Positionen abgesteckt. Nika Greger und Sascha Müller-Kraenner vom Washingtoner Büro der Heinrich-Böll-Stiftung haben diesen Prozess seit Rio analysiert. Wir dokumentieren ihren Text leicht gekürzt.

1. Vorbemerkung

Im September 2002 wird der World Summit on Sustainable Development (WSSD) im südafrikanischen Johannesburg stattfinden - eines der sicherlich wichtigsten Ereignisse des nächsten Jahres. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung soll dort mit neuem Schwung belebt werden, was nicht nur bedeutet, auf die zunehmenden globalen Probleme, bedingt vor allem durch wirtschaftliche Globalisierung, eine Lösung zu finden, sondern auch ein zukunftsfähiges Konzept für das begonnene Jahrhundert zu entwickeln.

Seit der Verabschiedung der Agenda 21, dem Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, auf der Konferenz der Vereinten Nationen (UN) für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 sind eine Reihe von Fortschritten im Rahmen der Umsetzung der Rio-Vereinbarungen erzielt worden. Vor allem die Beteiligungsmöglichkeiten von nichtstaatlichen Akteuren (NRO) an Entscheidungsprozessen haben sich verbessert. Jedoch scheinen die zahlreichen Versuche, das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung - welches soziale mit ökologischen und ökonomischen Fragen verknüpfen will - gegenüber den zunehmenden Tendenzen zu wirtschaftlicher Globalisierung durchzusetzen, gescheitert zu sein. Auf der internationalen Tagesordnung steht mehr denn je die wirtschaftliche Globalisierung, auf nationaler Ebene eine von Wirtschaftsinteressen und der Schaffung von Arbeitsplätzen dominierte Modernisierungspolitik.

Der folgende Artikel geht davon aus, dass nachhaltige Entwicklung sich weder gegen die wirtschaftliche Globalisierung durchgesetzt, noch unter den Bedingungen einer im Kern nicht nachhaltigen Globalisierungsstrategie vorangebracht werden kann, sondern dass nachhaltige Entwicklung ein Leitbild zur Gestaltung von Globalisierungsprozessen ist und damit mit anderen - im politischen Mainstream weitaus besser verankerten - Leitbildern und den dahinter stehenden Interessen konkurriert beziehungsweise deren Platz einnehmen muss.

2. Die Grundlagen von Rio

Als 1992 die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro stattfand, schien der Weg geebnet für eine nachhaltige Zukunft, in der soziale und ökologische mit ökonomischen Fragen miteinander verknüpft werden. So wurden verschiedene Dokumente und Konventionen von den teilnehmenden Staaten verabschiedet, von denen die Klimarahmenkonvention, die Biodiversitätskonvention und die Agenda 21 - das Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert - sicherlich die bekanntesten sind.

Allerdings wurde bereits im direkten Anschluss an die Konferenz - vor allem von Seiten der NRO - Kritik geäußert an der Unfähigkeit der Regierungen, Umwelt- und Entwicklungsthemen mit Wirtschaftswachstum und ökonomischer Globalisierung zu vereinbaren. Die verabschiedeten Konventionen sind zwar völkerrechtlich bindend - und stellen sicherlich auch eine Weiterentwicklung des Umweltvölkerrechts dar -, jedoch ist das Herzstück von Rio, die Agenda 21, eine reine Absichtserklärung, deren Umsetzung alleine dem "Good Will" der Staaten obliegt.

3. Probleme internationaler Umwelt- und Entwicklungsregime

In der von der UN-Generalversammlung Ende 2000 verabschiedeten Resolution 55/199 wurde entschieden, dass neben der Bilanz der Umsetzung der Agenda 21 und der anderen Beschlüsse von Rio auch aktionsorientierte Entscheidungen zur weiteren Umsetzung dieser Beschlüsse getroffen sowie neue politische Herausforderungen in Angriff genommen werden sollen, um den in der Rio-Deklaration dargelegten Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung zum Durchbruch zu verhelfen. Gemeint ist damit die Vielzahl der entwicklungspolitischen Fragen, die durch die wirtschaftliche Globalisierung aufgeworfen werden.

