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"Die Erfahrung zeigt, wir können die Welt retten"

Der Politikberater Mead über unterschiedliche Perspektiven in den USA und in Europa

Europäer und US-Amerikaner blicken aus völlig unterschiedlichen Perspektiven auf die aktuelle Lage der Welt. Daraus, folgert Walter Russel Mead, Senior Fellow für US-Außenpolitik beim Council on Foreign Relations im Gespräch mit den Journalisten Dietmar Ostermann und Luzian Caspar, resultieren die momentanen Differenzen beim Kampf gegen den Terror.

Frankfurter Rundschau: Herr Mead, Präsident Bush hat Nordkorea, Iran und Irak eine "Achse des Bösen" genannt. Was verbirgt sich dahinter?

Walter Russel Mead: Ich verstehe den Präsidenten so, dass diese drei Staaten Böses tun, dass sie Dinge machen, welche die internationale Gemeinschaft nicht tolerieren kann. Es sind Regime, die Massenvernichtungswaffen anstreben, um massive Zerstörungen anzurichten. Nur wenige in der westlichen Welt zweifeln daran, dass die Führung in Nordkorea und Saddam Hussein zwei der schlimmsten Regime auf dem Planeten sind. Und während es im iranischen Bild auch weiße Flecken gibt, gibt es auch viel Dunkles. Interessanterweise ist es Iran, bei dem es die besten Beweise gibt, dass der Staat massiv Terrororganisationen fördert. Aber ich denke nicht, dass man den Präsidenten so verstehen kann, dass für alle drei exakt die gleiche Politik angewendet werden soll.

Was hat denn Irak zu erwarten?

Es ist klar, dass Irak das Regime ist, über das die Vereinigten Staaten kurzfristig am meisten besorgt sind. Und ich habe den Eindruck, dass die Diskussion, was man mit Irak macht, in der Administration ein ziemlich fortgeschrittenes Stadium erreicht hat. Es gibt noch keine endgültige Entscheidung. Aber die US-Regierung scheint sich der Entscheidung zu nähern, Saddam Hussein auf die eine oder andere Weise loszuwerden, eher früher als später.

Was hielte die US-Bevölkerung von einem möglichen neuen Golf-Krieg?

Die öffentliche Meinung in den USA ist nicht immer so kriegslustig, wie man das in anderen Ländern manchmal glaubt. Es kann Zeiten geben, in denen es einen starken öffentlichen Druck auf den Präsidenten gibt, Krieg oder militärische Gewalt als politisches Instrument einzusetzen. Generell sind das Zeiten wie 1941 nach Pearl Harbor oder nach dem 11. September, wenn die USA direkt angegriffen wurden. Psychologisch ist das für das amerikanische Volk ein Verteidigungskrieg, ein Krieg ums Überleben. Keine Regierung würde jetzt den Eindruck erwecken wollen, dass sie gegenüber der Terrorgefahr ein Auge zudrückt. Es wird im Moment viel darüber gesprochen, dass die Clinton-Administration vor der Geschichte dafür die Schuld trägt, nicht effektiver der aufkommenden Gefahr von Al Qaeda begegnet zu sein.

Wenn die USA vor einer Entscheidung über das Vorgehen gegen Irak stehen, welche Rolle spielen die Verbündeten?

Was die Europäer bei der amerikanischen Herangehensweise an Irak nicht verstehen, ist, dass viele Leute in der US-Regierung glauben, dass wir zehn Jahre lang eine multilaterale Politik gegenüber Irak versucht haben und dass wir dabei sabotiert wurden. Gewisse Staaten im UN-Sicherheitsrat haben vorsätzlich die Effektivität der Resolutionen zu den Waffeninspektionen unterlaufen. Ich könnte Frankreich nennen, und ich könnte Russland nennen. Wir glauben, dass wir nicht die starke, enge Unterstützung bekommen haben, die wir wollten. Daher glauben hier viele, dass wir als Ergebnis dieses oberflächlichen Herangehens und der unverantwortlichen Spiele im Sicherheitsrat vor einer sehr klaren Wahl stehen: Entweder geben wir jeden ernsthaften Versuch auf, das irakische Programm über Massenvernichtungswaffen zu kontrollieren, oder wir sind bereit, uns außerhalb des UN-Systems zu bewegen.

Würde sich die Bush-Regierung mit einer Rückkehr der Waffeninspekteure überhaupt zufrieden geben? Geht es nicht in Wahrheit um den Sturz Saddams?

