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Kant oder Kalaschnikow

Eine Frankfurter Tagung sucht Antworten auf den Krieg

Von Ulrich Speck

Bei den Frankfurter Philosophen wird stets ein Stuhl für ihn freigehalten, in der ersten Reihe. Diesmal kam Jürgen Habermas tatsächlich, als Überraschungsgast einer Tagung des Instituts für Philosophie über Gewalt und neue Kriege als "Herausforderung für die politische Ordnung der Weltgesellschaft". Bereits der Vortrag des Frankfurter Politologen Lothar Brock brachte denn auch nicht nur Kants Entwurf vom Ewigen Frieden via "Friedensbund" zu neuen Ehren, sondern zitierte ebenso Habermas' Formel von der "weltweit zivilisierenden Gestaltungsmacht".

Die gegenwärtige "Herausforderung" sah Brock, derart gerüstet, recht gelassen: Vom Westfälischen Frieden bis zu den Aktivitäten der UN zeichne sich doch eine "fortschreitende Linie der rechtlichen Einhegung staatlicher Gewalt" ab. Dass das Ende dieser Geschichte noch nicht erreicht ist, liege an den Amerikanern. Denen geht es schon immer nur um partikularen Selbstschutz, um die eigene Sicherheit - statt um das Gute und Nützliche, nämlich die Demokratisierung der Welt, die ja, wie der Kant schon wusste, die Bedingung für dauerhaften Frieden ist.

Diesem geschichtsphilosophischen Optimismus, demnach alles gewalttätige Übel über kurz oder lang doch der Friedensvernunft weichen muss - und der widersprechende Phänomene bloß als zeitweilige Rückschläge deutet -, setzte der Berliner Politologe Herfried Münkler dann ein Szenario entgegen, das die zivilisatorische Einhegung von Gewalt als durchaus revidierbar erscheinen lässt. Nach Münkler ist das Ende einer Geschichte schon erreicht - das Ende einer dreihundertjährigen Ära der Verstaatlichung des Krieges. Private Akteure führen in vielen Weltregionen Kriege im Stile des Dreißigjährigen Kriegs: Mit Kalaschnikows, Minen und Pick-Ups ausgerüstet, motiviert von einer Mischung aus persönlicher Bereicherung und Machtstreben - und weit jenseits aller Standards des internationalen Rechts.

Die "asymmetrische Kriegsführung" dieser Warlords ist nach Münkler höchst modern: sie beruht auf einer Kriegsökonomie, die an die Globalisierung angeschlossen ist. Frauen- und Drogenhandel mit den OECD-Ländern finanzieren diese Unternehmer - und auch westliche Spendengelder halten die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Kriege am Laufen, mit anderen Worten: "wir finanzieren sie".

Dass die Entstaatlichung des Krieges nicht bloß eine Form der "Rückständigkeit" ist, die die Weltvernunft via Vereinte Nationen und Kant-Lektüre schon in den Griff bekommt, zeigte Münkler auch anhand von Tendenzen zur Reprivatisierung des Krieges im Westen. Da Demokratien naturgemäß größte Schwierigkeiten damit haben, das Leben der eigenen Bürger auf's Spiel zu setzen, greift man zunehmend auf Söldner zurück, wie auf Fremdenlegion oder Gurkas. Inzwischen lassen sich Söldner sogar ganz bequem über's Internet ordern. Und auch im Denken der westlichen Militärs macht sich eine Amortisationslogik breit: Was gekauft wird, muss auch zum Einsatz kommen.

Fast schon genüsslich parierte Münkler den Einwurf, dass man dies alles doch mit Interventionstruppen in den Griff bekommen könnte: Nur allzu oft werden diese von den vor Ort herrschenden Ökonomien kreativ instrumentalisiert, statt als verlängerter Arm eines friedensstiftenden Welt-Gewaltmonopols zu wirken.

Angesichts der schneidenden ökonomischen und realpolitischen Kälte von Münklers Diagnose wirkten die folgenden Versuche, die neuen Herausforderungen analytisch und konzeptionell in den Griff zu bekommen, eher hilflos. Der Tübinger Philosoph Ottfried Höffe, der der westlichen Globalisierung das Akizdentielle austreiben möchte, um sie als allgemein-menschlich und mithin global anerkennbar zu präsentieren, erklärte sich denn auch mehrfach in den Details für unzuständig. Und das Referat des Jenaer Politologen Klaus Dicke über den Ausbau des Völkerrechts zu einem globalen Ordnungsrecht wirkte wie eine beschwörende Selbstversicherung, dass die alten Wege auch in die neue Zeit führen. Selbst Micha Brumliks eindringliche Intervention, vor lauter Selbstbehauptung die Selbstkritik nicht zu vergessen, blieb doch jenseits der politischen, ökonomischen und moralischen Fragen, die Münklers Diagnose aufgeworfen hatte.

Und Jürgen Habermas? Er saß da, lauschte, notierte gelegentlich etwas. Nur einmal fragte er nach, im Anschluss an das Referat des Frankfurter Theologen Norbert Lohfink über die Gewaltfrage in den Weltreligionen: Ob uns eine rationale Hermeneutik des Koran tatsächlich weiterbringe? Was das Christentum verändert habe, sei doch weniger die rationale Hermeneutik, sondern seine Hellenisierung: die Durchdringung mit der Philosophie. Und mit einem Mal wirkten all' die Kriege, die Münkler so eindringlich in den gediegen-getäfelten Eisenhower-Raum im "Campus Westend" hineingeholt hatte, bloß noch wie ferner Theaterdonner.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 29.01.2002 um 21:06:27 Uhr
Erscheinungsdatum 30.01.2002

 

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