Während zahlreiche Entwicklungsländer in Johannesburg vor allem die Verschärfung von Entwicklungsproblemen und Armut thematisieren wollen und zusätzliche Finanztransfers zur Gestaltung nachhaltiger Entwicklung fordern, wollen die USA, in geringerem Maße auch die EU und Japan die Entwicklungschancen, die sich durch Wirtschaftswachstum, die Mobilisierung privaten Kapitals und durch neue Technologien ergeben, in den Vordergrund stellen.

Bedingt durch diese unterschiedlichen Interessen ergeben sich eine Reihe von Konflikten, die einer Umsetzung von internationalen Umwelt- und Entwicklungsregimen im Weg stehen. Vor allem die stark von nationalstaatlichen Ressentiments geprägten Verhandlungstaktiken und -strategien der Regierungen oder die nach wie vor nur bedingten Einflussmöglichkeiten von NRO oder anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren, Entscheidungsprozesse vor allem im Bereich finanzieller Umverteilung aktiv mitzugestalten, stellen Haupthinderungsgründe bei der Umsetzung der Regime dar.

4. Die Positionen der wichtigsten Akteure im Hinblick auf den WSSD

Die Agenda für den WSSD befindet sich noch im Fluss. Nach Willen der Entwicklungsländer (G77/China) soll sie erst auf den PrepComs im Frühjahr 2002 erarbeitet werden. Trotzdem arbeiten die verschiedenen Verhandlungspartner schon an ihren Positionen:

Europäische Union und Bundesregierung:

Auf gemeinsame Initiative der EU-Kommissare für Umwelt und Entwicklung, Margot Wallström und Poul Nielson, wurde am 6. Februar 2001 die Mitteilung der EU-Kommission "10 Jahre nach Rio: Vorbereitung auf den Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002" verabschiedet.

Laut dieser Mitteilung verfolgt die EU für die Johannesburg-Konferenz die folgenden strategischen Ziele:

- größere Gerechtigkeit weltweit und eine effektive Partnerschaft für eine nachhaltige Entwicklung;

- verstärkte Integration und Kohärenz von Umwelt und Entwicklung auf internationaler Ebene;

- Vereinbarung von Umwelt- und Entwicklungszielen zur Neubelebung und Verstärkung des Rio-Prozesses;

- wirksame Maßnahmen auf nationaler Ebene mit strengerer internationaler Überwachung;

- Schutz der für die wirtschaftliche Entwicklung wichtigen natürlichen Ressourcen;

- Verbindung von Umweltschutz und Armutsbekämpfung;

- nachhaltige Globalisierung;

- Stärkung des verantwortungsvollen Regierens und der Beteiligung der Bürger/innen auf nationaler wie internationaler Ebene;

Die Bundesregierung setzt sich innerhalb der EU für folgende Themenschwerpunkte ein:

-Nachhaltige Energienutzung;

-Wasser;

-Armutsbekämpfung;

-Umweltstandards bei Auslandsinvestitionen der deutschen Wirtschaft;

-Außerdem setzt sich Deutschland für die Schaffung einer Weltumweltorganisation ein.

USA:

Anders als die EU befinden sich die USA zum jetzigen Zeitpunkt noch in der Frühphase ihrer Positionsfindung. Koordiniert vom State Department trifft sich wöchentlich eine interministerielle Arbeitsgruppe (interagency working group), um in einer ersten Stufe, ähnlich der EU, strategische Ziele für Johannesburg zu diskutieren. Hauptziel der USA scheint es dabei zu sein, Forderungen des Südens nach zusätzlichen Finanzmitteln abzuwehren. Davon abgesehen wird die strategische Ausrichtung der USA ähnlich den oben genannten Zielen der EU ausfallen. Schon wegen der gemeinsamen Mitgliedschaft in der UN-ECE-Region wird es im Vorbereitungsprozess zu Johannesburg eine enge Abstimmung mit der EU geben. Dennoch wird voraussichtlich erst Ende 2001 eine US-Position zu den einzelnen Sektorpolitiken vorliegen.