Nun ja, der Grund ist nicht, dass wir eine irrationale Abneigung gegen Saddam Hussein hätten. Sondern es scheint durch sein Verhalten klar, dass er etwas Ungeheuerliches in Irak zu verstecken hat. Dass der Grund, warum er so entschieden gegen jede ernsthafte Waffenkontrolle ist, damit zu tun hat, dass er Sachen macht, die seine Position extrem schwächen würden, wenn die Welt davon wüsste. Deshalb glauben die USA, dass eine effektive Waffenkontrollvereinbarung für Saddam so völlig unakzeptabel ist, dass es zu einer Konfrontation kommt.

Übertreiben die Amerikaner nicht die irakische Gefahr?

Wir glauben, wenn wir die Region verlassen, würde Saddam wieder in Kuwait einmarschieren. Er will noch immer eine Großmacht aufbauen und all das Öl. Ohne unsere Truppen wäre er noch immer eine Gefahr für seine Nachbarn, und er könnte die Region destabilisieren.

Aber die Truppen sind ja da. Gibt es nicht drängendere Probleme in Nahost?

. . . vielleicht Scharon, würden solche Leute sagen. Wir alle wissen, dass es eine lange Liste an Dingen gibt, die die Europäer störend finden an uns Amerikanern. Aber Amerikaner macht es unglaublich wütend, wenn Europäer einfach annehmen, unsere Nahostpolitik ist so, wie sie ist, weil wir nicht bemerkt hätten, dass Scharon ein Problem ist. Oder weil wir so blind und voreingenommen wären. Wir finden solche Vorwürfe aus Europa nicht überzeugender als 1939. Was viele Leute oft vergessen, ist, dass, wenn wir zu starken Druck auf Israel ausüben, Israel zu der Ansicht gelangt, dass es den USA nicht mehr als ultimativem Garanten seiner Sicherheit vertrauen kann. Und als Atomstaat würde es dann selbst handeln. Das wäre die Situation, in der Stimmen in Israel fordern würden, alle Palästinenser aus der Westbank zu vertreiben. Solche Stimmen gibt es.

Was passiert mit Iran?

Es gibt nichts in der Erklärung von Bush, das sagt, Iran würde zum Ziel einer amerikanischen Militäraktion.

Aber es ist eine klare Warnung an Iran?

Es ist eine Warnung, dass die USA sehr aufmerksam sind. Aber wir sagen nicht, wenn ihr X macht, machen wir Y. Die USA waren in der Vergangenheit sehr erfolgreich dabei, sowohl Schurkenstaaten als auch große Mächte wie die Sowjetunion einzudämmen, ohne einen heißen Krieg. Ich halte die US-Politik gegenüber Kuba nicht für ein großartiges Modell internationaler Weisheit, aber ich kann darauf hinweisen, dass die USA in Kuba seit 1962 nicht mehr einmarschiert sind, obwohl Kuba seit 1989 nicht mehr von einer Großmacht geschützt wird. Aus militärischer Sicht könnten die USA alles machen, was sie wollten, aber wir tun es nicht.

In Europa trifft eine vornehmlich auf Drohungen und Gewalt gestützte Sicherheitspolitik auf starke Vorbehalte. Wird die transatlantische Kluft größer?

Wenn man sich mit den Sicherheitsfragen befasst hat, werden andere Dinge wichtiger. Historisch haben die USA dies durchaus anerkannt und entsprechend gehandelt. Das große Beispiel ist der Marshall-Plan. Wir Amerikaner haben die Zuversicht, dass auch widerspenstig aussehende Völker lernen können. Das 20. Jahrhundert war sehr unterschiedlich für die Europäer und uns. Die Europäer sehen Gewaltanwendung in internationalen Beziehungen vor allem als eine Spirale in immer tieferen Horror. Seit dem Zweiten Weltkrieg glaubt fast jedes europäische Volk auf instinktive Weise, dass Krieg keine akzeptable Lösung ist. Amerikaner sind im 20. Jahrhundert in ihrem Glauben an ihre Ideen eher gestärkt worden. Unsere Erfahrung ist, dass wir, wenn wir unsere Ärmel hochkrempeln, nicht nur uns selbst, sondern die Welt retten können.

Siehe auch das FR-Spezial "Terror": Heute aktuell

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 07.02.2002 um 21:33:41 Uhr
Erscheinungsdatum 08.02.2002

 

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