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Mit dem Einkaufswagen im Waffenmarkt

Der Anti-Terror-Kampf verschafft der US-Rüstungsindustrie einen Dollarregen aus dem Pentagon

Von Dietmar Ostermann (Washington)

Als die Wall Street knapp eine Woche nach den Anschlägen vom 11. September den Börsenhandel wieder aufnahm, flatterten bei den meisten Anlegern die Nerven. Würden die Kurse einbrechen, ergreift das Kapital die Flucht vor dem Terror, droht nach dem schrecklichen Dienstag ein "schwarzer Montag"? Wer sein Geld freilich in Rüstungsfirmen wie Northrop Grumman investiert hatte, der konnte es sich vor der Kurstabelle bequem machen und den Sekt kalt stellen. Überall sonst in den USA mochten sich Angst und Unsicherheit breit machen; ein Konzern aber, der den teuersten Bomber der Welt baut, durfte getrost auf bessere Zeiten hoffen.

Tatsächlich kletterte die Aktie der kalifornischen Rüstungsschmiede noch am ersten Börsentag im neuen "Krieg gegen den Terrorismus" auf 94 Dollar; ein Anstieg um 16 Prozent. Auch Konkurrenten wie Lockhead Martin und Raytheon, in Afghanistan mit dem F-16-Kampfjet und bunkerbrechenden Bomben oder Tomahawk-Cruise-Missiles vertreten, verbuchten in den vergangenen Monaten satte Kursgewinne. Bei Boeing (der Konzern lieferte knapp zwei Drittel aller abgeworfenen "Präzisionsbomben") drückt nur die zivile Flugzeugsparte die Euphorie.

Ansonsten aber herrscht Aufbruchstimmung im militär-industriellen Komplex der USA. Noch vor drei Jahren klagte die Branche in einer Studie fürs Pentagon über schwächelnde Börsenkurse, wachsende Schulden und die Unfähigkeit, talentierte Fachkräfte anzuwerben. Man benötige mehr Aufträge, mehr Geld und großzügigere Exportregelungen, so der Hilferuf. Damals räkelte sich die Nation in Frieden und Wohlstand; der Rückgang der Verteidigungsausgaben nach dem Ende des Kalten Krieges hatte die lange verwöhnten Waffenbauer kalt erwischt. Inzwischen ist es umgekehrt. Die Internet-"Blase" ist geplatzt, die US-Wirtschaft befindet sich seit vorigem März offiziell in der Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt. Überall werden Angestellte gefeuert; führende Rüstungskonzerne aber halten Jobmessen ab, bauen neue Werke, erweitern Kapazitäten und verhandeln über lukrative Verträge.

Zwar sagte noch im Dezember der Sprecher des Lockhead-Martin-Werkes in Marietta, Peter Simmons, der Feldzug in Afghanistan habe "bisher noch keinen Einfluss auf unsere Verkäufe gehabt". Das aber ist nur eine Frage der Zeit. "Die Weichen für die größten Waffenkäufe seit den 80er Jahren sind gestellt", glaubt nicht nur William Hartung, Direktor des Instituts für Weltpolitik in New York. Zumindest kurzfristig habe die Branche wieder "eine blendende Zukunft". So wie viele US-Bürger nach dem 11. September losgezogen sind, um sich Schießeisen gegen die amorphe Terrorgefahr zu kaufen, rollt auch die Regierung mit dem Einkaufswagen durch den Waffensupermarkt.

Geld ist, zumindest für den Augenblick, kein Problem mehr. Zwar hält Hartung die vom Magazin Newsweek in Umlauf gebrachte Prognose für überzogen, laut der der US-Verteidigungshaushalt bis 2005 auf 500 Milliarden Dollar steigen könne. "Je mehr die Kriegsziele verschwimmen, die unmittelbare Angst nachlässt und sichtbare Erfolge ausbleiben, umso mehr werden die Leute sich an andere Probleme erinnern", sagt der Rüstungsexperte voraus, "vor allem, wenn die Staatskasse wegen der Steuersenkungen leer ist und die Aufrüstung nur durch schmerzhafte Kürzungen anderswo zu finanzieren ist." Für das laufende Jahr aber wurde das Budget des Pentagon unter dem Eindruck der Terroranschläge und des Afghanistan-Krieges bereits kräftig aufgestockt. Geht es in dem Tempo weiter, liegt inklusive aller Schattenetats und Sondertöpfe schon im kommenden Jahr eine Summe über 400 Milliarden Dollar im Bereich des Möglichen. Zum Vergleich: Schon bisher hat die Supermacht mehr Geld für Rüstung aufgewendet, als die sieben nächstgrößten Militärmächte zusammen, bei denen es sich wiederum um fünf alte und zwei neue Verbündete im Anti-Terror-Kampf handelt.