G77 & China:

Ähnlich wie die USA befinden sich die in der informellen Gruppe der G 77 & China zusammengeschlossenen Entwicklungsländer noch in ihrer Orientierungsphase. Ohne erkennbare Fortschritte bei der Finanzierung von nachhaltiger Entwicklung und der Umsetzung der bereits in Rio getroffenen finanziellen Vereinbarungen ist allerdings nicht zu erwarten, dass sich G77 & China positiv zur Umweltagenda von Johannesburg verhalten. (. . .)

NRO:

Seit der Rio-Konferenz hat eine enorme Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Arbeit von Nichtregierungsorganisationen stattgefunden. Rio selbst hat zu einem Boom nicht nur des Konzeptes der Nichtregierungsorganisation geführt, sondern auch zu einem quantitativ starken Anwachsen national und international aktiver NRO. Eine Schlüsselrolle für eine erfolgreiche NRO-Performance in Johannesburg werden in jedem Falle die nationalen südafrikanischen NRO einnehmen, die sich Anfang 2001 im South African NGO Forum for the WSSD zusammengeschlossen haben.

Folgende Tendenzen sind seit Rio sichtbar:

- Es hat, vor allem in zahlreichen Entwicklungsländern, einen Gründungsboom für NRO gegeben. In zahlreichen Ländern wurden mit Rio erst die rechtlichen Voraussetzungen für Bildung und Arbeit von NRO geschaffen.

- Sowohl in den Industrie- als auch in einigen Entwicklungsländern hat sich die NRO-Bewegung ausdifferenziert und spezialisiert; neben großen Mitgliedsorganisationen mit allgemeinpolitischem Charakter haben sich, gerade im Umfeld der Rio-Konventionen, zahlreiche spezialisierte Lobbyorganisationen, Netzwerke und Thinktanks gebildet.

- Immer mehr NRO gehen Koalitionen mit staatlichen, multilateralen und privaten Organisationen, v. a. mit Wirtschaftsverbänden und -unternehmen ein, um ihre Ziele besser duchzusetzen.

- Spätestens seit Seattle 1999 hat es einen Themenwechsel von den klassischen Umwelt- und Entwicklungsthemen hin zur Auseinandersetzung mit der wirtschaftlichen Globalisierung gegeben.

Für umwelt- und entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen bietet Johannesburg eine programmatische und strategische Chance. Nachdem sich die NRO-Gemeinschaft im vergangenen Jahrzehnt enorm erweitert, ausdifferenziert und spezialisiert hat, können im Rahmen des WSSD-Prozesses die in zahlreichen Einzelprozessen entwickelten Positionen wieder unter einem programmatischen Dach miteinander verbunden werden. Diese neue Programmatik könnte dann auf die neuen Herausforderungen der Globalisierung sowie auf die neue, durch die Weiterentwicklung internationaler Wirtschafts- und Finanzinstitutionen und das Entstehen der Antiglobalisierungsbewegung hin ausgerichtet werden.

5. Auf dem Weg nach Johannesburg

Der World Summit findet nicht erst im September in Johannesburg statt, vielmehr hat der Prozess spätestens mit der ersten Vorbereitungskonferenz Anfang Mai 2001 bereits begonnen. Die erste Vorbereitungskonferenz brachte die folgenden Ergebnisse:

-Der Gipfel wird vom 2.-11. September 2002 in Johannesburg, Südafrika, stattfinden.

-Die Vorbereitungen für den Gipfel sollen auf lokaler, nationaler, regionaler und internationaler Ebene stattfinden mit mehreren offiziellen UN-Schnittpunkten und -Vorbereitungstreffen auf nationaler, regionaler und globaler Ebene.

-Anders als bei der Überprüfung 1997 soll eine Überprüfung der Implementierung der Agenda 21 bereits vor dem Gipfel stattfinden. Damit soll erreicht werden, dass 2002 neue und bisher kontrovers oder noch gar nicht angesprochene Themen und Bereiche diskutiert werden können.

-Geberländer wurden aufgefordert, Entwicklungsländern weiter gehende finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen, um die Beteiligung einer großen Anzahl von Repräsentanten/innen aus diesen Ländern zu gewährleisten.

-Eine große Anzahl von Berichten verschiedener UN-Einrichtungen und -Programmen wird rechtzeitig vor dem Gipfel fertig gestellt, um den Überprüfungsprozess unterstützend zu begleiten.

-Die Regierungen haben sich bereit erklärt, die Ergebnisse relevanter internationaler Konferenzen und Prozesse, wie z. B. die III. Konferenz für Least Developed Countries, die Financing for Development Konferenz sowie die Vertragsstaatenkonferenzen für verschiedene globale UN-Konventionen bei den Vorbereitungen zu Rio+10 zu berücksichtigen.

Im Rahmen des letzten Punktes nimmt vor allem die Financing for Development Konferenz eine entscheidende Rolle ein. Wie bereits erwähnt findet dieses auf Initiative der Entwicklungsländer entstandene Treffen im März 2002 in Mexiko statt. Bedeutungsvoll an der Konferenz ist vor allem die Tatsache, dass dort "harten" Themen wie Handel und Finanzen erstmalig unter dem Dach UN diskutiert werden. Hauptziel ist es, Auswege aus der permanenten Finanzkrise der meisten Länder des Südens zu finden. Folgende Themenbereiche stehen im Mittelpunkt der FfD-Konferenz:

-Mobilisierung heimischer Ressourcen;

-Internationale Ressourcen: Auslandsinvestitionen und andere private Kapitalflüsse;

-Handel;

-Internationale Entwicklungszusammenarbeit, einschließlich offizielle Entwicklungshilfe;

-Schulden;

-Systemische Fragen: Verbesserung der Kohärenz und Konsistenz der internationalen Geld-, Finanz- und Handelssysteme.

Im Rahmen der Vorbereitungen der FfD-Konferenz wird deutlich, wo die Interessens- und Konfliktlinien zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verlaufen: Während die G77 & China von der großen historischen Bedeutung dieser Konferenz für die Zukunft der Entwicklungsfinanzierung sprechen und nicht nur Finanzfragen im engeren Sinne, sondern vielmehr die globale Struktur der Finanzmärkte und das internationale Handelssystem diskutieren möchten, halten sich die EU oder die USA eher bedeckt. Für sie soll der Schwerpunkt stärker auf der Mobilisierung heimischer Ressourcen liegen, Fragen nach der Umstrukturierung der internationalen Finanzarchitektur kommen - wenn überhaupt - dann nur an letzter Stelle.

Wie bei allen Konferenzen unter dem Dach der UN ist es fraglich, ob der Prozess und die Konferenz 2002 internationale Wirksamkeit entfalten können und wenn ja, in welcher Form. Regierungen aus Industrieländern, die letztendlich über ihre Zahlungsbereitschaft entscheiden müssen, verhalten sich bisher eher abwartend und konzentrieren sich mit ihren Argumenten verstärkt auf die Mobilisierung heimischer Ressourcen in den Entwicklungsländern selbst oder verweisen auf die entscheidende Rolle des Privatsektors.

Die bisher noch sehr offene Agenda lässt auf der einen Seite zwar wenig hoffen, auf der anderen Seite bietet sie allerdings auch eine große Chance, vor allem für Akteure aus dem NRO-Bereich, eine Reihe von konkreten Forderungen zu entwickeln, um diese rechtzeitig auf die Agenda zu setzen. Dazu gehört vor allem eine stärkere Verbindung zum World Summit on Sustainable Development, denn beide Prozesse können viel voneinander profitieren.

Im Rahmen beider Prozesse geht es um die Frage, wie in Zukunft zusätzliche und neue Methoden nicht nur zur Finanzierung von Entwicklung, sondern zur Finanzierung nachhaltiger Entwicklung geschaffen werden können. Hierzu existieren bereits eine Reihe von konkreten Konzepten, wie etwa im Rahmen der Debatte um die Einführung von globalen Steuern oder Abgaben, sowie die noch relativ unkonkrete Diskussion um die so genannten Global Public Goods (GPGs), die vor allem durch die Veröffentlichung von den UNDP-Mitarbeiter/innen Inge Kaul, Isabelle Grunberg und Marc A. Stern 1999 zu diesem Thema deutlich an Schärfe gewonnen hat.