Erstes Opfer der sprudelnden Geldquellen war - paradoxerweise - die Militärreform. Boeing-Vizepräsident Harry Stonecipher hatte die Zeichen der Zeit als einer der Ersten erkannt. "Das Portemonnaie ist jetzt offen", frohlockte der Rüstungsmanager im vergangenen Herbst im Wall Street Journal. Nun müsse das Pentagon keine "harten Entscheidungen" mehr zwischen konkurrierenden Waffensystemen treffen. Inzwischen hat Verteidigungsminister Donald Rumsfeld tatsächlich seine Absicht begraben, zur Finanzierung von futuristischen High-Tech-Projekten - wie der Raketenabwehr - alte, noch auf den Kalten-Kriegs-Gegner Sowjetunion zugeschnittene Programme zu stoppen. Viele Experten hatten etwa mit dem Aus für den als überflüssig geltenden Kampfjet F-22 oder den Verzicht auf neue Angriffs-U-Boote und schwere Zerstörer gerechnet.

"Jetzt läuft das weiter", erklärt William Hartung, "Rumsfeld spart sich einfach den Ärger." Als Folge gehe nur ein Bruchteil des neuen Geldes im Wehretat in Anschaffungen, die tatsächlich etwas mit dem Anti-Terror-Kampf zu tun hätten. Dazu zählt Hartung unbemannte Flugzeuge, wie den "Global Hawk" von Northrop Grumman, der in Afghanistan erstmals in einem Krieg zum Einsatz kam. 250 Millionen Dollar will das Pentagon für die ferngesteuerten Aufklärer zunächst ausgeben.

Weit mehr aber, nämlich 400 Millionen Steuerdollar, soll im laufenden Jahr die weitere Entwicklung einer Haubitze kosten, die so schwer ist, dass sie auch in konventionellen Kriegen kaum an die Front geschafft werden könnte; das Gewicht von 70 Tonnen übersteigt schlicht die Kapazität herkömmlicher Transportmaschinen. Gegen mobile Terrorkommandos und andere "Bedrohungen des 21. Jahrhunderts" lässt sich diese "Crusader", Kreuzritter, genannte dicke Berta kaum in Stellung bringen. Trotzdem klebt auch auf ihr jetzt das Anti-Terror-Label. Zu verdanken ist das der unermüdlichen Lobbyarbeit der Carlyle-Group, einer Investorengruppe, die hinter dem Hersteller United Defense steht. Hinter Carlyle stehen so illustre Persönlichkeiten wie der frühere Reagan-Verteidigungsminister Frank Carlucci oder Ex-Außenminister James Baker, der früher Bush senior und bei der Präsidentenwahl 2000 im Auszählschacher von Florida dessen Sohn George W. zur Seite stand.

Ebenfalls eine Gnadenfrist erhielt der von Pannen, Abstürzen und einem Skandal um frisierte Wartungsbücher gebeutelte V-22 Osprey. Vor dem 11. September galt die Kreuzung aus Hubschrauber und Flugzeug als erledigt. Vom heutigen Vizepräsidenten Dick Cheney heißt es, er habe schon zu Beginn der 90er Jahre als Verteidigungsminister versucht, das Projekt zu stoppen. Im Kongress aber gibt es mit dem Vorsitzenden des Unterkomitees für Waffenbeschaffung im Repräsentantenhaus, Curt Weldon, einen einflussreichen Fürsprecher. Der Osprey wird in Weldons Wahlbezirk in Philadelphia gebaut.

Obwohl beim Probebetrieb bereits mehr US-Soldaten ums Leben kamen als beim Feldzug am Hindukusch, soll weiter versucht werden, die Technik des Antriebszwitters flugtauglich zu machen. "Die Marines wünschen sich das Ding", sagt William Hartung, "und Boeing hatte schon bei der Ausschreibung für den Joint Strike Fighter gegen Lockhead Martin den Kürzeren gezogen." Jeder soll schließlich etwas vom Konjunkturprogramm Anti-Terror-Kampf haben.

Siehe auch das FR-Spezial Der Terror und die Folgen

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 21.01.2002 um 21:05:37 Uhr
Erscheinungsdatum 22.01.2002

 

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