6. 2002 - Chancen von Johannesburg

Der Johannesburg Summit bietet die seit langer Zeit und für lange Zeit beste Gelegenheit, um Globalisierung zu "unseren Bedingungen", dem Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung folgend, zu diskutieren.

Drei Gründe sprechen für diese Chance:

- Schon jetzt ist klar, dass eine Vielzahl von Staats- und Regierungschefs an der Johannesburg-Konferenz teilnehmen werden. Damit wird der WSSD nicht eine weitere Veranstaltung der in ihren eigenen politischen Systemen meist marginalisierten Umwelt- und Entwicklungsminister, sondern bringt die Regierungen auf ihrer höchsten Ebene zusammen.

- Auch für die mediale Aufbereitung bietet das Land Südafrika mit seiner hohen Symbolkraft für den Nord-Süd-Konflikt, die viel beschworene Renaissance des afrikanischen Kontinents, durch seine Naturschönheiten und natürlich durch die Person Nelson Mandelas enorme Chancen. Anhand von Südafrika können Umwelt und Entwicklung im Zusammenhang präsentiert werden, und Südafrika bietet die Bilder dazu.

- Für umwelt- und entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen bietet Johannesburg vor allem eine programmatische und strategische Chance. Nachdem sich die NRO-Gemeinschaft im vergangenen Jahrzehnt enorm erweitert, ausdifferenziert und spezialisiert hat, bietet WSSD die Chance, die in zahlreichen Einzelprozessen entwickelten Positionen wieder unter einem programmatischen Dach zu verbinden und die gewonnene Programmatik auf die neuen Herausforderungen der Globalisierung sowie auf die neue, durch die Weiterentwicklung internationaler Wirtschafts- und Finanzinstitutionen und das Entstehen der Antiglobalisierungsbewegung entstandene Akteurslandschaft hin auszurichten.

Weder der inhaltliche Durchbruch durch Initiative der Staats- und Regierungschef, noch das medienpolitische Großereignis oder die programmatische und strategische Stärkung der Zivilgesellschaft sind Selbstläufer. Den Chancen, die sich durch den WSSD ergeben, steht das enorme Risiko entgegen, dass eine weitere "UN-Konferenz ohne Ergebnisse" zu einer weiteren Desillusionierung und Hilflosigkeit gegenüber den großen globalen Herausforderungen führt.

Als Erfolgskriterien für Johannesburg gelten deshalb, dass

- relevante politische Entscheidungen getroffen und nicht nur Resolutionen verabschiedet werden;

- die Diskussion über die nachhaltige Gestaltung der Globalisierung und die entsprechende Umgestaltung des UN-Systems angestoßen wird;

- eine gesellschaftliche und mediale Mobilisierung erfolgt, die die Themen auch in den kommenden Jahren am Leben hält.

Außerdem sollten bereits im Rahmen des Vorbereitungsprozesses für den Johannesburg-Summit die Regierungen alle in und nach Rio verabschiedeten internationalen Konventionen ratifizieren sowie ausreichende finanzielle Mittel zu deren Umsetzung bereitstellen. Vor allem für NRO scheint diese Forderung von entscheidender Bedeutung, da der World Summit 2002 die Gelegenheit bietet, ausreichend Druck auf ihre Regierungen auszuüben, um einer solchen Forderung das nötige Gewicht zu verleihen.

7. Globalisierungsdebatte

Neben dem Rio-Prozess im engeren Sinne bietet die sich entwickelnde Globalisierungsdebatte den Rahmen für die Johannesburg-Konferenz. Spätestens seit der WTO-Ministerkonferenz von Seattle 1999 hat sich die Aufmerksamkeit der Õffentlichkeit und zahlreicher NRO von den Rio-Konventionen abgewandt und den Institutionen der wirtschaftlichen Globalisierung, den internationalen Entwicklungsbanken, dem Internationalen Währungsfonds und diversen Handelsabkommen zugewandt.

Auch wenn die Globalisierungsdebatte nicht vollständig im Rahmen des WSSD-Prozesses abgebildet werden kann, so ist doch klar, dass der Johannesburg-Gipfel sich offensiv mit dem Thema nachhaltige Globalisierung auseinander setzen muss, um politische Relevanz zu erlangen. Greifbare Ergebnisse könnten sein:

-eine Erklärung der Staats- und Regierungschefs zu Globalisierung und nachhaltiger Entwicklung, in der v. a. die Armutsbekämpfung eine zentrale Rolle spielt

-eine interinstitutionelle Vereinbarung zwischen UNEP und WTO, v. a. auch über Konsultationsmechanismen zum WTO-Streitschlichtungsverfahren

-ein Auftrag an die Institutionen der multilateralen Wirtschaftszusammenarbeit, umwelt- und entwicklungspolitische Leitlinien für Auslandsinvestitionen der Wirtschaft und die Vergabe von Exportkrediten zu erarbeiten.

8. Schlussbetrachtung

Die Agenda von Johannesburg steht noch nicht - und darin liegt eine enorme politische Chance. Nicht nur Staats- und Regierungschefs, sondern auch Akteure aus dem nichtstaatlichen Bereich sind damit in der Lage, "ihre" Themen auf die Agenda zu setzen. Welche Themen dies sein werden, hängt von der politischen Tageslage im September 2002 ab. Entscheidend wird es sein, wieweit es gelingt, die Globalisierungsdebatte innerhalb der offiziellen Tagesordnung angemessen unterzubringen und einigermaßen substanzhaltige Entscheidungen in diesem Themenbereich vorzubereiten. Gelingt dieses nicht oder ist der Widerstand einzelner Staaten gegen eine angemessene Behandlung des Globalisierungsthemas zu groß, wird die Debatte auf der Straße geführt werden.

Zusammenfassend sollte ein Erfolgspaket für Johannesburg folgende Punkte berücksichtigen:

Konventionen und Agenda 21:

-Ratifizierung und Inkraftreten aller Rio-Konventionen sowie des Kyoto-Protokolles zur Treibhausgasreduktion und des Cartagena-Protokolles zur Biologischen Sicherheit. Daneben muss über eine Aufstockung und thematische Erweiterung der Globalen Umweltfazilität, GEF, die Finanzierung der Umsetzung dieser Abkommen in Ländern des Südens sichergestellt werden.

-Schließung aller bestehenden Lücken in der Agenda 21. Wichtigstes Beispiel dafür ist die Energiepolitik, im Rahmen derer der auf der CSD-Ministerkonferenz in Bergen 2000 vorgelegte deutsche Vorschlag als Grundlage Verwendung finden kann. Eine solche Erklärung sollte verweisen auf gleichzeitig zu beschließende Verbesserungen im Bereich Finanzierung. (. . .)

Stärkung der Institutionen nachhaltiger

Entwicklung:

- Umstellung der Beitragszahlung auf - zunächst freiwillige - mehrjährige Finanzierungsverpflichtungen mit dem Ziel der Einführung von Pflichtbeiträgen;

- schrittweise Umwandlung von UNEP in eine UN-Unterorganisation;

- Schaffung einer ausschließlichen Kompetenz zur Ausarbeitung neuer multilateraler Umweltverträge;

- Schaffung eines bei UNEP angesiedelten Konfliktschlichtungsmechanismus zwischen bestehenden Umweltabkommen; eine Unterordnung bestehender Umweltabkommen unter UNEP erscheint dagegen nicht wünschenswert und praktikabel; so sichert die Vielfalt der bestehenden multilateralen Verträge nicht nur den individuellen Zuschnitt von Institutionen und Abkommen auf spezifische Umweltprobleme, sondern begünstigt außerdem institutionelle Innovation;

- Schaffung von operativen Befugnissen zur Durchführung von Umweltprojekten im Süden.

- Stärkere Koordination von UNEP und CSD bei der Fortführung des CSD-Prozesses.

- Stärkung des Multi-Stakeholder-Charakters der CSD.

- Prüfauftrag für eine stufenweise weitere Stärkung und Zusammenfassung der bestehenden UN-Institutionen und Regime für nachhaltige Entwicklung (unter Vermeidung des Wortes Weltumweltorganisation).

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 25.10.2001 um 21:33:56 Uhr
Erscheinungsdatum 26.10.2001

 

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